*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 74299 ***


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                     Anmerkungen zur Transkription

  Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1909 so weit
  wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
  wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht
  mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
  unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
  Einige Personen- und Ortsnamen entsprechen nicht immer den heutigen
  Rechtschreibnormen, dennoch verbleiben sie gegenüber den Original
  unverändert, sofern diese im Text mehrfach vorkommen.

  Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter hinzugefügt. Insbesondere
  durch deren thematische Zusammenstellung zu Einschubtafeln ist die
  Nummerierung der Abbildungen nicht immer fortlaufend.

  Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
  folgenden Symbole gekennzeichnet:

        kursiv:   _Unterstriche_
        gesperrt: +Pluszeichen

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[Illustration: S. Miguel de Lino.

(In ursprünglicher Gestalt.)]




                           DIE ÄLTESTE KUNST
                             INSBESONDERE

                             DIE BAUKUNST
                             DER GERMANEN

                        VON DER VÖLKERWANDERUNG
                        BIS ZU KARL DEM GROSSEN

                            [Illustration]

                                  VON
                            ALBRECHT HAUPT

                  LEIPZIG · H·A·LUDWIG DEGENER · 1909




  Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung, auch in den
          Ländern, die der Berner Konvention nicht angehören


                  Copyright by +H. A. Ludwig Degener+


                  Spamersche Buchdruckerei in Leipzig




                             SEINER HOHEIT

                              DEM HERZOGE

                            JOHANN ALBRECHT
                            ZU MECKLENBURG

                 REGENTEN DES HERZOGTUMS BRAUNSCHWEIG

                  DEUTSCHLANDS VORLEUCHTENDEM FÜHRER
                      ZU NEUER KOLONIALTÄTIGKEIT

                             SEI DIES BILD

                   URALTER GERMANISCHER KULTURARBEIT

                         IN TIEFSTER EHRFURCHT

                              VEREHRUNGSVOLL DARGEBRACHT.




Zum Geleit!


Dieses Buch ist ein Versuch, ein erster noch unsicherer Schritt auf
bisher nicht begangenem Wege.

Aber ich glaube nicht nur, daß er einmal, sondern sogar, daß er gerade
jetzt gewagt werden mußte, da die Zeit dazu gekommen scheint, da sich
in allen germanischen Völkern der Wunsch nach solchem Rückblick regt.
Wenigstens deutet darauf die sich häufende Vorarbeit über so viele
Einzelheiten.

Doch hat bisher noch niemand es unternommen, das Material, das sich
so gewaltig angesammelt hat, zu vereinigen, planmäßig zu gliedern, zu
einem Ganzen zusammenzubauen.

Freundliche Nachsicht darf daher wohl gewährt werden in Anbetracht
der Schwierigkeit des Gewollten. Was ich vor allem erstrebte, ist ja
vielleicht gelungen: einen Zusammenhang, einen Faden aufzufinden, an
den sich das scheinbar so weit auseinanderliegende Einzelne jetzt doch
aufreihen ließ.

Und ferner, den Nachweis zu liefern, daß da, wo vorher nichts zu sein
schien, doch etwas, ja mehr, als je zu erwarten war, vorhanden ist; daß
die Kindheit unserer germanischen Volksstämme keineswegs des goldenen
Glanzes der Schönheitsfreude und des künstlerischen Lebensschmuckes,
noch auch sogar eigener Gestaltungskraft und eigenen Wollens auf diesem
Gebiete entbehrte.

Sollte mein Versuch dazu helfen, daß in dem unübersehbaren Mosaikbilde
der Kunst auch eine bescheidene Ecke als der ältesten germanischen
zugehörig anerkannt würde, und daß die heute durch so manche schwere
Einwirkung auseinandergetriebenen germanischen Völker sich ihrer
gemeinsamen künstlerischen Kindheit mit einiger Freude erinnerten,
wenigstens solche Erinnerungen mit Liebe weiterpflegten, so wäre die
wichtigste Aufgabe gelöst.

Fern lag es mir natürlich, hier den Weg anderer wertvoller und
fruchtbringender Studien durchkreuzen oder abschneiden zu wollen. Weit
ferner noch, etwa zu behaupten, daß die als „germanisch“ geschilderte
Kunst so, wie sie hier erscheint, ohne jede fremde Einwirkung aus
Wotans Haupte gesprungen sei. Vielmehr hatte sie so gut als jede andere
ihre Vorläufer, ihre Quellen, aus denen sie schöpfte, und in vielen
Fällen mag sie, wie kluge Männer es bereits sich dachten, Trägerin
bestimmter künstlerischer Erbschaften, selbst Vermittlerin zwischen Ost
und West, Ausfüllerin sonst klaffender Lücken in der Entwicklung oder
nur Erhaltung der Kunst gewesen sein.

Aber wo sie sich Fremdes zu eigen gewonnen hat, da darf man dieses als
nun ihr gehörig ansehen, darf in Anerkennung nach eigenem Geschmacke
erfolgter Auswahl für sie in Anspruch nehmen, daß solche Aneignung
aus innerem Grunde, nicht nach Zufälligkeiten, vor sich ging. Was
der Germane so in sich aufnahm, wurde ein Teil seines jungen Selbst,
verschmolz mit älterem Besitze zu neuem Ganzen. Wie nun, davon wollte
ich ein Bild zu geben versuchen.

Nicht jedoch davon, woher solche fremde Bestandteile kamen, die hier
zu frischem Leben zusammenwuchsen. Insbesondere ist mir die Kunst
des Orients allzu wenig vertraut, als daß ich Zusammenhänge dorther
nachzuweisen versuchen dürfte, auch wenn ich das gewollt hätte. Das
bleibt anderen, wissenderen, die hier gegebenes Material nach dieser
Richtung zergliedern mögen. Mir war es um die Zusammenfassung zu tun.

In solchem Zusammenhange ist es hier unerheblich, ob zum Beispiel das
Theoderichgrabmal römische, syrische oder gar mesopotamische Elemente
enthalten mag. Das Werk ist gewaltig genug, um in seiner Zeit und an
seinem Orte einen bedeutungsvollen Markstein zu bilden, als errichtet
von dem größten Germanenkönig, wenn auch in erobertem Lande, doch für
ihn selbst, ein Spiegel seines Geistes und des Geistes seines Volkes.

Wie wir das Kolosseum vor allem als eine architektonische Großtat
des Römertums bewundern, unangesehen, ob Künstler aus aller Welt,
vielleicht auch aus dem Osten, es gestalten mochten.

Es war also das Zusammenfassen des von und für Germanen in jenen
kritischen vier Jahrhunderten Geschaffenen zu einem Bilde mein Ziel,
-- und ich freue mich der Möglichkeit eines Ergebnisses. Wie bemerkt,
führt auch ein Zug unserer Zeit darauf hin; eine nicht mehr kleine
Gruppe von Helfern hat großes Material zusammengetragen; hat auch
mich unterstützt, wo es möglich war; hat mir gezeigt, daß bereits
eine Gemeinde besteht, in solchem edlen Streben geeint. Das gab mir
die Sicherheit, daß ich nicht vielleicht voreingenommen als einzelner
unhaltbarer Idee nachjagte.

So darf ich wohl den Vielen danken, die mir hilfreiche Hand boten in
Rat und Tat. Vor allem dem Generaldirektor der königlich preußischen
Museen, dem verehrten Meister Wilhelm Bode, der mich in gütigster
Weise unterstützte, für die unentbehrlichen Studienreisen in Spanien
und Italien selbst pekuniär und durch Erteilung von Aufträgen,
deren Ergebnisse dem künftigen Deutschen Museum zugute kommen
sollen; dann deutschen Museumsverwaltungen, wie denen zu Stuttgart,
Mainz, Wiesbaden, Metz; deutschen Gelehrten, die alle zu nennen
die Gelegenheit fehlt. Aber auch im Ausland half man mir überall
bereitwillig; die Generaldirektion der italienischen Museen und
Kunstdenkmäler in Rom, die Direktion des französischen Nationalmuseums
zu St. Germain, der Nationalbibliothek zu Paris, die Museumsdirektionen
zu Genf, Narbonne, Barcelona, Madrid, Sevilla, Lissabon, Oviedo und
andere, die ausländischen Herren Kollegen, alle bestrebten sich,
mir die nicht immer leicht zu findenden Wege zu weisen. Auch der
Deutsche Botschafter zu Madrid, Herr von Radowitz, hat sich zu meiner
Unterstützung umfassend bemüht.

Und so manchen Brief empfing ich, der mir schätzbare Winke gab, manches
gute Wort dazu!

Es sei dies alles ohne Einzelheit doch aufrichtigst gerühmt und dafür
gedankt.

Zuletzt auch meinem trefflichen Herrn Verleger, der sich mit größter
Liebe und Aufopferung in den Dienst der bedeutenden Sache gestellt und
jeden meiner Wünsche erfüllt hat, soweit dies möglich war.

Das Ergebnis nicht geringer langjähriger Mühen übergebe ich so
vertrauensvoll dem deutschen Volke, auch ein wenig allen Völkern
germanischen Ursprunges. Möchte es wieder verbinden helfen, wo
Jahrtausende getrennt haben.

  +Hannover+, August 1908.

  A. H.




Inhaltsverzeichnis


  Zum Geleit!                                                          V

  Einleitung                                                           1

  Allgemeiner Teil                                                     3
      Die Rasse                                                       17
      Die germanische Rasse und ihre Eigentümlichkeit in der Kunst    21

  Gräber und Kleinwerk                                                30
      Kleidung und Schmuck                                            31
      Waffen zu Trutz und Schutz                                      34
      Weitere Ausstattung und Mitgabe                                 36
      Andere Werke der Kleinkunst                                     44
      Das Technische                                                  49
      Die Holzbaukunst                                                65
      Einzelformen in der Baukunst                                    75

  Bauwerke                                                           119

  Die Ostgoten                                                       126

  Die Langobarden                                                    154

  Die Westgoten                                                      184

  Die Vandalen                                                       221

  Die Franken                                                        222

  Die Angelsachsen                                                   259

  Überblick der wichtigen Quellen                                    278
      A. Alte Literatur                                              278
      B. Neuere Literatur                                            278
         1. Geschichte und Allgemeines                               278
         2. Prähistorie, Ausgrabungen und Kleinkunst                 279
         3. Baugeschichte und Baudenkmäler                           279

  Erklärung einiger wichtiger fachlicher Ausdrücke                   282

  Namenregister                                                      284

  Ortsregister                                                       286




DIE ÄLTESTE KUNST INSBESONDERE DIE BAUKUNST DER GERMANEN




Unendliche Arbeit ist getan für den Aufbau einer Geschichte der alten
Kunst der ganzen Welt. Fern im Osten, Süden und Westen durchwühlt
emsige Forschung die übereinander gelagerten Kulturschichten der
Jahrtausende. Langsam fügt sich Glied an Glied der Kette, die
zurückreicht bis in die Anfänge menschlicher Kultur.

Nicht die letzten dabei waren deutsche Männer, die ihre ganze Kraft
solchem Tun widmeten, die für griechische, ägyptische, assyrische graue
Vergangenheit und ihre Erhellung ihr Dasein einsetzten; und deutscher
Wissenschaft gebührt wie in anderen Dingen so auch hier hohe Ehre.

Doch erstaunlich -- wenn wir alle das Geleistete an uns vorüberziehen
lassen, wie mag es wohl kommen, daß gerade unser Eigenstes dabei
so stark zurücktritt? -- Warum scheint es bis heute immer noch
wichtiger und auch wissenschaftlich allein wert und würdig, seine
Kräfte so ferner Kultur zu widmen, warum gilt es für minderwertig, ja
dilettantenhaft, wenn einer sich angelegen sein läßt, auch von ältester
deutscher oder germanischer Kunst zu sagen und nach ihr zu forschen?
Ist es denn wirklich richtig, daß da ganz und gar nichts zu finden ist,
daß alles das, was dieser oder jener so nennen will, nichts anderes sein
soll, als entarteter und barbarisierter Abfall allein liebens- und
beachtenswerter südlicher und östlicher Art?

Und wo wirklich noch etwas sich zeigt, was den Blick der Bewunderung
doch auf sich zieht, und was dabei den Namen irgendeines nordischen
Barbarenstammes oder eines seiner Helden trägt, -- ist es denn allein
des Schweißes wert immer und immer wieder beweisen zu +wollen+, daß
dann solches Werk unmöglich barbarisch-nordischem Geist entsprungen
sein könne, -- daß überhaupt alles, was auf Kunstwert Anspruch erheben
kann, a priori Fremden zuzuweisen sein müsse?

Das scheint bisher wissenschaftlicher Grundsatz zu sein. Nur verworrene
oder phantastische Köpfe können von so bewährtem Grunde weichen. Und
wer gar von der patriotischen Pflicht sagt, die gebiete, was wirklich
germanisch sei, auch als solches zu würdigen, dem wird bedeutet, daß es
in der Kunst und Geschichte der Kunst keinen Patriotismus geben dürfe,
nur Wissenschaft allein; und die Wissenschaft lehre, daß alles Heil von
draußen komme.

Trotzdem sei es gewagt, hier nicht nur die Pflicht deutscher
Kunstgeschichte zu erfüllen, das was vermutlich doch dem Norden
und seinen Völkern geistig angehört, für sie wieder in Anspruch zu
nehmen, sondern auch den Beweis auf einem Gebiete wenigstens nicht
ganz unwissenschaftlich zu führen, daß dem wirklich so sei; und daß
Eigenart und Leistung nordisch-germanischer Völker nicht nur in Poesie
und Musik, sondern auch in sicht- und fühlbaren Werken ihrer Hand zu
finden möglich; daß solche Art in den allerersten Zeiten, da ihre Kraft
sich noch tastend versuchte, sich vielleicht am deutlichsten offenbare,
somit gerade diese Jugendzeit für jeden, der germanisches Wesen liebt,
von tiefster Bedeutung sein müsse.

[Illustration]




[Illustration: ALLGEMEINER TEIL]


[Sidenote: Heimat]

Für die Würdigung der Eigenart und des Werkes des germanischen Zweiges
der Indogermanen ist es unerheblich, ob der Urwohnort (so weit von
solchem zu sprechen) wirklich das iranische Hochland, oder ob nicht
gerade das norddeutsche Tiefland die Wiege der indogermanischen Stämme
sei, wie man das neuerdings behaupten will. Jedenfalls aber ist
Deutschland -- mit Skandinavien zusammen -- östlich weit ausgedehnt und
den nördlichen Teil Polens in sich fassend, als die Heimat wenigstens
der eigentlichen Germanen anzusehen. Selbst sind manche ruhiger
angelegte Stämme im engeren oder weiteren Bereiche dieser Heimat bis
heute geblieben; regsamere und meist reicher begabte wanderten früh
nach Südosten und Süden, andere nach Westen von dannen; bei diesen und
durch sie hat germanische Kultur und Kunst eine erste Höhe erreicht.

Was zurückblieb und die alten Stammsitze weiter bewohnte, verharrte
auch in der Entwicklung länger auf dem alten Standpunkte, hat von
eigener Kultur aus jener ersten Zeit weit weniger hinterlassen, lernte
vielmehr erst spät aus der zurückströmenden Kultur der anderen Stämme
ähnliches schaffen, wie jene.

[Sidenote: Völkerverschiebung und Völkerwanderung]

Der kraftvollste und edelste aller Stämme war der gotische, der früh
nach Südosten bis zum Schwarzen Meere zog. Von ihm lösten sich wieder
die Westgoten, nach stürmischen Siegeszuge die Balkanhalbinsel, dann
Italien und Südfrankreich gewinnend, um zuletzt ein neues Reich in
Spanien zu gründen, das erst im Kampfe gegen die Araber unterging.

Schon vorher hatten die stammlich nahestehenden Vandalen, ebenfalls
Ostgermanen, Nordafrika erobert. Ihr Königreich, das wunderbar rasch
erwachsen war, erlag freilich bald der List der Byzantiner und ihrer
Staats- und Kriegskunst.

Auch die Burgunden waren aus östlichem Bereich gekommen, gen
Sonnenuntergang bis an den Rhein gezogen, hatten dann aber, nachdem
die Hunnen sie dort fast vernichtet hatten, noch weiter im Westen, im
späteren Burgund, das sich bis nach der Rhonemündung erstreckte, sich
eine andere Heimat geschaffen.

Die Ostgoten, die unter Theoderich dem Großen in Italien eingedrungen
baldigst dieses Landes Herren wurden, gelangten rasch zur höchsten
politischen Macht; ihre Grenzen reichten bis nach Südfrankreich,
Sizilien, Ungarn und Dalmatien. Nach kaum sechzigjähriger Herrschaft
verloren aber auch sie Reich, Macht und Dasein und verschwanden
spurlos. Mit ihnen das glänzendste und bedeutsamste germanische
Staatengebilde jener Zeit. Ihnen erwuchsen in den Langobarden zuerst
Feinde, dann Nachfolger und Rächer. Seit 568, bis Karl der Große 774
ihr Reich stürzte, beherrschten sie fast ganz Italien.

Schon im 5. Jahrhundert hatten die salischen Franken unter Childerich,
dann Chlodowech Schritt für Schritt in unwiderstehlichem Siegeszuge
Frankreich durchdrungen und dort auf den Trümmern keltischer und
römischer Kulturen, später auch die Burgunden sich unterwerfend, einen
neuen mächtigen Germanenstaat geschaffen, den einzigen, der sich in
gleichmäßiger Entwicklung bis heute erhielt. Freilich ist längst sein
Germanentum unter dem wieder an die Oberfläche gelangten gallischen
Elemente verschwunden.

Selbst England hatten die eingebrochenen Angelsachsen germanisch
gemacht; ihr Königreich, durch schwere Kämpfe gegangen, bestand bis zum
Einbruch der Normannen, eines ebenfalls vorwiegend germanischen Volkes.
Doch ist dort das Angelsachsentum in der inneren Entwicklung bis heute
bestimmend und herrschend geblieben.

[Sidenote: Europa germanisch]

Überblicken wir dies ungeheure Gemälde, in dem wir die über das
gesamte westliche und südliche Europa herübergefluteten germanischen
Völkermassen vereinigt finden, so sehen wir vom 6. Jahrhundert an
ganz Europa, mit Ausnahme des heutigen Rußlands und der eigentlichen
Balkanhalbinsel, selbst die Nordküste Afrikas Germanen untertan oder
von ihnen bevölkert; und so kann es nicht wundernehmen, daß damals eine
völlig gleichartige und zwar germanische Kultur und Kunstauffassung,
freilich in der Folge ganz verschwunden und gegenüber der südöstlichen
so unendlich viel reicheren nicht beachtet, über alle diese Gebiete hin
herrschte, von der Krim an bis nach Lissabon, von Nordskandinavien und
England bis nach Karthago.

[Sidenote: Einheitliche Kunst der Germanen]

Mehr als anderes geben die Gräber und Kirchhöfe jener Völker hiervon
Zeugnis; und in so reichem Maße, Jahr für Jahr so ungeheure Mengen der
bemerkenswertesten Kunsterzeugnisse dem Tage wiederspendend, daß wir
heute wahrhaft erstaunen über solche ungeahnte Fülle altgermanischen
Werkes, vor allem aber über die unerwartete Einheit dieser Kunst, die,
durchaus verschieden von aller anderen gleichzeitigen, nur wenig von
ihr beeinflußt, beweist, daß der ungeheuren Völkermasse der Germanen
einerlei Art des Geschmacks, einerlei Art sich zu schmücken, zu
kleiden, zu waffnen, zu leben, gewiß auch zu wohnen und zu bauen eigen
war.

Mit dem Untergange der meisten dieser alten Reiche, mit dem langsamen
Übergange der überlebenden ins frühe Mittelalter zu einer völlig
anderen Art von Kultur und Dasein, mit der Vernichtung zuerst des
alten Glaubens, dann auch selbst der alten Poesie durch den römischen
Katholizismus, den Träger grundverschiedenen geistigen Lebens, versank
jene germanische Eigenart langsam wieder, nur noch ein letztes und
bescheidenes Dämmerleben führend in vergessenen Winkeln und Ecken, wie
Norwegen und Island, wo ihre spätesten Daseinsäußerungen fast bis in
unsere Tage reichen.

Dennoch ist, wie oben schon betont, die Einheit in jener Kunst so
groß und ihre Art so verschieden von der des Südens, ihre Masse dabei
so überwältigend, daß die schulmeisterliche Ungläubigkeit früherer
Geschlechter, die in den eigensten nordischen Kunstwerken immer noch
Händlerware sehen wollte, lange verstummte; wir erkennen heute darin
eine solche Selbständigkeit an Werk und Leistung, daß wir uns der
Gewalt der Rasseneigentümlichkeit ohne längeren Widerstand beugen
müssen. Wir fühlen, daß wir vor einem ganz selbständigen Kunstwesen
stehen, das langsam aus der Erde wieder hervortaucht, darin es solange
verborgen und vergessen gelegen.

Es sind völlig neue Eindrücke und Einwirkungen, die wir hier erleben,
vergleichbar denen jener vergangenen Jahrhunderte, da der europäischen
Kultur die so plötzlich hervortauchende östliche Wunderwelt der
Asiaten, die indische, chinesische, japanische als ein so ganz Neues
erschien, damals ein Zeugnis, daß im fernen Osten fremde Völker zu
einer bisher unbekannten Form der Schönheit und doch zu einer nicht
wenig merkwürdigen und selbständigen hatten gelangen können. Nur daß
das was sich heute unseren Augen bietet, +unser+ lange vergessenes und
verborgenes doch allereigenstes Erbe ist.

Nicht länger darf jemand also zu behaupten wagen, daß etwa im großen
römischen Reiche irgendwo Bronzegießer und Waffenschmiede, Goldarbeiter
und andere Kunsthandwerker niedrigstehende Kleinarbeiten, wie sie jenen
„Barbaren“ nötig waren, in ungeheuren Massen angefertigt und durch
Karawanen und Kaufleute in die unwirtlichen Hyperboräerlande gesandt
hätten im Austausch gegen Felle, Bernstein und ähnliche Erzeugnisse
nordischer Wildnis.

Vielmehr bergen selbst im sonnigen Italien noch ungezählte Gräber
von West- und Ostgoten oder Langobarden herrliche Kunst- und
Schmuckgegenstände, Kostbarkeiten, deren Schönheit neben der der
Leistungen der Römer und Griechen keineswegs verbleicht; ebenso wie die
Schätze uralter Kirchen des Südens als ihre köstlichsten Besitztümer
noch heute die Geschenke „barbarischer“ Könige und Königinnen aufweisen
aus Gold und Silber, mit funkelndem Gesteine überreich besetzt;
Kostbarkeiten mannigfaltigster Art und verschiedensten Stoffes, von
höchst eigener Formgebung, prächtiger Gestalt und Wirkung, doch jedem
Auge schon von weitem als „barbarisch“ erkennbar.

Langsam wird dann der Unname zum Ehrennamen für eine eigene Kultur.
Zahlreiche Bücher und Bilder sprechen heute bereits von Kunst und
Kunstgewerbe der „Barbaren“; jetzt beginnt dem Auge, das den Nebel
der Zeiten und jener wilden Kämpfe durchdringt, sich innerhalb des
seither da gesehenen Chaos und an seiner Statt sich eine der Ordnung
keineswegs entbehrende Welt, eine neue doch wohl gegliederte Kunstart
zu enthüllen: -- die älteste „germanische“.

Und hier triumphiert am Ende wieder einmal das Prinzip der Rasse.
Was jetzt als Ergebnis rein germanischer Art hervortritt, hat sein
eigenes Leben und seine eigenen Schönheitsgesetze; in ihrer Art nicht
minder wertvolle, als die im Bereiche uns seither wohl bekannter und
vertrauter anderer Rassen einst geltenden.

Sucht sich doch eine jegliche Art ihren Weg nach ihrem eigenen inneren
Gebote.

Wunderlich ist es nun, wie fremd uns inzwischen selber unser einstiges
Selbst geworden ist, wie schwer wir uns wieder in unseres Stammes und
unserer Heimat alte Kunstsprache zu finden wissen; es ist ein Weg
durch Jahrtausende zurück, nicht ohne Dornen, da unser Auge durch uns
stammfremdes Wesen und fremde Sitten so ganz umgewöhnt ist.

Und doch -- solches Versenken wirkt langsam neues Wunder. Freunde
echter Germanenkunst brechen in Scharen wieder hervor, Kenntnis und
Verständnis dafür wird täglich breiter, und die Freude an dieser wieder
entschleierten Schönheit wächst fort und fort. Jeder fühlt mit und
sucht zu ergründen, worin der Unterschied zwischen dem auferstandenen
und dem seither in Geltung gewesenen Schönheitsbegriffe bestehe,
worauf sich der jener Alten gründete, worin er gipfelte, -- und siehe,
es gelingt uns zuletzt völlig, denn alles das ist für uns ja nur der
Einzug ins Erbe der Väter.

[Sidenote: Fernere Denkmale]

Doch nicht Gräberfunde allein geben uns noch Zeugnis von dem vor
alters in jener Kunst Gewesenen und Geschaffenen, auch manch anderes
Denkmal spricht davon. So die allerlei Weihegaben und Angedenken, in
ehrwürdigen Gotteshäusern bewahrt; auch Beutestücke, Geschenke und
ähnliches in uralten Schatzkammern.

Nicht zu vergessen sodann der Nachrichten, die die Schriftsteller der
germanischen Völker von ihrem Dasein uns überlieferten. Hat doch das
Gotenvolk in Cassiodorius, Jordanis, Prokop, das Langobardenvolk in
Paulus Diaconus, das der gallischen Franken in Gregor von Tours, selbst
noch die Karolingerzeit in Einhard, wackere, wenn auch oft lakonische
und trockene, selbst einfältige Schilderer gefunden; aus manchem
Wort und manchem Gedicht welscher Poeten, wie denen des Venantius
Fortunatus, aus geschichtlichen Nachrichten, wie denen des Anonymus
des Valesius klingt anerkennendes oder gar begeistertes Lob und heller
Preis germanischer Kunstleistung, die jene Fremden einst in Erstaunen
gesetzt hat.

[Sidenote: Bauwerke]

Zuletzt aber ist die Reihe wirklich in Resten, ja selbst vollständig
erhaltener Baudenkmale aus den fernen Tagen germanischer Herrschaft
keineswegs ganz gering noch verächtlich. Steht doch in Italien
unter vielen anderen noch ein von je viel bewundertes Werk
frühester germanischer Baukunst: Theoderichs des Großen Grabmal,
das er sich selber errichtete. Auch das sogenannte Oratorium der
Langobardenherzogin Peltrudis oder Gertrudis in Cividale und vieles
Stück- und Trümmerwerk gehört dahin; -- in Spanien kennen wir den
Kirchenbau des Westgotenkönigs Reccesvinth zu Baños und manches
andere; von seinen Nachfolgern, den letzten Westgoten in Asturien, die
Königshalle von Sta. Maria de Naranco, das Oratorium von Sta. Cristina
de Lena und nicht weniges Ähnliche oft von hervorragendem Werte; in
Frankreich allerlei Merowinger- und Frankenbauwerk, wie St. Jean zu
Poitiers, die Karolingerkirche zu Germigny-des-Prés; in Deutschland die
Halle zu Lorsch, Karls des Großen Pfalzkirche zu Aachen und Heinrichs
I. Kapelle zu Quedlinburg; ihnen folgt noch eine Reihe karolingischer
und sächsischer Frühbauten nach altgermanischer Art. In England sind
der angelsächsischen Kirchenbauten so manche noch vorhanden, vor allem
die Kirchlein zu Bradford-on-Avon und Barton-on-Humber, die Türme von
Monkwearmouth und Earls Barton.

Als Spätwerke im hohen Norden folgen zuletzt die hölzernen Stabkirchen
Norwegens -- -- alles dies zusammen fürwahr ein nicht ganz geringer
Schatz an Denkmälern noch heute sicht- und greifbarer Art.

Wenn auch nicht viel im Vergleich zu der Fülle der Werke anderer Zeiten
und anderer Länder, so für uns um so unschätzbarer.

Sprechende Beweise dafür, daß wie den anderen von uns bisher allein
geschätzten Völkern, nicht minder auch den Germanen von Anfang an
eigenes künstlerisches Leben und Wollen inne wohnte, wenn es auch
zuerst freilich nur im bescheidenen Rahmen der Notdurft und im
Kleinsten wirkte und schuf, wenn auch so manche Anregung von außen kam
und erst der Eindruck fremden Könnens die eigene Tätigkeit anspornte
und befruchtete.

[Sidenote: Einwirkung von außen]

Denn keineswegs kann und soll dabei geleugnet werden, daß künstlerische
Einwirkungen genug aus anderen Kulturregionen, in germanische Gauen
eindringend, da Einfluß gewannen. Und manche südliche Form und
mancher fremde Gedanke seit der Etrusker-, Griechen- und Römerzeit
blieb bei den nordischen Barbaren haften, wandelte sich, nahm neue
Gestalt an, bildete den Keim zu neuer Entwicklung. Aber wer macht
Indern und Chinesen einen Vorwurf daraus, daß sie von westlicher
Kultur starke Einflüsse empfingen; wer anerkennt griechische Baukunst
deshalb weniger, weil die Grundformen ihrer Säulenarchitektur aus
Ägypten, Assyrien und anderen Ländern zu ihnen gewandert sind; wer gar
bezweifelt den ungeheuren Wert römischer Kunst, die doch fast alles dem
griechischen, klein- oder vorderasiatischen Osten entnahm?

In deutschen Landen gab und gibt es freilich noch immer Leute, die,
päpstlicher als der Papst, die Existenz einer deutschen oder weiter
gefaßt germanischen Kunst leugnen oder solche wenigstens möglichst
verkleinern und hinabdrücken zu müssen glauben, mit der steten
Wiederholung dessen, daß sich in ihr nachweislich so manches fremde
Element eingeschlichen habe, das dann vielleicht langsam unkenntlich
und umgestaltet worden, dessen künstlerischer Ursprung aber allein im
Süden und Osten zu finden sei.

Was macht das alles?

[Sidenote: Originalität]

Denn trotz alledem hat schon seit ihrem ersten Erwachen die germanische
Kunst eine so charakteristische Art entfaltet, immer wieder eigene
Wege eingeschlagen und etwaige fremde Motive und Elemente so gründlich
verarbeitet und umgeschmolzen, daß auch solche in den meisten Fällen
nicht mehr als eingewandert zu erkennen und völlig in die so ganz
verschieden geartete nordische Kunstweise eingefügt sind als ihr zu
eigen geworden. Und es bleibt außerdem noch so viel Selbständiges und
rein Germanisches lebendig, daß sich aus allem hier vor uns das Bild
eines ganz ebenso stark und wohl abgegrenzten Kunstwesens abhebt, als
das bisher anerkannter sonstiger Kunstzeiten.

Welchen ungeheuren Wert es aber für die gesamten germanischen Völker
haben muß, ihren Geist und ihr Wesen in ihrer eigensten Kunst im
Bild widergespiegelt zu sehen, gerade in jener, die sich als ihre
älteste zuerst auf noch unbebautem Boden damals entwickelte, als das
Germanentum in vollster Jugendfrische gleichsam neugeboren aus den
Wäldern hervortrat in das helle Tageslicht der Geschichte und in den
Gesichtskreis der schon alt gewordenen Kulturwelt, -- das ist nicht zu
ermessen. Denn nur hier ist die ursprüngliche Sonderart des Stammes
und der Rasse so weit, als überhaupt möglich, rein und unverfälscht
zu erkennen; was später erwuchs und was noch heute erwächst, -- sei
es noch so sehr germanischen Geistes echtes Kind, ward immer mehr das
Ergebnis unendlich viel fremder Kultur- und Geistesströme, die seit
fast zwei Jahrtausenden zu uns geflossen sind und sich mit dem ersten
und Hauptstrom reiner Urstammheit gemischt haben, bis es unser Eigentum
geworden.

So ist, obwohl man immer einen Albrecht Dürer in seinem Werke als
den deutschesten aller deutschen Künstler empfindet und mit Recht
bezeichnet, doch, wie er als einer der ersten die gewaltige Einwirkung
der aus dem Süden herüberflutenden Renaissancekunst empfand und
in sich verarbeitete, selbst schon seine Kunst als eine unendlich
differenzierte aus vielerlei Kultur erst zu einer neudeutschen
zusammengewachsene zu betrachten, so sehr gerade in ihm die germanische
Rasse in allem Wesentlichen in lange nicht gesehener Art aufs neue
triumphierte.

Ein ganz anderes bleibt es aber, die ersten Kunstäußerungen eines noch
ganz jungen und reinen Volkes zu beobachten, sich in sie zu vertiefen,
aus ihnen und ihrer oft noch unbeholfenen Ausdrucksweise die künftige
Art und den eigentlichen Inhalt seines Wesens zu erkennen, sozusagen
von des Kindes erstem stammelnden Laute alles sich bilden und gestalten
zu sehen, was in seinem Herzen seit Urzeiten träumend sich bewegte.
Was sich formte zu den ersten Werken seiner Hände und seines Geistes,
seiner Kunst und seiner Poesie, vom vielgestaltigen Schmucke aus seinen
Gräbern bis zum gewaltigen Grabmal Dietrichs von Bern, vom erhabenen
Sange von Walhallas Glanz bis zur wundersamen Klage von der Nibelungen
Not und Untergang.

Das allermeiste des Besten, das einst war, ist freilich
unwiederbringlich dahin und vernichtet. So versank ja auch die uralte
Götterlehre der Deutschen, und allein ein Stückwerk von Trümmern
hat sich in die isländische Edda gerettet, in dem schwer sich unser
unsicheres Tasten zurecht findet, und nur noch ein verschleierter Blick
in jenen an Gestalten und Gedanken so unendlich reichen Himmel der
Germanen möglich wird. Die Sammlung ihrer alten köstlichen Lieder,
die noch ein Karl der Große veranstalten ließ, hat traurige Pfaffheit
seines Sohnes vernichtet, ihre Reste haben dessen Geistesvettern
im Volke ausgerodet. Es ist nur noch das klingende Echo einstigen
ungeheuren dichterischen Besitzes, das in unseren Wäldern klagt.

       *       *       *       *       *

[Sidenote: Humanismus]

Unübersehbare Arbeit ist der Pflege der Denkmäler antiker Kunst
und antiken Geistes gewidmet worden, auch von uns; treulichste
Sorgfalt seit Jahrtausenden darauf verwandt, der Griechen und Römer
künstlerische und geistige Arbeit zu erhalten und zu vererben, auch von
seiten gerade jener Geistlichkeit, die mit fanatischer Leidenschaft
jede Spur germanischen Wesens auszutilgen strebte. Seit fünf und mehr
Jahrhunderten sind humanistische Kreise am Werk, jenes löbliche Tun in
die weitesten Kreise zu pflanzen, und ist selbst unsere gesamte Bildung
auf jenem fremden geistigen Wesen, auf dem gräko-italischen Humanismus
aufgebaut. Das griechisch-römische Gymnasium ist bis heute die Quelle
und Vorstufe aller unserer geistigen und künstlerischen Bildung
geblieben.

Gewiß teilweise und seiner Zeit mit Recht. --

Aber was all diese fremd denkenden Jahrhunderte von unserem
Allereigensten, vom Urerbe unserer Väter überdauerte, das war
jammervoll wenig geworden. So bleibt unserer Zeit, da selbst auch
dies Wenige ihr ein unschätzbarer Gewinn werden könnte, die Aufgabe,
wenigstens den letzten Rest unseres ältesten Hortes zu heben; die
Gräber müssen wir öffnen und die vergessenen Winkel durchforschen,
um das noch Übrige zusammen zu tragen, um uns ein wenn auch nur
bescheidenes Gebäude aufzuerbauen, das das nur uns allein Eigene, die
Trümmer unseres ältesten Erbteils umschließt.

Nicht vergeblich haben wir solches unternommen.

Reicher als man je gedacht, strömt der Inhalt der ältesten Kirchhöfe
hervor, finden sich überall zerstreut die Urreste unseres Volkstums,
wuchert hier und da noch der Efeu uralter Kunst um die Ruinen, -- und
so mag es denn doch gelingen, ein nicht allzu lückenhaftes Bild dessen
wieder zu gewinnen, was die großen germanischen Zeiten bis nach den
Völkerwanderungen, die heute für uns nicht mehr ein Chaos sind, sondern
eine Zeit der Bildung neuer gewaltiger Völkergruppen, der Neugestaltung
und Neubefruchtung der ganzen Welt, -- was jene Zeiten für schön
hielten und wie ihre Kunstideale aussahen. Und wie gerade in ihnen die
Keime lagen für die gesamten sich seitdem neu aufbauenden Zeiten bis
heute.

Solche Wege wollen wir hier zu gehen versuchen.

Nochmals einen raschen Blick auf die geschichtliche Grundlage unserer
Untersuchungen.

[Sidenote: Geschichtliches]

[Sidenote: Verteilung]

Zu Cäsars und Tacitus’ Zeiten war Germanien, das heutige
rechtsrheinische Deutschland, bis zum Niemen und bis nach Rußland
hinein, wie auch Skandinavien, von reinen Germanen bevölkert, deren
Ausläufer in die Westschweiz, ins Elsaß und am Niederrhein auch nach
Gallien hinüberragten. In Ostpreußen und Polen saßen Goten, westlich
von ihnen bis zur Elbe Burgunden und Vandalen; die Langobarden im
heutigen niedersten Sachsen um Lüneburg, südlich von ihnen Cherusker
und Chatten, nördlich Angelsachsen und westlich an der Küste Friesen;
Ost- und Westfalen bis zum Rhein hin; am Niederrhein und weiter
westlich schuf sich in der Folge das germanische Völkergemisch der
salischen Franken, rheinaufwärts das der Uferfranken, die Heimat;
östlich davon Hermunduren in Thüringen; am Oberrhein entwickelten sich
langsam am Südende des Dekumatenlandes die Alamannen, an die sich
östlich Sueben, Bajuwaren, in Böhmen die Markomannen anschlossen.

Dies die Verteilung der Hauptvölkerschaften vor der Völkerwanderung,
bis zu der schon manche ihre Sitze gewechselt hatten, worüber bereits
oben gesprochen ist.

[Sidenote: Wandertrieb]

Die von der Nordsee kommenden Cimbern und Teutonen hatten schon
viel früher, am Ende des 2. Jahrhunderts vor Christo, ihre kühne
Wanderschaft nach Italien angetreten, waren, nachdem die gewaltige
römische Republik unter ihrem Ansturm fast zusammen gebrochen war,
zuletzt durch Marius doch vernichtet worden.

Woher jene unbezwingliche Sehnsucht kam, die die germanischen Völker
von jeher über die Alpen nach südlicheren Gauen trieb, wissen wir
nicht; aber sie lebt noch heute im Blute ihrer Nachkommen und wird
immer neu. Erklärungen, wie die der Übervölkerung und des mangelnden
Platzes haben gewiß viel Richtiges -- aber sie geben uns lange nicht
alles. Vor allem rechnen sie nicht mit der unbezwinglichen Wanderlust
des Germanentums, die ihm immer und immer wieder die nähere Welt zu
enge machte; die seine Völker stets von neuem hin und her trieb; die
ewig nach Ausdehnung dürstete, ja die heute den ganzen Erdball zu klein
werden ließ.

Außer den kontinentalen Germanen kommen hier nicht minder die
Angelsachsen in betracht, die aus ihrem engen Inselheim ihre Boten
immer weiter und weiter sandten durch die ganze erreichbare Welt.

Auch Amerika war einst schon entdeckt durch nordische germanische
Wikinger, später aufs neue durch Italiener, Spanier und Portugiesen
und von diesen in Besitz genommen. Bevölkert haben es aber unendliche
Reihen germanischer Einwanderer; selbst in Australien und zuletzt in
Afrika ist es ähnlich geworden.

Das afrikanische Burentum mit seinem fortwährenden „Treck“-Trieb oder
-System mag uns ein Bild sein für jene dauernde Bewegung während der
Völkerwanderung, aber vor allem für die unaustilgbare stets sich
erneuernde Rastlosigkeit und Wanderlust der germanischen Stämme seit
uralter Zeit.

Und dazu jene ewigen träumerisch-phantastischen Wünsche, die in die
Ferne fliegen, nach schöneren und wärmeren Gefilden, die noch in jungen
Tagen zu dem berühmten Verlangen nach dem Platze an der Sonne Anlaß
gegeben haben.

So getrieben löste sich ein Volk nach dem anderen vom alten Boden
los und wanderte fort, gen Süden und Westen, oft den Spuren der
unglücklichen Cimbern und Teutonen folgend. Aber mit immer steigender
Wucht und wachsendem Erfolg. Denn das Römerreich war seitdem um manches
Jahrhundert älter und mürber geworden, näherte sich dem Greisentum; es
fanden die nordischen Streiter nicht mehr die unbesieglichen römischen
Legionen, sondern nur noch ihre Epigonen sich gegenüber, freilich dazu
eine erprobte Kriegs- und Staatskunst, der sie allzuoft unterlagen;
-- doch die unwiderstehliche nachhaltige Flut der heranstürmenden
Völkerstämme sprengte zuletzt alle Pforten der südlichen und westlichen
römischen Provinzen und gab sie den nordischen Barbaren zur Beute.

[Sidenote: Die Goten]

Der Weg der Goten führte sie durch die russischen Ebenen bis zu
den gesegneten Gefilden am Schwarzen Meer, wo sie ein großes und
mächtiges Reich aufbauten, von dem wir freilich gar wenig wissen. Der
Wirbelsturm der furchtbaren Horden der Hunnen mit ihren ungezählten
Scharen überraschte und unterwarf die der Ruhe Pflegenden; vor den
gefürchteten Bedrängern wichen da zuerst die westlichen Goten unter
Alarich und eroberten in raschem Siegeszuge ganz Italien. Wohl begruben
sie im Busento bald ihren jungen blondgelockten Fürsten, doch nur um
fürder gen Westen zu ziehen, wo ihnen das reiche Gallien eine neue
Heimat verhieß. Südwestlich von den Alpen erblühte dann ein schönes
westgotisches Reich, das von Toulouse.

Der schlimmste aller Nachbarn aber, die merowingischen Franken
unter Chlodowech, ließ sie auch da nicht zur Ruhe gelangen.
Seine fortwährenden unberechenbaren Überfälle, seine tückischen
Unternehmungen drängten die Westgoten immer weiter südwärts. So fanden
sie endlich jenseits der Pyrenäen ein anderes Vaterland und gründeten
das Reich der Westgoten in Spanien mit der Hauptstadt Toledo. Da
nun reihte sich eine neue Folge ruhmreicher Herrscher an die alten,
an Alarich II., Ermanarich, Eurich dann Athanagild, Leovigild,
Sisebuth, Reccesvinth, Kindasvinth bis zu Wamba. -- Wenn auch schlimme
Priesterherrschaft den Staat im Inneren langsam zerfraß und zermürbte,
es erblühte doch reiches Leben auf geistigem und künstlerischem Gebiete
hier, von dem heute noch so manches Kunstwerk, von dem später zu
sprechen sein wird, Kunde gibt. -- Erst die wilde Sturmflut der Araber
brachte dies Reich, aus dessen Resten doch später ein neues Spanien
erstand, zu dröhnendem Falle.

Hinter den Westgoten zogen bald vom Schwarzen Meere her, der Sonne
nach, ihre Stammesbrüder, die Ostgoten, dem gewaltigen Druck der Hunnen
nachgebend. Nach Odovaker, dem Skiren, dessen Landsknechtscharen das
weströmische Reich dem letzten Kaiser entrissen hatten, trat Theoderich
der Große auf den Plan: seiner gewaltigen Persönlichkeit gelang es,
in raschem Siegeszuge das ganze Italien bis tief nach Gallien hinein
der gotischen Herrschaft zu unterwerfen. In ihm erreicht das gesamte
Germanentum jener Jahrhunderte seine wahre Höhe. Theoderichs Name,
seine sagenumwobene Riesengestalt lebt bis heute im deutschen Volke,
in „Dietrich von Bern“. Ich sage: „im deutschen Volke“, denn diesem
allein gehört dieser Gewaltigste vor Karl dem Großen heute an; --
diesem ist seine Erbschaft geworden; und kein anderes lebendes Volk
kennt Dietrich mehr als den Seinen. -- Er war einst unser und ist
zuletzt unser geblieben.

Dies sei gesagt gegen die unter uns, denen die Goten, wie die anderen
Ostgermanen, fremd gewordene Stammesverwandte sind, obwohl sie unserem
Vaterlande entstammen und nach ruhmvollster Wanderung und Entwicklung
im Süden allzu rasch kampf- und ruhmreichen und doch klagenswerten
Untergang fanden. Geistig und künstlerisch sind sie Deutsche und
gehören auf immer ihnen zu. Ihre mächtigen Volksmassen und Heere
scheinen in den furchtbaren Jahren 550-555 nach der Schlacht am Vesuv,
nachdem mit Totila und Teja ihre letzten Könige gefallen waren, völlig
vernichtet zu sein. Die Sage erzählt, die dürftigen Überbleibsel des
Volkes seien über die Alpen gezogen und gänzlich verschollen, und so
blieb von ihnen selber ja auch nicht ein Nachkomme übrig, der sich
heute ihrer als Vorfahren rühmen will, ja keine Spur im Völkertum.

Deutschland hat ihr geistiges Erbe angetreten.

Ihr nur halbhundertjähriges Reich in Italien hat jedoch in der
Geschichte und auf jedem geistigen Gebiete, auch auf künstlerischem,
bedeutende Spuren genug hinterlassen, daß wir es nur desto
schmerzlicher beklagen müssen, daß es nur so ungeheuer kurz bestand.
Was von der Ostgoten Tun noch vorhanden ist, spricht für großartige
und gleichgeistige Erfassung des Werkes der alten Römer, wie für die
Fähigkeit zu einer ebenbürtigen Fortbildung dessen in germanischem
Geiste; ihr Schaffen auf diesem Gebiete ist dabei bereits neu und
eigenartig genug, um eine Fülle des Ungeborenen ahnen zu lassen. Einige
Jahrhunderte ungestörter Entwicklung hätten ohne Zweifel auf diesen
Feldern, die die Antike mit ihrem Besten gedüngt hatte, die erste hohe
Blüte germanischer Kunst gesehen. Es sollte nicht sein.

[Sidenote: Die Langobarden]

Wilde Langobarden, die -- leider -- zu der Vernichtung der Ostgoten
selber allzuviel mitgeholfen, lösten sie ab; aber einer Frist von zwei
Jahrhunderten bedurften sie, um dahin zu gelangen, wo die Ostgoten
aufgehört hatten, -- zu der Gewinnung der Anfänge einer eigenen
Kunst. Die ersten Fürsten, Alboin, Agilulf, Theudelinde und andere
bewegten sich offenbar ausschließlich auf dem Grunde und Boden, den
sie vorfanden, benutzten auch, was die Ostgoten geschaffen -- und erst
langsam bildete sich in der Folge ein den Langobarden Eigenes. Als
sie unter Liutprant, Hildiprant und anderen endlich so weit gekommen
waren, daß man von einer endlich erwachsenen langobardischen Kunst --
insbesondere einer Bauweise -- zu reden beginnen darf, da brach unter
des Franken Karl übermächtigen Streichen politisch dies germanische
Reich zusammen. Freilich war damit nicht sein künstlerisches
Vermächtnis vernichtet -- und aus den Ruinen der altlangobardischen
erstand eine jüngere, mittelalterlich-lombardische Baukunst, die ihre
Wirkungen weithin erstreckte, selbst ins alte Vaterland hinein, in dem
nicht geringe Spuren lombardischer Werk- und Baumeister bis zum 12.
Jahrhundert sich finden lassen, in dem wir sogar das Entstehen einer
eigenartigen nordischen Backsteinarchitektur vielleicht auf Import und
Anregung aus Norditalien zurückzuführen haben.

[Sidenote: Einwirkung der Antike]

Es ist eine bei diesen Entwicklungen stark hervortretende Beobachtung,
daß die germanischen Einwanderer überall, wo sie in fremde Kulturen
eindrangen, erst längere Zeit gebrauchten, bis sie diese sich zu eigen
gemacht hatten und frei über sie schalten lernten. Zuerst müssen sie
überall sich der alten Kultur und Kunst unterworfen und versucht haben,
sie, wie sie war, weiter zu führen. Erst langsames Sichaneignen ergab
eine stetige Umbildung, die natürlich langer Jahre bedurfte, um zu
selbständigen Gestaltungen zu führen.

[Sidenote: Nationale Kunstzweige]

Galt das schon für die rasch auffassenden glänzenden Goten, so gilt es
in noch höherem Maße für die Langobarden und Franken, am meisten aber
für die in der Heimat gebliebenen Deutschen. Freilich nur in bezug
auf die Kunst im großen, die Steinarchitektur, Plastik, Malerei. --
Unberührt davon blieben ihre bereits blühenden nationalen Zweige, die
Holzbaukunst im großen und kleinen, das Kunstgewerbe, so weit es bisher
schon zum Schmuck der Menschen und zum Ausbau des gewöhnlichen Daseins
gedient hatte; also alles was sich auf Kleidung, Bewaffnung und Zier
des Leibes und der Haustiere, insbesondere des Pferdes, Ausstattung der
Geräte und der Wagen, der Hütte, des Holzhauses und der Holzgebäude bis
zur Königshalle bezog. -- Solches war längst ausgestaltet und besaß
nicht nur herkömmliche, sondern auch durchgebildete, reiche, sogar
prachtvolle Formen; bildete eine vollständige Welt für sich, die engere
Kunstwelt des zuerst wandernden, dann seßhaften, zuerst nur jagenden
und Vieh züchtenden, dann auch den Acker bebauenden Germanen in den
Stammsitzen oder in den ersten eroberten südlicheren Wohnplätzen.

Die Wucht römischer Steinbauwerke muß die Einwanderer überwältigt
haben; nicht minder das Schauen der bildlichen Darstellungen in Plastik
und Farben, von deren Möglichkeit der nordische Barbar ja keine Ahnung
gehabt haben konnte. Daher zunächst ein bedingungsloses Sichhingeben
an das große Neue -- dann ein langsames Sichaneignen und Durchdringen
dieses Fremden mit Eigenem, während für Schmuck, Kleidung, Waffen,
Sitte und Wohnen das Gewohnte nebenher ging und weiter bestand, wie
seit alters.

[Sidenote: Umgestaltung der Antike]

Und zuletzt auch ein Bestreben, das Neugelernte im eigenen Sinne zu
verwerten, erst schüchterne, dann deutliche und bewußte Versuche des
Nordländers, selber auf dem seither fremden Gebiete tätig zu sein --
bis zu völlig selbständiger Neubildung unter kluger Benutzung der
vorgefundenen Technik und ihrer Ergebnisse.

Daraus wuchs denn ganz neue Kunst, und an ihren weiteren Fortschritt
reihte sich in der Folge selbst alles das, was wir die Kunst des
Mittelalters nennen; nur eine logische Schlußfolgerung jener einmal
begonnenen Entwicklung durch Hinzutreten stets anderer Mitwirkender.

Klare Erwägung wird uns nun ohne weiteres sagen -- wie die alten
Römer ihre Kunst bis zum Ende folgerichtig fortführten und ausbauten,
wohl ohne sie völlig zu erschöpfen --, daß ohne Hinzutritt fremder
Völkerschaften das Römertum sich ohne Zweifel auch fernerhin auf der
gleichen Ebene und in gleicher Richtung weiter bewegt haben würde, wie
vorher. Wie ja auch die Renaissance des 15./16. Jahrhunderts und die
Protorenaissance des 11./12. in Italien nur Versuche bedeuteten, jene
alte Kunst wieder hervorzuholen und fortzuführen, nachdem sie durch
nordisches fremdes Wesen so nachhaltig unterbrochen worden war.

Man denke hierbei auch an die Kunst der Ägypter, die seit den uralten
Zeiten der jetzt endlich durch die Forschung erreichten ersten
Dynastien bis zu den Ptolemäerzeiten sich in Charakter und Wesen
kaum nennenswert geändert hat. -- Die Verwandtschaft der Bauwerke in
den letzten Jahrhunderten mit denen des 3. und 4. Jahrtausends vor
Christi Geburt ist die erstaunlichste, in der ganzen späteren Zeit
der Kunst nicht mehr ihresgleichen findend. Nur erklärlich durch die
Seßhaftigkeit und Unwandelbarkeit der alten Nilanwohner. Unterjochung,
Einwanderung und Durchwanderung, äußere Änderung war seit den Anfängen
der Bildung dieses rassigen Volkes ohne Bedeutung geblieben, und so
kam eine Neuentwicklung und Umbildung, wie wir sie in Europa an den
Nachfahren der Römer sehen, für das ägyptische Volk gar nicht in Frage.

Man denke hier ferner an Chinesen und andere ihnen verwandte Völker,
die ganz ebenso an dem einmal gewonnenen Kulturideal und an der darauf
aufgebauten traditionell gewordenen Kunst nie mehr rüttelten, sondern
an dem durch viele Jahrtausende unveränderten unwandelbar festhalten.

Ähnliches beobachten wir selbst in Indien, da der eingewanderten
Araber Kunst völlig auf die Moslems beschränkt bleibt, da die neuere
Richtung geistiger und künstlerischer Bildung des eigentlichen Volkes
sich langsam wieder der uralten indischen Art zuwendet, dagegen das
jüngere arabisch-mohammedanische Wesen nur als aufgepfropft erscheint.
-- Am deutlichsten überall, wo die Ureinwohner oder Vorbewohner in so
gewaltiger Überzahl vorhanden sind, daß die Eingewanderten langsam
aufgesogen werden.

[Sidenote: Die Franken]

Frankreich, dem wir uns jetzt zuwenden, lehrt uns gleiches. Die Masse
der salischen Franken, die von Norden her einbrachen und das Land sich
zu eigen machten, zusammen mit den in Südfrankreich zurückgebliebenen
Westgoten und den im Osten seßhaft gewordenen Burgunden, die dort nach
der im Nibelungenlied besungenen Niederlage ihres Stammes am Rheine
endlich eine dauernde Heimat fanden, -- war wohl groß genug, um das
ganze Land der nur äußerlich römisch gewordenen Gallier zu unterjochen
und zu beherrschen. Nachschübe über den Rhein aus altgermanischen
Gauen erhielten zunächst die germanische Übermacht, und so wuchs in
Gallien das neue germanische Reich der Franken in die Höhe, das seine
Entwicklung auf immer stärker werdender altnationaler Grundlage bis zur
Gegenwart fortgeführt hat; ein Reich, dem seinerzeit das Germanentum
die erste Kraft und Gesundheit schuf, das das älteste der heute noch
bestehenden europäischen Reiche geworden ist.

Auch hier ist in den ersten Zeiten Ähnliches auf dem Gebiete der Kunst
bemerklich: anfängliches sich Hingeben an das im Lande Vorhandene
im großen -- unter strenger Beibehaltung germanischen Brauches und
Wesens im kleineren und engeren; sodann langsames Aufsteigen national
germanischer Art in der größeren Kunst, so daß wir schon bald von einer
selbständigen merowingisch-fränkischen Weise auch im Bauen sprechen
dürfen.

Wie sich aber seit den Karolingern hieraus -- sicher unter immer
stärkerer Einwirkung des ursprünglichen gallischen Elementes --
erst das eigentlich Französische entwickelt hat, das zeigt die
spätere Kunstgeschichte. -- Die Franken waren doch nur die politisch
herrschende Oberschicht des neu entstandenen Volkes, die allmählich von
der großen Masse der ursprünglich Seßhaften aufgesogen wurde.

[Sidenote: Die Angelsachsen]

In England war der Prozeß seit Einwanderung der Angelsachsen ein ganz
verwandter, bis infolge Eroberung des Landes durch die Normannen,
auch eines germanischen Stammes, das germanische Element eine weitere
bedeutsame Stärkung erhielt. Daher ist es hier bis heutzutage im
Vordergrund der Entwicklung geblieben und hat das Wesen des jetzigen
englischen Volkes, das sich noch immer angelsächsisch nennt, vorwiegend
bestimmt.

[Sidenote: Die Deutschen]

Das Stammland aller Germanen bleibt merkwürdiger-, vielleicht
natürlicherweise von solchen wechselnden Gärungsprozessen frei, weil
von äußeren Einwirkungen fast völlig unberührt. Was von den alten
Stämmen dort sitzen geblieben war, entbehrte wohl auch des lebhaften
und bildungsfähigen Temperaments der Goten, Franken und Burgunden.
Wenig Anregung kam von außen, nur Zwang der Eroberer und der Priester,
deren Missionen das Land durchzogen und Kirchen gründeten. Aber vor dem
8. Jahrhundert waren auch die Sendboten des Christentums nur seltene
Gäste im alten germanischen Stammlande, das sich von jeher wenig einer
der südlichen ähnlichen Kunstübung geneigt gezeigt hatte, auch ihrer
nirgends bedurfte.

So sehen wir das deutsche Volk seine ersten Schritte auf dem neuen
Gebiete an den Grenzen des Landes gegen Westen und Süden versuchen;
am Rhein und in Süddeutschland, im Dekumatenlande und an den Grenzen
gegen Italien, mehr jedoch gegen Frankreich zu, das von jeher in dieser
Hinsicht für uns die Anregung bot.

Merowingisch-fränkische Bauten im westlichen Deutschland bestätigen
dies; später aber bedurfte es erst der kriegerischen Macht Karls
des Großen, um Steinbauten auf deutschem Boden erstehen zu lassen.
-- Spärlich genug war das alles, und im Lande der Friesen, Katten,
Schwaben und Bayern blieb es lange beim Alten und Gewohnten; bei den
bezwungenen Sachsen und im Gebiete der Rheinfranken ging es auch nur
sehr langsam mit dem Bauen in neuer Art vorwärts. -- So sind wir hier
auf die Werke einer ganz kurzen Zeitspanne angewiesen, wenn es sich um
die erste deutsche Baukunst handelt; jedoch entschädigt uns hier im
weiteren Laufe der Jahrhunderte die immer wieder auftretende nationale
Note in dem Wechsel der die Welt überflutenden Stilmoden fast durch ein
Jahrtausend.

Germanische Kleinkunst gab es freilich in Deutschland ganz wie in
allen anderen stammverwandten Ländern, doch beschränkte sich ihre
höhere Blüte vorwiegend auf die Rheinlande, Alamannien, Schwaben und
Bayern; die übrigen Stämme verharrten auch nach der Völkerwanderung
noch lange, wie es scheint, in einer gewissen Gleichgültigkeit, ja
Abweisung gegenüber solchen Fortschritten. -- Wie ja auch im Laufe
späterer Entwicklung der ernste und schwerfällige Norden, das Land der
Niederdeutschen, erst langsam in Bewegung kam. -- Was wir an geistiger
Anregung und Förderung gewannen, haben wir meist dem Südwesten
Deutschlands, jedenfalls vorwiegend Oberdeutschland zu danken.

[Sidenote: Die Skandinavier]

Der skandinavische germanische Norden hat an dieser Frühkultur, die
zu ihm sicher über England und Deutschland kam, in ähnlicher Weise
teilgenommen, an ihr bis vor wenigen Jahrhunderten gezehrt, sie
unbeeinflußt weiter gepflegt und auf gut germanischen Wegen gefördert.
Die überall später zu bemerkenden Einbrüche mittelalterlicher Kunst
des Westens und Südens hatten nie viel zu bedeuten, da sie auf das
Volk selber keinen Einfluß gehabt zu haben scheinen. Und so haben
wir dort das merkwürdige Schauspiel einer rein germanischen, wenn
auch sozusagen nur provinziell entwickelten bildenden Kunst, auch die
Architektur eingeschlossen, die uns einigermaßen zeigt, wohin die
Eigenart der germanischen Rasse trieb, da wo sie durch Fremdes sich
nicht beeinflußt sah. So ist Norwegen mit seiner ältesten Holzbaukunst
sozusagen das Schulbeispiel dafür geworden. Freilich nicht dafür, was
jene Richtung bei weiterem Fortleben in dem Bereich der begabten und
glänzenden Stämme des Südens zu leisten vermocht haben würde, aber
doch wenigstens der Beweis dafür, daß diese Richtung zu nicht nur
greifbaren, sondern auch wertvollen Werken führen konnte, und sozusagen
selbst auf dem Dorfe wirklich geführt hat. -- Es geben uns ferner jene
nordischen Bauwerke das Muster für sonst nicht leicht zu konstruierende
Möglichkeiten, wie für die Ausführung völlig hölzerner großer Gebäude,
selbst Kirchen, und das Bild des wirklichen Aussehens solcher Bauwerke,
ungefähr so, wie sie in den übrigen germanischen Landen einst bestanden
haben müssen.

Die Kleinkunst hat daneben ein frohes und langes weiteres Dasein auf
dem Grunde des in Allgermanien üblichen geführt. Bis ins Mittelalter
bewegt sich die schwedisch-norwegische Kleinkunst und Dekoration völlig
in dem Rahmen und auf dem Boden dessen, was wir sonst im Süden nur noch
bis zum 8. Jahrhundert aus den Gräbern zu fördern vermögen.

So finden wir hier ein klar geschiedenes germanisches Rassenvolk von
völlig eigenem Charakter in ähnlicher Art tätig, wie wir einst das
so scharf gekennzeichnete ägyptische oder noch jetzt das chinesische
Volk, dessen Gesichtstypus sogar wir von weitem schon zu erkennen
vermögen, unentwegt an seinem künstlerischen Ideal festhalten sahen.
Auch einen Beleg dafür, daß jede unterschiedene Rasse, die in ihrem
nationalen Fortleben gestört wird, von selbst sofort wieder zu ihm
zurückkehrt, sobald die Störung beseitigt ist.

Wie denn aber andererseits die Ideale der Chinesen oder der Ägypter
niemals die unsrigen werden können noch dürfen.


Die Rasse.

Kühn bekennen wir uns an dieser Stelle zu dem Grundsatze der
Rassenverschiedenheit. Wenn auch einerseits Kosmopolitismus,
andererseits Interesse an dem Verschwinden der Rassenunterschiede
auf das heftigste dagegen aneifern, so wird doch die Theorie der
Entstehung des Menschengeschlechtes aus +einem+ Stammvater niemals im
Ernste wissenschaftlich in Frage kommen können. Solche Annahme scheint
vielmehr jeder klaren logischen Schlußfolgerung widersprechend. Nach
allem, was unsere Naturwissenschaft an Tatsachen der Entwicklung
festgestellt hat, aber auch nach der Überzeugung der Menschheit selber,
wie aller Religionen (man vergleiche den sechsten Schöpfungstag der
Bibel) ist die Entstehung des Menschen die Krönung, der obere Abschluß
der Entwicklung jedes organischen Lebens der Erde.

Schon die ja durch die Tatsachen gegebene +Möglichkeit+ dieser
Entwicklung erweist ihre +Notwendigkeit+; denn nichts ist in
der Entwicklung möglich, was nicht auch in ihr folgerichtig, ja
mathematisch notwendig ist, sobald die Entwicklungsbedingungen erfüllt
sind. Die Existenz einer bestimmten organischen Form bezeugt den
logischen Aufbau ihrer Vorbedingungen und ihrer Entwicklungsvorstufen;
auch wenn diese Form nur in einem einzigen Beispiel existierte. Die
Milliarde lebender Menschen bestätigt die Logik dieser Erscheinung in
der physiologischen Entwicklung des Organischen milliardenmal.

Wenn aber trotzdem ein einziger Stammvater als der Anfang des
Menschengeschlechtes angenommen werden soll, so kann damit höchstens
eine Stammfamilie gemeint sein, das Elternpaar, in der Folge seine
Kinder. -- Somit haben wir die Notwendigkeit der Koexistenz wenigstens
zweier parallel stehenden Individuen vor uns, befähigt die Stammeltern
des künftigen Stammhauses zu werden.

Die Gewißheit, daß sich mindestens zwei Individuen gleichzeitig zu
dieser Fähigkeit aus ihren Vorstufen heranbilden mußten, genügt, um
die Möglichkeit der Heranbildung verschiedener Individuen aus den
Vorzuständen zur Stammvaterschaft des ersten Menschen zu beweisen.
Diese Möglichkeit bedeutet, wie oben bemerkt, die Notwendigkeit, daß
diese Stammelternschaft sich überall da auf der Erde, ja im organischen
Leben überhaupt -- in ganz gleicher Art herausbilden mußte, und noch
muß, wo die Vorbedingungen und Vorstufen für ihre Entwicklung gegeben
waren und sind. Also nicht nur auf unserer Erde und auch für alle
Zukunft.

Jedoch müssen solche Stammeltern in ihren Eigentümlichkeiten je
nach den Bedingungen ihrer Entstehung und nach den klimatischen
Unterschieden, die auch auf die Vorfahren verschieden eingewirkt haben,
Verschiedenheiten zeigen, die ihren Nachfahren für immer bleiben
müssen, so lange sie im Stamme rein verharren. Nur die Vermischung
verschiedener Stämme kann diese Unterschiede langsam verwischen.

Hält man daran fest, so wird der Unterschied der Rassen in Körper und
Geist zur Selbstverständlichkeit; bleibt so lange konstant, als sie
sich überhaupt zu erhalten wissen. Alle Erfahrung hat dies bestätigt.
Glück und Erfolg der einzelnen Rassen aber beruht offenbar in dieser
Reinheit, in der Fähigkeit und Möglichkeit, die ihnen gegeben ist,
sich nach ihrer Art und ihrem eigenen Wunsche zu bilden, zur Höhe zu
entwickeln und auszuleben. Man vergleiche nochmals die Chinesen, die
bis heute noch keinen lebhafteren Wunsch haben und vielleicht bis ans
Ende ihrer Tage haben werden, als von der übrigen Welt abgeschlossen
nach eigener Fasson selig zu werden. Die dann auch sicher ihre
Kulturform für die höchste überhaupt erreichbare halten und allein in
ihr Befriedigung finden.

Es ist jedoch auch ohne Gobineau nicht wohl zu bestreiten, daß die
heute indogermanisch oder arisch genannte Rasse die höchst organisierte
und stärkste aller ist und bleiben könnte, daß ihr aber ein
eigentümlicher Zug eigen ist, der fürchten läßt, daß in der Folge eine
Verflachung und ein Zerfließen ihres Wesens eintreten mag.

Die so notwendige und zur Erhaltung ihrer höchsten Güter und
Fähigkeiten unentbehrliche Abgrenzung gegen niedere Rassen, erst
recht aber die für uns so wünschenswerte Reinheit der, wie wir mit
Gobineau glauben, stärkeren enger germanischen Rasse, z. B. gegenüber
den romanischen, scheint in Zukunft kaum möglich. Die ungeheure
Expansionskraft der germanischen Stämme hat in dem Prozesse, den
wir seit der Völkerwanderung vor sich gehen sahen, die gesamten
Länder Europas stets von neuem mit neuen Fluten ihrer besten
Menschen überschwemmt und ohne Zweifel nicht nur so das Entstehen
gemischt-germanisch-romanischer Staaten und Völker ermöglicht und
verursacht, sondern glänzende neue Kulturen auf den alten Feldern
hervorgerufen.

Inzwischen ist als Gegengabe die langsame Durchdringung des
altgermanischen Körpers mit fremdem Blute vor sich gegangen, im Osten
durch Wenden und Slaven -- im Ganzen durch Romanen, Semiten und
andere Eingewanderte, so daß die ursprüngliche Kraft zu dauernder
Selbsterneuerung stark geschwächt ist. Ein geringes Äquivalent mag
dieser Prozeß dadurch finden, daß die Rasseeigentümlichkeit der
Menschen nicht nur bloßes Ergebnis seiner Stammesentwicklung, sondern
auch seiner klimatischen und geographischen Umgebung ist, somit
denn bei den Mischlingen und den Eingewanderten eine Art Korrektur
erfolgt durch die geographisch-klimatische Einwirkung des Wohnlandes
im Sinne der Form der ursprünglich Seßhaften und durch langsames
Aufgesogenwerden der Fremden.

[Illustration:

  I

Abb. 9. Fibel aus Nocera Umbra.]

[Illustration: Abb. 10. Angelsächsische Goldfibel von Abingdon.]

Unter allen Umständen jedoch hat jedes Volk das stärkste Interesse
daran, daß es seine Rasse, seinen Stamm, seine Eigentümlichkeiten und
Errungenschaften, kurz alles, was ihm besonders zugehört, in jeder
Gestalt und in jeder Art rein erhalten sehe. Vor allem dann, wenn in
der Vermischung mit fremdem Blute keine Förderung, kein Fortschritt,
keine Verbesserung des Ererbten liegen kann.

Für uns Deutsche, wie für die germanische Welt, besteht somit eine
gewaltige Aufgabe in der Erhaltung alles dessen, was unsere Stammes-
und Rasseeigentümlichkeiten hervorbrachte und ausbildete, und in der
fortwährenden Erneuerung dieses Erbteils.

Wenn in früheren Jahrhunderten auf manchem Gebiete das Gegenteil
gewiß richtig und auch unvermeidlich war -- wenn wir die höhere
Kultur südlicher und westlicher Nachbarn aufnehmen und verarbeiten
mußten, weil auch wir teilnehmen wollten an der Entwicklung der
europäischen Welt, wenn wir sogar unser bestes Blut hergaben zur
Auffrischung anderer alt gewordener Völker, wenn Italien ganz gewiß
seine ungeheure Blüte in mittelalterlicher und späterer Zeit dieser
Aufokulierung germanischen Wesens auf seinen Stamm dankt -- so ist die
Zeit für solche Verpflanzung für immer vorüber. Und es ist die andere
Zeit sicher gekommen, wo wir Germanen genötigt sind, unsere letzten
Hilfsmittel, sozusagen den Landsturm unserer alten nationalen Kraft
aufzurufen, unser Eigenstes wieder neu zu beleben, uns wieder ganz auf
uns selber zu besinnen und zu versuchen, aus diesen Urgründen das Beste
nur für unsere eigene Zukunft hervorzuholen, um endlich auch unserseits
in der Geschichte der Menschheit die uns zugewiesene Stelle einnehmen
zu können.

Die Wellen der Geschichte haben den Ruhm und die Macht der
Weltherrschaft heute endlich wieder auf die germanischen Völker
gehäuft, und so ist es an ihnen, auch in geistigen Dingen ihre letzte
Kraft aufzuwenden, ihr Bestes zu geben, nicht wie früher in sekundärer
Stellung und als Hintermänner, sondern als Herrscher und frei von
aller Verdeckung. Endlich ist der Germane auch einmal ganz in die
vorderste Reihe getreten -- vielleicht als der letzte der Europäer.
Denn daran, daß die an sich so viel indolenteren und offenbar nicht
zu selbständigem Herrschen geborenen Slaven, denen vielmehr dienende
Stellung auferlegt scheint, die seit Anbeginn nur als ungeheure Masse
unter despotischem Zepter zu wesen und zu wirken berufen und fähig
waren -- sich je zu Nachfolgern der Germanen, zu Herrschernaturen
heraus zu entwickeln überhaupt fähig sein können, daran ist nicht zu
denken.

Das Wesen der Rassen bürgt hierfür. Und alles, was wir von dem
Germanentum noch erhoffen, ist in ihm von Anfang an enthalten und stets
vorhanden gewesen; oft viel größer, oft so herrlich, daß es uns für die
Zukunft ganz unerreichbar mehr erscheint.

Aber das zielbewußte Sammeln des auch jetzt noch Vorhandenen, der immer
noch nicht erschöpften Kräfte des an sich so starken Volkstums, das
organisierte Zusammenfassen alles Gegebenen in eine mächtige Phalanx
hat bis heute gefehlt und verspricht bisher nicht Gewonnenes noch
für die Zukunft, wenn auch die besten Jugendkräfte unseres Stammes
unwiderbringlich schon längst -- und zwar in fremdem Dienste oder für
fremde Ideen -- verbraucht sein mögen. Stärkste Konzentration kann uns
dies Verbrauchte einigermaßen ersetzen; kann uns ermöglichen, unsere
Kräfte noch einmal, aber dann in weisester Abwägung, zu nutzen und
aus ihnen das letzte, zu dem wir fähig sind, zu schöpfen, damit wir
dann die auch uns wie jeder Rasse und jedem Volke für dieses Erdenrund
auferlegte und verbürgte Mission ganz zu erfüllen vermögen.

Und dazu gehören, wie die gesamte Kultur, auch die weiten Gebiete der
Kunst; ihr Neuaufbau auf Grund der neu gefundenen und wiedergewonnenen
Anfänge und Keime seit der ersten Regung des künstlerischen Wesens in
unseren eigenen Gauen, in unserem Hause -- da doch so unendlich viel
unseres Besten von uns an andere Völker geschenkt worden ist.

Ich stehe nicht an zu behaupten, daß ohne jeden Zweifel, was Italien,
Spanien, Frankreich, England seit dem frühen Mittelalter in der Kunst
schufen und leisteten, nur dem gewaltigen Zufluß jungen germanischen
Blutes zu danken war und ist. In dem wunderschönen Lande Italien hat
sich seit tausend Jahren nur so weit jene unvergleichliche Kultur-
und Kunstblüte erschlossen, als der reiche Strom germanischen Blutes
das Land befruchtet hatte; ja selbst Rom hat, wie bekannt, „kaum mehr
als einen Künstler hervorgebracht“. Alles was dort großes wirkte,
entstammte nördlicheren Gauen. Südlich von Rom schläft mit Pompeji die
alte Schönheit, die herrlichste Kultur, den bleiernen Schlaf des Alters
unter der Asche. Was sich dort als neue Kunst gibt, ist kaum mehr als
eine Jahrmarktskunst, eine Sammlung von bunten Lappen und leichtem
Plunder geworden; was von Wert sich in jenen Ländern noch zeigt, ist
Import aus dem Norden oder Westen.

Eine ganze besondere Ecke in der Geschichte des künstlerischen
Mittelalters gebührt, nicht nur hier, auch den Normannen.

Die vorstehenden Erwägungen mögen genügen zur Begründung des Versuches,
der in nachfolgendem gewagt wird: die ersten bedeutenderen Regungen
des altgermanischen Kunstgefühls zu beobachten, seine Werke, so
bescheiden sie auch sein mögen, herauszusuchen und ihre Art erkennen
zu lernen. Großes liegt doch in diesen Anfängen, und wirklich
bedeutende Leistungen sind darunter, gemessen an ihren Vorgängern und
den Bedingungen ihrer Entstehung. Aber das Größte in ihrer Eigenart,
und darin, daß in ihnen künstlerische Keime für das ganze folgende
Jahrtausend gegeben sind, das ja Manche trotz seiner vielen fremden
Ingredienzien als ein in der Hauptsache germanisches bezeichnen wollen.
Wie mir scheint kaum mit Recht; es müßte eher nur das durch die
Germanen befruchtete heißen. Wenn es nicht zu spät ist, dürfte vielmehr
das germanische Zeitalter Europas, vielleicht gar des Erdballes, erst
angebrochen sein -- wobei dem Angelsachsentum vielleicht die Rolle
eines Pfadfinders zuzuteilen sein würde.

Aber nur, wenn die Zeit dafür nicht bereits verflossen sein sollte,
nachdem das Germanentum die von ihm selbst geschaffenen Mittel der
Weltherrschaft auf dem Gebiete des Geistes und der Technik allzu früh
und allzu vollständig aus der Hand gegeben hat; -- und wenn es in der
Tat noch die Kraft zur Konzentration und zur Sammlung aller eigenen
Kräfte in sich selbst besitzt -- vor allem aber die Kraft zur Reinheit,
zur Reinkultur seines besten Blutes, zur Abwehr der Blutmischung
und Blutverschlechterung. So nüchtern und prosaisch dies erscheint
gegenüber dem Ideale des zu erreichenden Zieles -- von so ungeheurer
Wichtigkeit, so sehr die gesamte Zukunft unseres Volkes bestimmend
bleibt dieser Grundsatz[1].


Die germanische Rasse und ihre Eigentümlichkeit in der Kunst.

Ehe wir zur eigentlichen Behandlung des Stoffes selber und seiner
Einzelheiten übergehen, scheint eine Erinnerung daran notwendig, daß
unserer Kunst, Baukunst und Kunstgewerbe einbegriffen, von alters
her gewisse Eigentümlichkeiten, immer wieder auftauchende Gedanken,
sozusagen unsterbliche, eigen sind. Gerade das ist das eigentlich
Bedeutungsvolle weil dauernde.

[Sidenote: Wiederkehr derselben Formen]

Nicht in dem Sinne, daß diese kleinen Motive, die doch immerhin eine
Art Zufälligkeit besitzen, auch an sich vielleicht zu unbedeutend
sind, als besonders wertvoll erklärt werden sollen; nur gerade, daß
sie immer wiederkehren, ewig sich gleich bleibende Begleiter größerer
wichtiger Erscheinungen, diese Tatsache spricht für eine innere
Gleichmäßigkeit, eine Konstanz im Wesen der sie bildenden Menschheit.
Am merkwürdigsten hierbei mutet die ganz unleugbare Tatsache an,
daß die heutige modernste Kunst auf den Gebieten, die hier in Frage
kommen, im Kunstgewerbe und in der Baukunst, insbesondere aber im
Ornamente, scheinbar ganz von selber auf die ältesten Wege gerät.
Die verschiedensten Arbeiten der Gegenwart zeigen heute, manchmal
bewußt, meistens unbewußt, instinktive doch deutliche Anlehnung,
oft auffallende Ähnlichkeit mit ältesten germanischen Arbeiten. Das
„Nordische“, „Altgermanische“ ist auch langsam ein wenig wieder in
die Mode gekommen, ohne Absichtlichkeit, doch einem Zug der Zeit
entsprechend.

[Illustration: Abb. 1. Cardona. Weihwasserbecken.]

[Sidenote: Trennung von Struktur und Ornament]

Aber das für uns Wichtigste daran ist, daß ohne jede Beziehung
die ursprünglichsten und einfachsten Ornamentgrundsätze, wie die
Parallelität der Linien, die Wellenlinie, das Aufhören der organischen
Verschmelzung des Ornaments mit seinem Träger und seine vollständige
Trennung vom Funktionellen des Gegenstandes oder Bauwerkes jetzt, wie
vor alters, wieder alltäglich werden. Kurz und klar gesagt: jedes
Objekt wird einfach sachlich gebildet, rein zweckentsprechend; sein
Schmuck besteht in einer erst nachträglich eintretenden Behandlung
seiner Oberfläche; das einfachste Objekt bleibt glatt, das reichere
wird nicht in der Grundform durchgebildet, wie es die Antike tat, oder
auch das Mittelalter, sondern erst nach sachlicher Fertigstellung
verziert. Daher fällt z. B. der Begriff der so organisch erscheinenden
Säule heutzutage wieder häufig ganz weg; Kapitell, Schaft und Fuß ist
nicht mehr notwendig, sondern nur noch die einfach konstruktive eckige
oder runde Stütze, die, wenn sie steht, mit Ornament, Schmuck, Farbe
herausgeputzt werden kann. Es sind die Grundsätze des Zimmermanns, die
wieder herrschend werden.

[Illustration: Abb. 2. Denkmalentwurf von H. Billing.]

[Sidenote: Unsterblichkeit der Motive]

Das ist so auffallend, daß z. B. gewisse Stützformen
spanisch-germanischer Herkunft uns völlig modern erscheinen,
sicher unbewußt. Eines der merkwürdigsten Beispiele ist uns ein
Monumententwurf Hermann Billings (Abb. 2), der fast eine Kopie eines in
Barcelona befindlichen uralten Taufsteines (Abb. 1) westgotischer Zeit
sein könnte.

Die wunderliche Übereinstimmung des merowingisch-fränkischen
Bronzebeschlages eines Riemens aus dem Museum in Reims mit der Fassade
eines Salzfasses wohl des 17./18. Jahrhunderts im vaterländischen
Museum zu Celle ist ganz ähnlicher Art (Abb. 3).

[Illustration: Abb. 3. Fränkischer Bronzebeschlag und niedersächsisches
Salzfaß.]

Als fernere höchst merkwürdige Belege für diese ewige Wiederkehr
gleicher Formen und Ideen dürften gewisse Schlosserarbeiten unserer
Renaissancezeit zu betrachten sein, die in dem eigentümlichen Gewirr
ihres Flechtwerks mit Drachenköpfen und Gewürm (Abb. 4), zusammen mit
dem charakteristischen Flechtwerke der gleichzeitigen Eisengitter
(Abb. 5), ein gerade um die Zeit von 1600 am wenigsten zu erwartendes
Wiederauftauchen uralter Motive aufweisen, die uns sonst nur als
„altnordisch“ bekannt sind.

[Illustration: Abb. 4. Deutsche Schlosserarbeit. 17. Jahrhundert.]

In der älteren Kunst gehört auch die menschliche Maske an den
Ecken hervorstechender Bauteile und ähnlicher Gegenstände zu den
verbreiteteren Motiven. Sie läßt sich schon an Arbeiten des 5./6.
Jahrhunderts, an Bauwerken des 12. (Abb. 6), an Gebrauchsgegenständen
des Mittelalters (Abb. 7), zuletzt an Ecken von Fachwerkbauten des 18.
Jahrhunderts nachweisen (vgl. Abb. 44 und 47), immer sich ähnlich,
meist roh, doch von überraschend phantastischer Wirkung. So vielerlei
Masken und Köpfe auch die Antike an ihren Werken der Kleinkunst wie in
ihrer architektonischen Dekoration verwendet, so geschieht das doch in
grundmäßig verschiedener Art; ihr fehlt jenes gewisse Unheimliche,
öfters Fratzenhafte und Götzenbildartige oder gar Wilde; sehen solche
nordische Bildungen doch gar oft wie abgeschnittene und an Ecken
aufgehängte Köpfe von Kriegsgefangenen oder Menschenopfern aus.

[Illustration: Abb. 5. Deutsches Gitter. 16. Jahrhundert.]

[Illustration: Abb. 6. Gelnhausen. Peterskirche.]

Von anderem Verwandten hier nicht weiter zu reden, wie von der noch
heute vorhandenen Übung des Kristall- und Kerbschnitts in Holz in den
Gegenden, wo seit Jahrtausenden Germanen wohnten. Später wird davon zu
handeln sein.

[Sidenote: Symmetrie]

Eine Hinweisung aber darauf, daß diesen nordischen Eigentümlichkeiten
gegenüber die Symmetrie südlichen Ursprunges zu sein scheint, ein nur
eingewanderter Gast, der bei uns langsam eine in der Volksanschauung
nicht begründete Herrschaft errang, kann ich nicht unterdrücken. In der
griechischen und römischen Baukunst feierte die Symmetrie Feste, --
bei uns ist sie von alters her nur in äußeren Umrissen wirksam, in der
Sache, auch im Ornament, aber stets als überflüssig betrachtet. Nicht
einmal ein einziges kirchliches Bauwerk selbst unseres Mittelalters
hat zwei gleiche Türme, -- erst der ganz verfremdeten Schablone des
19. Jahrhunderts war es vorbehalten, vor den Kölner Dom zwei völlig
identische zu setzen, -- von denen einer den anderen eigentlich
überflüssig macht.

[Illustration: Abb. 7. Münden. Senfmühle.]

Das Nähere wird sich bei der Behandlung der Einzelheiten deutlicher
ergeben -- daher kann es hier bei den gegebenen Andeutungen sein
Bewenden behalten.

       *       *       *       *       *

[Sidenote: Gegenstand unserer Untersuchung]

Wenn nun im nachfolgenden versucht wird die Baukunst der germanischen
Stämme nebst den verwandten Künsten, insbesondere dem Kunstgewerbe, in
eine Art System zu bringen, sie zu einem einigermaßen geschlossenen
Bilde zu vereinigen, so kann sich dieser Versuch naturgemäß nur auf
eine bestimmte Zeit, nicht etwa auf die gesamte Urzeit bis zum Schlusse
des ersten Jahrtausends beziehen. Denn der Daseinskampf des eben
entstandenen Menschengeschlechtes, seine ersten Kulturregungen, die
ältesten Errungenschaften auf dem Wege zu einer menschlichen Gesittung,
das erste Gewinnen von Werkzeugen und Waffen in Stein, Knochen und
anderen Naturstoffen, dann in Bronze und schließlich in Eisen liegen
auf einem anderen Gebiete und sind der gesamten Menschheit in gewissem
Sinne so gemeinsam, daß ein System der feineren Rassenunterschiede für
jene frühesten Zeiten sich bis jetzt noch kaum aufbauen ließe.

Erst eine gewisse Höhe mußte erklommen, bestimmte Anfangsstadien
mußten überwunden sein, aber auch manche Wege von in der Kultur
älteren Völkern des Südens erst gewiesen werden, ehe eine eigene
und charakteristische Kultur der nordisch-germanischen Völker sich
gestalten konnte.

Die sonst noch in Frage kommenden älteren Bronze- und
Bronzeeisenzeiten, die Hallstatt- und die ihr folgende La-Tèneperiode
aber erstrecken sich über so gewaltige Flächen Europas in einer
merkwürdigen Gemeinsamkeit, daß wir hier, wie es scheint, von einer
bereits scharf abgegrenzten nordisch-germanischen Kunstart nicht
reden können, wenigstens heute noch. Und soweit dies doch in mancher
Hinsicht hier und da, teilweise, bereits möglich erscheinen könnte, so
sind einerseits diese Erscheinungen noch immer allzusehr vereinzelt,
andererseits aber nur als Vorstufen der folgenden zu bewerten.

Ja von vielen Seiten wird im Norden die Herstellung der besseren
Werke dieser Frühzeiten, die für uns Wert haben könnten, noch immer
absolut bestritten und auf einer gemeinsamen südlicheren Quelle ihrer
Entstehung sowie ihrer nachherigen Verbreitung durch den Handel
bestanden.

Daher sollen die folgenden Studien zeitlich erst mit der
Völkerwanderung beginnen, die freilich ihre Vorboten schon vor Christi
Geburt nach Süden sandte, dann fast unbemerkt in der gewaltigen
Wanderung der Ostgermanen nach dem Schwarzen Meere ihre erste beinahe
mächtigste und folgenschwerste Vorwärtsbewegung begann.

Damals hatte längst die südliche Kultur und Kunst der Etrusker,
Griechen, Römer ihre Boten nach dem Norden, hatte dieser in
regelmäßiger Wechselbeziehung des Handels seine Produkte nach Süden
gesandt, hatte also der Norden und das Germanentum bereits Gelegenheit
und Zeit gehabt, solches fremde Wesen wenigstens in denjenigen
Äußerungen sich zu eigen zu machen, die ihm selbst zur Förderung seines
eigenen willkommen waren. Neue Stoffe, insbesondere Metalle, neue
Techniken, neue Formen, Kostbarkeiten und Schmuck, Kleidung, Gefäße und
was alles sich hier eignete, förderten das bisher wohl anspruchsloseste
Dasein im Norden auf immer lebhafter begangenen Handelswegen;
insbesondere längs des Laufes der Flüsse.

Und da erstand dann jene gewaltige innere Kunstentwicklung, deren
Zeugen die germanischen Gräber der in Frage stehenden Jahrhunderte
darstellen. Nicht etwa in einfacher Nachahmung des aus der Ferne
Gebrachten, sondern jetzt in stolzer Förderung des Eigensten. Es ist
erstaunlich, wie verhältnismäßig wenig Fremdes hier auftritt oder gar
sich dauernd erhält. Nur mächtigen Anstoß gab der Import, den man wohl
zuerst nachahmte, so gut und so schlecht es ging, den man aber ganz
außerordentlich rasch durch Eigenes ersetzte oder in solches umformte.

Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die germanischen Kleinkünste sich
niemals charakteristischer und -- trotz so mancher fremden Grundlage --
selbständiger entfalteten als etwa vom dritten Jahrhundert nach Christi
Geburt ab bis zum achten. Von da ab erstarben sie langsam wieder unter
fremdem Einflusse und dem Drucke allgemein herrschend gewordenen,
insbesondere durch die Kirche propagierten neuen Geschmackes.

Auch auf seiten der Baukunst, zunächst natürlich ausschließlich
der Holzarchitektur, in der Folge auch in anderen Baustoffen sich
betätigend, ging in jener Zeit ein gewaltiges Ringen und Streben mit
dem in der Kleinkunst parallel.

Wenn dann später bis zur Karolingerzeit ein neuer und verstärkter
Einfluß der Antike, der Kunst Italiens und des Hellenismus, nicht
minder selbst des Syrertums ganz Europa überflutete, wenn durch ihn
die nordische Art langsam erstickt schien, so wirkte diese, noch
allzu stark und allzu verbreitet in germanischen Gauen, in der Stille
lange unbesiegt weiter. Die folgende Epoche in der Kunst, die wir die
romanische zu nennen pflegen, ruht ganz wesentlich auf jenen älteren
germanischen Unterströmungen, die wir immer aufs neue wieder durch- und
hervorbrechen sahen, trägt ihren Namen daher kaum ganz mit Recht; zu
jener Zeit, selbst noch später können wir eine nicht sterben wollende
künstlerische Überlieferung von Formen und Gedanken immer wieder
bemerken. So ist es selbst unbestreitbar, daß unsere Holzbaukunst des
16. und 17. Jahrhunderts ihre Wurzel nicht im „Mittelalter“, sondern
in viel früheren Zeiten findet, mit denen sie sich fast über ein
Jahrtausend hinüber, öfters halb unterbrochen, doch unzerreißbar fest
verbunden erhielt. Unsere Holzbaustädte des 16./17. Jahrhunderts sind
geistig die getreuen Enkel der deutschen Städte im Beginn des zweiten
Jahrtausends und werden sich auch tatsächlich von ihnen gar nicht
so sehr unterschieden haben. Jene aber fußten direkt auf uralten
Vorbildern; und es ist keineswegs richtig, wenn heute behauptet wird,
die Deutschen hätten vor den Sachsenkaisern keine wirklichen Städte
gekannt und gehabt. Rühmt doch Venantius Fortunatus (um 560) die
schönen Rheinstädte wegen ihrer reichen und feinen Holzbaukunst, die
ihm, dem Römer, ganz gewaltig imponierte.

Ferner habe ich oben der Entstehung und weiteren Entwicklung der
germanischen Steinbaukunst auf fremdem erobertem Boden gedacht und
darauf hingewiesen, daß auch diese hohe nationale Bedeutung gewann und
bedeutsame Leistungen schuf.

[Sidenote: Notwendigkeit unserer Untersuchungen]

Daher ist es wohl nicht nur berechtigt, gerade dieses sich bei näherer
Betrachtung auf etwa ein halbes Jahrtausend zusammenziehende Gebiet,
welches im Zusammenhange überhaupt noch nicht gewürdigt ist, endlich
einmal zu einem ganzen Bilde zusammenzufassen. -- Es wird für uns sogar
zur gebieterischen Notwendigkeit und Forderung. Vor allem deshalb,
weil wir in dieser Zeit und ihren Äußerungen das Germanentum in seiner
stärksten Jugendkraft, plötzlich alles Fremde von sich abwerfend,
herrschend hervortreten und sein Dasein neu gestalten sehen. Wenn
Chamberlain bedauert, daß dies auf den Feldern der zusammengebrochenen
fremd-südlichen Kultur geschah, daß die Neugestaltung des
nordisch-germanischen Völkertums nicht ganz frei und unbeeinflußt
vor sich gehen konnte, weil dann die Welt ganz anderes und Besseres
gewonnen haben würde, so mag dies ja richtig sein; doch müssen wir uns
eben bescheiden mit dem, was uns gegeben ist. Und wie bemerkt, es ist
nicht ganz wenig und dabei viel selbständiger und von viel eigenerer
Art, als man wohl glaubte. Denn es kann nicht oft genug wiederholt
werden: das Germanentum der Völkerwanderung schüttelte fast in jeder
Richtung, sobald es nur konnte, aufgezwungene fremde Art und Fessel
ab und versuchte, sich auf eigene Füße zu stellen. Wenn nicht damals
Größeres und Dauerndes erwuchs, so lag es sicher nur daran, daß seine
Kraft politisch den greisen Künsten der Unterjochten nicht gewachsen
war und der Vergiftung und Zersplitterung, der Bekämpfung durch die
Waffen der eigenen Stammesgenossen zuletzt unterlag und unterliegen
mußte.

Ist doch bis heute noch kein germanisches Volk, am wenigsten das
deutsche selber, von innerer Uneinigkeit, Kräftezersplitterung oder
wenigstens der Sonderbündelei ganz frei geworden, und sind doch bis
heute noch seine schlimmsten Gegner seine eigenen Brüder geblieben.
Vereint -- endlich alle vereint, würden sie noch heute die ganze
Welt in ihren Fäusten zerdrücken können, und, wäre ihnen so Zeit und
Freiheit gegeben, auch endlich die geistigen und künstlerischen Taten
schaffen können, die nach denen des Griechentums noch dem Germanentum
vorbehalten scheinen.

Müssen wir so immer noch auf Wünsche, Hoffnungen, Möglichkeiten
verweisen, so ist es uns ein Trost und eine Genugtuung, ein Bild
alt-originaler germanischer Art und Kunst vor uns erstehen zu sehen,
das, obwohl lückenhaft und zerstückt, doch aufs neue erweist und uns
darin bestärkt, daß wundervolle Kerne damals vorhanden waren, Sprossen
und Zweige wuchsen und mit Blüten sich schmückten, denen es nur deshalb
versagt war, auch reife und herrliche Früchte zu tragen, weil rauhe
Stürme und schwerste Unwetter die jungen Pflanzen niederschmetterten
und roher Krieger Fuß sie zertrat. Doch unsterblich scheint ihr Wachsen
unter der Erde in der Stille weiter gediehen zu sein; immer aufs neue
strecken junge Knospen ihre Häupter hervor, und so mag auch hier
versucht werden, einen Teil jener Pflänzlein weiter zu hegen und zu
pflegen zu neuem Wachstum und neuer Blüte.

[Illustration]


  [1] Es sei hier betont, daß obigen Bemerkungen nicht etwa irgend eine
      gewisse Rassetendenz, sondern nur nüchternste Beobachtung
      einfachster Vorgänge zugrunde liegt. Was in der edlen Tierwelt,
      so beim Pferde, die sorgfältigste Reinhaltung der Stammbäume an
      Geschöpfen von wahrhaft klassischer Schönheit und herrlichster
      Kraft hervorgebracht hat, steht vor aller Augen und beweist uns,
      daß es nicht zu spät zu sein braucht, noch in zwölfter Stunde,
      gleiche Grundsätze auch auf das Wichtigste im organischen Leben
      des Volkes, seine eigene Fortpflanzung mit gleich herrlichem
      Erfolge anzuwenden. Sollte das Ebenbild Gottes nicht unendlich
      mehr noch dessen wert sein, was einem nur nützlichen und schönen
      niedrigeren Geschöpfe an Liebe und Sorgfalt in dieser Richtung
      gewidmet wird?




[Illustration: GRÄBER UND KLEINWERK]


[Sidenote: Die Gräber]

Mehr denn irgendein Volk der Erde hat das germanische in der Erde und
den Gräbern geborgen von seinen köstlichsten Besitztümern. Seine ganze
Welt fast hat es mit seinen Toten begraben und ihnen mitgegeben; alles,
was ihr Leben umgab, erhielt, verschönerte und weihte. Darum, da sich
die Gräber öffnen, ersteht das lange Verschwundene aufs neue in nie
geahnter Fülle vor uns. Wenn dichtes Gewölk uns früher das Leben und
seine Formen bei unsern Vorfahren verhüllte, so tritt das alles heute
mehr und mehr ins helle Licht. Und wunderbar: früher wohl erschienen
uns die großen Gestalten unserer alten Sagen und Mären eher im Gewande
des ritterlichen Mittelalters, heute begreifen wir, daß Nibelungen- und
Amelungenlied, ja daß die gesamte epische Poesie, die uns als die des
Mittelalters erschien, der viel größeren Völkerwanderungszeit angehört
oder auf ihr ruht. Nicht halbgallischer höfischer Minnesang, sondern
eigene Heldenlieder aus ganz fernen Tagen bilden jenen herrlichsten
Schatz deutscher Dichtung. Und mitten darin prangt die gewaltige
Heldengestalt Dietrichs von Bern, Theoderichs des Großen, des Königs
der Ostgoten.

Auch nicht im glänzenden Plattenharnisch, als wie zum Turnier gerüstet,
sondern in der Ring-Brünne, nicht im finstern federgeschmückten
Visierhelm, sondern mit freiwallenden Blondlocken unterm Spangenhelme,
mit dem scharfen Speer, dem funkelnden Langschwert und dem Skramasax
gewaffnet, den lindenen Randschild am Arm und sonst leicht und frei
gekleidet haben wir jene Helden unserer frühesten Vergangenheit zu
sehen.

Das und so vieles andere zeigen uns ihre Gräber. Wenn in vorhergehenden
Zeiten das germanische Volk seine Toten öfters durch Feuer bestattet
hatte, so fügte es ein glückliches Geschick, daß diese Sitte zu Beginn
unserer Zeitrechnung langsam erlosch. Seitdem begruben unsere Vorfahren
ihre Toten mit aller Pracht und Feierlichkeit, deren man damals fähig
war. Wem ist nicht die herrliche Schilderung Platens des Begräbnisses
gegenwärtig, das das Westgotenvolk seinem jugendlichen Könige Alarich
im Busento gerichtet hat?

Und wie viele Grabhügel, Hünengräber, Königsgräber im Norden und Süden
reden von gleichem! Riesige Friedhöfe zeugen von der Pietät und Liebe,
mit der die Germanen ihren Toten alles in ihre Ruhestatt mitgaben, was
ihnen im Jenseits zur Labe und zum Unterhalt, aber auch zum Wirken, zum
Kampf und zum Schutze, zur Pracht und zur Freude dienen mochte.

Da war es nicht nur völlige Kleidung und Körperschutz und Mantel,
reichster Schmuck an Spangen, Ringen, Schnallen und anderem, was man
dem Helden auf seinem dunkeln Wege ließ, da waren es vor allem alle
seine Waffen, Speer, Lang- und Kurzschwert, Dolch und Messer, Helm
und Schild, wohl auch Ringpanzer, was man den Helden auch fürder zu
begleiten für unentbehrlich hielt.

Sodann, was ihm nützlich, lieb, auch Zeichen seiner Würde war, wie
Siegelring und Ähnliches; nicht minder Geld und Gold auf den Weg; dazu
kleine Zehrung in allerlei Gefäßen von Ton, Glas, Bronze, Silber und
Gold, sogar geschlachtete Tiere für die weite Reise; und daß es an
Jagdbeute nicht fehle, daneben die Hunde, getötet. Zum Reiten dann,
zur Seite lang gelagert, das Lieblingsroß mit Zaum und Sattelzeug;
wollte er gar lieber fahren, so stand ihm dabei ein köstlicher, reich
mit Metall beschlagener Wagen, darauf sein Königsstuhl. Zuletzt gar,
so des Königs oder Häuptlings Reise vielleicht über Meer gehen konnte,
war alles das im schnellen Seeschiffe beigesetzt und gebreitet, mit
Schilden längs dem Bord, mit Ruderbänken, Riemen und Steuer.

Den Frauen schuf man nicht minder prächtiges Begräbnis, nur daß da die
Kriegswaffen und das dem Manne allein Eigene fehlte.

Im Binnenlande aber erbaute man wohl den Toten ein Steinhaus aus
riesigen Platten mit einem Felsen darüber, oder ein Holzhaus, innen
reich geschnitzt und bemalt, wie er es im Leben bewohnt hatte, und
setzte ihn mitten hinein in einem Sarge in Gestalt eines hölzernen
Bettes mit gedrehten oder geschnitzten Wänden.

Über all dem schüttete man den Grabhügel, wie einen Berg, für Große,
Häuptlinge und Könige.

[Sidenote: Friedhöfe]

Sonst aber legte man breite Friedhöfe an, später meist um ein
Heiligtum, eine Kapelle, auf denen das ganze Volk in langen Reihen,
in hölzernen oder steinernen Särgen, gemauerten, vielleicht auch nur
gegrabenen Grüften ruhte. Riesige Gottesgärten mit ihrem ganzen Inhalt
hat man in letzten Jahrzehnten aufgefunden und geöffnet; besonders
reiche, ja prächtige, was ihren Inhalt anlangt, in Italien und
Frankreich. Bald vergessen hatten sie ihre Schätze treu bewahrt und
geschützt, viel mehr denn tausend Jahre lang.

So können wir uns denn ein ziemlich vollständiges Bild machen
wenigstens von der Kleinkunst jener Zeiten bei den germanischen
Völkern, da wir ihre Zeugnisse noch heute in die Hand zu nehmen, zu
studieren und uns an ihnen zu erfreuen vermögen. Davon ist ein reicher
Schatz vor uns ausgebreitet.


Kleidung und Schmuck.

[Sidenote: Stoffe der Bekleidung]

Über die Kleidung der germanischen Stämme sind wir am besten
unterrichtet da, wo noch originale Dokumente sich erhielten. In
Dänemark insbesondere haben uns Funde im Moor, das alles, selbst
Stoffe wunderbar schützt, Überraschendes geliefert. Sonst müssen
uns bescheidene Reste, die etwa an verrosteten Waffen klebten, oder
bildliche Darstellungen, wie sie sich auf Römerwerken (Triumphsäulen)
bieten, zur Ergänzung der geschichtlichen Nachrichten behilflich sein.
Es ergibt sich, daß vor uralter Zeit die Germanen Lederschuhe, oft
schön geschnitten, manchmal eine Art Strümpfe, Hosen, Unterkleider und
Mantel trugen; bisweilen eine Mütze, wenngleich die Mehrzahl ihre Haare
frei wallen ließ. Von den farbigen Wollstoffen, die meist grün, rot
oder braun waren, sind damastartig gemusterte Reste vorhanden; auch
an Leinen fehlte es nicht. Selbst aber von Brokatstoffen, mit Gold
durchwirkten Borten und Ähnlichem sind Reste gefunden. Ganz reiche
Gewänder waren mit kleinen oder größeren Kleinodien besetzt, so gerne
mit nachgebildeten Käfern und Insekten; des Merowingers Childerich
Gewand mit goldenen, edelsteinbesetzten Bienen, wie sie später den
französischen Kaisermantel schmückten.

Die Franken liebten es, ihre Unterschenkel mit Binden und Riemen
zu umwickeln. -- Oft trugen sie darunter leinene Hosen, da Leinen
überhaupt in ähnlicher Weise wie heute noch zu Hemd und Unterkleid
verwandt wurde. Auch der Leibrock war später oft von Leinen.

Im Winter und im Norden war immer Pelzkleidung, die man gerne reich
gestaltete und mit schönem Besatze schmückte, gebräuchlich, aber die
Germanen behielten solche liebe Tracht überall bei; selbst in Spanien
noch war sie bei den Westgoten bis zum Arabereinbruche verbreitet.

[Sidenote: Riemen mit Beschlag]

Über die Schultern des mit farbigem Leibrock bekleideten Mannes wie
der Kleid und Mieder tragenden Frau fielen mantelartige, oft reich
gefärbte Gewänder, die rechts und links oben durch schöne Spangen oder
Langfibeln gehalten wurden. Die Rundfibeln auf der Brust der Frauen
waren häufig mit langen Haken zum Raffen der Kleider verbunden. Die
Ledergürtel trugen Beschlag von Eisen, Bronze, Silber und Gold, vor
allem oft herrliche Schnallen mannigfachster Gestalt, nicht selten
selbst mit Edelsteinen besetzte; gleiches galt für die allerlei Riemen,
die das Gewand durchkreuzten; herabhängende Riemenenden wurden mit
ähnlichen metallenen Riemenzungen abgeschlossen (Abb. 8). -- Am Gürtel
hing die reiche Bügeltasche und der Skramasax, auch Dolch und Messer;
nicht minder Ringe mit Toilettengegenständen, Schere, Zänglein und
Ohrlöffel, auch etwa Werkzeug wie Bohrer u. dgl.

Vielfache Spuren lassen es als sicher erscheinen, daß eine reiche
Behandlung des Leders, nicht nur der Schuhe, in Zierschnitt, Ausnähung,
Metallbesatz u. dgl. überall üblich war. Also eine Technik, die dem
germanischen Kunstgewerbe bis heute eigen blieb.

[Sidenote: Spangen]

Den schönen und meist großen, ja manchmal kolossalen Langfibeln auf den
Schultern wurde die feinste Kunst der Ausstattung zuteil. Sie hatte
sich aus der einfachsten Bronzespange, die der Sicherheitsnadel glich,
zum glänzenden Schmuckstück von reichster Arbeit entwickelt (Abb. 9,
Tafel I).

[Illustration: Abb. 8. Schnallen, Spangen, Riemenbeschlag,
Hängeschmuck.]

Ähnlichen Reichtum an Gestalt zeigen die Rundfibeln von broschenartiger
Form, derer vor allem die Frauen sich bedienten (Abb. 10, Tafel I).

[Sidenote: Ringe]

Dünne und dickere Ringe um die Handgelenke, feinere um die Finger,
Siegelringe bei den Großen schmückten den Mann, solche um den Hals
und verschiedenartigste zierlicher Art für die Ohrläppchen auch die
Frau. Dieser kam wie selbstverständlich noch mancherlei anderes zu,
so Kettenschmuck um den Hals, aus Perlen von Glas, Ton, Edelsteinen
und Bernstein, Silber und Gold; auch Reihen von Gehängen, Münzen,
Goldbrakteaten oft mächtiger Größe u. dgl. Überhaupt liebten die Frauen
hängenden Schmuck aller Art und Form, wie reich durchbrochene bronzene
Zierscheiben und dergleichen mit daran schwingenden Zierkettchen und
Gehängen. Dazu Nadeln reicher Gestalt, bisweilen mit Falkenköpfen, für
den Schmuck des Haares; Holzkästchen zur Aufbewahrung des Schmuckes gab
es dabei, von denen sich öfters der Bronzebeschlag erhielt.

[Sidenote: Toilettegegenstände]

Zugleich mangelte es nicht an Toilettegegenständen für allerlei Zwecke.
So sind in den Gräbern beinerne und elfenbeinerne Kämme (der der
Theudelinde zu Monza besteht sogar ausnahmsweise aus Gold mit Filigran
und Edelsteinen) sehr häufig; oft verziert mit dunklem Linienornament,
meistens Bogenfriesen, auch mit geschnitzten Tierköpfen und dergleichen
(vgl. Abb. 11).

Die erwähnte am Gürtel hängende Tasche trifft man häufig; ihren Bügel,
den noch heute üblichen ähnlich, stellte man gerne aus kostbarem Metall
mit Steinschmuck her. Sie barg Gold- und Geldschatz für den dunkeln Weg
des Toten.

Zuletzt gedenken wir der vielerlei sonstigen Zugaben, z. B. der
Amulette aus edlen Steinen, aus Jagdtrophäen, Zähnen, Krallen, Horn
oder Bein u. dgl.; Kugeln aus leuchtend klarem Bergkristall wurde eine
besonders schützende Kraft zugeschrieben.


Waffen zu Trutz und Schutz.

[Sidenote: Schwert (Spatha)]

Von alters her, schon zu den Zeiten, da es nur Bronze gab, um solche
zu schmieden, sind die langen Schwerter die Hauptwaffe der Germanen
gewesen. Ihre Herstellung aus Eisen oder Stahl gestaltete ihre Form
gänzlich um, da sich nun Griff und Klinge im Material wie in der Form
voneinander trennen mußten. Die mit großer Sorgfalt, ja mit unsäglicher
Mühe, wie uns die Wielandsage berichtet, zusammengeschmiedete Klinge,
die oftmals reich damasziert ist, bildet den Stolz des Besitzers durch
Härte und Schärfe; der kurze Griff schmückt das Werk in künstlerischer
Form und Ausstattung, das Ganze trägt dann einen weit klingenden Namen
(Balmung, Notung ...).

Der Rost hat jene edlen Klingen großenteils verzehrt, so daß wir nur
noch an dem reichen Schmucke des Heftes und Knaufes den Wert der
einstigen Waffe erkennen. Aber hier gibt es gar viel Schönes zu sehen,
an kostbarer Bekleidung des Griffes, an Schmuck und Besatz der kurzen
Querstange und des Knaufes in Gold und Edelsteinen wie in feiner Arbeit
in Filigran.

Das Schwert hing, wenn allein, an der rechten Seite an einem Riemen,
der über die Schulter ging.

Nicht minder prangten die Scheiden, die meist in Holz mit Lederüberzug
hergestellt waren, mit schönem Besatz. War ihre Fläche selber oft schon
mit allerlei Muster übersät, so bildeten die Fassungen am Eingange für
die Klinge, die Querringe und das Ortband die prächtigsten Zieraten.

[Sidenote: Skramasax]

Gleiches galt für das vor allem bei den Franken gebräuchliche
einschneidige Kurzschwert mit langem Griff, den breiten Skramasax, der
dem Krieger zur Rechten oder zur Linken hing.

Lange und kurze Messer wie Dolche wurden in gleicher Pracht geschmückt,
ebenso ihre Scheiden.

[Sidenote: Speer]

Der Speer mit breitem Blatte ist gelegentlich ein Gegenstand
liebevoller Durchbildung; selbst mit Silber und Gold wurde seine Klinge
eingelegt oder tauschiert, sein Schaft geschnitzt und mit reichen
Ringen von Edelmetall umfaßt.

[Sidenote: Axt]

Der fränkische Angon -- die Lanze mit langer dünner Eisenspitze und
Widerhaken -- diente zu reinem Kampfzwecke, erfuhr keine besondere
künstlerische Durchbildung. Die Franziska (francisque) dagegen, die
gefürchtete Streit- und Wurfaxt der Franken, besaß einen künstlerisch
hoch interessanten und eleganten Umriß.

[Sidenote: Bogen]

Bogen und Pfeile behielten naturgemäß der Regel nach die reine
Nutzform, die ihnen das Bedürfnis aufnötigte; doch wird berichtet,
daß der Eibenholzbogen manchmal geschmückt, ja mit Metall und Steinen
besetzt war; schöngezierte Bogenenden haben sich vorgefunden.
Die Köcher für die Pfeile erfreuten sich dagegen meist reicherer
Durchbildung mit Lederüberzug, Riemen- und Fransenschmuck, Metallringen
und selbst kostbarem Beschlag.

[Sidenote: Schild]

Die unentbehrlichste Schutzwaffe war der Schild; von alters her bei
den Germanen stets rund, aus Lindenholz, mit Leder überzogen. In der
Mitte hatte er ein Loch, um der fassenden Hand Platz zu gewähren,
die von hinten den darüber querliegenden Schildgriff ergriff. Sie
zu schützen erhob sich über der Handöffnung nach außen der hutartig
gestaltete Schildbuckel oder Nabel. Sein Rand war mit Nieten auf den
Schild befestigt, seine Spitze kegel- oder halbkugelförmig; der meist
aus Eisen bestehende Buckel war oft mit schönem Bronze-, manchmal
selbst mit Silber- oder gar Goldschmuck besetzt oder mit edlem Metall
überzogen und von Edelsteinen umgeben. Den Schild umzirkte ein Rand,
der bei einem besonders kostbaren ostgotischen sogar aus Gold mit roten
Edelsteinen in Zellen besteht. Die Lederfläche des Schildrundes war
wohl meist bemalt, benagelt, besetzt oder sonst geschmückt.

[Sidenote: Helm]

Helme schützten zuerst vorwiegend das Haupt der Könige und Führer
als Zeichen der Herrschaft, erst spät das der Krieger. Was uns
erhalten ist, zeigt uns meist den verzierten Spangenhelm von kegeliger
Kuppelform, oft mit Stirn- und Nasenschild, wohl auch mit Wangenschutz.
Die Spangen von Bronze oder Eisen geben die Stärke, die Felder
dazwischen, mit Reliefs und Ähnlichem gefüllt, aus edlerem Metall, wie
das Stirnschild, den Schmuck. Die nordische bildende Kunst versuchte
sich hier sogar in getriebenen figürlichen Darstellungen.

[Sidenote: Panzer]

Panzer, aus Ringen gebildet, Brünnen, fehlen nicht, ohne jedoch in den
Bereich der bildenden Kunst oder der Schmuckkunst zu treten.

Solche Bewaffnung (Abb. 11) genügte aber sicher, um den Träger zu einem
nicht nur geschützten und stark gerüsteten Kriegsmanne, sondern auch zu
einer prächtigen Erscheinung zu machen, wie solche von den Südländern
mit Staunen geschaut und von ihren Schriftstellern oft gepriesen wurde.

[Illustration: Abb. 11. Germanische Waffen und Toilettegegenstände.]


Weitere Ausstattung und Mitgabe.

[Sidenote: Gefäße]

Es kommen noch die verschiedenen Gefäße in Betracht, die die Pietät
der Trauernden mit Nahrung füllte für den weiten Weg, den der Tote vor
sich hatte. Dazu auch die Trinkgefäße; Trinkhörner mit Zierbeschlag
nach uralt nordischem Brauche für den Met und ähnliches Getränk, dessen
Genusse der Germane wie bekannt von jeher zugetan war. Die Vornehmen
tranken später auch gerne Wein, besonders gewürzten.

Geschadet hat dem Germanen, wie es scheint, diese Eigentümlichkeit in
den zweitausend Jahren, die wir ihn so kennen, zum Glücke eigentlich
wenig, trotz der verschiedenen Ansichten, die sich in den modernen
Bestrebungen und Moden nach entgegengesetzter Richtung zur Geltung zu
bringen suchen. Vielmehr mag ihn ein froher Trunk und heiteres Gelage
vor manchem Schlimmeren bewahrt haben.

[Sidenote: Glas]

Eine reizvolle Ergänzung fanden jene Gegenstände in den zahlreichen
Glasbechern verschiedenartigster Formung. Gewiß haben die Germanen
diese Technik von den darin so erfahrenen Römern gelernt und sich an
bei ihnen Übliches angeschlossen, doch bald mit erfreulichstem eigenem
Erfolge. Insbesondere haben die westlichen Franken hierauf große und
vielerlei Mühe verwandt, und so finden wir mannigfaltigste Grundformen
und Schmuckbildungen an ihren Glasgefäßen; Trinkhörner, Becher und
andere meist hohe fußlose Gefäße (Abb. 12), mit Glasfäden umflochten,
mit allerlei Vorragungen, Knuppen und rüsselartigen Auswüchsen
besetzt, bauchig, hohl, schlank, seltener breit. Auch mit reichem
Schmuck versehen durch eingeschliffenen oder aufgetragenen Zierat,
mit andersfarbigen Glasbändern, selbst ganz durchbrochenen Netzen,
meist blau und milchweiß, besetzt, verraten diese zuweilen ganz zarten
Arbeiten eine hohe Geschicklichkeit in Fortbildung römischer Vorbilder,
selbst der Diatretongefäße, oft aber auch in fast selbständigen
Erfindungen.

Zu den Trinkgefäßen in naher ethischer Beziehung stehen die beinernen
Würfel, den heutigen ähnlich, annähernd von Würfelgestalt, andere stark
verlängert, wie vierseitige Stäbchen gestaltet. Wir wissen, daß die
Germanen dem Spiele huldigten und der Würfelleidenschaft mehr als gut
unterworfen waren. -- Nicht minder liebte man später das Brettspiel;
auch von Spielbrettern erhielten sich zahlreiche Reste, selbst von
Musikinstrumenten.

[Illustration: Abb. 12. Fränkische Glasgefäße.]

[Sidenote: Holzgefäße]

Von anderen Gefäßen finden wir einfache Nutzgeräte, von der mit Pech
oder Harz gedichteten Holz- oder Spanschachtel und dem feineren
Trinkbecher aus Holz mit Bronzeschmuck und dem Holzeimer mit
Metallbeschlag, Reifen und Henkel bis zur bronzenen Prachtschale und
selbst silbernen und goldenen, reichen und großen Gefäßen, insbesondere
flachen Schalen oder schüsselartigen, darunter sich sogar mit
Edelsteinen besetzte oder mit Schmelz geschmückte finden.

[Sidenote: Ton]

Auch an Tongefäßen (Abb. 13) hat es nicht gefehlt, weder an Kannen,
Krügen, noch an Schüsseln und Vasen; ursprünglich nur mit der Hand ohne
Drehscheibe geformt zeigen diese Töpfereien an Zier meist Reihen von
eingedrückten Mustern, manchmal auch in einer Farbe aufgemalte; beides
mit Geschmack ausgeführt. Solche mit erhöhten Rippen und Knuppen sind
im Norden zahlreicher (Hannover). Ihre Farbe ist oft schwarzglänzend.

Selbst Kannen u. dgl., deren Gestalt die Tierform nachahmt, kommen vor.
Kurz, wenn auch die Gefäße in Ton weniger ansehnlich sind, vor allem
weil sie meist der Farbe, stets der Glasur entbehren, so bilden sie bei
näherem Studium doch ein reiches Feld, in bescheidenerem Rahmen Beweis
genug von dauerndem Bemühen der Germanen auch auf diesem Gebiete.
Wer die Reihen solcher Arbeiten, wie sie z. B. im hannoverschen
Provinzialmuseum in gewaltiger Menge sich dem Auge bieten, überblickt,
kann sich nicht verhehlen, daß auch in diesen vorwiegend mattglänzend
schwarzen Potterien von mannigfachster Gestaltung und Bildung eine
nicht ganz verächtliche künstlerische Arbeit niedergelegt ist.

[Illustration: Abb. 13. Germanische Tongefäße.]

[Sidenote: Pferdegeschirr]

War dies in der Regel, was man den Großen der Germanen ins Grab
mitzugeben pflegte, so finden sich auch sonst noch merkwürdige Dinge
genug. Da liegt, wie erzählt, neben dem Toten gar oft das getötete
Streitroß; und naturgemäß bei ihm dessen gesamte Ausstattung an
Geschirr und Sattelzeug. Geradezu herrliche Zäume, mit den in Gold
und Silber tauschierten eisernen oder bronzenen, silbernen, goldenen
Schnallen und Besatzstücken; selbst mit Email oder Edelsteinen
geschmückte schöne Gebiß- und Geschirrteile, Stirn- und Brustschmuck
gibt es, dazu Reste von reichen Sätteln, die besonders die Langobarden
mit getriebenen und mannigfach geschweiften Goldzieraten zu besetzen
liebten.

Natürlich mangeln dem Reiter dann die mannigfaltig gebildeten, meist
eisernen, oft reich tauschierten Sporen nicht.

Auch verzierte Hundehalsbänder glaubt man gefunden zu haben.

[Sidenote: Möbel]

Ja selbst Reste von metallenen Stühlen, mit Silber und Gold eingelegt,
traf man bei dem Toten, für seinen Gebrauch aufgestellt.

[Illustration:

  II

Abb. 14. Tournai. Aus Childerichs Grab.]

In süddeutschen Gräbern fand man hölzerne gedrehte Leuchter, die den
Gebrauch von einer Art Kerzen bezeugen.

[Sidenote: Schiffe]

Hatte man einen Seehelden zu bestatten, so liegt denn dieser mit all
seinem Schmuck, seinen Waffen und Beigaben gar mitten im Schiffe. Die
bekannte Sitte der späten Wikinger, ihre toten Seekönige mit dem, was
ihnen lieb und wert war, auf sein Seeschiff zu setzen und dieses, wenn
es ins Meer trieb, den Flammen zu übergeben, scheint keineswegs so
verbreitet gewesen zu sein, als man annimmt. Vielmehr hat sich eine
verhältnismäßig große Zahl von Toten, die in der geschilderten Art
im Erdboden in ihren Schiffen begraben sind, vorgefunden. Darunter
finden sich reichgeschnitzte Fahrzeuge, deren schlanker und scharfer
Bau und erstaunlich gediegene Schiffbautechnik die Bewunderung der
Gegenwart erregen. Die bekanntesten sind die von Gokstad und Oseberg.
Die ältesten waren ohne Mast und Segel, nur mit Ruderern bemannt, deren
Schilde als vielfarbiger Schmuck in langer Reihe ihren Bord zierten.

[Sidenote: Begräbnis König Harald Hilvelands]

Zuletzt noch gedenken wir der Erzählung eines altnordischen Sängers vom
Begräbnis des Königs Harald Hilveland: „Am Tag nach der Schlacht von
Brâvalle befahl der König Ring, den Leichnam König Haralds aufzuheben
und ihm das Blut seiner Wunden sorgsam abzuwaschen; dann sollte er
auf den Wagen gelegt werden, auf dem der Held im Kampfe gestanden
hatte. Nachher wurde ihm ein Hügel getürmt und Harald auf dem edlen
Renner dorthin geführt, der ihn im dichten Schlachtgetümmel getragen
hatte. Das Roß wurde da getötet, und König Sigurd gab dem Toten
seinen eigenen Sattel, indem er sagte, er überlasse es ihm, ob er in
Walhalla einreiten oder einfahren wolle. Und ehe der Grabhügel sich
schloß, lud König Sigurd seine Großen und Krieger ein, Ringe und schöne
Waffenstücke in das Grab zu werfen.“

Wenn auch dieser Bericht nicht unbedeutend jünger ist als die Zeit,
die uns hier beschäftigt, so spiegelt er doch allzu getreu die
uralte nordische Art der Heldenbestattung wider, als daß wir ihn als
Ergänzung zu dem oben Geschilderten missen dürften. Jedenfalls, wie
uns hier diese Sitte in später heidnischer Zeit entgegentritt, blieben
anderseits auch die christlichen Goten, Franken, Langobarden noch lange
bei den alten Gepflogenheiten; es ist bekannt, daß bei germanischen
Völkern das Beigeben von Schmuck und selbst Waffen sogar bis ins
späteste Renaissancezeitalter noch geübt worden ist.

[Sidenote: Wichtige Gräberfunde]

Die Geschichte der hauptsächlichsten Gräber- und Schatzfunde ist von
großem Interesse; sie bestimmt zugleich den Beginn und die Entwicklung
der Würdigung und des Studiums dieser Kunsterzeugnisse. Erst auf sie
gestützt war man in die Lage gesetzt, in ihnen nicht nur Dokumente
hohen Alters, uralter Vormenschen, sondern solche einer eigenartigen
und bedeutenden Kultur und Kunst zu sehen.

[Sidenote: Tournai]

Die erste große auf unserem Felde epochemachende Entdeckung machte
man am 16. Mai 1653, als man in Tournai bei Bauarbeiten neben der
Kirche St. Brice auf das Grab des Königs Childerich I., des Vaters
Chlodowechs, stieß. Die Zahl und Kostbarkeit der gefundenen Schätze
war außerordentlich groß: Waffen des Königs, Axt und Speer und viele
verrostete Eisenreste, sodann ein Schwert mit Griff und Scheide,
besetzt mit Gold und rotem Gestein, ein ähnlicher Skramasax, der
Beschlag eines Kästchens, ein Pferdeschmuck in Gestalt eines goldenen
Ochsenkopfes, dreihundert goldene Bienen, eine goldene Nadel, Spangen,
Agraffen, Schnallen, Ringe, alles von Gold und meist mit roten Steinen
oder Glas besetzt; Goldfäden als Reste von Gewändern; eine Tasche mit
Goldbügel, reich mit Gold- und Silbermünzen gefüllt. Dieser Schatz
(Abb. 14, Tafel II) wanderte nach Brüssel, dann nach Wien, später kam
der größte Teil als Geschenk für Ludwig XIV. nach Paris und blieb
seitdem im Besitz der Nationalbibliothek, 1831 wurde er freilich durch
Diebe entwendet und auf der Flucht in die Seine geworfen, doch meist
wieder aufgefischt. Trotz vieler späterer blieb dieser Fund stets einer
der bedeutsamsten. Die Reste der beiden Schwerter sind in ihrem Schmuck
von Gold und Zellenglas in dieser Art noch immer das Schönste, was wir
von solchen kennen[2].

Die hier in größter Vollkommenheit auftretende eigentümliche
Schmucktechnik des „Zellenglases“ besteht darin, daß auf eine goldene
Platte aufrechtstehende goldene Rippen oder schmale Goldstreifen in
Mustern aufgelötet werden, welche Zellen oder Kästchen zwischen sich
freilassen, die dann durch Almandine, Granaten oder andere Edelsteine,
später durch prächtig gefärbtes Glas (verroterie) ausgefüllt wurden.
Unter den sehr dünnen durchsichtigen Plättchen der Steine oder des
Glases wurden gemusterte, meist gestreifte Goldblättchen (Folien)
eingelegt, deren Muster und Glanz durch den Stein durchschimmert. Das
Ganze hat nachher oft eine wunderbar glänzende Politur erhalten[3].
-- Die farbige prachtvolle Wirkung dieser Art von Juwelier- und
Goldschmiedearbeit ist von jeher höchlich bewundert worden; sie darf
als eine nur den Germanen eigentümliche bezeichnet werden und scheint
im Osten der germanischen Welt, bei den Goten am Schwarzen Meer ihren
Ursprung gefunden zu haben; dort tritt sie schon an Arbeiten des 3.
oder 4. Jahrhunderts auf; ihr Gebrauch blieb lebendig bis ins 10.
Jahrhundert und gewann inzwischen vielleicht nur an einer gewissen
Kraft und Gediegenheit. Es ist erstaunlich, daß, während andersfarbiges
Glas, weißes, grünes und blaues, wie solches insbesondere von den
Franken viel zur Abwechslung eingefügt wurde, heute meist völlig
verwittert, wenigstens unscheinbar geworden ist, das granat- oder
rubinrote sich überall bis heute unverändert leuchtend und prächtig
erhalten hat.

[Illustration:

  III

Abb. 15. Ravenna. Goldharnischreste.

(Phot. Emilia.)]

Mit dem beschriebenen Funde waren zum ersten Male die Blicke der
kunstgeschichtlich interessierten Welt auf jene bisher als barbarisch
geltende Zeit gelenkt, und mußte ihr zunächst wenigstens eine besondere
Art und künstlerische interessante Technik zugestanden werden.

[Sidenote: Pouan]

In Pouan bei Troyes fand man ferner 1842 ein Grab mit reichem Inhalt,
ähnlich wie in Tournai, das man dem Theoderich II., König der
Westgoten, zuschreibt, vor allem darin ein schönes Schwert mit reichem
Griff, ähnlich dem des Childerich, Dolch, Halsring, Armring, Fibeln,
alles in Gold mit Zellenglas, sowie einen Ring mit dem Worte „heva“[4].

Reiche Funde machte man in Italien.

[Sidenote: Ravenna]

Als Arbeiter 1854 bei Ravenna in der Nähe des Theoderich-Mausoleums
einen Bestatteten in ungeheuer reichem Goldharnisch, von anderen
Schätzen umgeben, ausgegraben hatten, von welchen Kostbarkeiten man
den unredlichen Findern leider nur noch einige karge Reste (Abb. 15,
Tafel III) abjagen konnte, glaubte man diese Reliquien Theoderich dem
Großen selber (oder vielleicht Odovaker) zuschreiben zu dürfen. Auch
sie sind in der bekannten Goldzellenart auf das reichste mit Granaten
geschmückt, soweit sie nicht mit Filigran bedeckt sind.

An ihnen ist die Zellenmusterung von besonderem Interesse und ganz
eigenartig nordisch; so kommt in ihr das Zangenornament und Ähnliches
vor, Formen, die man an dem wohl gleichzeitigen Theoderich-Mausoleum in
Plastik wiederzufinden glaubt. Die Zellenverzierung tritt hier sogar
stark gewölbt als Rundstab auf. -- Man hält diese Reste für Teile des
Harnischs und vielleicht des Helms.

[Illustration]

[Sidenote: Cividale]

Seit jenen Funden mehrten sich die Ergebnisse beträchtlich. In
Cividale stieß man 1874 tief unterm Pflaster eines Platzes auf den
Steinsarkophag eines langobardischen Großen, wie man glaubt, des
Herzogs Gisulf († 611), des Neffen Alboins. Er enthielt weniger als
jene Gräber, doch außer den Waffen einigen Schmuck (Abb. 16, Tafel IV),
Fibeln, ein goldenes Kreuz auf der Brust des Toten, eine Kristallkugel,
eine Glasflasche mit Wasser und dergleichen Kleinsachen mehr.

[Sidenote: Castel Trosino]

[Sidenote: Nocera Umbra]

Vorher schon hatte man bei Cividale mehrere Langobardenfriedhöfe
gefunden, die besonders an Schmuck reich waren (Abb. 17, Tafel V).
Später aber folgten die Grabungen von Castel Trosino bei Ascoli (1893)
und Nocera Umbra (1898), wo man ganz große Totenfelder aufdeckte[5].
Man ist nicht sicher, ob die letztere Stätte nicht noch Ostgoten
angehören kann, doch schreibt man gewöhnlich beide Nekropolen den
Langobarden zu.

Besonders reich in der Ausstattung war die Totenstätte von Nocera
Umbra; an Waffen, Schilden und Fibeln (vgl. Abb. 9, Tafel I) fand man
da wirkliche Prachtstücke; ihre Verwandtschaft mit den später in Castel
Trosino in einer mächtigen Zahl von Gräbern vorgefundenen Gegenständen
ist übrigens so groß, daß doch angenommen werden darf, daß die
Bestatteten beider Kirchhöfe Angehörige desselben Stammes waren, und
nur, daß der Kirchhof zu Castel Trosino zeitlich etwas jünger sein
dürfte.

Hier stehen wir vor einer ganzen Welt reichster Kleinkunst; vor Schutz-
und Trutzwaffen aller Art, von Gefäßen in Ton, Glas und Metall, von
Resten der Kleidung, von Schmuck für Frauen und Männer, auch von
Pferdegeschirr, Zäumen und Sätteln. Charakteristisch ist das Material,
vorwiegend entweder Bronze oder Gold mit Edelsteinen, natürlich mit
Ausnahme der Klingen und Speerspitzen. Die goldenen Schmuckstücke sind
oft mit Filigran oder auch ganz mit Zellenglas besetzt.

Man findet bei den Männern häufig Lanzen mit breitem Blatt und Messer
(Sax), der Schild befindet sich meist außerhalb des Grabes; die zwei
schönsten Schwerter haben nordischen Typus, wie die in Wallstena in
Gotland gefundenen, goldenes Gefäß mit Granaten besetzt; in einigen
Frauengräbern traf man kurze Schwerter, bei Knaben Bogen und Pfeile.

Andere Nekropolen hat man in Civezzano, Testona, Piedi Castello,
Dercolo und sonst noch in Italien aufgedeckt. Im erstgenannten Dorfe
stieß man auf die Reste eines langobardischen Großen in einem hölzernen
eisenbeschlagenen Sarge, dessen Schmuck erstaunlich ganz an spätere
schon mittelalterliche Eisenarbeiten erinnert.

Den langobardischen Gräbern sind als besondere Beigabe für die
Männergräber kleine Kreuze aus Goldblech eigen (vgl. Abb. 16, Tafel
IV), die den Toten auf die Brust gelegt wurden; scheinbar mit der
Schere aus einer dünnen reich gemusterten geprägten Goldplatte
ausgeschnitten, oft ohne Rücksicht auf das Muster. Es sind dies höchst
charakteristische und eigenartige Gegenstände, die man sonst wenig fand.

[Sidenote: England]

Wie in der Natur der Sache gelegen, sind die Grabfunde weiter im Norden
in den germanischen Stammlanden noch viel ergiebiger gewesen. Sowohl
Deutschland wie Skandinavien, nicht minder England besitzen zahlreiche
Gräberfelder aus der für uns in Frage kommenden Zeit. Das letztere
Land bietet uns aus solchen Funden schöne angelsächsische Arbeiten von
besonders geschmackvoller Form und reichster Bildung mit ungewöhnlich
verwickelten Linienverschlingungen in Tier- und Bandverzierungen (Abb.
18, Tafel VI). Ein ganz eigenartiges jüngeres Schmuckstück ist uns
dort in König Aelfreds Juwel (Knopf eines Zepters?)[6] erhalten, aus
Gold mit Filigran gefertigt, von etwa herzförmiger Gestalt, unten in
einen Delphinkopf auslaufend, auf der Vorderseite das Bild des Königs
in Schmelz eingelegt, zwei Blumen in den Händen tragend (Abb. 181).
Ringsum am Rand die Schrift: Aelfred mec heht gewyrcan· (A. ließ mich
machen.)

[Sidenote: Deutschland]

Von den reichen deutschen Gräberfeldern jener Jahrhunderte sind die
im Westen meist fränkisch, da längs des Rheines die Uferfranken
wohnten, deren Kultur sich noch weiter nach Osten erstreckte, besonders
mainaufwärts. Von Worms bis Bonn ist eine ungeheuer große Zahl solcher
Friedhöfe gebreitet, deren Schätze besonders die mittelrheinischen
Museen füllen, so die in Worms, Mainz, Wiesbaden, Bonn.

[Illustration:

  IV

Abb. 16. Cividale. Aus Herzog Gisulfs Grab.]

[Illustration:

  V

Abb. 17. Cividale. Langobardische Schmuckgegenstände.]

Hier überall, aber auch im Bereich der Alamannen und Bajuvaren,
tritt nun noch eine andere Technik der Verzierung auf, die nach
Westen bis tief ins fränkisch-merowingische Reich gefunden wird: die
Herstellung des Schmuckes, besonders der Schnallen (vgl. Abb. 8), der
Riemenzungen und Besatzstücke aus Eisen mit Silber- und Goldauflagen,
mit edlen Metallen „tauschiert“. Woher diese Kunst kam, ist noch nicht
festgestellt; arabisch-maurische, persische und indische Metallarbeiter
pflegten sie später besonders. Band- und Tierverschlingungen, aus
Streifen und Stückchen des edlen Metalls gebildet, wurden auf den
rauh gemachten Eisengrund aufgehämmert und ergaben prächtige Wirkung;
herrliche Arbeiten dieser Art fand man bei Reichenhall wie im
Burgundischen und an der Loire bei Orleans. Es scheint indessen, daß
die süddeutschen Stämme die Hauptträger dieser reichen und schönen
Technik blieben, deren Ergebnis sich dann ins Reich der Franken
verbreitete.

[Illustration: Abb. 19. Nordische Spange. Nach Salin.]

Auch das Niello, das Einlegen schwarzen Schwefelsilbers in reines
Silber (heute in Rußland als Tula bekannt), wurde gerade in jenen
Gegenden geübt, übertrug sich übrigens weit nach Norden.

[Sidenote: Skandinavien]

In ganz besonders großem Maßstabe jedoch haben die hochnordischen
Gräber ihren Inhalt wieder hergegeben, und eine ungeheure Fülle der
schönsten Arbeiten sind in Dänemark und Schweden, auch in Norwegen
gefunden worden (Abb. 19). Hat doch in jenen Gegenden das Germanentum
sich viel länger ungestörter Ruhe und Entwicklung erfreuen können;
selbst das Christentum drang dort erst im späteren Mittelalter ein. So
folgte der Völkerwanderungszeit noch die Wikingerzeit als eine weitere
Phase rein nordisch-germanischen Völkerlebens; und erst das 11. und 12.
Jahrhundert brachten die inzwischen eingetretene weitere künstlerische
Entwicklung, die wir den romanischen Stil zu nennen pflegen, fertig
nach dem Norden. Dann erlosch auch da die alte Selbständigkeit und das
original-germanische Wesen langsam; freilich hatte es dort bis dahin
sozusagen nur eine Art von Provinzialkunst gegeben, wenigstens in bezug
auf die Baukunst.

[Sidenote: Einheit dieser Kleinkunst]

Jedenfalls aber hatte sich germanische Kleinkunst dort am
ungestörtesten entwickelt und verbreitet und bis heute noch in großem
Umfange erhalten. Denn schon die Königsschätze und Horte waren
nicht wie im Süden fortwährendem Besitzwechsel, ihr Edelmetall dem
Umschmelzen und Umformen ausgesetzt; vieles von ihren Bestandteilen hat
sich gerettet, und so bieten die nordischen Museen uns vergleichsweise
eine Überfülle wirklich prachtvoller Arbeiten, obwohl es im Süden deren
einst unendlich viel mehr gegeben haben wird. Aus ihnen und ihrer
Vergleichung ist aber stets aufs neue zu entnehmen, daß die germanische
Kleinkunst in einer wahrhaft erstaunlichen Gleichmäßigkeit über alle
germanischen Stämme gebreitet war, und daß es selbst heute bei so
gewaltig gewachsenem Material noch nicht leicht ist, diese Arbeiten
sicher auf ihren engeren Ursprungsort zu bestimmen. Der Gotenstrom
brachte seine reiche Goldtechnik mit Steinbesatz vom Schwarzen Meer bis
nach Portugal und Nordafrika; andere eigentümliche Zierformen, so die
Langfibel, finden sich in gleichartiger Bildung in vertikaler Richtung
dazu gleichmäßig vorhanden in Skandinavien wie in Süditalien. Nur
wenige besondere Eigentümlichkeiten lassen sich etwa als hochnordisch,
andere als burgundisch, andere als süddeutsch bezeichnen. Es muß eine
andauernde ausgleichende Wechselwirkung unter den germanischen Stämmen,
ein fortwährender Austausch, sei es durch Handel, Wanderung, Heirat
oder auch Erbeutung oder Schenkung, stattgefunden haben, so daß wir
in Ostungarn Typen finden, die uns plötzlich in der Normandie wieder
begegnen, in England solche, die langobardischen Künstlern anzugehören
scheinen, in Portugal andere, die von der Küste des Schwarzen Meeres
stammen. Auch der Schatz Childerichs enthielt solche der letzten Art.

Daher bleibt der altgermanische Kleinkunstschatz, wie ihn die Gräber
bieten, eine merkwürdig kompakte und gleichmäßige Masse und lehrt uns
das Germanentum während und nach der Völkerwanderung doch wenigstens
auf diesem Gebiete als eine abgerundete und in sich höchst gleichartige
Einheit kennen.


Andere Werke der Kleinkunst.

[Sidenote: Stiftungen für Kirchen]

Eine andere Fundgrube herrlichster Arbeiten auf dem Gebiete der
altgermanischen Gold- und Silberarbeiten bieten uns die alten Schätze
der Kirchen. Fromme Fürsten haben von jeher dem Höchsten und den
heiligen Stätten reichste Geschenke gemacht, bei ihrem Tode auch oft
ihre köstlichste Fahrhabe vererbt, und davon birgt noch mancher uralte
Kirchenschatz trotz der fast anderthalb Jahrtausende einen Rest. Von
den Geschenken der Königin Theudelinde, der großen Langobardenkönigin,
die dem Schatze ihres Domes in Monza eine Fülle von solchen hinterließ,
an gerechnet, bis zu denen der Ottonen an die Quedlinburger Domkirche
ist Prächtiges genug vorhanden, wenn auch sicher Raub, Not und Habsucht
wie Unfall uns nur einen winzigen Bruchteil des einst Geschenkten
übrigließen. Einen ungefähren Blick in die Welt der verlorenen
Kirchenschätze gestattete uns der glücklichste Fund, der vor einigen
Jahrzehnten in Spanien einen kleinen Schatz von goldenen Weihekronen
und Kreuzen, wohl vor dem Arabereinbruch von 711 gerettet, zutage
förderte, uns einen Begriff gebend von dem Reichtum, mit dem die
westgotischen Könige und Großen ihre Kirchen schmückten. Erzählt doch
ein arabischer Schriftsteller Wunderdinge von den von den Arabern
erbeuteten Mengen solcher goldener Kronen, die die Frömmigkeit der
Westgoten in der Hauptkirche, der späteren Moschee, zu Cordoba zum
Schmucke des Gotteshauses aufgehängt hatte.

[Illustration:

  VI

Abb. 18. Angelsächsische Spange von Bonsell.]

[Illustration: Abb. 22. Kreuz König Reccesvinths. Madrid.]

Überhaupt ermöglichen uns erst die Nachrichten der alten Schriftsteller
eine schwache Vorstellung von dem einst an Schönheit da wirklich
vorhanden Gewesenen, dem leider die Kostbarkeit des Stoffes stets ein
rasches Ende schuf, sobald es als Kriegsbeute oder Tribut in andere
gierige Hände fiel.

[Sidenote: Horte]

So wissen wir auch aus unserer ältesten Poesie viel von dem Schatze,
den jeder alte Germanenkönig besaß; wir wissen aus dem Nibelungenliede,
in dem ja der Nibelungenhort jene so furchtbare bluttriefende Rolle
spielt, daß jeder Fürst seinen Recken wie seinen Gästen mit reicher
Goldgift lohnte und sie begabte, daß er dafür als „mild“ weit und breit
gepriesen wurde. Freigebige Mildigkeit, die mit goldenen Ketten und
Kleinodien, Bechern, Schwert, Helm und anderen kostbaren Gewaffen die
Getreuen überströmte, war der erste Ruhmestitel des größten Königs.

Alles dies gewinnt doppelt an Bedeutung, wenn wir uns vergegenwärtigen,
daß der Hort des Königs auch gleichzeitig den Staatsschatz bildete, aus
dem die öffentlichen Ausgaben für Volk und Heer bestritten wurden. Wir
wissen, daß die südfranzösischen Westgoten in ihren erbitterten Kämpfen
mit den Franken mehrfach ihres Hortes verlustig gingen, den sie zuletzt
in der gewaltigen Feste Carcassonne bargen, die noch heute mit ihrem
imponierenden Mauer- und Turmkranz als ein unvergleichliches Wunderbild
aus längstvergangener Zeit über die Lande ragt. Überall suchten sich
die Germanen für solchen Schutz burgartig hochgelegene starkumringte
Städte, deren uns die spätere Hauptstadt des westgotischen Reiches in
Spanien, Toledo, ein Gegenstück zum festen Carcassonne zeigt.

Von dieser Kunstliebe der germanischen Fürsten gewährt uns das
Testament eines ihrer letzten, Karls des Großen, ein Bild, in dem der
sterbende Kaiser über seine Schätze zugunsten von Kirche und Armen,
von Stiftungen und auch seiner Söhne verfügt; einen Schimmer davon,
welche Schätze der mächtige Mann in seinem Palast zu Aachen aufgehäuft
hatte.

[Sidenote: Schatzfunde]

[Sidenote: Szilagy-Somlyó]

Als die bedeutsamste Ergänzung traten kleinere und größere wirkliche
Schatzfunde hierzu. Dergleichen kam wohl überall gelegentlich vor,
in großem Maßstabe aber besonders in Ungarn und weiter im Osten. So
kam schon 1797 in Szilagy-Somlyó plötzlich ein kleiner Hort, 1889 ein
zweiter zutage, die man offenbar, um sie zu sichern, vergraben hatte;
Ketten, Gehänge, Armbänder, Gürtel, Medaillons, prachtvolle Spangen
mit reichem Steinbesatz, Schalen, Ringe, eine gewaltig große Goldfibel
mit reichen Steinen von stärkster Plastik, vielleicht ein kaiserliches
Kleinod u. dgl. m.[7]

[Sidenote: Petrossa]

Großes Aufsehen erregte aber vor 20 Jahren der umfangreiche Goldfund
von Petrossa (Petreosa) in Rumänien, den man für den Schatz des
Gotenkönigs Athanarich († 381) erklärt. Erhebliche Stücke davon sind
in den Besitz des Königs von Rumänien gerettet, von denen große
Amphoren, eine diskusförmige Platte mit getriebenen Figuren, zwei
kleinere schlanke Krüge, eine Fibel in Gestalt eines Sperbers, zwei
in Vogelform, reicher Halsschmuck, zwei durchbrochene Schalen die
Hauptstücke bilden. Auch hier, wie bei allen Arbeiten aus dem Besitze
der Goten, spielt ein überreicher Besatz von roten Steinen, als
Plättchen in Zellen und Kästchen ein-, wie in runden, erhabenen Formen
aufgesetzt, die wichtigste Rolle. So weit aber die Goten ihren Bereich
und ihre Wohnsitze erstreckten, so weit findet man dergleichen häufig,
und Hampels Buch, welches doch nur von dem in Ungarn, einem Hauptsitze
der Ostgoten, ehe sie in Italien einbrachen, Gefundenen handelt,
enthält eine Menge solcher Kleinodien aller Art.

Die Ergebnisse der Nachforschungen in jenen Gegenden, Südrußland
einbegriffen, zeigen uns unter den germanischen die gotischen Völker
als die ersten Träger dieses neuen Kunstgeschmackes, der so rasch
sich über alle verbreiten sollte. Sie mögen, wie man glaubt, dazu
starke Anregungen nicht nur aus dem oströmischen Reiche und von der
griechischen Kultur, sondern selbst von Persien aus und von den
Sassaniden her empfangen haben. Aber sie haben zuerst auf solchen
ihnen gewordenen Grundlagen neu aufgebaut und eine neue germanische
Kleinkunst zu begründen verstanden.

[Illustration:

  VII

Abb. 20. Krone König Svinthilas. Madrid.]

[Illustration:

  VIII

Abb. 21. Krone König Reccesvinths. Paris.]

Der Bereich dieser ostgermanischen Kunst war ein gewaltiger; selbst
bis nach Sibirien hinein hat man ihr verwandte Arbeiten gefunden; in
Petersburg erfreut man sich des Besitzes zweier besonders kostbarer
Schmuckwerke; der Krone aus Neo-Tscherkask, eines reich mit
Tieren besetzten Diadems, und einer mächtigen Goldfibel in Form eines
Sperbers, der einen Steinbock in den Fängen hält; auch hier wieder der
reiche rote Steinschmuck.

[Sidenote: Guarrazar]

Jener oben erwähnte, so ungemein eigenartige westgotisch-spanische Fund
wurde 1858 gemacht, als man neben der Kapelle des Dörfleins Fuente
de Guarrazar bei Toledo auch ein uraltes Grab, und zwar das eines
Priesters, öffnete und darin einen wahrhaft erstaunlichen Schatz von
goldnen Weihekronen und Kreuzen vorfand, davon der größte Teil sich
heute im Cluny-Museum zu Paris, ein kleinerer Teil in der Armeria
real zu Madrid und dem Museo nacional daselbst (Abb. 20-22, Tafel
VI-VIII) befindet. Gewiß aus dem Besitz einer Toledaner Kirche vor dem
erobernden Strom der Araber 711 hastig gerettet, ein winziger Bruchteil
des dort vorher Vorhandenen dieser Art.

Es ist eine große Reihe goldner Reifen oder Kronen, mit Edelsteinen
aufs reichste besetzt, besonders mit orientalischen (hellen) Saphiren,
Perlen und Granaten. -- Dabei verschiedene Kreuze; teilweise ebenfalls
reich an Juwelen. Diese Steine, soweit nicht in Zellen reihenweise
eingefügt, sind in stark und hoch gewölbter Form aufgesetzt (cabochons).

Die Diademe wurden an goldnen Ketten mit verschiedenartigen Gliedern
aufgehängt, in ihrer Mitte oft ein Kreuz. An den unteren Rändern
mehrerer aber, was für uns von höchster Wichtigkeit ist, hängen an
kleinen goldnen Ketten die Namen der Spender: Reccesvinthus rex
offeret (Abb. 21, Tafel VIII) -- -- Svinthila rex offeret -- --; und
diese Buchstaben sind wieder in Gold ausgeschnitten und mit Granaten
in Zellen bedeckt. -- Auch an den Kreuzen und sonst finden sich
Weiheinschriften: Sonnica offeret, und ähnliche. Hier haben wir also
vor uns die bezeugten Weihegeschenke westgotischer Könige des 7.
Jahrhunderts, Svinthilas (621-31) Reccesvinths (649-72), genau datierte
und beglaubigte Werke altgermanischer Kunst, die seit jener Zeit
unberührt der Auferstehung harrten.

Der Reif des Reccesvinth ist in einer eigentümlichen Weise durch schräg
hochgetriebene Streifen eingeteilt, und diese Streifen sind dann durch
reihenweise angeordnete schiefe Schlitze blattartig gegliedert. Genau
dieselbe Technik kommt auch an den zwei Flügeln eines Kreuzes im Museo
nacional vor (Abb. 22, Tafel VI), welches sich damit als wohl auch vom
König Reccesvinth herrührend kennzeichnet.

Andere Kronen oder Ringe bestehen aus leichten goldnen Gliedern,
die durch Saphire unterbrochen sind; manche sind getrieben und
durchbrochen, so in Arkaden, einer uralten Zierform der Germanen.

Es ist wohl anzunehmen, daß viele dieser Weihekronen tatsächlich früher
als wirkliche Kronen gedient haben mögen, da richtige Diademe, ganze
und halbe, schon bei den Ostgoten am Schwarzen Meer sich vorfinden.

So weit solche Ringe mit Scharnieren versehen und für einen Kopfschmuck
zu eng sind, mögen sie dagegen Halsringe gewesen sein, von deren
Beliebtheit alte Schriftsteller viel und oft sprechen.

[Sidenote: Kelch von Petöháza]

Es ist überflüssig, den noch vorhandenen Besitz aus frühgermanischer
Zeit weiter anzugeben; nur einiger Kelche sei noch gedacht; so des von
Chelles und des kleinen aus Gourdon (Côte d’Or) des Burgunderkönigs
Sigismund († 524), heute in Paris (Bibl. nationale), nebst seiner
Platte, die mit einem Kreuze geschmückt ist, stark mit Zellenglas
besetzt; dann des einfachen kupfernen, mit Silber plattierten Kelches
von Petöháza, dessen Schmuck um den oberen und unteren Rand laufende
Geflechtsstreifen bilden; dazwischen ähnliche Vertikalbänder. Auf dem
mittleren Knauf die Inschrift: Gundbald fecit.

[Sidenote: Tassilokelch]

Vor allem aber des wundervollen Kelches des Tassilo, den dieser
Bayernherzog, von Karl dem Großen bekanntlich tief gedemütigt, der
Kirche schenkte, heute in Kremsmünster. Wenn auch erst im Anfang des
letzten Viertels des 8. Jahrhunderts entstanden, zeigt uns doch dieses
Kunstwerk noch den vollen Reiz jener altgermanischen Zellenglastechnik
und reichen Emails, alles in urwüchsiger Einfachheit, im Figürlichen
von fast finsterem Ernst, aber kraftvoll und wirksam aufgebaut (Abb.
23, Tafel IX).

[Sidenote: Andere Kirchenschätze]

Ähnliche Schätze bergen noch so manche Kirchen. So in Südfrankreich
besonders die an solchen Dingen reiche zu Conques, darunter die
sitzende Statue von Sainte Foy aus Gold, eine Reihe von Reliquiarien,
wie das Pipins von Aquitanien; in Nancy die Kathedrale Kelch, Patene
und Kamm des hl. Gozelin; in Berlin ist jetzt der Schatz Widukinds
aus der Kirche zu Engers (später in der Johanniskirche zu Herford),
Reliquiar und Taufschale, angeblich dem Sachsenherzog von Karl dem
Großen zur Taufe geschenkt. In Spanien prangt die Camara Santa in der
Kathedrale zu Oviedo mit einem herrlichen mit Silber überzogenen und
mit Niello geschmückten Schrein voller uralter Reliquien, worin die
letzten Westgoten die wertvollsten Schätze aus der Kathedrale zu Toledo
vor den Mauren geflüchtet haben sollen -- und manches schöne uralte
Stück bewahren auch unsere alten Dome und Kirchen von Trier, Cammin
(Abb. 24, Tafel IX), Gandersheim, Quedlinburg, Bamberg, Regensburg, St.
Gallen, Chur (s. Abb. 179, Tafel XLVI) usw.[8]. Das meiste ist freilich
jetzt in die Museen gewandert (Abb. 25, Tafel X).

[Illustration:

  IX

Abb. 23. Tassilos Kelch. Nach Falke.]

[Illustration: Abb. 24. Cordulaschrein. Cammin.

(Nach F. Prieß, Denkmalpflege 1902.)]

Darunter befinden sich auch Dinge anderer Art; besonders sind
die Einbände heiliger Bücher oft mit dem wundervollsten Schmucke
ausgestattet[9]; anderseits sind für wertvolle Reliquien köstliche
Gefäße zur Aufbewahrung gebildet; aber auch sonst haben die
Schenker, besonders Fürsten, ihren kostbarsten großen und kleinen
Hausrat in die Heiligtümer ihrer Zeit gestiftet. Der Dagobertstuhl in
Paris, Kamm und Fächer Theudelindens in Monza, Kästchen, Trinkbecher
und Kämme, wie der des Kaisers Heinrich I. zu Quedlinburg (letztere
waren überhaupt besonders beliebt), und so vieles andere geben Zeugnis
davon. Nur die nicht minder oft geschenkten Waffen scheinen aus
den Kirchenschätzen fortgeschwunden, wie die vom Langobardenkönig
Liutprant dem Petersdom zu Rom einst dargebrachten. Von solchen ist
im kirchlichen Besitze heute leider nichts mehr erhalten. -- Dagegen
zeugen noch zahlreiche Reste prachtvoller Stoffe und Gewänder von
der Pracht, die auch darin entfaltet wurde; freilich dürften diese
vorwiegend südlicher oder östlicher Herkunft sein.

[Sidenote: Ambrosius-Altar zu Mailand]

Das größte Stück kirchlicher Goldschmiedekunst und Ausstattung,
ausnahmsweise gleich wirklich für diesen Zweck geschaffen, darf nicht
übergangen werden: der Ambrosiusaltar in S. Ambrogio zu Mailand, den
inschriftlich Bischof Angilbert vor 835 durch Meister Wolvinius[10]
dem Heiligen bilden ließ, ein in der Hauptsache aus getriebenem
Gold und Silber mit reichsten figürlichen Reliefs in mannigfacher
Einteilung auf allen vier Seiten geschmückter Sarkophag oder Schrein,
dessen Flächen durch nach Art des Steinbesatzes in Zellen emaillierte
Rahmen eingeteilt sind. Ob, wie geglaubt wird, die figürlichen
Darstellungen nicht fast alle jünger sind, kann hier dahingestellt
bleiben; auch ich glaube mich dieser Ansicht anschließen zu müssen;
jedenfalls aber ist der Körper und die architektonische Einteilung
des Ganzen der Hauptsache nach noch ursprünglich, vermutlich nur nach
dem Kuppeleinsturz 1196 wiederhergestellt und zum Teil mit neuen
figürlichen Füllungen versehen. Der Schrein prangt außerdem mit
prachtvollem Edelsteinschmuck (Abb. 190, Tafel XLIX).


Das Technische.

[Sidenote: Metalltechnik]

An allen jenen Werken zeigt sich das Germanentum jener Zeitspanne
eigentlich jeder Kunsttechnik, wenigstens in Metall, mächtig.

Des Schmiedens der Schwertklingen haben wir oben schon gedacht.

Der Guß und das Schmieden der Bronze stand schon seit Jahrtausenden in
germanischen Ländern auf hoher Stufe, wie uns die ältesten Bronzewaffen
selbst Skandinaviens beweisen; später auch jede Art von Bearbeitung
dieses schönen Metalls, das dann während der Völkerwanderungszeit
gegossen, getrieben, ziseliert, verzinnt, versilbert und vergoldet
wurde. Gleich kundig waren die germanischen Völker der Silber- und
Goldschmiedekunst; die schöne Kunst des Einlegens von Niello in Silber
ist besonders bei den nördlicheren vielfältig geübt worden. In Gold
verstand man neben dem Schmieden, Treiben, Ziselieren und Schneiden
auch das Löten, das für die Herstellung von Zellenglas, wie des
besonders bei Franken und Langobarden höchst beliebten Filigrans
unentbehrlich war.

Auch das Email, die Schmelzkunst, tritt sehr früh auf; es schließt
sich bereits an die späten römischen Arbeiten an, in deren Nachahmung
es zuerst geübt zu sein scheint. Natürlich als reines in Vertiefungen
gelegtes Grubenemail, meist auf Bronze, so daß bei verschiedenen
Farben diese gewöhnlich durch Bronzestege getrennt sind. Aber auch in
Verbindung mit Gold erscheint diese schöne Verzierungsweise, so z. B.
bei der reizenden viereckigen Goldfibel, die man in Cividale 1874
bei der Eröffnung des Sarkophags des Langobardenherzogs Gisulf auf
der Brust des Toten auffand. Es ist ein farbiger Vogel, blau, grün,
rötlich und weiß, der da in die Vertiefungen der goldnen Vorderfläche
eingeschmolzen ist (Abb. 16). Ganz ähnliche Technik finden wir in der
Camara santa zu Oviedo in dem prachtvollen goldnen Mittelstück des
Reliquiars König Fruelas II. (910), das mit kunstvoll verschlungenen
Linien von rotem Zellenglas oder von Zellengranaten umgeben und gefaßt
ist. -- Auch jener herrliche Altar des Bischofs Angilbert in Mailand
(s. o.) ist mit reichen Streifen transluziden Emails geschmückt und
gilt als ein Werk des beginnenden 9. Jahrhunderts; nach Venturi soll er
in Frankreich auf Befehl Ludwigs des Frommen gefertigt sein.

Das Email in direkt nebeneinander geschmolzenen Farben ohne
Metalltrennung, wie es die späten Römer liebten, ist an frühen
germanischen Schmuckteilen, besonders bronzenen, auch nicht selten,
scheint aber nachher zu verschwinden.

Die Technik des Tauschierens (Aufhämmerns) von Silber und Gold auf
Eisen muß hier nochmals genannt werden als eine ganz besonders
eigenartige und interessante von großer Pracht. Vor allem bediente man
sich ihrer zum Schmucke eiserner Schnallen und Gürtelbesatzstücke,
deren Verbreitungsgebiet sich etwa von Orleans bis nach Wien zu in
breitem Streifen hinzieht. Aber auch zu allem anderen, wozu Eisen
überhaupt gebraucht ist, bediente man sich dieser Schmuckart; so
findet sich in Orleans im Museum ein prächtiges Zaumzeug mit solcher
Verzierung; Schwerter, besonders ihre Griffe, selbst das Blatt der
Speere wurden so verschönert. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen,
daß ganze kriegerische Ausrüstungen, vom Helm und der Brünne bis zum
Schildbuckel, in dieser reizvollen Kunstweise einheitlich ausgestattet
wurden. -- Auch in Bronze legte man wohl gerne getriebene silberne
und goldne Plättchen in vertiefte Felder zum Schmucke ein; es gibt
prächtige Spangen in dreierlei Metall hergestellt.

Das Land der Bayern war früh wegen seiner trefflichen Metallarbeiten
berühmt, die hohen Ruf schon bei den alten Norikern besessen hatten.
Noch im Annoliede wird Regensburg als Stätte gepriesen, da Helme und
Brünnen in besonderer Güte zu finden seien, auch das „norische“ Schwert
(noricus ensis) als die Waffe, die besser als alle beißend „dikke durch
den Helm slug“.

Wie man denn offenbar die Härte und Schärfe der Klingen bereits durch
Anstählen aufs höchste zu steigern verstand, und edle Schwertklingen
allgemein, wie schon von Theoderich in einem Schreiben an den
Vandalenkönig Thrasamund, der solche als Geschenk gesandt hatte,
höher als ihre reiche Goldfassung gewertet wurden. Vandalen, aber
auch Langobarden und Burgunden galten weit und breit als treffliche
Waffenschmiede.

[Sidenote: Holz als Grundmaterial]

Hatte man sich also rasch in das Technische der Metallbehandlung
gefunden und sich seiner im weitesten Umfange bemächtigt, so war doch
für die künstlerische Gestaltung bei den Germanen von alters her
etwas anderes maßgebend: die Holzschnitzerei. Der Germane ist, wie es
scheint, seit der frühesten Jugend seines Volkes an den Wald gefesselt,
mit ihm von jeher innigst vertraut; dieser hat ihm von Beginn seiner
Welt an Unterkunft, Nahrung und Stoff für alles Nötige geboten. Des
Waldes Wild war ihm als Speise die älteste Quelle seiner körperlichen
Kraft, bot ihm dazu ganz früh die Grundlage für Anfertigung von Waffen
aus Horn und Knochen. Für alles Weitere seines wirtschaftlichen Daseins
aber mußte das Holz unzweifelhaft den Grundstoff hergeben, nachdem auch
Stein und Metall noch Waffen geliefert hatten. Der Stamm, der Ast, der
Zweig und die Rinde war für alles zu gebrauchen, was mit dem wohnenden
Dasein zusammenhing, von der Hütte und dem Hause selber bis zum
Flechtwerk für Hürde, Wand und Tür; bis zum hölzernen oder geflochtenen
Gefäß, das mit Harz gedichtet wurde, zum Stuhl und Tisch, wie zu jedem
andern Möbel, zum Stiel jeglichen Werkzeuges, zum Schafte der Waffen,
für Pflug und Wagen, zum Einbaum, in dem man den Fluß und den See
befuhr, zum Sarge oder Totenbaum.

Noch bis heute ist der Deutsche derjenige Mensch, der am wenigsten ohne
das Holz leben kann; seine ganze Kunst und Gestaltungskraft in der
Vergangenheit war auf ihm begründet. Viel mehr noch war dies in den
Anfängen seines Volkstums der Fall, und so ist es nicht merkwürdig, daß
aus der Bearbeitung des Holzes und der Eigenart seiner Behandlung die
künstlerischen Formen des Germanen von Anfang an hervorquellen.

Daher sind wir genötigt, auch die formale Durchbildung der Metalle,
fast der einzigen Dokumente, die von jener uralten Zeit heute noch
zeugen, von diesem Gesichtspunkte aus zu beurteilen oder wenigstens zu
prüfen; wir werden nur so die Eigentümlichkeiten der von uns als rein
germanisch angesehenen Kunstprodukte der ältesten Zeiten Arbeiten zu
verstehen vermögen.

In der Tat, wenn wir die mannigfachen Werke der germanischen
Metallkunst, die durch Guß hergestellt sind, näher betrachten, so
finden wir bestätigt, daß alle Originalmodelle, nach denen solche
gegossen sind, in Holzschnitzerei hergestellt gewesen sein müssen[11].

[Illustration: Abb. 27. Nordisches Tierornament. Nach Salin.]

[Sidenote: Kerbschnitt]

Am besten werden wir uns dies vergegenwärtigen, wenn wir an die im
Winter zur Ruhe gezwungenen Seeleute des Nordens denken, die an kurzen
Tagen und langen Abenden beim flackernden Kienspan die notwendigen
Geräte mit Messer und Eisen in Holz schnitten und nach ihrem
Geschmack verzierten. Da bildete sich ganz von selbst die hier allein
mögliche Technik des Schmückens, das Hineinschnitzeln in die glatte
Brettfläche, das Kerben, der Kristallschnitt. Dieser ist heute noch
beim einsamen Landsiedler im hohen Norden oder im Gebirge derselbe,
genau wie vor tausend oder auch zweitausend Jahren. Und überall,
wo Germanenblut hingeflossen ist, da gedeiht auch bis heute der
Kerbschnitt; in Norwegen und Schweden, am Schwarzen Meer und in Spanien
und Nordportugal. Wo aus Gründen, die sich überall ergeben, anderes,
mehr und besseres als gewöhnlich erstrebt wird, da bleibt trotzdem
der Grundsatz der Holzbearbeitung bestehen, daß der Schmuck in die
vorher bestehende Fläche hineingearbeitet wird, eine rein dekorative
Flächenbehandlung bleibt. Charakteristisch für den Holzkünstler ist
dabei die besondere Eigentümlichkeit, daß seine Verzierung sich im
allgemeinen stets über die ganze gegebene Fläche ergießt, in allerlei
Wechsel, auch in verschiedener Auffassung, aber meist so, daß von dem
einmal für Schmuck bestimmten Gebiet nichts unverziert übrigbleibt.
Kurz, unser Künstler kennt den Wechsel zwischen glatt, in Muster
eingeteilt, teilweise und ganz verziert, nicht. Dieser Wechsel und
diese Abstufungen sind eben ein Ergebnis der Antike, dem Nordländer
fremd.

[Illustration:

  X

Abb. 25. Fränkisches Reliquienkästchen aus Ton.

Hannover.]

[Illustration:

  XI

Abb. 26. Buchdeckel der Theudelinde. Monza.]

[Illustration: Abb. 28. Bronzebeschlag. Brüssel.]

[Sidenote: Tierornament]

Wo Kerbschnitt und ähnliches nicht ausreichen, oder da, wo etwas
anderes geboten erscheint, greift der Nordländer doch immer wieder
zu Verwandtem aus seiner einfachen Umgebung. Da sind Flechtwerke
verschiedensten Musters ganz gegeben, aber auch die Tierwelt (Abb. 27),
die des Menschen Dasein umgibt und bestimmt, wird hier einbezogen. Doch
nicht etwa im Sinne einer Nachbildung der Natur, sondern wieder nur
zur bloßen Flächenverzierung, wie sie sich eben gibt. Das Tier zeigt
einen Kopf, einen oder ein Paar Füße, und sein Leib wird hin und her
gewunden wie der einer Schlange; oftmals aus mehreren gleichen Tieren
zusammen zu einem verschlungenen Flechtknäuel geballt bedeckt
dann das Muster wie ein Teppich das vorhandene Feld, und nicht selten
kann nur ein ganz geübter Blick herausfinden, daß hier überhaupt
Tierleiber vorhanden oder gemeint sein sollen; das unbefangene Auge
sieht das Ganze zunächst als ein reines Flechtwerk, höchstens als ein
Gewinde von Schlangen an, das die gegebene Fläche füllt (Abb. 28, Tafel
X). Wo dann aber an Spitzen und Enden wirkliche Körperteile einmal
auftreten, da sind sie wieder durch Linien, Kerbschnitte u. dgl. so
stark zerschnitten und geschmückt oder bedeckt, daß man sie kaum mehr
als das, was sie ursprünglich waren, erkennt.

Bei dem durch die Tierleiber gebildeten Flechtwerk kommt als weiteres
ornamental wirkendes Mittel die Einfassung mit doppeltem Umriß, die
Konturierung, hinzu, die auch der einfachsten Zeichnung eine bestimmte
Stilisierung und eine sichere dekorative Wirkung verleiht. Diese
Konturierung wird bei dem nordischen Tierornament zum unentbehrlichen
Hilfsmittel.

[Illustration: Abb. 29. Germanische Münze, Hängebrakteate. Nach Salin.]

Aus solcher Gepflogenheit bilden sich dann lauter herkömmliche Typen,
ein Stil, eine Manier, die so weit von aller Natur entfernt ist,
daß, wie es scheint, dem Germanen mit der Zeit die Fähigkeit oder
wenigstens der Wille, die Natur selber noch irgendwie richtig zu
sehen und nachzuahmen, verloren geht. Es gibt im Kunstgewerbe oder
der Kunst bei ihnen geradezu keine Darstellung des Natürlichen mehr
-- weder des Menschen, noch des Tiers, noch des Baumes --, alles ist
Flächenverzierung geworden für das Messer des Holzschnitzers oder das
Eisen des Zimmermannes. Und deshalb können wir von einer eigentlichen
bildenden Kunst im heutigen Sinne in bezug auf jene Stämme in jenen
Zeiten überhaupt nicht sprechen; sie existierte eben einfach nicht als
Versuch der Nachbildung von irgend etwas vor Augen stehendem.

Auch ein tieferer Sinn oder eine Bedeutung ist in jenen künstlerischen
Bildungen nirgends zu finden; sie waren sich eben Selbstzweck als
beliebiges Gewebe von Formen, das sich in herkömmlicher Weise über ein
gegebenes Feld breitete.

[Sidenote: Reliefstil]

In merkwürdigster Art bestätigt sich dies in den seltenen und rein
zufälligen Fällen, wo der Germane zu einer Darstellung von irgend
etwas Lebendem sich veranlaßt sah. So z. B. an seinen ältesten
Münzen. In den nördlichen Ländern war von alters her südliches Geld
im Verkehr, insbesondere byzantinisches des fünften Jahrhunderts bis
zu den Zeiten Justinians. -- Der Fall aber trat zuletzt öfters ein,
daß der Nordländer sein aufgehäuftes Gold münzen mußte, weil die
kursierende Münze zu sparsam war. Da wurde denn die gerade erwünschte
und verbreitetste Münzsorte einfach nachgebildet, doch nur so
andeutungsweise, daß eben eine allgemeine Ähnlichkeit des Produkts
erzielt wurde; die Umschrift wurde in ein paar Strichen gestümmelt
angedeutet, und es ist ganz spaßhaft, etwa in einem Grabe späterer
Zeit eine Justinian-Goldmünze und ihre in wirklichem Sinne barbarische
Nachbildung, ebenfalls in Gold, nebeneinander vorzufinden.

Hierbei macht sich frühzeitig die besondere Eigentümlichkeit
bemerkbar, daß der Germane, wie ja selbstverständlich, den Reliefstil,
besonders den der Münze, absolut nicht begriff und die Nachbildung
nun so herstellte, daß er die Modellierung nicht wie üblich, sondern
einfach in erhabenen Linien, wie durch aufgelegte Schnüre oder
Drähte, bezeichnete (Abb. 29). So ergab sich eine ganz merkwürdige
Manier der Darstellung des Menschen, die sich allmählich völlig zum
Stil ausbildete und den germanischen Völkern lange eigentümlich
blieb; -- auch als ihre Könige endlich anfingen, eigene Münzen zu
prägen, verharrten sie getreu bei der Nachbildung der römischen und
byzantischen Vorbilder, und erst ganz zuletzt finden wir schwache
Versuche zur Porträtdarstellung des Königskopfes, doch vorwiegend
in römischer Art der Aufmachung. Alle aber in jenem eigentümlichen
Bindfadenrelief.

Spielt hierzu die nordische Gepflogenheit der Konturierung
selbstverständlich eine erhebliche Rolle, so ist sie doch nicht
allein maßgebend, wie Salin dies meint. Jedenfalls erstreckt sich die
durch bindfadenartige Linien bewirkte Zeichnung bis ins Innerste der
Darstellungen, beschränkt sich keineswegs auf den Umriß.

Als ein ganz besonders charakteristisches Beispiel hierfür mag hier
die so merkwürdige Art einer Verzierung in Relief erwähnt sein, deren
sich der westgotische Baumeister an den beiden das Portal flankierenden
Zierplatten an der Kirche S. Miguel de Lino bei Oviedo bediente. Er --
oder der König -- wünschte offenbar diese beiden etwa 2½ m hohen und
½ m breiten Platten mit irgendwelchen figürlichen Reliefs geschmückt
zu sehen. Aber es war keinerlei Übung, ja keinerlei Motiv oder Gedanke
für den Gegenstand vorhanden. Da griff man zu der merkwürdigen
Auskunft, ein elfenbeinernes spätrömisches Konsular-Diptychon, das
sich noch feststellen läßt, so gut als es ging nachzubilden, und zwar
je anderthalbfach, da die Fläche zu hoch war. Und so wurde auf jeder
Seite des Portals in den flachen Stein diese Darstellung, die oben den
thronenden Konsul zwischen zwei Beamten, darunter eine Zirkusszene,
Christen zwischen Löwen, -- und ganz unten wieder der Konsul auf einem
Stuhle, auf jeder Seite ganz gleich -- roh kopiert; wieder in jenem
ganz flachen Bindfadenrelief, welches den Gegenstand kaum erkennen
läßt. Bei alledem ist die Wirkung eine gute und monumentale; man wird
leicht an zwei geschnitzte Schiffplanken denken, zwischen denen man
hindurchgeht (Abb. 30, Tafel XII).

Eine Reliefplatte völlig ähnlichen Stiles ist im Museum zu Capua
vorhanden (Abb. 31); wie es scheint, einen Heiligen mit Nimbus
darstellend, der einen Stab in der Hand hält, das reiche Faltenwerk
seines Kleides in parallelistischer Anordnung von nahe verwandter
Behandlung. (Nach Cattaneo aus dem 8. Jahrhundert.)

[Illustration:

  XII

Abb. 30. S. Miguel de Lino. Portalpfeiler.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

Erst spät tritt der Versuch ganz plastischer Menschendarstellung in
die Wirklichkeit; die sechs Frauengestalten an der inneren Westwand
das Oratoriums zu Cividale (vgl. Abb. 104, Tafel XXIX) sind davon die
letzten heute noch gebliebenen Zeugen. Es ist dabei aber zweifelhaft,
ob wir die +Ausführung+ dieser Figuren nicht byzantinischen
Stukkateuren zuschreiben müssen, wenn auch sicher der künstlerische
Gedanke ein damals in germanischen Landen verbreiteter war. In den
Ruinen der Kirche zu Disentis (Schweiz) fanden sich zahlreiche
Bruchstücke einer ähnlichen Dekoration.

[Sidenote: Malerei]

So können wir von einer national-germanischen plastischen Kunst von
Bedeutung für jene Zeiten nicht wohl reden; mit der Malerei steht es
nicht viel anders. Soweit über ihre Werke uns etwas überliefert ist,
mag es sich wohl immer um fremde Künstler gehandelt haben; so bei
der Ausmalung der Paläste der Langobardenkönige (der Theudelinde zu
Monza), Karls des Großen und Ludwigs des Frommen (Ingelheim). -- Nur
aus noch späterer Zeit ist auch nur geringe Spur vorhanden: ein paar
kümmerliche Reste religiöser und dekorativer kirchlicher Malereien; --
das Bedeutendste bleibt die Ausmalung der Klosterkirche zu Münster in
Graubündten und der Kapelle von Goldbach am Bodensee, die wir als noch
karolingisch annehmen, wie vielleicht die der Kirche zu Oberzell auf
der Reichenau. -- Aber diese Werke, so wichtig sie sind, müssen ebenso
wie die gesamte figürliche Miniaturmalerei der Zwischenzeit doch nur
als ein bescheidenes Fortleben der italienischen und byzantinischen
betrachtet werden und zeigen uns höchstens vereinzelt im Dekorativen
und Ornamentalen germanische Züge. Erst mit Abschluß der karolingischen
Zeit und der langsamen Entstehung jener neuen Kunst, die wir die
„romanische“ zu nennen pflegen, gewinnt die Malerei neue und auch
nationale Kraft und Gestaltung.

[Illustration: Abb. 31.

Relief aus Capua.

(Nach Cattaneo.)]

Das einzige ganz erhaltene und völlig beglaubigte Werk auf dem Gebiete
solcher Ausstattung eines fränkischen Baues ist das schöne Mosaikbild
in der Kuppel der Apsis der Kirche zu Germigny-des-Prés. Es stammt
aus dem Jahre 806 und stellt zwei große Engel dar, die mit ihren
Fittigen die Bundeslade decken, auf der zwei ganz kleine Seraphim
stehen. Der Gegenstand scheint in der südlichen und östlichen Kunst
nicht bekannt, die Wirkung -- auch die farbige -- ist großartig
und ernst. Ob hier das Werk eines Franken in italienischer Technik
vorliegt, oder ein südlicher Künstler es im Norden geschaffen, läßt
sich nicht entscheiden. Jedenfalls aber ist es uns köstlich als das
älteste sichere figürliche Gemälde im germanischen Norden. Die Aachener
Münsterkuppel besaß einst auch ein solches aus gleicher Zeit; es ist im
18. Jahrhundert vernichtet worden. Die noch vorhandene sehr schwache
Abbildung ergibt, daß es von rein südöstlicher Herkunft gewesen sein
wird.

       *       *       *       *       *

So sind wir in bezug auf die Würdigung der künstlerischen Durchbildung
an den Werken der Kleinkunst der Germanen in der Völkerwanderungszeit,
wie an denen ihrer Baukunst, hauptsächlich auf die einer
Flächenbehandlung im Sinne reiner Holzkunst angewiesen und genötigt,
diesen Standpunkt dauernd beizubehalten.

[Sidenote: Wesen des germanischen Ornaments]

Es ist notwendig, nochmals darauf hinzuweisen, was das sagen will.
Das Griechen- und Römertum bildete jeden Gegenstand -- Gebäude wie
kunstgewerbliches Objekt -- als ein künstlerisches Gesamtbild aus,
sah es bereits vor seiner Entstehung als fertiges, geschlossenes
und organisches Gebilde im Geiste vor sich. Der griechische Tempel
ist ein rein künstlerischer Gedanke an sich, der sich über seinen
praktischen Zweck unendlich weit erhebt. Ein durchaus anderes ist es
aber, jeden Gegenstand zuvor technisch ganz fertigzustellen und ihm
dann erst sein künstlerisches Gewand zu verleihen. Oder auch zahllose
Gegenstände -- wie die nordischen Spangen -- in einer fast identischen
Form zu bilden und ihnen innerhalb dieser feststehenden Form ihre
Verzierung zukommen zu lassen. Wenn man gegenüber dem unübersehbaren
Heere solcher bronzenen Langspangen der Germanen, die, abgesehen von
geringen Abstufungen, sich so sehr ähnlich sind, nur etwa eine kleine
Zahl aus Pompeji stammender Bronzelampen aufstellt und in Vergleichung
zieht, so wird man staunen über die große Welt künstlerischer Ideen,
die sich bei letzteren offenbart, gegenüber der nicht wegzuleugnenden
Einförmigkeit des germanischen Schmuckgegenstandes. Nur im kleinen,
auf dem bescheidenen Raum des gegebenen Umrisses erst findet sich eine
nicht geringe Fülle verschiedenartigster Behandlung des alten Themas.

Es liegt uns ja auch ferne, unsere Kleinkunst in dieser Richtung etwa
als gleichwertig neben die antike stellen zu wollen, wo die Ergebnisse
der Arbeit reichstbegabter glücklicher Völker von Jahrtausenden vor uns
treten, während sich bei uns nur zeigt, was ein eben erwachendes junges
Volk, das sich selbständig zu machen strebt, in wenigen Jahrhunderten
errang.

Aber dafür ist es nicht wenig. Und es ist ja +unser+ Eigenstes, +unser+
künstlerisches Erbteil, dem wir heute endlich gerecht werden wollen,
nachdem uns ein Jahrtausend lang oder länger nur allein das Fremde als
bedeutend und wert erschienen ist. Von diesem Standpunkte aus wächst
sein Wert für uns ins Große.

[Sidenote: Entstehung des Zellenglases]

Um wieder auf die Technik der Holzbearbeitung zurückzukommen, von der
wir ausgingen, möchte ich eine Vermutung aussprechen, die, wie ich
denke, nicht unbegründet sein mag. Wenn die schmückende Behandlung
der gegossenen Schmucksachen deutlich erweist, daß sie ihren Ausgang
von Kerbschnitt (vgl. Abb. 25, Tafel X) oder ähnlicher Zierweise,
jedenfalls vom geschnitzten Holzmodell genommen hat, so möchte es
mit dem bei den Germanen überall so beliebten Zellenglasschmucke
oder Steinschmucke in Zellen auf Edelmetall sich ebenso verhalten.
Dieser tritt, wie vor allem an den Waffen zu sehen ist, mit Vorliebe
an Friesen und Bändern auf. Und dann erinnert er auf das lebhafteste
an ein in der Holzschnitzerei, besonders an Möbeln, in zahlreichen
Fällen von alters her vorkommendes Fries- (Abb. 32) oder Bandmotiv,
welches hier nach einem alten Muster abgebildet ist. Denkt man sich
die Holzfarbe noch hell, etwa gelbbraun, und die Tiefen mit roter
Farbe ausgefüllt, wie man das Bemalen des Holzes von jeher bei den
Germanen liebte (Tacitus erwähnt es bereits), so ist die Wirkung
ganz überraschend ähnlich, ja fast übereinstimmend. Diese Art von
Kerbtechnik ist uralt; die der in Zellen gesetzten Steine kennen
wir vor dem 5., höchstens dem 4. Jahrhundert kaum. Sie kann daher
recht wohl aus jenem andern oft gesehenen Vorbilde zu so allgemeiner
Beliebtheit sich entwickelt haben. Jedenfalls paßt sie vorzüglich
in diesen Kreis und würde sich, so aufgefaßt, direkt den aus der
Holzbearbeitung entstandenen Zierformen anschließen.

[Illustration: Abb. 32. Kerbschnitt einer deutschen Truhe.]

[Sidenote: Sonderart der Tierornamentik]

Was die oben berührte Ornamentik aus Tierleibern, die sich zu einer Art
Flechtwerk vereinigen, im einzelnen anlangt, so hat P. Salin in einem
wundervollen Werke deren Rätsel zu lösen gesucht und verstanden. Es
ist prachtvoll zu sehen, wie eine große Völkergruppe unentwegt viele
Jahrhunderte an der Erfindung und Ausbildung dieser Zierweise arbeitet
und sich müht, bis eine in ihrer Art einzigartige und als fertig, ja
vollkommen zu bezeichnende daraus geworden ist. -- Bis schließlich
aber die einfachen Grundtiere zu Gewürm und Fabelwesen werden, halb
Schlange, Drache und wieder nur Ornament. Und in ihren mannigfachen
Verschlingungen und in ihrer künstlerischen Durchführung gelangen
diese Bildungen schließlich zu einem Raffinement, zu einer Vollendung,
zu einer ornamentalen Höhe, die sie in gewisser Hinsicht als den
vorzüglichsten Flächenornamenten aller Zeiten ebenbürtig erscheinen
lassen (Abb. 27). Die Grundsätze der Behandlung werden allmählich
ganz besondere, und neue wie uralte Üblichkeiten, z. B. die antike
Symmetrie, sind dabei längst überwunden; dafür tritt eine eigenartige
Eurhythmie, eine gebundene Bewegung, an ihre Stelle. Und darum dürfen
wir mit Recht auf dies Werk unserer Vorfahren stolz sein, und von
diesem Gesichtspunkte aus haben auch sie damals wenigstens auf einem
Gebiete der Kunst Klassisches geschaffen.

Es ist hier unumgänglich, nochmals auf die Massenverteilung, auf die
eigentümliche rhythmische Art dieser Zierkunst einzugehen.

[Sidenote: Eurhythmie und Bewegung statt der Symmetrie]

Wie mehrfach bemerkt, kennt der Germane jene absolute Symmetrie, die
die südliche Kunst teilweise beherrscht, insbesondere die Baukunst,
durchaus nicht. Wenigstens nicht als maßgebend. Sie herrscht nur in den
allgemeinen Massen und der Gruppe.

[Illustration: Abb. 33. Svastika und Triskele.]

[Sidenote: Hakenkreuz]

An ihre Stelle aber tritt die Wiederholung derselben Zeichnung, nicht
ihr Spiegelbild. -- Das dürfte am deutlichsten hervortreten in jenem
im hohen Norden so ungeheuer weit verbreiteten Ziermotiv, das sich
zugleich einer tief symbolischen Bedeutung erfreut, dem Hakenkreuz oder
der Svastika. Sie mit der Triskele oder dem Dreibein zusammen (Abb.
33) bildet sozusagen die Lösung, den Schlüssel zu den allermeisten
runden Ornamenten des Nordens. Denn an die Stelle des gleichmäßigen
und allseitig symmetrischen Sterns, der im Norden so selten ist,
der Rosette und ähnlicher ruhender Gestalten tritt jetzt außerdem
das sich drehende Rad, die Turbine, das Sonnenrad und wie man diese
gleichgedachten Formen alle benennen mag.

Man sieht in der Svastika ein uraltes Symbol der Sonne, des Lebens und
ähnlicher Begriffe. Ihre Verbreitung ist eine große; nicht nur bei
der arischen Rasse; doch hier besonders häufig war das Zeichen bei
den alten Germanen überall zu finden. -- Von ihm aus oder wenigstens
in ganz gleichem Sinne, nach seinem Muster, pflegt das germanische
Rundornament gebildet zu werden, wie in einer stillen oder heftigen
Bewegung befindlich. Es ergeben die Abbildungen besser, als es mit
Worten gesagt werden kann, wie solche Ornamente entstehen, indem nach
einer Seite gerichtete Ornamentstücke rings um das Zentrum wie in eine
Reihe aneinandergesetzt werden zu festem Zusammenschluß, doch nicht von
radial, sondern kreisförmig strebender Bewegung.

[Illustration: Abb. 34. Nordisches Tierornament.]

Dieses eigentümliche Wesen geht durch die gesamte Verzierungskunst der
Nordländer hindurch; es ist wie eine Drehung im bestimmten Sinne, die
nicht aufgehalten noch gehemmt werden kann.

Während das antik symmetrische Ornament sich in seiner nach der
Mitte zusammen oder von der Mitte nach den Seiten laufenden
entgegengesetzten -- negativen und positiven -- Bewegung in sich
selbst aufhebt, zur absoluten Ruhe bringt, geht jenes andere von
einem Punkte der Verzierung anfangend immer weiter, immer in gleicher
Richtung vorwärts. Und nur da kehrt sein Lauf naturgemäß in sich
selbst zurück, wo er sich um einen Mittelpunkt bewegt oder in
entgegengesetzter Richtung durch sich selber kriecht (Abb. 34).

Es mag hier erwähnt werden, daß dazu häufig eine ganz ursprüngliche
und unbekümmerte naive Behandlung und Durchbildung tritt, die von
der Strenge, um nicht zu sagen Pedanterie der Antike ungemein weit
entfernt ist. Da das Ornament eben nur Zierat ist und sein soll, so
kommt es tatsächlich auf ein haarscharfes Durchstudieren und minutiöses
Einpassen gar nicht so sehr an. Das Zierende hat keinerlei struktive
Aufgabe, ist mit Halten und Tragen nirgends beauftragt oder belastet,
hat eben nur zu füllen und zu schmücken.

[Illustration: Abb. 35. Aix. Flechtornament.]

Darum behält alles einen naturwüchsig frischen Charakter, eine
Ungezwungenheit und Sorglosigkeit, die keinen Augenblick sich darüber
grämt, ob das einmal gewählte und begonnene System auch genau auskommt.
Vielleicht dürfen wir gerade darin eine nicht zu verachtende Erkenntnis
des Wesens der Sache erblicken, die um so mehr der malerischen Seite
zustatten kommend dem künstlerischen Organismus jedenfalls nirgends zum
Schaden gereicht.

[Sidenote: Flechtwerk]

Ein naheverwandtes Gebiet betreten wir, wenn wir uns dem in den
späteren Jahrhunderten der zu besprechenden Zeitspanne so ungemein
verbreiteten Flechtwerke zuwenden. Es ist nicht zu erkennen, wie
diese Art des Flächenschmuckes entstanden sein mag, jedenfalls
dürfen wir sie als ein Mittelding zwischen der rein geometrischen
Kerbschnittverzierung und dem lebendigen Bedecken der Fläche mit einem
Durcheinander kriechenden Tier- und Schlangengewimmels betrachten (Abb.
35, 36). Es vereinigt die gewissermaßen mechanisch-kristallinische
Natur der ersteren mit der lebendigen Plastik des zweiten. Daß es an
beliebig vielen Vorbildern dafür nicht mangelte, dafür sorgte schon die
Baumwelt, das Gebüsch und das Niederholz im Verein mit dem Bedürfnisse
zur technisch praktischen Anwendung des Flechtens für alle möglichen
Zwecke.

[Sidenote: Ursprung]

Man hat sich vielleicht unnütz den Kopf darüber zerbrochen,
welches Ursprunges das Flechtwerk wohl sein möge; besonders, da
man mit Verwunderung bemerkte, daß es zu einer gewissen Zeit sich
herrschend über ganz Europa verbreitete, und zwar gerade seit der
Völkerwanderungszeit. Diejenigen, die dieser mächtigen Bewegung, vor
allem ihren Veranlassern, den germanischen „Barbaren“, jeden Einfluß
und Wert für die Kunst streitig machen, weisen bei dieser Gelegenheit
natürlich darauf hin, daß schon bei den Römern, ja Griechen und
Assyriern, geflochtene Bänder als Friese oder ähnlich auftreten, und
finden in seiner Ausbildung nichts neues noch bedeutsames.

[Illustration: Abb. 36. Narbonne. Westgotisches Ornament.]

Das ist jedoch keineswegs zuzugeben. Ein Jahrtausende bereits in
Übung befindlicher Ornamentstreif, der ohne jede Änderung als Fries
gelegentlich immer wieder angewandt zu keinerlei Fortbildung Anlaß
gab, einfach völlig erstarrt, der antike Zopf und Knoten, wie er
z. B. in römischen Mosaiken so oft erscheint, hat für unsere Frage
offenbar keinerlei Bedeutung. Es ist eben doch ein ganz Neues, was
hier plötzlich machtvoll auftritt und in wenigen Generationen sich die
gesamte Kulturwelt erobert, dieses Flechtwerk, die Bandornamentik,
welche in den mannigfachsten Anwendungen und Umbildungen sich über
schmale und breite Flächen, Friese und Felder, in jeder nur möglichen
Technik und Anwendung ergießt, ganz offenbar eben zu diesem Zwecke
und bewußt an der Stelle jedes anderen üblichen Schmuckes gebraucht.
Wo man in der Antike und später Pflanzen und andere Ornamente aller
Art, Feldereinteilungen, aber nicht minder auch Figuren und Reliefs
bis zu der vielgestaltigsten und wertvollsten Durchbildung anwandte,
überall da verbreitet sich jetzt die neue, so viel anspruchslosere und
ursprünglichere Schmuckweise. Schmal und breit, als Fries oder Feld,
als Füllung, eckig und rund. Und, wo sich doch noch ein anderes Motiv
einmal hineinzumischen wagt, pflanzlicher oder gar figürlicher Art, da
ist dieses der Art und Erscheinung des Flechtwerkes so angenähert, daß
es kaum anders wirkt oder aussieht.

[Illustration:

  XIII

Abb. 37. Aquileja. Schranke.]

[Illustration: Abb. 38. Como. S. Abbondio.]

Denn eine besondere Stilisierung dieser Schmuckweise geht mit ihrer
Anwendung wieder Hand in Hand: die holzmäßige Behandlung, das absolut
Flächenhafte. Auch das Flechtwerk wird, wie das Kerbgeschnitze, aus der
Fläche heraus oder in sie hineingeschnitten, ganz glatt oder flach auf
Grund gesetzt. Wie das der Zimmermann eben gewöhnt ist, der in sein
gehobeltes Brett oder seinen Pfosten nachher mit grobem Werkzeug in
einfachster Technik den Schmuck hineingräbt. Und diese Art überträgt
sich in jedes Material, vom Holz in den Stein, in das Metall, in den
Stuck und in die Malerei.

[Sidenote: Verbreitung]

Wie eine neue Mode überzieht solcher Neugeschmack nun die ganze
okzidentalische Kulturwelt, von England an bis sogar über Griechenland
und nach Armenien, vom höchsten Norden bis nach Süditalien und Spanien,
ja auch wohl nach Afrika hinein. Da darf wohl die Vermutung deutlicher
ausgesprochen werden, die schon öfters angedeutet ist, z. B. von Salin,
der sie, wenn auch schüchtern, von ferne zeigt, daß die Neubelebung und
ganz außerordentlich fruchtbare und vielgestaltige Ausbildung dieses
ja gewiß uralten Ziergedankens vielleicht von den Germanen ausgegangen
sein dürfte. Trifft doch die Zeit seiner Herrschaft mit dem politischen
Höhepunkte des Germanentums zusammen oder folgt ihm unmittelbar! -- Daß
wenigstens die Kelten in Irland in ihrer berühmten Miniaturornamentik
das Flechtwerk wie die geometrische und die Tierornamentik von den
Germanen übernommen haben werden, zeigt Salins kurze Zusammenstellung
höchst überzeugend. Nach Osten zu ins byzantinische und armenische
Land hinein läßt sich aber das allmähliche Eindringen der nordischen
Schmuckmotive zeitlich und in klarer Entwicklung und Umbildung ganz
wohl verfolgen, und es bedarf weniger des Gedankens, daß „im 7. und
8. Jahrhundert der allgemeine Gebrauch geradezu nach dieser Zierform
verlangt habe“, als daß in der Tat hier die gewaltige Übermacht des
Germanentums dieser vorher in ganz bescheidenem Maße gebrauchten
Schmuckweise zu einer so allgemeinen Anwendung verholfen hat.

Die Byzantiner haben sich ihrer in der Folge in nicht geringem Umfange
bedient, doch unterscheidet sich ihre Auffassung von der germanischen
nicht unbeträchtlich und ist für das geübte Auge bald zu unterscheiden,
da sich das Neue dort sehr rasch in den ihnen gewohnten Charakter
einfügt und einpaßt, d. h. sanft umgestaltet zu herkömmlicher
Regelmäßigkeit und einem gewissen der Antike näherstehenden Schema.

Was der germanischen Art darin eigentümlich blieb, war die urwüchsig
knorrige Art und Kraft, die frische Unbekümmertheit in der Anwendung
und Durchbildung, der Mangel an streng systematischer Behandlung und
ein sozusagen weit weniger architektonisches Wesen.

Ganz besonders vielfältigen Gebrauch von dieser Art der Verzierung
aber haben die Langobarden gemacht, in Anschluß an sie dann die
Franken, zuerst die südlichen. Von Capua und Neapel zieht sich über
ganz Italien, in Südfrankreich bis etwa nach Poitiers und Orleans,
nach der Schweiz und Süddeutschland hin das Verbreitungsgebiet dieses
eigentümlichen Zierstiles, des Geriemsels, wie es Stückelberg nennt.
Charakteristisch ist dabei die Riefung oder Falzung des Riemens durch
ein, zwei oder auch drei parallele Längseinschnitte, die ihn der Länge
nach in meist drei schmale Riemen teilen; scharfkantig oder auch so,
daß drei runde Stäbe wie Schnüre nebeneinanderliegen. Alles ganz flach
in einerlei Ebene. Dazu treten tauförmig gewundene Rundstäbe, die der
Zimmermannskunst ja bis heute eigentümlich geblieben sind. -- Später
wurde die Riefung zur Abwechslung im mittelsten Strange gern geperlt
(Abb. 36).

Was nun mit diesen Grundmotiven angefangen wurde, bildet einen Schatz
von verschiedenen Gestaltungen. Taue, Riemen, Zöpfe, Schlingen,
Geflechte, Netze aller Art entwickeln sich daraus; ein, zwei, drei und
noch mehr Riemen schlingen sich durcheinander, achterförmige Figuren
reihen sich, Kreis-, Rauten- und andere Geflechte bis zum richtigen
Netz mit großen oder kleineren, runden oder viereckigen Maschen oder
Feldern werden immer neu kombiniert, zuletzt treten runde Figuren in
Form eines „Korbbodens“ hinzu (Abb. 37, Tafel XIII); mit allerlei
Rosetten zusammen wird die neue Zierweise zu fröhlichstem Spiel der
Linien und Motive verbunden. Selbst das laufende Ornament der Ranke
wird in die neue Art gezwungen, indem z. B. seine Schlingen als sich
drehende Rosetten aneinandergefügt werden (Abb. 38, Tafel XIII), eine
Behandlung, die auch ins Byzantinische übergeht.

[Sidenote: Pflanzliche Grundformen]

Von pflanzlichen Motiven aus der Natur kommen dabei nicht gar viele in
Betrachtung; am meisten die christlich-symbolische Weinranke, deren
Teile getrennt oder gemeinsam in zahllosen Fällen auftreten; sodann
Palmen und Palmwedel (Abb. 39, Tafel XIV); von Tieren zunächst die
ähnlich bedeutungsvollen Gestalten des Pfaus und der Taube, dann
auch Pferd, Hirsch und Löwe; eine Gestaltenwelt, die ja auch in der
vorhergehenden und gleichzeitigen anderen altchristlichen Welt überall
als bedeutungsvoll üblich und verbreitet war.

In Spezialwerken ist das einzelne hinreichend ausführlich behandelt[12].

[Illustration:

  XIV

Abb. 39. Langobardisches Ornament aus Sirmione.]

[Illustration: Abb. 55. S. Miguel de Lino. Säulenfuß.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

[Sidenote: Parallellinien als Ornament]

Zu allediesem aber noch eine besondere Bemerkung von größter
Wichtigkeit. Die neue Ornamentik bringt zu den bisher genannten
Grundformen und Gedanken noch einen bis dahin ganz unbekannten: den der
Linienparallelität. Hat schon in dem dreisträhnigen Flechtwerke der
Langobarden und Franken dieser neue Grundsatz einen starken Ausdruck
gefunden, insofern als jede Ornamentlinie in drei nebeneinander
laufenden Linien sich ausspricht, so herrscht die Parallelität auch
sonst oft sehr stark. Jede beliebige Linie kann durch mehrere mit ihr
gleichlaufende betont und verstärkt werden, wo es paßt; Deckplatten
der Kapitelle, Blätter, Flächen jeder Form, kurz alles, was es irgend
zuläßt, wird einfach durch parallele Rinnen gerippt und so gegliedert
(vgl. Abb. 46, 47, 120). Die doppelte und dreifache Wellenlinie wird
jetzt zum reinen Ornament. Die Konturierung, einfach oder doppelt, ja
dreifach, wirkt in gleicher Weise, wie ja die Verdoppelung des Umrisses
schon im ältesten nordischen, besonders dem Flecht- und Tierornament,
eine gewichtige Rolle spielte.

Diese Eigentümlichkeit macht sich übrigens auch auf Gebieten geltend,
wo man es weniger erwarten würde. So in ganz merkwürdiger Weise bei der
Einzelbehandlung des Blattwerkes, wofür ja, wie bemerkt, fast nur die
Blätter des Weinstockes, sodann die Blätter an den Kapitellen in Frage
kommen. Diese werden in eigentümlicher Art gerippt, geschlitzt und
modelliert, die sich bald der Erinnerung einprägt und bei Langobarden,
Franken und Westgoten gleichmäßig sich wiederfindet (Abb. 75). Aber
auch schon bei den Ostgoten tritt sie auf, selbst schon im Goldschmuck
dieses Volkes aus der Völkerwanderungszeit. Nach dem 8. Jahrhundert
scheint diese Behandlungsweise zu verschwinden.

[Illustration: Abb. 40. Fränkische Quaderbehandlung.]

Diese Freude an paralleler Musterung und Rippung der Flächen geht so
weit, daß selbst Quader- und anderes Steinwerk damit überzogen wird. Am
meisten bei den Franken, bei denen besonders Steinsärge innen und außen
in dieser Manier die bemerkenswertesten Musterungen zeigen (Abb. 40).

[Sidenote: Andere Formen]

Fügen wir dazu noch die allerlei geometrischen Figuren, so die Drei-
und Vierecke, die die Masse des neuen Formenschatzes mehren, so
erweitert sich das Gebiet um ein ganz beträchtliches. Mäanderartige
Flächenverzierungen entwickeln sich daraus, manche gewiß aus antiken
Anregungen, andere ebenso sicher ohne diese Hülfe nur aus der einfachen
Kombination geknickter geometrischer Linien. Gewisse unendlich
verbreitete Randzieraten (Abb. 8) sind vielleicht aus dem auch in der
Antike bekannten Zopf- oder Flechtband entstanden, aber in ihrer
Umgestaltung ganz neuartig und echt nordisch geworden und nicht wieder
zu erkennen.

Zuletzt sei auch der Bogen- und Arkadenfries angeführt, der erstere
in einfacher und in doppelt sich überschneidender Form (Abb. 53), wie
ihn die Germanen von alters her liebten. Dessen Einführung in die
größere Ornamentik, zuletzt in die Architektur, ist denn wohl ihnen
zuzuschreiben.

Kreuze aller Art, Sterne, blumenartige Gestalten, Rosetten,
auch Palmblätter, anderseits krabbenartige Gebilde längs der
Kanten (Abb. 41; vgl. Abb. 68), entschieden die Vorläufer der
gotisch-mittelalterlichen so gebräuchlichen Randzierden an Wimpergen,
vervollständigen das Arsenal dieser Richtung.

[Illustration: Abb. 41. Ravenna. Ciboriumgiebel.]

[Sidenote: Figürliches]

Das Figürliche aber, besonders das Menschliche, ist, wie bemerkt,
ungemein selten. Es macht fast den Eindruck, als ob hier ein
künstlerisches Unvermögen bestimmend gewesen sei, oder wenigstens
eine große Unbehilflichkeit, die den Germanen gebot, von der
Darstellung des Lebendigen Abstand zu nehmen. Wo diese denn doch
versucht ist, fällt der Versuch im allgemeinen unbefriedigend aus,
ist das Ergebnis wirklich oft ein recht „barbarisches“, besonders
verglichen mit der herrlichen Skulptur der Antike, auch der spätesten
(vgl. Abb. 101, Tafel XXVII). Die Jahrtausende solcher Tradition,
auf der größten Kunstblüte aller Zeiten beruhend, waren eben den
Nordländern nicht gegeben, und so beschränkten sich in dieser Beziehung
die eingewanderten Künstler auf das äußerste. Erst eine aus der
Völkervermischung entstehende neue Bevölkerung hat sich langsam wieder
solche Wege bahnen können, und fast ein halbes Jahrtausend dauerte
es, bis sie neue bildhauerische Werke von künstlerischer Bedeutung zu
schaffen vermochte.

Immerhin aber ist auch jenen wenig geglückten Leistungen der Germanen
auf diesem Gebiete, der Langobarden, der Franken und anderer
germanischer Völker, geschickte Flächeneinteilung und Musterung, ganz
geschlossene teppichartige Wirkung und ernster Charakter im Rahmen des
Gegebenen nachzurühmen, wenn auch, wie in Cividale am Pemmoaltar, die
Verhältnisse z. B. der Arme und Hände zum Körper, die Gesichtsbildung
und anderes wahrhaft erschreckende Monstrosität zeigen. Es sind eben
die allerersten tastenden Versuche, die überall einen wirklich ganz
kindheitlichen Charakter tragen, der sich beispielsweise darin äußert,
daß auf dem Evangelistenrelief des Baptisteriums in Cividale der
Lukasochse im Profil doch auf der Stirn mit zwei Augen nebeneinander
dargestellt ist.

Auch diese Keime sind von Wert und Bedeutung für uns; dabei ist, wie
bemerkt, die Eigenart der Wirkung solcher Arbeiten eine fesselnde
und merkwürdig sichere, was immer wieder darauf hinweist, daß die
technische Seite ihrer Behandlung auf einer lange geübten und erprobten
handwerklichen Übung beruht.


Die Holzbaukunst.

Wenn nun hier auf dem Gebiete der Kleinkunst und der Dekoration
überall die Grundlage hindurchschimmert, welche durch eine bereits zu
bedeutender Entwicklung und Blüte gelangte Holzkunst gegeben war, wenn
Handwerksübung und Gewohnheit die Sonderart auf alle anderen Gebiete zu
übertragen strebten, so ist ganz naturgemäß die altgermanische Baukunst
selber, von der in der Hauptsache dies Buch handeln soll, zuerst eine
reine Holzbaukunst gewesen und auch in gewissem Sinne lange geblieben.
Wenigstens ist es sicher, daß, soweit selbst das ausgeprägteste
germanische Steinbauwerk der fortgeschritteneren Zeit irgendeine
besondere Eigentümlichkeit seiner Kunstformen aufweist (wie das nie
fehlt), solche stets und immer nur zu erklären ist durch Zurückgreifen
auf die vorhergegangene Holzbauweise und die Beziehung zu ihr, wenn
auch manchmal, wie bei den Gewölben, nur im negativen Sinne.

Leider ist uns von den Originalwerken in Holz aus jener Zeit so gut
als alles, selbst jedes Bruchstück, verloren gegangen, wie das in der
vergänglichen Natur des Materials liegt, dessen Dauer in baulicher
Verwendung im Norden höchstens achthundert Jahre zu erreichen scheint.

Und doch haben wir Zeugnisse genug dafür, daß jene verschwundene
Kunstweise eine gründlich durchgebildete und bedeutsame war, vielleicht
noch mehr, als wir es heute ahnen, wohl am meisten, wie es scheint,
gleich nach dem Emporsteigen der germanischen Völker auf dem Gebiete
der Kleinkunst.

[Sidenote: Älteste Zeit]

Die Holzbaukunst der ältesten Zeiten bis nach Tacitus ist ja sicher
in der Hauptsache eine reine Nutzbaukunst gewesen und geblieben,
wie das mit Gewißheit auch aus der sehr primitiven und bescheidenen
Lebensweise unserer Vorfahren hervorgeht. Die Spuren der älteren
Wohnungen, die sich hie und da vorfinden, bestätigen dies; nicht minder
die Darstellungen germanischer Siedelungen auf den Siegesdenkmälern der
Römer, wie der Trajan- oder Mark-Aurel-Säule.

[Sidenote: Blockhaus]

Von Wohnhäusern in Skandinavien bis zur Wikingerzeit haben sich
erhebliche Spuren erhalten; sie waren oft von merkwürdig bedeutenden
Abmessungen, bis 40 m lang, unten mit dicken Steinwällen eingefaßt;
darüber das Dach ohne innere Decke; der Fußboden war die platte Erde,
inmitten befand sich die Feuerstelle, der Herd, dessen Rauch durch
eine Öffnung im Dach abzog. Später bestanden auch die Wände aus Holz,
entweder aus dicht liegenden oder aufrechtgestellten Stämmen oder
weiter gestellten und verbundenen mit Zwischenfeldern (Fachwerk), die
mit Flechtwerk und Lehm gedichtet wurden. Meist trugen innere Pfosten,
manchmal gar in zwei Reihen angeordnet, das Dach, bisweilen befand sich
vor der Türe ein schützender Vorbau; das Dach war mit Schilf, Stroh,
Torf oder Ähnlichem gedeckt; Fenster kommen erst spät auf. Viele dieser
Bauwerke scheinen nicht eckig, sondern an den Winkeln abgerundet,
oft fast von eiförmigem Grundrisse gewesen zu sein; auch die Häuser
der Germanen, die die Mark-Aurel-Säule zeigt, sind meist rund, aus
dicht nebeneinanderstehenden Stämmen errichtet, die durch Flechtwerk
verbunden sind. Diese Technik, die eine Art des Blockhausbaus
darstellt, hat sich lange erhalten, und die älteste Holzkirche in
England, die noch steht, zeigt solche Wandbildung.

Das heute noch, besonders im Norden, gebräuchliche Bauen aus liegenden
Balken mag eine etwas jüngere Entwicklung darstellen. Jedenfalls haben
wir aber in diesen drei Gestalten: dem Fachwerkbau, dem stehenden
und dem liegenden Blockbau die drei ältesten Arten des germanischen
Holzbaues vor uns.

[Sidenote: Fachwerk]

Was das eigentliche Fachwerk anlangt, so muß dieses im engeren
Deutschland am meisten verbreitet gewesen sein, vor allem in der noch
jetzt gebrauchten Weise, daß das Gerüste des Baus richtig verzimmert
mit offenen Fächern zuerst fertig aufgestellt wurde, dann die Fächer
geschlossen wurden, und zwar meist mit starkem Flechtwerk, das dann von
beiden Seiten mit Stroh- oder Haar-Lehm dicht verputzt werden mußte.
Oder die Fächer wurden -- bei besseren Bauwerken -- mit gespundeten
Bohlen ausgefüllt, liegend oder stehend, sogar mit richtigem Täfelwerk.
Erst diese Art gab die Grundlage zu einer künstlerisch wertvolleren
Ausbildung; Balken, Ständer, Schwellen, wie das das Gefach ausfüllende
Bohlen- und Täfelwerk konnten geschnitzt und gekerbt, besonders sich
eignende Teile auch, wie große und kleine Stützen, auf der Drehbank zu
Säulen gedreht werden; zuletzt wurde vieles oder alles bemalt.

In dieser letztbeschriebenen Art sind noch heute die wenigen
Stabkirchen Norwegens, die sich aus dem früheren Mittelalter gerettet
haben, hergestellt und geschmückt und geben uns daher wenigstens
in etwas eine Vorstellung von jener älteren Baukunst, wenn auch
der Formalismus und das einzelne der Stabkirchen gegenüber der uns
bekannten originalen Formenwelt der Germanen bereits starke Umbildung
in mittelalterlichem Geiste aufweisen. Immerhin sind sie hinter
ihrer Zeit um einige Jahrhunderte zurückgeblieben und erscheinen uns
sozusagen fast als die letzten fossilen Überreste aus jener längst
vergangenen Epoche unserer Vergangenheit.

[Sidenote: Geschichtliche Nachrichten]

Doch schon allein die Verse des Venantius Fortunatus, Bischofs von
Poitiers, die er um 560 schrieb, als er unsere damals neu aufblühenden
Städte am Rheine, Mainz, Köln und andere, bewundernd besuchte, geben
uns in dieser Richtung vollgültiges Zeugnis:

    Weg mit euch, mit den Wänden von Quadersteinen! Viel höher
      Scheint mir, ein meisterlich Werk, hier der gezimmerte Bau.
    Schützend verwahren vor Wetter und Wind uns getäfelte Stuben,
      Nirgends klaffenden Spalt duldet des Zimmermanns Hand.
    Sonst nur gewähren uns Schutz das Gestein und der Mörtel zusammen,
      Hier aber bietet ihn uns freundlich der heimische Wald.
    Luftig umziehen den Bau ins Gevierte die stattlichen Lauben,
      Reich von des Meisters Hand, spielend und künstlich geschnitzt.

Ganz offenbar hat der dichtende Bischof Gebäude genug gesehen, die
in der oben beschriebenen Art erbaut waren; die Umgebung dieser
Holzgebäude mit Lauben -- wie er sagt, auf allen vier Seiten -- spricht
dafür, daß es freistehende Häuser waren, die ihm besonders auffielen;
Beispiele von späteren doch auch schon alten Lauben sowohl an der
Giebel- wie an der Langseite der Holzhäuser sind auch heute noch genug
vorhanden.

Außer dieser Art gelegentlicher Nachrichten haben wir aber noch ganz
bedeutsame und wichtige gleichzeitige Beschreibungen von Hauptwerken,
anderseits auch wirkliche Dokumente, die uns über den Umfang des
Holzbaus bei den Germanen während und nach der Völkerwanderung
wertvollen Aufschluß geben. Da sind vor allem die uralten Gesetzbücher
der Germanen, wie die lex Visigotorum, die lex Salica, die leges
Alamanorum, Baiuwariorum, die auf die Sitte des Holzbaus eingehende
Rücksicht nehmen. Von den Burgunden erzählt Socrates Scholasticus,
daß sie zur Zeit, da sie noch am Rheine saßen, alle Zimmerleute
gewesen seien, was natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen ist, aber
doch besagt, daß jeder verstand, sich seinen Holzbau zu errichten.
Aus allem geht außerdem hervor, daß die Germanen überall noch in
Gehöften wohnten, in denen sich die Wirtschaftsgebäude, Ställe,
Speicher, Scheunen, auch wohl Küche und Keller, selbst Bienenhäuser,
um das Hauptwohnhaus gruppierten, zu dem öfters noch eine getrennte
Frauenwohnung trat. Gärten schlossen sich an; alles war von einer
Umhegung, selbst von Mauern und Gräben eingefriedigt. -- Aber auch
städtische Wohnhäuser gab es, wo eben geschlossene Städte waren,
darunter mehrstöckige, mit Treppe, hölzernem Söller und verschiedenen
Räumen (Metz); bei den Franken nicht selten selbst solche mit Kapelle
und Baderaum; doch hier wohl das Erdgeschoß schon aus Stein, nur die
Obergeschosse aus Fachwerk errichtet.

Nicht nur einfache Wohn- und Wirtschaftsgebäude, sondern auch die
Paläste jener Zeit, die Königshallen und selbst die Kirchen wurden
in Holz errichtet. Als Einhard in Steinbach seine noch stehende
steinerne Basilika bauen will, spricht Ludwig der Fromme (815) in der
Schenkungsurkunde von Grund und Boden von der seither dort vorhanden
gewesenen „basilica lignea modica constructa in Michlinstad“. -- Es war
eine kleine Holzkirche dort gewesen, und es ist annehmbar, daß jede der
ältesten Steinkirchen im Norden an die Stelle einer vorhergegangenen
hölzernen getreten ist.

Auf der dem 9. Jahrhundert angehörigen Frankenburg, tief im Wald ob
Rinteln gelegen, deren Mauern ein bis zwei Meter hoch noch stehen,
fand man im Schutte der dem Palas gegenüberstehenden ziemlich kleinen
Burgkapelle zahlreiche Stücke gebrannten einstigen Lehmbewurfes ihrer
oberen Wände, in dem sich das Flechtwerk der Fächer deutlich abgeprägt
hatte. Demnach muß der eigentliche Aufbau der Kapelle aus Holzfachwerk
bestanden haben, dessen Gefache mit verputztem Geflecht ausgefüllt
waren. -- Das ganze kleine Schloß wurde offenbar nachher durch Brand
vernichtet.

Auch lignea moenia werden bei Jordanies erwähnt, nach neueren
Ausgrabungsergebnissen nicht etwa bloß bretterne Zäune, sondern starke
Befestigungen aus doppelten hölzernen Spundwänden mit Pfosten, deren
Zwischenraum mit Erde ausgestampft war.

Widukind barg seine Schätze in hölzernem Schatzhause vor den Franken;
zahllose historische Nachrichten bestätigen die Alleinherrschaft des
Holzbaus in der Zeit bis zur Einführung des Christentums wie ihre
nachher wenig geschmälerte Fortdauer bis tief ins Mittelalter. -- In
Frankreich zur Merowingerzeit werden die bedeutenden Holzkirchen zu
Thiers (bei Gregor von Tours), zu Tongres, die hölzerne Kathedrale
zu Reims gerühmt. Von der zu Tongres lautet der Ausdruck: de tabulis
ligneis levigatisque.

Auch an Stelle des Straßburger Münsters stand zuerst eine hölzerne
Bischofskirche.

[Sidenote: Holzpalast des Attila]

Eine der für uns wichtigsten Beschreibungen finden wir in der durch
Priscus gegebenen seiner Gesandtschaftsreise zu Attila und seines
Besuches bei diesem gewaltigen König in seiner Burg in Nieder-Ungarn.
Es ist zweifellos, daß diese nicht von Hunnen gebaut, sondern durch
Germanen, wohl Mösogoten, errichtet war und ein getreues Bild bot der
damals bestehenden germanischen Königsburgen.

Aus des Priscus Beschreibung geht hervor, daß die gesamten
Baulichkeiten aus Balken und bearbeiteten Brettern bestanden und durch
hölzerne, nicht nur zum Schutze, sondern auch zur Zierde errichtete
Zäune umfaßt waren; der die innere Königsburg einschließende besaß
Türme. Inmitten befand sich die eigentliche Königshalle, umgeben
von den Frauenwohnungen. Diese Bauwerke waren teilweise aus schön
bearbeiteten Balken, die an den Enden ineinandergefügt waren
(also in liegendem Blockbau), teils aus geschnitzten und zierlich
zusammenverbundenen (also im Charakter des hochnordischen sogenannten
Reiswerks) hergestellt.

Die Königshalle, inmitten gelegen, offenbar auf dem höchsten Punkte,
vor der sich der Thingplatz ausbreitete, war nach jener Beschreibung
eine mächtige, quergestellte Holzhalle, zum Speise- und Festraum
bestimmt, an deren Rückseite dem Eingang gegenüber sich der erhöhte
Sitz Attilas befand. Ringsum Sitzbänke oder Lager an den Wänden;
hinter dem Thron des Königs auf weiterer Erhöhung sein mit Teppichen
verhülltes Lager. -- Das Ganze entspricht genau der überall bei den
Germanen üblichen Anordnung der Königshallen, sowohl der in alten
Berichten erwähnten, wie der noch ganz oder teilweise erhaltenen zu
Naranco, Aachen, Goslar. -- Nur die hier gerühmte üppige Ausstattung
mit Teppichen muß der Hunnensitte angehören. Die Germanen schmückten
ihre Wände gerne mit aufgehängten Waffen und Trophäen aus Jagd und
Krieg.

[Sidenote: Nordische Königsburgen]

[Sidenote: Königshallen]

Ganz genau jener Anordnung entsprach nach erhaltenen Nachrichten auch
die der ältesten nordischen Königsburgen, ja zeitlich wohl einige
Jahrhunderte jünger, doch offenbar ganz die gegen Ende des ersten
Jahrtausends überall übliche widerspiegelnd. -- So ließ König Olaf der
Heilige 1016 einen neuen Königshof bei Drontheim erstehen an Stelle
des von Olaf Trygvasen vor 1000 errichteten ersten. Inmitten vieler
Gebäude die lange Königshalle (Hirdstofa), diesmal mit Eingängen an den
beiden Enden; mitten an der langen Wand war des Königs Thronsessel.
Dieser Platz war, da die lange Front der Halle wie immer nach Süden
zu schaute, an der Nordseite. Ringsum an den Wänden die Plätze der
Ehrengäste und Mannen des Königs.

Der folgende Königshof zu Saurlid (Drontheim) des Königs Magnus des
Guten (1070) bestand ebenfalls aus einer Gruppe von Holzbauten; ganz
allein die Halle errichtete der König aus Stein, was so unerhört war,
daß bei Fertigstellung dieser Halle Magnus’ Nachfolger sie dem heiligen
Gregor zur Kirche weihen ließ.

Da des Königs Sitz zwischen Säulen stand, so ist anzunehmen, daß Reihen
solcher längs beider Langseiten liefen, innen das Dach zu tragen; um
so gewisser, als solche Hallen oft große Abmessungen besaßen. Davon
erzählen altisländische Berichte; so von einer Gasthalle, die 105 Ellen
lang, 14 Ellen breit und hoch war; Gebäude von solcher Größe bedurften
natürlich innerer Stützen.

Die angelsächsische Halle Heorot, im uralten Heldensang von Beowulf
gefeiert, die Hirsch- oder Hornhalle (Hornsele), errichtete, wie
das Gedicht erzählt, König Hrodgar am Abhange seines Burgberges,
weit über Land und Meer schauend. Dem Eingang gegenüber des Königs
Hochsitz, ringsum Bänke, inmitten die Hochsäule (Kaiserstiel?), eine in
angelsächsischen Bauwerken verbreitete mittelste Holzstütze, die wohl
beweist, daß die hierbei notwendige Form des steilen Daches nach allen
Seiten abgewalmt gewesen sein muß und eine mittlere Spitze oder gar
turmartigen Aufbau (nach Art der nordischen Holzkirchen) besaß.

Daß der hier geschilderte oder zum Vorbild genommene Bau der reinste
Holzbau war, geht auch aus der Bezeichnung hervor, daß er von innen und
außen mit Eisenbändern kunstvoll umschmiedet war, also offenbar eiserne
Verbindungsteile seiner horizontalen Hauptschwellen besaß; sollte man
sich ihn nach Art der ältesten englischen Holzkirche (Greenstead) aus
aufrechtstehenden Balken in Blockbau gefügt zu denken haben, so war
diese Horizontalverbindung nicht minder unentbehrlich, wie die ältesten
Bilder (Mark-Aurel-Säule) solche durch Geflecht hergestellt andeuten.

[Sidenote: Baulicher Wortschatz des Vulfilas]

Zuletzt finden wir den vollgültigen Beweis dafür, daß auch die
südlichsten germanischen Stämme reine Holzbaukunst pflegten, in dem
Wortschatze des Vulfilas (318-87), bei dem das Volk in gezimmerten
Holzhäusern lebt, aus Balken und Brettern mit Giebeln hergestellt; daß
es sich um ausgebildete Bauweise von höheren Ansprüchen handelt, geht
aus dem Vorhandensein von Dorf und Stadt, von Garten und Hof, Haus,
Scheune, Vorratshaus und Schatzkammer, sogar Halle und Turm hervor. --
Zimmer und Kammer, Säulen, Tür, Fenster, Vorhänge, auch Bett, Lager mit
Kissen, Stuhl und Tisch, selbst Öfen sind wohlbekannt, -- nur nicht
das Mauern. Alles Werk wird vom Zimmermann mit der Axt aus Bauholz
gezimmert, selbst der biblische Eckstein.

[Illustration: Abb. 42. Von einem Eimer aus Hemmoor.]

[Illustration: Abb. 43. Salzburg. Kamin.]

Für seine Langobarden spricht König Rothari in seinem Edictus ebenfalls
von den Häusern als von Holzbauten in Fachwerk und mit Schindeln
gedeckt.

[Sidenote: Ältestes Bild eines Hauses]

[Sidenote: Älteste Reste von Zimmermannsarbeiten]

Vielleicht das älteste originale und wirkliche Bild einer deutschen
Behausung solcher Art finden wir auf dem silbergetriebenen Reifen eines
Eimers, den man zu Hemmoor im Hannoverschen fand. Ich habe versucht,
die Zeichnung dieses wie es scheint auf einer Warft von Feldsteinen
stehenden Blockhauses mit seiner Laube und seinem Schilfdache hier
etwas verständlicher zu machen (Abb. 42). Auf ähnliche Vorfahren mag
das westpreußische Haus zu Koslinka bei Tuchel hindeuten. Einige Reste
von Zimmermannsarbeiten sehr hohen Alters lassen sich in Spanien noch
nachweisen. So ist der Dachstuhl mehrerer asturischer Kirchen um 820
noch ursprünglich, der von Santullano in Oviedo, S. Adriano de Tuñon.
Da sind starke Dachbalken mit Rundbogenfriesen und Rosetten in Linien
geschmückt, Dachgesimse als gewundene Schwellen auf Balkenköpfen
liegend u. dgl. noch vorhanden; alles von absolut trefflicher Technik
und klarer Formbehandlung. Von uralten Zimmermannsgepflogenheiten
sprechen die eichenen Kaminüberdeckungen der karolingischen Salzburg
bei Kissingen, die spätestens dem 11. Jahrhundert entstammen, wohl das
älteste noch vorhandene deutsche Zimmerwerk. Die kluge und geschickte
Holzkonstruktion mit ihren Überblattungen (Abb. 43) beweist, daß man
auch damals immer noch in etwas schwierigen Fällen zum Balkenholz und
der vertrauten und bewährten Axt griff, um die Aufgabe sicher zu lösen.
Der gewaltige sandsteinerne Mantel der Feuerstätte ruht noch heute nach
vielleicht 900 Jahren sicher auf den eichenen Schwellen. Heute wunderts
einen wohl, Holz über dem Feuer zu finden, und man bedenkt nicht, daß
noch bis gestern in der niedersächsischen Heide jede Feuerstatt mit
einem Mantel aus gekreuzten Hölzern abgedeckt war, daß auch von jeher
das heilige Herdfeuer der Germanen mitten im Holzhause frei unterm
Dache brannte.

[Illustration: Abb. 44. Altertümliche Motive im deutschen Holzbau.]
[Sidenote: Alte Überlieferungen im mittelalterlichen Holzbau]

Und sehen wir unsern heimischen Holzbau näher an, wie er erst seit
dem dreißigjährigen Kriege langsam erstarb, so finden wir in ihm
eine Fülle uralter aber unsterblicher Motive, die bis dahin immer
und unaufhörlich das formale Rüstzeug des deutschen Zimmermanns
gebildet hatten (Abb. 44). Der gewundene Taustab, den wir als
Randverzierung oder Leiste seit den ältesten Zeiten des Germanentums
in seinem Ornamentenschatz angewandt finden, verschwindet erst im 17.
Jahrhundert; nicht minder die halben und ganzen Räder oder Fächerformen
des Holzbaus der deutschen Renaissance, denen wir bereits in der Zeit
der Völkerwanderung in Mengen begegnen. Balkenköpfe, wie sie uns
mit ebensolchen Rosetten geziert auf Schritt und Tritt in unseren
Harzstädten auffallen, treffen wir in Stein schon bei den Westgoten,
offenbar doch nur eine reine Nachbildung von hölzernen.

Flechtwerke aller Art, besonders zopfartige Friese, wie sie den
Langobarden so geläufig waren, haben sich -- immer nur im Holzbau --
bis ins 17. Jahrhundert an der Weser und am Harz gehalten, verbunden
mit jener eigentümlich charakteristischen Schmucktechnik, die wir von
alters her kennen, in vertieften Linien, Hohlkehlen, Stäbchen oder
einfach gekerbt. Ein Balken, wie der aus Rinteln, könnte uns in Stein
ganz gut tausend Jahre früher bei den Franken begegnet sein; fränkische
Steinkonsolen in Kerbschnitt, wie sie uns das Clunymuseum bietet, kann
man sich ebensoviel später vom deutschen Zimmermann zu jenem Balken
passend angefertigt denken.

Dazu zeigt sich uns eine Fülle der gewundenen Stabmotive in der
deutschen Zimmermannskunst als ein nie verschwindendes stets lebendiges
Erbteil der alten germanischen Holzkunst. Auf diesem so bescheidenen
Gebiet offenbart der Zimmermann immer aufs neue eine erstaunliche
Vielfältigkeit seiner Erfindungskraft und Gedanken. Merkwürdig ist es
dabei, daß gerade die ehrwürdigsten deutschen Städte, in denen noch
Holzbauten in nennenswerter Zahl erhalten sind, sich auf diesem Gebiete
als die reichsten erweisen; Gandersheim, Quedlinburg, Halberstadt
und andere uralte Sitze der Holzbaukunst sind dafür bezeichnende
Beispiele. -- Offenbar ist hier die Überlieferung der ältesten Formen
am mächtigsten geblieben.

[Illustration: Abb. 45. Steingesimse im Holzstil.]

[Sidenote: Profilierung und Einzelbildung im Holzstile]

Nicht minder entscheidend aber für unsere Erkenntnis der frühesten
deutschen Baukunst ist die Behandlung von Gesimsen und Profilen. Ihre
Gestaltung in der Antike ist bekannt genug. Man erinnere sich nur
daran, daß diese vorwiegend aus dünnen Platten bestehenden Gliederungen
weit vorspringen und meist gleichzeitig zum Wasserabtropfen bestimmt,
also unterhöhlt, in scharfen Linien die Fläche durchschneiden, tiefe
Schatten werfend, trennend und begrenzend.

Die älteste germanische Baukunst verzichtet dagegen im allgemeinen
durchaus auf solche Gesimse, kennt vielmehr fast nur eingegrabene
Linien, Kehlen, Stäbe u. dgl. zur Gliederung der Vorderflächen
liegender Steinbalken (Abb. 45). Ganz genau dasselbe finden wir in
unserem alten Holzbau (Abb. 44). Insbesondere die Horizontalbalken
werden durch längslaufende Kehlung geschmückt und gegliedert; wo sie in
der Fläche liegen, nur auf der Vorderseite; vorspringende manchmal auch
um die Kante.

Die hier angewandten Profile sind denn ausschließlich Hohlkehlen und
Stäbe nebeneinander mit scharfen oder schrägen Kanten dazwischen; der
Schlüssel zu der Sonderart der Profilierung, deren sich die alten
germanischen Bauleute, auch im Stein, überall bedienten.

Für die aufrechten Balken verzichtet der Zimmermann von jeher meist auf
Gliederung, sofern es sich nicht gerade um Ecken handelt. In diese aber
setzt er rechtwinkelig eingreifend gerne besondere Stäbe, gewundene
oder gekerbte, oder auch kleine Säulchen ein. Die sogenannte Falzsäule
(vgl. Abb. 44).

Ist es dann erstaunlich, wenn wir im Süden schon bei ganz frühen
germanischen Zierwerken in Stein an den Ecken die Falzsäule anstatt des
römischen Pilasters wiederfinden? -- So an westgotischen Sarkophagen
in Toulouse (Abb. 46). -- Und ist es dann merkwürdig, wenn uns von dem
Auftreten der Germanen an im Süden Europas auch sonst so häufig als
Brechung der Ecke die Falzsäule begegnet, die dann im romanischen Stile
geradezu herrschend auftritt? Überall findet man in der Folge dann
kleine Säulen in Winkel und Ecken gestellt, diese ausfüllend, als neues
Motiv in der Baukunst, wo bis dahin die große und kleine Säule nur
freistehend oder angelehnt angewandt wurde.

Welche Ausbreitung auch dies in der romanischen Zeit gewonnen hat, ist
bekannt. --

Gliederung und Schmuck, die dem aufrechtstehenden Balken ausnahmsweise
zuteil werden, hat unsere Holzbaukunst ebenfalls in seine Vorderfläche
hineingraben müssen und so ganz eigentümliche Gestaltungen
hervorgebracht, die in überraschendster Weise mit mancherlei
Steinarbeiten der Westgoten die allernächste Verwandtschaft zeigen
(Abb. 46). In Merida besonders finden sich hierzu die merkwürdigsten
Analogien.

Die Kopfbänder, das unentbehrliche Rüstzeug der alten und späteren
Zimmermannskunst, sind in vielfältigen Anklängen in der alten
Steinkunst vorhanden. Auch mancherlei verwandte Formen sind nicht
anders zu deuten; vor allem aber die beim Holzbau so nötigen
Sattelhölzer, querliegende kurze Balken über den Stützen (vgl. Abb.
126). Gerade von diesen geht die Neubildung bisher unbekannter
wichtiger Strukturteile aus.

Bleiben wir auf diesem Wege der Betrachtung, so werden uns die
besonderen Eigentümlichkeiten der alten Bauwerke der Langobarden,
Westgoten, Franken und anderer Stämme, durch die sie sich von den ihnen
vorhergehenden der Römer und der Byzantiner unterscheiden, rasch klar
und verständlich. -- Daß die Germanen überall, wo sie den Steinbau
aufnehmen mußten, sich zunächst nach dem Vorbilde der vorhandenen
Bauwerke richteten, war ja selbstverständlich genug. Ganz offenbar
gingen sie auch gewissermaßen zaghaft oder äußerst vorsichtig an
solche Aufgaben heran, vor allem, wenn es sich um Bögen und Wölbungen
handelte, deren technische Grundsätze ihnen neu sein mußten. So konnten
die selbständigen Einfügungen und Umwandlungen, die sie vorzunehmen
hatten, zunächst nur bescheidene und wenig bemerkbare sein, ehe sie
zu einer eingreifenden Umgestaltung des Gegebenen gelangten. Überall
aber darf getrost dieser Prozeß, der in der Baukunst doch zuletzt
so beträchtliche Folgerungen ergab, als der der Herstellung von
Steinbauwerken durch gewesene Zimmerleute aufgefaßt und müssen seine
meisten Eigentümlichkeiten so erklärt werden.


Einzelformen in der Baukunst.

Von besonderem Interesse ist hier naturgemäß die Gestaltung der
Stützen: der Pfeiler und Säulen, wie sie in der germanischen
Steinbaukunst auftreten.

[Sidenote: Nachahmung der Antike]

Es ist nur selbstverständlich, daß das erste auf diesem Gebiete die
einfache Nachahmung der in der Antike üblichen Stützformen sein mußte,
da es sich überall, in Italien wie in Spanien oder sonst, um Bauwerke
in eroberten römischen Provinzen handelt.

Den Fortschritt gegenüber dieser bloßen Nachahmung brachte erst die
allmähliche „Barbarisierung“ der alten Formenwelt, in dem Laufe der
Entwicklung zuletzt zu einer selbständigen und wertvollen Umbildung und
Differenzierung führend, die uns hier ja hauptsächlich beschäftigt.

[Sidenote: Umbildung im Sinne des Zimmermanns]

Für die Bildung der Säulen und Stützen im allgemeinen tritt aber sofort
ein neuer Grundsatz in Kraft, der im Holzstil begründet diese Umbildung
beschleunigen mußte.

Die Technik des Zimmermanns besteht darin, daß das Holz in bestimmten
durch gerade Flächen rechtwinklig begrenzten Formen (Balken) für seine
Verwendung hergerichtet wird. Soll eine künstlerische Durchbildung
nachfolgen, so muß diese Ausgestaltung natürlich innerhalb der Grenzen
des vorhandenen Körpers vor sich gehen; das Ergebnis darf und kann also
nirgends die Begrenzungsflächen des Balkens überragen, da sonst ein
Aufleimen oder Zufügen von mehr Holz an solchen Stellen erforderlich
wäre. -- Diese Forderung bringt sofort einen starken Zwang, zugleich
eine Art Stilisierung mit sich (Abb. 46).

[Illustration: Abb. 46. Germanische Stützenformen.]

Während früher Schaft, Kapitell und Fuß der Säule aus verschiedenen
Stücken, oft verschiedenem Material, hergestellt wurden, und ein jeder
Teil in den dafür passenden Abmessungen gestaltet werden konnte,
mußten sich jetzt alle drei Teile sozusagen in einen Kasten schmiegen,
wurden sie aus einem einzigen rechteckigen Klotz gefertigt. Dabei
büßten Kapitell und Basis ihre starken Ausladungen und Vorsprünge ein.
Ja selbst verkümmerten in vielen späteren Fällen diese Teile bis zu
vollständigem Verschwinden.

Bei viereckigen Stützen geschah ganz dasselbe: die vorhandene
rechteckige Masse mußte alles hergeben, was an Vorsprüngen erforderlich
war.

So wird auch für die Basis ohne weiteres die oben bei den
Zimmermannsarbeiten erwähnte einfache Profilfolge von Hohlkehlen und
Stäben herrschend, die schließlich sich in eine einfache Ringelung ohne
Ausladung, aus flachen Wülsten und Hohlkehlen bestehend, zusammenzieht.

Dem Kapitell geschieht teilweise ganz gleiches. Es wird ebenso aus der
Masse des vorhandenen Körpers herausgeholt, also ungemein flach in
jeder Ausladung, nur ein oberer geschmückter Teil des Schaftes. Ja es
wird sogar so weit hinter den Schaft zurückgesetzt, daß die gewünschte
und beabsichtigte Ausbildung aus der Masse wieder herauskam. In Spanien
haben die Westgoten besonders in dieser Richtung merkwürdige Muster
und Formen geschaffen; sei es aus dem runden, sei es auch aus dem
viereckigen Körper, wohl auch mit abgerundeten Ecken.

Wo die Verhältnisse es mit sich bringen und die antike Tradition ganz
erloschen ist, also im Laufe späterer Entwicklung, ist es, wie bemerkt,
nicht einmal selten, daß Fuß und Kapitell überhaupt ganz verschwinden,
so daß nach Art reiner Zimmermannskonstruktion nur eine einfache Fuß-
und Deckplatte auftreten; besonders bezeichnend sieht man das wohl bei
Doppelsäulen, so in Spanien an den Bauwerken der letzten Westgotenzeit
(Sta. Cristina de Lena), auch in Italien bei den Langobarden ist
ähnliches zu finden (Ascoli).

[Sidenote: Kapitell]

Da aber das Kapitell in der Antike bis dahin eine der künstlerisch
bedeutungsvollsten Rollen gespielt hatte, jedenfalls in der Reihe der
architektonischen Einzelheiten kaum entbehrlich schien, so wurde es
zunächst natürlich meistens in alter Weise beibehalten, nur langsam
umgebildet. Der Prozeß ist hier wie stets der gleiche: anfänglich
scheinbar getreues oder möglichst angenähertes Nachbilden der antiken
Form -- ein Bestreben, das immer von neuem wieder auftaucht noch bis im
10. und 11. Jahrhundert, ja gelegentlich noch später -- in der Folge
erst vorsichtige dann gründliche Umformung im herrschenden Sinne, das
heißt im Holzstil (Abb. 47).

Das macht sich freilich infolge des Mangels der notwendigen Technik
schon gleich von Anfang an insoweit geltend, als die Mittel zu
genauem Nachbilden überhaupt nicht ausreichten. Zuerst in einer
sehr merkwürdigen Weise an den Nachahmungen der Blätterkapitelle.
Die Blätter werden nur umrandet, die Rippen eingraviert, die Stiele
gerippt; der Linien-Parallelismus tritt als Dekoration an die Stelle
natürlicher Bildung; kurz, der Holzschnitzer findet sich bei Nachahmung
der klassisch vollendeten Blätter und Ranken mit seiner ihm geläufigen
oft ungefügen Manier ab, die dabei ihrerseits des Reizes nicht
entbehrt. Es gibt an der Moschee zu Cordoba westgotische Kapitelle,
die solchen aus der deutschen Renaissancezeit zum Verwechseln ähnlich
sehen. Man sieht: die gleiche Aufgabe führt bei Stammesgenossen noch
nach einem Jahrtausend zu gleichen Lösungen.

[Illustration: Abb. 47. Kapitelle auf Grund der korinthischen
Grundform.]

[Illustration: Abb. 48. Kapitelle von freier Grundform.]

Bei Kapitellen aus römischer Zeit war öfters der Umriß des Blattes
bloß im Rohen vorgearbeitet geblieben, die feine Durchführung und
Ausarbeitung verschoben und unterlassen worden. Dies machte sich der
Holzkünstler zunutze, indem er das nur angedeutete Blatt mit seinem
Überfall der Blattspitze einfach zum Vorbild nahm. Der Blattüberfall
erschien dann als ein scharfer eckiger Haken. Solche nur einfach
vorgearbeitete Flächen zeigende Kapitelle mit Hakenblättern wurden
dann geradezu herrschender Geschmack und scheinen sich bis ins 10.
Jahrhundert in unveränderter Anwendung gehalten zu haben, sind
aber sicher schon im sechsten nachweisbar. Sie sind derb mit dem
Schnitzmesser angelegte Zimmermannskapitelle geworden, die freilich
noch ungefähr die Massenverteilung der korinthischen zeigen, trotzdem
den bewußtesten Holzstil aussprechen. Das Gebiet solcher Kapitelle ist
sehr groß, von Sachsen über Spanien und Italien, selbst bis nach Afrika
hinüber ins Vandalenland, wo sich schon frühzeitig ganz bestimmte
Repräsentanten reinsten Holzstiles vorfinden, bei denen sogar auch die
Drehbank auf die Formen eingewirkt zu haben scheint.

In Toledo zeigen uns die in Sta. Cruz vermauerten Kapitelle der
westgotischen Basilika von Sta. Leocadia merkwürdig ausgearbeitete
Hakenformen.

Der weitere Fortschritt der Kapitellentwicklung zeitigt nun eine
vielgestaltige Menge von Grundformen (Abb. 48). Langsames Abweichen von
der zuerst erstrebten antiken Gestalt, wobei sich auch wunderlichste
Umbildungen des so charakteristischen jonischen Kapitells hervortun,
bis zur Erfindung des rein tektonischen Würfelkapitells, das in seiner
eigentlichsten Ausbildung freilich erst dem deutschen frühromanischen
Stil vorbehalten geblieben sein wird. Aber die Vorstufen dazu, die
nicht minder der Drehbank ihren Anfang zu verdanken scheinen, sind
schon uralt.

Jedenfalls ist das eigentlich neue und fruchtbringende in diesen
Arbeiten in der Richtung zu finden, die schon das byzantinische
Trapezkapitell eingeschlagen hatte: in der Vermittelung des viereckigen
Kapitellklotzes oder seines Oberrandes zu dem runden Schafte durch
irgendwelche Übergänge. Als einfachste Form erscheinen hierbei zunächst
die durch zuerst langsames dann stärkeres Abrunden der oberen scharfen
Ecken hervorgebrachten Überführungen, die oft in primitivster Roheit,
oft in fein motivierter Durchbildung auftreten. Manchmal wird der
Übergang durch Ornament verdeckt.

Auch das langobardische in die nordisch-germanische Backsteinkunst
übergegangene Trapezkapitell von S. Lorenzo in Verona gehört hierher.

Nicht minder aber die zahllosen echt germanischen Versuche, den
Übergang durch einfaches Auskehlen der Ecke, zuerst ins Achteck, dann
ins Rund zu erzielen; eine Form, die als dem Würfelkapitell ebenbürtig
zu bezeichnen und erstaunlich fruchtbar gewesen ist.

Ferner ist höchst anziehend die jüngste dieser Gestaltungen, die
Becherform als Kapitell auf dem Halse der Säule, bei der die
überstehenden Ecken der Vierecksdeckplatte durch irgendwelche
Eckauswüchse, Knöpfe, Schnecken, auch gar Menschenköpfe getragen
werden. Eine im Charakter urnordische Erfindung von oft
wildphantastischer Wirkung.

Man könnte ungeheure Musterkarten solcher Erfindungen jener kurzen
Jahrhunderte zusammenstellen von einem gegenüber den immerhin
begrenzten antiken Kapitellformen erstaunlichen Ideenreichtum,
der dadurch sich vervielfältigt, daß die verschiedensten jener
Grundgedanken miteinander kombiniert werden.

[Illustration: Abb. 49. Ingelheim. Kapitelle.]

Ferner fügen sich zu diesen Grundformen die merkwürdigsten
Ausgestaltungen. So anstatt des Akanthusblattes, wenn es sich
einmal darum handelte, die für solche Blätter vorgesehene Fläche
(Hakenblätter) wirklich auszuarbeiten, eine Durchbildung zu oft höchst
malerisch angeordneten Einzelblättern. Dafür bezeichnend sind die
beiden prächtigen aus der Pfalz zu Ingelheim stammenden Kapitelle in
Mainz (Abb. 49), von ganz außerordentlich interessanter Wirkung und
Behandlung, die auch einem völlig modernen Künstler wohl Freude machen
können. Diese Eigenart hält sich bis ins 10. Jahrhundert (Quedlinburg).

Hier (Ingelheim) tritt aber auch noch der obere Rand der Blätter stark
wulstig als eine Art Arkade, Bogenfries auf, und bezeichnet wieder
einen neuen Gedanken, der öfters zur Durchbildung gelangt (Aquileja)
(Abb. 50).

[Illustration: Abb. 50.

Aquileja. Dom-Krypta. Kapitell.]

Es führte zu weit, allen diesen Bildungen nachzugehen. Aber es ist
wenigstens noch darauf hinzuweisen, daß die Einzeldurcharbeitung dieses
wichtigen Schmuck- und Baugliedes denn auch im echt germanischen
Sinne erfolgt, d. h. in der oft einfachsten natürlichen Kerbtechnik,
im bescheidensten Aufundab der Oberflächenbewegung, unter Anwendung
einfacher oder vielfältiger Konturierung, Rippung des Flechtwerks, der
Schleifen und Knoten, des Netzwerks, der Tierornamentik, der stärksten
Phantastik, schließlich wirklicher figürlicher Reliefs, die Jagd, Kampf
und Zeremonie darstellen.

Gewisse Gestaltungen der letzten Art werden da typisch, so das bei den
Langobarden früh und spät übliche Adlerkapitell, das seine letzten
Sendlinge selbst nach Deutschland schickte, wo Barbarossa es wie so
manche andere langobardische Form (Flechtwerke) z. B. in Gelnhausen
nochmals aufleben läßt.

[Illustration: Abb. 51. Quedlinburg. Kapitell der Wipertikrypta.]

Einer ganz besonders eigenartigen Gestalt der germanischen Säule darf
hier nicht vergessen werden, die so absolut deutlich den Stempel
ihrer Entstehung aus dem Holzbau an sich trägt: der Säule mit dem
„Pilzkapitell“. Diese Form ist ganz unverkennbar direkt von der
Drehbank und aus dem Holzbau einfach übernommen und findet sich wohl
zuerst bei dem ältesten völlig original-deutschen gewölbten Steinbau
der alten Kapelle der Königspfalz der Ludolfinger in Quedlinburg (wie
man glaubt) jetzt Wipertikrypta genannt (Abb. 51). Von da mag sie nach
Werden und Essen in Westfalen, wie an den Rhein gewandert sein; auch in
England bei den Angelsachsen tritt sie auf.

[Sidenote: Säulenschaft]

Die Schäfte der Säulen verlieren im allgemeinen wenig vom antiken
Schmucke. Sie werden anfänglich gerne noch kanelliert, häufiger
aber gewunden, nicht nach der römischen feineren Manier, sondern
in der gewohnten Tauform grob und derb, manchmal gar doppelt in
entgegengesetzter Richtung, also zopfartig. Der Schaft ist meist
zylindrisch, die Verjüngung fehlt zuerst, tritt aber in der Spätzeit
seit den Karolingern um so kräftiger auf. Seit dem 9. Jahrhundert
pflegen die meist kurzen glatten Säulen sich fast kegelförmig nach
oben zu verdünnen; diese Erbschaft übernimmt dann der romanische Stil.

[Sidenote: Pfeiler und Pilaster]

Bei Pilastern und Pfeilern läßt sich öfters, obwohl sie nicht häufig
vorkommen, ein ganz ähnliches Prinzip der Durchbildung verfolgen,
getreu dem Grundsatze der holzmäßigen Bearbeitung. Die Gliederung
erfolgt auch hier streng in der vierkantigen Masse der Urform, aus
der das stützende Gebilde herausgehauen werden soll. Das Kapitell
wird bei den Ostgoten eingekerbt, bei den Westgoten einfach zurück-
und eingesetzt. Wird die Vorderfläche des Pilasters oder Pfeilers
geschmückt, so wird die gewünschte Figur einfach in sie hinein
gegraben. Merida gibt uns in seinen charakteristischen westgotischen
Bautrümmern hierfür die klarsten Beispiele. Manchmal sind in die Mitte
der Pilasterflächen noch kleinere Halbsäulen vertieft eingesenkt.
Diese Formen bieten uns merkwürdigste Analogien mit den Bildungen
der deutschen Renaissance im Holzbau (Hildesheim) (Abb. 46). Für uns
Deutsche, die damit von Jugend auf vertraut sind, ist die für Spanier
und andere so merkwürdige ja unverständliche Gestalt jener Pfeiler in
Merida denn gar nichts fremdes. Nur ebenso merkwürdig als erfreulich
bleibt für uns, daß germanische bildende Kunst hier tausend Jahre
früher in so weit entferntem Lande in anderem Baustoffe zu fast genau
den gleichen Neubildungen gelangt war. Einen Schimmer der Ewigkeit,
einen winzigen Beweis für die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit des
einmal der Rasse innewohnenden künstlerischen Charakters mag ein so
auffallendes Beispiel uns wieder einmal empfinden lassen.

Mit der Stütze aufs engste verwachsen, direkt von ihr abhängig,
erscheint nun ein neues Prinzip, ein anderes bauliches Glied, ganz
unbedingt aus dem Zimmermannsarsenal herüber genommen und zu neuer
bedeutsamer Rolle berufen.

Es ist dies das auf der Stütze -- der Säule -- liegende längere
Steinstück, welches bestimmt ist, die Dünne der Säule, die eine oft
vielfach dickere Mauer zu tragen hat, auszugleichen, die dickere Mauer
auf die dünne Säule zu übertragen. Dies vor allem in dem Falle, daß ein
Doppelbogen mitten von einer Säule getragen werden soll.

[Sidenote: Kämpferstein]

Diese architektonische Form ist eine früher unbekannte; eine wirkliche
Neufindung, die wir dem Eintritt der Germanen in die Baukunst
danken. Und das Vorbild des bezeichneten Steinstückes ist das im
Zimmermannswesen von uralter Zeit her gebräuchliche Sattelholz, das
seinerseits im Holzbau eine völlig gleichartige Aufgabe zu erfüllen hat.

Der abgeschrägte Kämpferwürfel über der Säule, den die byzantinische
Baukunst bereits kennt, hat gleiche Bestimmung, ist aber durchaus
von quadratischem Grundrisse und wohl dem Steinbau entsprossen, eine
Umbildung des Gebälkekropfs über der Säule; jedenfalls fügt er sich
seinem Wesen nach völlig in die Steinarchitektur ein. Nicht so der
über dem schmalen Kapitell quer zur Mauerrichtung liegende lange
Steinbalken, der eine auf dieser oblongen Grundfläche lagernde Last
aufzunehmen hat; er trägt durchaus den Stempel seiner Herkunft aus
dem Holzbau an sich, was nachdrücklich dadurch bestätigt wird, daß
er vor dem Eintritt der holzbauenden Germanen in die Kunst nirgends
nachzuweisen ist (Abb. 52).

Dieser lange Kämpferstein vermittelt also den Übergang vom Kapitell
zu dem darauf lastenden viel breiteren Bogen und erscheint bei den
Langobarden am frühesten, verbreitet sich aber rasch. Die Nachbildung
der ursprünglichen Holzform, ganz nach dem Muster des einfach
rechteckigen Sattelholzes (Abb. 59), finden wir in S. Miguel de Lino
bei Oviedo in Spanien als Bogenträger über einer Halbsäule (Abb. 126).
Selbst in verhältnismäßig später Zeit (etwa 810) ist das Vorbild noch
immer so deutlich, daß wir unbedingt annehmen müssen, der Holzbau habe
dort neben dem Steinbau damals noch in hoher Blüte gestanden und sei in
diesem Falle wie überhaupt in dem Formentum dieser ganzen Kirche nur
einfach im Stein nachgeahmt worden. Aber schon viel frühere Beispiele
seiner Anwendung zeigen uns den Übergang zur richtigen tektonisch
gestalteten Steinarchitektur, indem der rechteckige hohe Klotz
durch Abschrägung der überflüssigen unteren Ecken in die Trapezform
übergeführt und damit ein neues architektonisches Element geschaffen
ist, welches später in der romanischen Zeit die größte Verbreitung
gewann, z. B. in den Kreuzgängen geradezu ein charakteristisches Moment
für diese Baukunst geworden ist.

Jenes aus dem Holzbau in den Steinbau übertragene Sattelholz, der
Kämpferstein, gewinnt im Laufe der fortschreitenden Formenbildung
mannigfache und reiche Gestaltung; aber alle die hier wirksamen
Grundformen sind bereits zu langobardischer Zeit gegeben. So die
Trapezform, die Segmentform und andere, bis zur Auskehlung der zwei
Winkel, die auch im „romanischen“ Stil eine verbreitete immer deutsche
gut nationale Form bleibt.

Die tragende kurze Säule bedarf hier eigentlich keines Kapitells, wie
ihre frühesten dem Holzstil noch ganz nahestehenden Beispiele zeigen.
Erst der Schematismus des entwickelten romanischen Stiles reißt die so
eng zusammen gehörigen Teile: Stütze und Kämpfer wieder auseinander.
Vorher bildet der Kämpferstein das eigentliche Kapitell der Säule.

Von den Urbildungen des obengenannten Baugliedes sind die
langobardischen und die angelsächsischen von besonderem Interesse.
Der zertrümmerte Kreuzgang von St. Giorgio in Valpolicella bei Verona
(8./9. Jahrhundert) bietet uns davon eine ganze Musterkarte; einiges
auch S. Apollinare in Classe bei Ravenna in den +nicht+ byzantinischen
Bauteilen, wie Ravenna selbst an seinen zahlreichen echt germanischen
runden Backsteintürmen, die dem 7. bis 8. Jahrhundert angehören. --
Überhaupt sind die dicken Mauern der Türme, deren Ausbildung gewiß dem
Norden zuzuschreiben ist, das eigentliche Feld für die Säulchen mit
langen Kämpfersteinen, in den Kirchen die niedrigen Triforiengallerien
und Emporenöffnungen der starken Mittelschiffwände. So finden wir ganz
frühe Muster in Trier an den Frankentürmen (8./9. Jahrhundert),
im Inneren von Kirchen wohl am ersten bei uns in der Gernroder
Stiftskirche, wenn nicht schon früher in St. Michael in Fulda.

[Illustration: Abb. 52. Kämpfersteine.]

Selbst in Spanien mangelt es an Beispielen nicht, die sich übrigens
immer noch völlig an den reinen Holzstil, wie er in S. Miguel de Lino
sich zeigt, anlehnen. So in S. Pedro bei Zamora, wo Kämpfer und Säule
völlig in Eins zusammenwachsen, jener also an die Stelle des Kapitells
tritt (Abb. 141). Besonders charakteristisch ist dies dort mit der
Überleitung zum Hufeisenbogen verbunden. -- Eine Eigentümlichkeit, die
besonders dem beginnenden 9. Jahrhundert angehört; ganz ähnlich auch
in Germigny-des-Prés bei Orleans (806), wo allerdings die tragenden
Säulchen frei unter dem Querbalken stehen.

[Sidenote: Gedrehte Baluster]

Bedeutsam ist die in angelsächsischen Bauten häufige unverkennbare
Bildung der Säule als einer gedrehten balusterähnlichen Holzsäule, die
uns zeigt, daß wir in diesen Galerien eine uralte Einzelausbildung des
Holzbaus vor uns haben. Belege hierfür gibt es die zahlreichsten, nicht
nur in England.

[Sidenote: Galerien]

Die Galerieform tritt hierbei sofort hervor, sobald das Doppelfenster
zum dreifachen mit zwei Mittelsäulen wird; mit der Vermehrung der
Bögen wird dies immer deutlicher. So bei Kreuzgängen und dergleichen.
Das in der Renaissance so häufige Nebeneinanderreihen zahlreicher
gedrehter Baluster zu Brüstungen ist uns aus dem klassischen Altertum
nicht bekannt; wir dürfen vielleicht annehmen, daß die Holzkünstler der
Germanen dies Motiv zuerst anwandten und vielseitigsten Gebrauch davon
machten, mit und ohne Bögen.

In den Holzgalerien mit Bögen haben wir denn wohl auch den Ursprung
der Zwerggalerien zu suchen. Jeder europäische Holzstil zeigt uns
solche im kleinen von jeher im Gebrauche, schon im romanischen Stil, im
Altnordischen, selbst bei den Russen, bei uns und in den Niederlanden
bis in die späte Renaissancezeit hinein. Die Möbel, die Herrad von
Landsberg zeichnet, bestehen vorwiegend aus gedrehten Holzsäulen,
die oft zu solchen Galerien verbunden sind; aber nicht minder die
Bauernmöbel, besonders Stühle bis zum heutigen Tage. Hier ist von jeher
das Feld der Tätigkeit des Drechslers. Es kann natürlich nicht fehlen,
daß man uns da wieder an die späten Römer, so an die vorgesetzten
Säulchenreihen mit Bögen am Palast in Spalato erinnert. Doch vermögen
wir auf noch frühere Verbreitung des Bogengaleriemotivs bei den
Germanen zu verweisen, bei denen wir es als Ziermotiv schon an uraltem
Bronzebeschlag der Gürtel und des Lederzeugs antreffen (Abb. 8); selbst
an den Rücken der ältesten Beinkämme findet es sich von jeher und
bleibt hier bis ins frühe Mittelalter hinein üblich.

[Sidenote: Bogenfries]

Ganz besonders häufig tritt an dieser Stelle von jeher das ebenso
altertümliche Gebilde des Bogenfrieses auf, der Bogengalerie ohne
Säulchen; einfach, dann verdoppelt sich durchdringend, eines der
unsterblichen altgermanischen verzierenden Friesmotive[13], das in
Italien Ostgoten und Langobarden in die Baukunst herübernahmen. Als
steinerner Bogenfries hat es dann den ganzen romanischen Baustil
beherrscht und lebt heute noch (Abb. 53).

[Illustration: Abb. 53. Rundbogenfriese, langobardisch.]

[Illustration: Abb. 54. Germigny-des-Prés. Kämpfer.]

Aus der Langobardenzeit wie der frühen Angelsachsenzeit sind zahlreiche
Beispiele von Galerien mit Säulchen oder Pfeilern erhalten, die als
einfache Wandgliederungen oder Wandschmuck innen und außen angewandt
sind. Die Nachahmung des Holzstils ist hier ungemein deutlich. Spätere
gleichartige Nachahmungen in Dänemark. Karolingische Kämpfer in
Germigny-des-Prés zeigen uns das Motiv in kleinstem Maßstab (Abb. 54).
Nicht minder durchbrochene Fensterplatten in S. Miguel de Lino bei
Oviedo in Spanien, die aussehen, als ob sie nur mißverständlich in
Stein ausgeführt seien, statt durch den Drechsler und Tischler in Holz.

In geradezu überraschender Deutlichkeit sehen wir die gedrehten
Säulchen an dem so urgermanischen Portal des Turmes der Kirche zu
Monkwearmouth (s. Abb. 183). Kurze und fast faßartige vielgeringelte
Schäfte tragen ohne jedes Kapitell den holzmäßig gestalteten Kämpfer
unterm Bogen.

[Sidenote: Bogenkämpfer]

Bei dem genannten Portal fällt uns ferner auch das seitlich glatt
abgeschnittene Profil des Kämpfers auf. Auch das gehört zum
germanischen Rüstzeug in der Architektur. Der Kämpfer ist eben nichts
als das vorgeschobene einseitige Sattelholz, aus einem glatten Balken
hergestellt, folglich an den Seiten glatt. Am Portal der Kirche S.
Pablo zu Barcelona ist diese Qualität des Kämpfers bei den Germanen
noch in ganz unverhüllter Weise ausgesprochen (vgl. Abb. 52). Was ist
er da anderes, als ein ganz klar ausgebildeter Balkenkopf? -- Solche
Balkenköpfe in Stein haben sich in Spanien in mancherlei Mustern
erhalten. Besonders charakteristisch dürfte ein Beispiel im Museum zu
Sevilla sein, bei dem auch das Dübelloch für die unterstützende Säule
noch vorhanden ist.

Auch die Bildung des Kämpferprofils entsprach dieser Entstehung:
die einfache Abfasung, die Schmiege, ist noch karolingisch, erhält
sich dauernd in der gerade folgenden Zeit (so Tracy-le-Val, 11.
Jahrhundert). Zahlreiche andere Profilierungen, besonders reiche in
England geben die mannigfaltigsten Variationen der Grundmelodie,
andererseits die klarste Übertragung der Holzprofile in den Stein (Abb.
45).

[Sidenote: Säulenfüße]

Einen Blick noch werfen wir auf die Füße der Stützen. Natürlich kommen
hier die der säulenartig gebildeten am meisten in Betracht, da diese
einer Basis im Gegensatz zum Kapitell bedürfen.

Auch hier mangelt es nicht an Belegen dafür, daß ihre Fußbildungen
aus dem reinen Holzstil erwuchsen, wenn auch wohl von der antiken
Säulenbasis als Vorbild beeinflußt, doch sofort zur einfachen Ringelung
um das untere Schaftende umgestaltet. Jedenfalls immer sehr hoch und
ohne viel Ausladung, wie das das Drehen der Säulen in Holz und auch in
Stein aus vierkantigen Balken mit sich brachte.

Wie aber die dünne Holzsäule frei auf dem weichen Boden stehend durch
den Druck in diesen hineingepreßt würde, folglich einer bedeutenden
Verbreiterung ihrer Grundfläche bedarf, um den Druck zu verteilen,
diesen daher von alters her durch Unterlagshölzer in oft mehreren
Lagen überträgt, so finden wir bei freistehenden Steinsäulen in der
noch eigentlich germanischen Baukunst öfters eine starke Verbreiterung
nach einer oder mehreren Richtungen. So in S. Pedro (Prov. Zamora), S.
Miguel de Lino (Abb. 55, Tafel XIV), jünger, doch in gleichem Sinne,
in Fjenneslevlille Kirke in Dänemark. (Wie man ja den hohen Norden
hier in allen solchen Dingen oft fast um zwei Jahrhunderte hinter den
sonstigen Zeitläuften herhinken sieht. Es sind daher manche Formen der
skandinavischen Baukunst des 11./12. Jahrhunderts als noch denen der
karolingischen Zeit des Südens nahestehend zu bewerten.)

Was sich nun aber über die Vertikalstützen lagerte zum weiteren Aufbau,
das waren natürlich nach dem einfachsten Zimmermannssystem wagerechte
Balken. Die hölzernen haben sich freilich längst in Moder gelöst, von
den steinernen ist manches geblieben.

Im Steinbau trat ja rasch genug das Gewölbe, also zunächst der Bogen,
an die Stelle des Balkens. Aber ganz offenbar ist hier folgendes im
Anfange maßgebend gewesen und lange Zeit geblieben:

[Sidenote: Bogen]

Der nordischen Zimmermannskunst war das im südlichen eroberten Lande
auffallendste und bedenklichste in der Baukunst offenbar der Bogen mit
dem zentralen Steinschnitt, wie das in der Natur der Sache lag.

Hatte man bisher alle konstruktiven Schwierigkeiten, gewiß auch nicht
ohne Kühnheit, aus der Natur des Holzbaus heraus zu bewältigen gehabt
und gewußt, hatten Holzständer, Riegel, Langbalken, Schwellen und
schräg gestellte Sparren das Rüstzeug des Zimmermanns ausgemacht,
verbunden mit den dazu gehörigen Einzelheiten: Zapfen, Versatzungen,
Überblattungen u. dgl., mit Hilfsmitteln wie den früher genannten
Sattelhölzern, so war man plötzlich vor eine Aufgabe des reinen
Steinbaus gestellt, der in ganz fremdartiger Weise aus keilförmig
geschnittenen Steinstücken weite Bögen herstellte, mächtige
Spannweiten überbrückte. Man sah sich vor ganz entgegengesetzten
Konstruktionsprinzipien. Hatte man früher weite Räume zu bedecken,
so legte man starke Balkenhölzer darüber; genügten diese nicht, so
verzahnte und verband der Zimmermann zwei oder mehrere übereinander,
gewohnt, mit der schlanken und starken Langfaser des Holzes zu rechnen
und durch sie alles zu besiegen.

Und jetzt: ganz neue Anforderung, die durch das herrschende
Steinmaterial und den im Süden offenbar schon vorhandenen Holzmangel,
die Landessitte und die gewaltigen bereits bestehenden Denkmäler
in solcher Bauweise gestellt wurde! -- Die größte Umwälzung, die
denkbar war. Und eine Anforderung, das seit uralter Zeit Gewohnte,
ja die eigene Natur aufzugeben zugunsten zunächst höchst schwierig
erscheinender, jedenfalls mit Mißtrauen betrachteter neuer baulicher
Grundsätze.

[Sidenote: Türen und Portale]

Was sich da ergab, war folgerichtig. Bildete man häufig die Überdeckung
noch ganz zimmermannsmäßig, so blieb man auch in Fällen reicherer
Ausbildung gerne bei der horizontalen Steinbalkenüberdeckung, wo das
möglich war, so im kleinen bei Türen und Portalen. Hohe wagerechte
Stürze wurden über die senkrechten Stützen quer gelegt, wie wir
solche von den Westgoten noch zahlreich übrig finden. Aber auch
sonst, z. B. in Engelstadt (Rheinhessen), in völlig übereinstimmender
Weise. Gerade hier belehren uns die Bildungen der Türstürze auf das
eingehendste; einige spätere dänische sind besonders instruktiv, auch
in ihrer Dekoration, die z. B. durch flach eingegrabene Bögen erfolgt
(Bogenfries), ganz wie es an Holzschwellen bis ins späte Mittelalter
üblich war (Abb. 56).

Von Interesse ist hierbei die echt holzmäßige Überblattung oder
Ausklinkung des Sturzes der horizontal geschlossenen Türen, so in
Cividale, an S. Clemente in Rom, auch in Escomb in England.

[Illustration: Abb. 56. Türen mit geradem Sturz.]

Frühzeitig mußte man jedoch hier die Unentbehrlichkeit des
Entlastungsbogens über dem flachen Sturz erkennen, den bereits die
Römer gerne angewandt hatten, wenn man nicht, wie es öfters vorkommt,
den Sturz inmitten höher machte, ihm dachförmige Gestalt gab. Türstürze
dieser Form finden wir in Trümmern zahlreich aus der Langobardenzeit,
so in Brescia, Cividale, auch im Museum zu Köln ist ein solcher Rest
vorhanden, und von der uralten Kapelle zu Ronnenberg bei Hannover
(schon 524 erwähnt) dort noch die ganze Tür eingemauert (Abb. 57). Bei
den Langobarden ist diese Form besonders verbreitet; manchmal doch mit
Bogen darüber. In der Folge wird bei ihnen der entlastete Sturz zur
Regel: S. Anastasia zu Lucca; und zwar mittels Halbkreisbogen[14].
Damit ist das halbrunde Tympanon des Mittelalters geschaffen, einer der
allerfruchtbarsten künstlerischen Gedanken in der Architektur.

[Illustration: Abb. 57. Portale mit dachförmigem Sturz.]

War aber wirklich ein Bogen über Fenster oder Tür beabsichtigt, so
schnitt man diesen Bogen bis in die romanische Zeit hinein mit Vorliebe
aus einem hohen Steinbalken heraus, also wieder rein dekorativ,
eine formale Konzession, ohne in der Sache die Zimmermannsmäßigkeit
aufzugeben.

Auch diese Beobachtungen beweisen uns die ungemein große Vorsicht, mit
der die Germanen an den Bogenbau in Stein herangingen; dem Gewölbe
gegenüber verfahren sie in der Folge nicht weniger mißtrauisch und
tastend.

[Sidenote: Hakensteine der Bögen]

Ungemein deutlich spricht dies die viel angewandte Technik der
Hakensteine in den Bögen aus. Das ganze Theoderichmausoleum zu Ravenna
ist dafür ein Musterbeispiel (vgl. Abb. 82, Tafel XXI). Nicht nur die
sämtlichen Keilsteine der großen Tragebögen des Unterbaus haben solche
Haken, sondern selbst der flache Entlastungsbogen über dem Türsturz der
oberen Eingangstür besteht nur aus Hakensteinen. Bei den Römern ist die
Anwendung dieser Konstruktion selten, in solcher Konsequenz nirgends
nachweisbar, während sie an Westgotenbauten in Spanien ebenfalls oft
genug auftritt, besonders bei Schlußsteinen von Bögen. (Sta. Maria de
Naranco). Die Araber haben diese Gepflogenheit nachher übernommen,
insbesondere für scheitrechte Bögen.

[Illustration: Abb. 58. Werden. Bogenkonstruktionen.]

An dem letztgenannten westgotischen Bau, der noch der Mitte des 8.
Jahrhunderts angehören muß, zeigt sich die bedächtige Vorsicht, wenn
man will, Unsicherheit der germanischen Baumeister auch darin, daß
manche selbst durch Archivolten betonte Bögen immer noch als reine
Überkragungen konstruiert sind. Von richtiger radialer Druckverteilung
gar keine Rede[15]. Ganz verwandt ist die Bogeneinwölbung, wie sie in
Werden am Äußeren der Peterskirche auftritt (Abb. 58).

Der Bogen ist den Germanen zuerst eine bloß künstlerische Form, keine
folgerichtig durchgeführte Konstruktion. Daher auch die merkwürdige
Gepflogenheit, den Bogen, wenn es geht, aus +einem+ einzigen Stein zu
hauen; eine Sitte, die sich bis ins Romanische verlängert, freilich
auch im Syrischen (und Hellenistischen) hier und da vorkommt. Ein
Beispiel aber, wie bei S. Miguel de Lino, wo der Bogen auch an der
Außenkante der Peripherie folgt, also einen halben Ring bildet, dürfte
einzig dastehen; er ist sogar nachträglich in radialer Richtung
gerissen, wie das seine sichelförmige Gestalt erklärlich macht (Abb.
126).

[Illustration: Abb. 59. Holzkonstruktionen und Hufeisenbögen in Holz.]

[Sidenote: Hufeisenbogen]

[Sidenote: Ableitung des Hufeisenbogens aus dem Holzbau]

Kaum minder bezeichnend ist die Hufeisenform des Fenstersturzes
an einem Befestigungsturm in Caceres (Abb. 60). Unkonstruktiv in
herkömmlichem Sinne freilich; doch für unsere Untersuchung um so
deutlicher. Es bleibt eben der Bogen eine rein dekorative Bildung,
keine konstruktive; und der hier auftretende Hufeisenbogen stammt ja
erst recht aus dem Holzstil, wo er von früher Zeit an konstruktiv (Abb.
59) und dekorativ -- letzteres an den Portalen -- auftritt. Da ist er
auch notwendig, denn er ist ursprünglich nur eine Verspannung zwischen
vertikalen Ständern und bedarf des unteren Hakens anstatt der Spitze
zur Konsistenz; eine Form wie A ist technisch unmöglich wegen der
scharfen Spitze. Der aus dem Holzbau übernommene Hufeisenbogen ist in
der germanischen Frühzeit auch im Steinbau überall verbreitet, vor
allem als dekorativ wirksame Form. Am meisten im Spanien der Westgoten,
in dem ihn die Araber vorfanden und wie er war übernahmen. Es waren in
diesem Lande in einer gewissen Zeit wohl alle die kleinen Basiliken
mit hufeisenförmigen Längsbögen versehen. Davon zeugen noch: Venta de
Baños, S. Miguel de Escalada, Souso, Lebeña, S. Pedro, in Frankreich
bei Orleans Germigny-des-Prés, Nachzügler gibt es in Italien bei den
späten Langobarden, und selbst bis ins 12. Jahrhundert hinein im
hohen Norden, wo z. B. Ripen (Dänemark) am Domportal das Hufeisen in
ausgeprägtester Art aufweist.

Der außerdem im 8. und 9. Jahrhundert häufige Halbkreisbogen mit
vorspringenden Stützen gehört hierher; er wird an Germanenbauten
in gleicher Weise ohne eigentliche konstruktive Begründung, wohl
als Ersatz für den Hufeisenbogen gebraucht. Vielleicht ist auf ihn
die oft vorkommende Anordnung zurückzuführen, eine dekorierende
Säule in den Bogen unten bis zum Kämpfer frei vorzustellen, was wir
sogar an vandalischen Bauwerken in Afrika (Tipasa) wie öfters an
westgotisch-spanischen (Tuñon), auch an angelsächsischen finden[16].

Ist es nun nicht zu leugnen, daß auch an einigen byzantinischen
Bauwerken und in Anatolien der Hufeisenbogen auftritt, freilich noch
seltener, als manche der oben aufgezählten ebenfalls vereinzelt im
Späthellenistischen vorkommenden Besonderheiten, so hat es doch
keinerlei überzeugende Kraft, wenn man aus der Gegenüberstellung der
Tatsache, daß der Hufeisenbogen bei den Germanen hundertfältig, bei
den Byzantinern ein halbes dutzendmal vorkommt, unbedingt schließen
will, daß gerade die letzteren die wirklichen Erfinder oder Verbreiter
der Form sein müßten. Es mag freilich heute ein wenig Gepflogenheit
sein, ihnen vor allem für jene Zeit die erste Erfindung jeglichen
neuen künstlerischen Gedankens, dessen sie sich gelegentlich bedienen,
zuzuschreiben, dagegen die Germanen von jeglicher Autorschaft auf dem
Gebiete der bildenden Kunst auszuschließen[17]. Warum ist nicht recht
einzusehen. Vielmehr scheint es berechtigt, da, wo eine bestimmte Form
massenhaft vertreten ist, eher ihren Ursprung zu vermuten, als da, wo
sie vereinzelt nachgewiesen wird.

An dieser Stelle mag die Einfügung angebracht sein, daß der später von
den Arabern in Spanien so viel gebrauchte Hufeisenbogen, der früher
als ihnen eigen betrachtet wurde, dies durchaus nicht, sondern ein
Erbstück war, das sie von den Westgoten übernahmen. Die Behauptung, daß
diese Bogenform westgotisch sei, mag heute noch bei manchem ein Lächeln
hervorrufen; sie ist darum nicht weniger wahr und in Spanien längst
anerkannt, weil überall dort unverkennbar hervortretend.

[Sidenote: Die Araber Erben der Westgoten]

Die Araber brachten aus ihrem Vaterlande -- vielmehr aus dem näher
gelegenen Nillande -- nur den hochgestelzten stumpfen Spitzbogen
auf dünnen Säulen mit. In Spanien fanden sie den Hufeisenbogen so
allgemein verbreitet, daß sie ihn sofort annahmen, wie ja ihre
dortige früheste Baukunst eine Sammlung verschiedenartigster fremder,
besonders westgotischer Motive zeigt, die erst langsam zu einem
Ganzen zusammenschmilzt. Auch dem Hufeisenbogen haben sie später
ganz neue Reize abgewonnen; insbesondere durch schrägere Richtung
des Fugenschnitts; ihr Bogen zeigt in der Folge die Radialfugen der
Steine nicht nach dem Kreismittelpunkt gehend, wie bei den Westgoten,
sondern nach einem viel tiefer, mindestens bis auf die Kämpferhöhe
hinabgelegten Mittelpunkt gerichtet. Das gibt dann einen erheblichen
Unterschied in der Wirkung[18].

Für die Nordländer mag also jene neue „Entdeckung“, daß der
Hufeisenbogen nordisch-germanisch sei -- wie er ja auch an den noch
erhaltenen ältesten nordischen Stabkirchen häufig erscheint --, nicht
minder überraschend sein, als es für mich z. B. die Antwort auf eine
Frage an Meister Velasquez in Madrid, den besten Kenner dieser Zeit,
gewesen ist, da er sagte: „Das charakteristischste und reichhaltigste
Werk der Baukunst der Westgoten in Spanien ist unzweifelhaft -- die
Moschee in Cordoba“. -- Das klang wunderlich, ist aber doch richtig.
Denn der älteste und Hauptteil der Moschee besteht aus den Resten
mehrerer westgotischer Kirchen Cordobas, die die Araber zu ihrem Neubau
zusammenfügten; freilich waren die meisten Säulenschäfte dieser Kirchen
schon älteren römischen Bauten entnommen gewesen.

[Sidenote: Dachsparrenstellung über Öffnungen]

Zuletzt ist hier zu erwähnen, daß an die Stelle der Bögen öfters noch
eine andere Form tritt, die in der späten Merowinger- wie in der
Karolingerzeit sehr beliebt ist: die Sparrenstellung. Ganz offenbar die
dem Zimmermann geläufigste Form +nicht+ horizontaler Überdeckung: die
Form des Daches.

Bei den verschiedensten Gelegenheiten macht man im 8./9. selbst bis
ins 10. Jahrhundert hinein davon Gebrauch. Klassizistische Archäologen
erklären zwar rundweg, dies sei weiter nichts als eine Degenerierung
der antiken Giebelform. Und wenn, wie z. B. bei S. Jean in Poitiers die
spitze Form mit Rundbogen wechselt (vgl. Abb. 147), so sei das nur eine
Wiederholung der Reihen von abwechselnden Rund- und Spitzgiebeln der
spätrömischen Baukunst insbesondere in Syrien. So richtig das natürlich
in einzelnen Fällen sein kann -- es besteht doch ein grundsätzlicher
Unterschied zwischen plastischen Giebelreihen, die oberhalb von
Nischen zu deren Schutze oder Schmuck aufgebaut wurden, und der
Zusammenstellung von Brettern und Balken, die einen Hohlraum dachförmig
nach oben abschließen.

Ferner mag man nicht vergessen, daß die antiken „Giebel“ doch auch
weiter nichts sind, als schräg zusammengestellte Sparren, also genau
auf dem gleichen Wege erzeugt. Wenn die Antike selber einst dies Motiv
aus dem Holzbau übernahm und ausbildete, warum sollten spätere Germanen
es sich nicht genau in derselben Weise erworben haben können, um so
mehr, als sie direkt aus dem Holzbau kamen. Wir nehmen einstweilen
dies für sie in Anspruch und vermeinen, z. B. die angelsächsische
Fenstergestaltung wie in Brigstock oder Deerhurst als ein bloßes
Plagiat nach antiker Giebelarchitektur nachzuweisen möchte nur einer
ganz gezwungenen Beweisführung ohne Überzeugungskraft gelingen können.

Jedenfalls finden wir bei den Germanen die Dachsparrenstellung weit
verbreitet und angewandt. Zur Überdeckung von Fenstern, Türen und
anderen Öffnungen, zur Entlastung von Stürzen, aber auch als Ersatz für
weiter gespannte Bögen, besonders bei blinden Arkaden. Am prächtigsten
an der merowinger Vorhalle zu Lorsch (s. Abb. 149), ähnlich noch spät
um den Nordwestturm der Kirche zu Gernrode. Vielleicht noch ottonisch
an der Fischbecker Stiftskirche, massenhaft an angelsächsischen Kirchen.

[Sidenote: Gewölbe]

An den Gebrauch der Bögen schließt sich unmittelbar der der Gewölbe.
Ihnen gegenüber verhält sich der Germane ähnlich skeptisch und
vorsichtig; nur selten macht er Gebrauch von ihnen, und dann beschränkt
er sich fast ausschließlich auf den der Tonnengewölbe, und zwar von
möglichst geringer Spannweite. Das Kreuzgewölbe kommt so gut wie nicht
vor; nur in der Karolinger-Zeit findet man es ganz vereinzelt (Aachen);
kaum minder selten das Kuppelgewölbe; doch sind dies so sehr Ausnahmen,
daß man der Regel nach weder Kreuzgewölbe noch Kuppeln vor dem Beginn
des 11. Jahrhunderts zu setzen braucht.

Das Theoderich-Grabmal ist dafür ein merkwürdiger Beleg. Sein
Erdgeschoß ist mit zwei sich kreuzenden Tonnen überspannt, was freilich
an der Kreuzungsstelle unvermeidlich eine Kreuzgewölbeform ergeben
mußte. Aber die Kuppel oben hat man weder in Wölbsteinen noch auch nur
in Stampfmauerwerk auszuführen unternommen, sondern, freilich gewiß
in Erinnerung an germanische Ursitte, über das Denkmal einen einzigen
riesigen Stein gelegt, den man kuppelförmig aushöhlte.

Später hat allerdings das Germanentum aus seiner so vorsichtigen
ausschließlichen Verwendung enger Tonnengewölbe immer noch sehr kluge
und wertvolle Gewölbekomplikationen zu entwickeln verstanden, von denen
aber erst unten zu handeln sein wird.

[Sidenote: Strebepfeiler]

Noch in einer anderen Richtung sind die Germanen für den Gewölbebau
fruchtbringend gewesen: man findet an ihren Bauwerken wohl zuerst
Strebepfeiler zur Aufnahme des Gewölbeschubs systematisch angeordnet
und ausgebildet, sowohl in Spanien als in Frankreich; eine Idee, die
als eine höchst wertvolle bis in späteste Zeiten fortlebend Großes
gewirkt hat.

[Illustration: Abb. 60. Fensterformen.]

[Sidenote: Fenster]

Die Ausbildung der Fenster und Türen, die schon oben gestreift ist,
förderte nicht minder eine Fülle eigenartiger Bildungen zutage. Wie
im Norden bei den hölzernen Stabkirchen die Fenster doch häufig im
Rundbogen geschlossen sind, so werden die kleinen Fensterchen an den
frühesten Germanenbauten in Holz, dann in Stein, wie ja auch italische
und byzantinische Kirchen es zeigten, bereits Rundbogen als oberen
Abschluß besessen haben. Der Sturz war anfänglich meist ein rundbogig
gehöhlter Stein, wie oben bereits ausgeführt ist (Abb. 60).

Bei Fenstern und Türen ist nun besonders in England die höchst
merkwürdige Beobachtung zu machen, daß eine Verbreiterung, wenn
notwendig, gerne nach unten, nach der Sohlbank oder Schwelle zu
erfolgt, so daß der Sturz nicht verlängert zu werden braucht. Ja
selbst eine Art Parabelform für die Fenster läßt sich da nachweisen.
(Goldbach, Escomb, Boarhunt.)

Auch der hufeisenförmige Abschluß der Fensternische, besonders nach
innen, ist nicht selten, weder in Spanien, noch in England oder
Frankreich. An den frühen Angelsachsenbauten besonders sind uns
mancherlei Muster dafür erhalten geblieben.

Nicht weniger eigenartig ist die oben erwähnte Abdeckung der
Fensteröffnungen durch zwei schräg gestellte Steinbalken: die
holzmäßige Form der Sparrenstellung. Sehr schön in dieser Anlage sind
die Doppelfenster zu Deerhurst; wie ich glaube die Originalform der
unrichtig restaurierten westlichen Emporenfenster des Aachener Münsters
gebend.

An die oben erwähnte Form der Entlastung über dem Fenster des Turmes
zu Gernrode sei hier erinnert, die ebenfalls die Sparrenstellung zeigt
(Abb. 60).

[Sidenote: Innere dekorative Fensterumrahmung]

Die schmalen Fenster jener Zeit sind öfters innen und außen stark
verschieden, innen meist reicher gestaltet, wie denn jene Zeit
etwaige Prachtentfaltung selten dem Äußeren zuwandte. So sind in
Germigny-des-Prés die Fenster oben -- vielleicht einst auch unten --
mit Halbsäulchen und reichen Archivolten in Stuck eingefaßt (vgl.
Abb. 65) -- in St. Jean zu Poitiers sind sie bereits durch in Ecken
eingesetzte Falzsäulchen flankiert, wie in der Folge so vielfach.

Es mag hier uns das allermeiste verloren gegangen sein. Denn wo steht
überhaupt ein kirchlicher Innenraum Altgermaniens noch unverletzt
aufrecht? -- -- Germigny-des-Prés ist seiner originalen Ausgestaltung
fast ganz beraubt, die meist durch schwächliche Nachbildung ersetzt
ist. Am meisten dürfte in S. M. in Valle in Cividale vorhanden sein, wo
wir die prächtigste Fensterumrahmung aus Stuck mit kräftigen Halbsäulen
und üppiger Bekrönung durch eine sehr schöne halbdurchbrochene
Archivolte noch in situ vorfinden (s. Abb. 104, Tafel XXIX). In
Disentis am Gotthard hat man aus den Trümmern der Kirchenruine
ebenfalls die Reste einst auf Halbsäulen sitzender Fensterarchivolten
herausgegraben, deren Formen hier mehr als sonst dem Holzstil
angehören[19] (s. Abb. 65).

[Sidenote: Fensterverschlußplatten]

Daneben könnten die Fensterverschlußplatten ein besonderes Kapitel
beanspruchen; die durchbrochenen Platten, mit denen die Fensterlöcher
nach außen gefüllt wurden, die die Glasfenster zu ersetzen hatten,
deren es damals für solche Zwecke gar zu wenige gab. Daher man die
Fensteröffnungen an sich so klein als möglich machte, um wenigstens
Sturm, Regen und Schnee nach Möglichkeit auszuschließen. Haut, Stoff
und anderes als Glasersatz verbot sich wohl bei Kirchen. Für den Süden
ist das Hilfsmittel, die Lichtöffnungen der Kirchen mit durchbrochenen
Marmorplatten zu schließen, bei der dortigen Lichtfülle und dem milden
Klima leicht verständlich und genügend. Dieses Material, dünn genug
geschnitten, ist überhaupt schon lichtdurchlässig, und so mochten
einige kleine Öffnungen, planlos oder ohne besonderen Anspruch auf
Zeichnung eingeschnitten, wohl schon genügen, um das Bedürfnis
nach Licht, das in den Kirchen ja viel geringer ist als sonst, zu
befriedigen.

Mit dem Vordringen der Germanen nach dem Süden werden diese Platten der
Gegenstand reicherer Ausgestaltung und Zierung. Die Barbaren übernehmen
zunächst den Gedanken ohne weiteres, verpflanzen ihn auch nach Norden;
in Frankreich, selbst in England sind solche Fensterplatten mit
reichem dichtem Gitterwerk nicht allzu selten. Aber der ganz weiße
durchscheinende Marmor fehlte im Norden, und so entstand das Bedürfnis
nach stärkeren Öffnungen von selbst, die dann, wo das möglich war, mit
Glas ausgefüllt wurden. Die Araber haben solche Fenstereinsätze aus
Gipsplatten, mit buntem Glas geschlossen, in Nordafrika noch heute viel
im Gebrauche[20].

Die Verbreitung solcher ganz reich verzierter Fensterplatten, die in
echt germanischen Schlingmustern, in Bogenfriesen und Arkadengalerien
mit Säulchen in reinem Holzstil -- kurz im ganzen uns bekannten
Zierwerk des Nordens durchgebildet sind, geht aber so weit, als die
Germanen zogen (Abb. 61). Sie sind bei den Vandalen in Afrika, den
Westgoten in Spanien, den Franken in Gallien, den Angelsachsen in
England, den Langobarden in Italien zu Hause[21]. In Deutschland und
weiter im Norden fehlen größere durchbrochene Fensterplatten dagegen
scheinbar ganz, wohl weil das Licht sonst nicht mehr ausreichte;
freilich könnte es seinen Grund auch darin haben, daß sie nach dem
8. und 9. Jahrhundert überhaupt nicht mehr vorzukommen scheinen, die
kirchliche Bautätigkeit in Deutschland aber erst damals begann.

Übrigens sind steinerne durchbrochene Verschlüsse für sehr kleine
Öffnungen (nicht Kirchenfenster) in Deutschland, später im 11. und
12. Jahrhundert, nicht ganz selten, insbesondere in Türmen, was die
Möglichkeit offen läßt, daß gleicher Gebrauch, dessen Dokumente
verschwunden sind, für Kirchenfenster vielleicht doch geübt gewesen
sein könnte.

In Dänemark finden wir bei Kirchenfenstern in romanischer Zeit übrigens
auch hölzerne durchbrochene Fensterplatten, für Glaseinsätze mit
Falz versehen, die auf ähnliche Fensterbildung schließen lassen. Auch
im angelsächsischen England werden durchbrochene Holzbretter als
Fensterverschlüsse erwähnt. Dies dürfte den Gedanken nahelegen, daß in
nordgermanischen Ländern früher vielleicht auch durchbrochene Holzläden
die Stelle von Fenstern versehen haben könnten.

[Illustration: Abb. 61. Ost- und westgotische, langobardische und
angelsächsische Fensterplatten.]

Was aus allen diesen Beobachtungen aber sicher übrigbleibt, zeigt
uns, daß die Germanen, die nach südlicheren Gegenden gewandert waren,
in der Herstellung solcher reich gestalteter, ja manchmal geradezu
üppiger Fensterplatten ein schönes Feld ihnen zusagender Zierkunst
gefunden und bestellt haben. Eine vielgestaltige Musterkarte davon
wäre leicht zusammenzustellen. Wenn dazu bemerkt wird, daß solche
durchbrochenen Platten ja auch im ganzen byzantinischen Reiche, in
Kleinasien, in Ägypten selbst um jene Zeit gebräuchlich gewesen sind,
so muß nachdrücklich wiederholt werden, daß dies an sich richtig, daß
aber die ganze reichere Durchbildung dieses interessanten Zierstückes
zu künstlerischer Wirkung, wie es scheint, den Germanen vorbehalten
geblieben ist. Langobardische, fränkische und angelsächsische,
vor allem aber westgotische Muster sind weitaus die schönsten und
bedeutsamsten ihrer Art. Die Übung dieser Völker in den phantasievollen
Arbeiten des Flechtornaments und ähnlichem bildete ja auch hierfür
trefflichste Schulung; nicht minder ihre Neigung von alters her, jede
Fläche mit flachem Schmuckwerk zu brechen.

Von besonderem Reize sind die (erneuerten) in den schlanken
hufeisenförmigen Fensteröffnungen zu Venta de Baños (Spanien).

Die wunderschönen Fensterplatten aber an S. Miguel de Lino in Spanien
zeigen uns sogar bereits völlig ausgebildete Maßwerke; diese im
Mittelalter so prächtig und glänzend durchgebildeten Zierstücke
der gotischen Fenster derart vorgefühlt, daß hier gar nicht viel
mehr hinzuzufügen bleibt. Auch die Fensterrose ist in vollständiger
Ausbildung da bereits vorhanden (Abb. 61).

Solche steinerne, durchbrochene Fensterplatten als Fensterausfüllungen
beschränkten sich dabei keineswegs auf kirchliche Gebäude. Auch an
reichen Profangebäuden sind solche nachgewiesen. So fand sich eine
sehr hübsche nahe bei S. M. de Naranco (bei Oviedo), sicher ein
Rest des von König Ramiro I. dort erbauten Wohnpalastes, den dieser
nach 842 in Verbindung mit einem Bade dort neben der Königshalle
errichtete. Diese Platte ist im Muster recht dicht, doch lassen sich
als charakteristische Form kleine Hufeisenfenster und Kreuze darin
nicht verkennen. Andere Platten zeigen geradezu offene Fensterarkaden,
sicherlich zum Ausblick geeignet oder bestimmt. So solche in Merida
in Spanien -- auch in Brescia eine ganz ähnliche. Die Breitenform
dieser Platten schließt scheinbar ihre Anbringung in Kirchenfenstern
aus; wir haben also auch in ihnen wohl profane Fensterplatten zu
sehen, wie eine solche sich -- noch jünger und interessant durch ihren
Kerbschnittschmuck -- am grauen Hause zu Winkel (Rheingau) vorfindet,
sicher dem ältesten steinernen Privathause der Germanen, das uns
erhalten ist.

Außerdem aber, auch wohl für diejenigen Fenster, die nicht in der
dargestellten Art ausgefüllt, sowie gewiß für solche, die mit Glas
geschlossen waren, sind frühzeitig äußere Fensterläden aus Holz oder
Stein gebräuchlich gewesen; jedenfalls zum Schutze gegen Regen, starke
Sonne und äußere Beschädigung. Wenigstens sind vorspringende Steine
mit vertikalen Löchern für die Zapfen der Läden nachzuweisen, so an S.
Giorgio in Valpolicella (Italien), bei S. Tirso in Oviedo (Spanien), in
beiden Fällen an der Ostapsis, aber auch sonst öfters; in Torcello sind
steinerne Läden noch vorhanden.

Es darf hier übrigens nicht vergessen werden, daß bereits sehr früh
nicht nur Glasfenster vorkamen, sondern selbst farbige erwähnt werden;
so von Venantius Fortunatus (560) bei der Anführung einer Kirche zu
Lyon, wo der Ausdruck „versicoloribus figuris“ von ihren Glasfenstern
gebraucht wird. Ähnliches wird damals von der Kathedrale in Paris
gerühmt. Es ist natürlich hier wohl nur an ornamentale Figuren zu
denken.

Wenn wir nun nochmals zu den +Portalen+ zurückkehren, so geschieht
dies, um die Anwendung gleicher Grundsätze und Übung, wie wir sie
soeben bei den Fenstern in Kraft treten sahen, auch bei ihnen zu
finden. Ich bemerkte schon, daß, besonders in rein germanisch
gebliebenen Gegenden, so bei den Angelsachsen, die Verbreiterung der
Öffnungen nach unten nichts ungewöhnliches ist.

[Sidenote: Portale mit Bögen]

Des +Tympanons+ und seiner Entstehung aus der Erhöhung des
Entlastungsbogens ist früher bereits gedacht, nicht aber des Schmuckes
dieses Bogens selber, der im 8./9. Jahrhundert von Bedeutung wird. Die
+Archivolte+ beginnt überhaupt als Zierteil interessant und wichtig
zu werden; besonders in der Außenarchitektur. Da sind geometrische
Verzierungen, Kerbschnittmuster, Bogenfriese, Ringelungen, Blattfriese,
Flechtfriese u. dgl. in Plastik nichts seltenes. -- Auch eine neue
Eroberung, die freilich in der spätrömischen Baukunst hier und da
bereits schwach angedeutet erscheint.

In Cividale in S. M. della Valle treffen wir im Inneren der Kirche
ein Portal bereits aus der Mitte des 8. Jahrhunderts, das uns ein
Muster üppigster Verzierung der Archivolte in Stuck bietet, den oberen
Fenstereinfassungen völlig entsprechend. Die ganze Art der Auffassung
gibt uns freilich einen Anklang an syrische oder byzantinische[22]
Bogenverzierungen (Jerusalem, goldne Pforte), doch ist das eigentliche
Wesen des ganzen Portals in Cividale völlig verschieden von dem
jener östlichen Bogenwerke, nicht minder die Verzierung durch das
wunderschöne Gewinde der Weinranke und das rein langobardische
Flechtwerk. Es kann diese Gestaltung vielleicht als das älteste
bekannte Beispiel einer richtigen Portalausbildung durch Einfassung
mit Säulen und Archivolte um ein vertieft liegendes, halbkreisförmiges
(hier ausgemaltes) Tympanon über einer Türöffnung mit wagerechtem
Sturze bezeichnet werden (Abb. 104). Was das romanische und gotische
Mittelalter aus diesen Grundzügen gemacht hat, ist bekannt.

An fränkisch-merowingischen Bauwerken finden sich außerdem in
Backsteinmosaik hergestellte bunte Bögen häufig; so am Portale der
Kirche zu Distré, dessen Bogendekoration sich oberhalb des großen
Westfensters der Kirche Basseoeuvre in Beauvais fast genau wiederholt.
Einzelne wollen alle solche farbig verzierten Bögen in spätere Zeit,
bis ins 10. Jahrhundert herabschieben. Dürfte dies schon im allgemeinen
nicht zutreffen, vielmehr das 8. hier richtig sein, so sind, selbst
wenn wir einige der uns erhaltenen Archivolten dieser Art wirklich
als etwas jünger zu betrachten haben sollten, dies ganz ohne Zweifel
dann Spätlinge und letzte Repräsentanten einer im 7.-9. Jahrhundert
bei fränkischen Bauten allgemein verbreiteten Zierweise; ganz ebenso
wie die mit Backstein durchschossenen Fenster- und Türbögen, die in
Frankreich überall schon viel früher, bei uns bis in die karolingische
Zeit vorkommen (vgl. Abb. 60).

[Sidenote: Flächenbehandlung]

Diese auf farbige Wirkungen berechnete Einfügung von Ziegellagen und
in Muster geschnittenen Plättchen um Fenster und Türen korrespondiert
genau mit der besonders in Frankreich so weit verbreiteten, überall
als merowingisch bekannten bunten Musterung der äußeren Flächen der
Bauwerke in verschiedenem Material und mannigfacher Lagerung. Ein
Nachleben der rein technischen, nie dekorativ gedachten Gepflogenheit
der Römer, ihre Mauern mit Flachschichten von Ziegeln zu durchziehen,
ihr Bruchstein- oder Stampfmauerwerk mit verschiedenartigem Verbande
des Mauerwerkes zu bekleiden, die von den germanischen Erben zu Zwecken
architektonischer und farbiger Gliederung ausgebaut wurde. Auch die
Langobarden haben davon ähnlichen Gebrauch gemacht.

[Sidenote: Mauertechnik der Römer]

Es kann als feststehend angesehen werden, daß niemals eine
mannigfaltigere Struktur der Mauermassen üblich gewesen ist, als
zu Zeiten der Römer, aber auch keine gediegenere, gegenüber dieser
Mannigfaltigkeit.

Wenn auch bereits die Ägypter und später dann in noch höherem Maße die
Griechen die Gediegenheit des Quaderbaus auf eine nie übertroffene Höhe
gebracht haben, was die Sorgfalt der Behandlung, die Genauigkeit der
Durchführung und des Steinschnittes anbelangt, so beschränkten sich
die Römer nicht hierauf, indem sie in besonderen Fällen einen fast
ebenso haarscharfen Fugenschnitt, eine annähernd gleiche Präzision der
Steinmetzarbeiten zu erreichen wußten und ihre Steinbauwerke trotz
der ungeheuren Größe des Reiches überall auf einer erstaunlichen Höhe
technisch vorzüglicher Durchführung zu halten verstanden, sondern sie
verbanden damit auch bei andersartiger Herstellung von Mauern eine
Vielartigkeit der Technik, die in Erstaunen setzt.

Insbesondere kommen hierbei Backstein-, Bruchsteinbau, Stampf- und
Gußmauerwerk in Verbindung mit Verblendung der Mauern in Betracht.

Fern von dem modernen Streben, die Mauermasse so dünn als möglich zu
machen, bildeten sie diese meist von gewaltiger Stärke, besonders
seitdem das Konkretmauerwerk allgemein üblich geworden.

Seit dieser Zeit wurden die Ecken, Einfassungen und tragenden Teile
meist verzahnt aus Ziegeln aufgeführt, manchmal aus Quadern, sodann
der innere Mauerkörper dazwischen in mörtelreichem Bruchsteinmauerwerk
oder ganz in Guß oder Stampfmörtel ausgefüllt, seine übrigbleibenden
Außenflächen aber mit meist kleinen, oft quadratischen, sehr regelmäßig
behauenen Hausteinen verkleidet, die in Format und Erscheinung etwa
an unsere Pflastersteine erinnernd nach hinten spitzer zulaufen.
Diese Verkleidung wurde entweder im Verband horizontal oder auch
schräg schachbrettförmig geschichtet. In letzterem Falle mußte die
Vorderfläche der einzelnen Steine natürlich genau quadratisch sein. --
Das „opus reticulatum“, wie man dies Mauerwerk nannte, war sehr üblich,
besonders als Untergrund für verputzte Wände. An die Stelle dieser
Behandlungsweise tritt auch wohl das „opus spicatum“, fischgrätenartig
gemauerte Steine.

Bei diesen verschiedenen Mauerverbänden liebte man es, in gleichen
Abständen zur horizontalen Abgleichung dünne Schichten großer
hartgebrannter Ziegel durchzuführen, die gewissermaßen zugleich als
Längsanker dienten. Solche verschiedenartige Behandlungsweise der
Mauern wirkt natürlich auf ihrer Fläche höchst farbig und malerisch
und verleiht noch heute den römischen Ruinen ihre ganz eigenartige
Physiognomie.

Natürlich kam dies mit dem Verfallen der römischen Bauwerke viel
stärker zur Wirkung, während es zu den Zeiten ihres Glanzes kaum in die
Erscheinung getreten sein mag. Denn jene Bauwerke waren der Regel nach,
je kostbarer sie waren, um so gewisser mit anderem Material verkleidet,
insbesondere mit Marmorplatten und dergleichen, oder auch mit dem
ausgezeichneten Putz der Römer, der in mehreren Lagen aufgetragen und
bemalt wurde.

Mit dem Verschwinden der kostbaren Verkleidung und dem Abfallen
des Putzes aber trat die merkwürdige Struktur dieser Mauern
höchst malerisch wieder zutage, und so benutzten insbesondere die
merowingischen Franken wie die Langobarden diese Vorbilder, um in
ähnlicher Weise ihre Steinbauwerke in der Fläche gleich bunt zu
gestalten.

[Sidenote: Übertragung auf germanische Bauten]

Die roten Ziegelschichten in der Horizontale wie in den Bögen
aller Art, die verschiedensten Behandlungsweisen der Quadermauern
sind insbesondere in Frankreich im 7. bis 10. Jahrhundert ungemein
verbreitet. Die Bekleidung der Mauern mit ganz kleinen Quadern mit
starken Fugen, „petit appareil“ genannt, charakterisiert die Bauwerke
jener Zeit geradezu, besonders wenn ihre Fläche nun mit Ziegelschichten
in verschiedener Entfernung, mit Bahnen von Fischgrätenmauerwerk, mit
allerlei Figuren, von Netzmauerwerk und dergleichen mehr durchzogen
sind. Die Hinzufügung von bunten Ziegelplättchen, die in verschiedenen
Mustern eingelegt wurden, von mehrfarbigen Steinen, selbst von Marmor,
steigerte diese Wirkung oft zu einer gewissen Pracht.

Auch der einzige bekannte Merowingerbau auf deutscher Erde, die Halle
zu Lorsch, zeigt an der Vorderfront seine Flächen mit einem übereck
gestellten Drei- und Sechseckmuster in roten und weißen Sandsteinen
überzogen, und in den Ruinen des dazu gehörigen einstigen Klosters
fanden sich noch viele Reste von farbigen vielgestaltigen Mosaikmustern
in Stein.

Der „Römerturm“ in Köln, ein runder Eckbau der alten Stadtmauer, ist
in seiner ganzen gebogenen Fläche überzogen mit den mannigfachsten
Friesen, Mustern und Figuren in verschiedenfarbigen Steinen, offenbar
das Werk von Franken erst des 6./7. Jahrhunderts, nicht etwa wirklich
der Römer. Es ist der gleiche Flächenschmuck, wie an den noch späteren
Kirchen in Frankreich, von Cravant, St. Genéroux und vielen anderen,
und zeigt die Freude an farbiger Erscheinung der Oberfläche der
Mauern, die ja hier im Lande wie in Italien bis ins 11. Jahrhundert
wirksam blieb. Man denke nur an die prächtige, noch ganz merowingisch
anklingende farbige Behandlung der Ostseite von Notre Dame in
Clermont-Ferrand oder an die freilich noch ältere, doch auch schon ins
Romanische übergehende Portalpartie von S. Michel de l’Aiguille zu Le
Puy.

An die früher beschriebene Rippung oder Riefung der Quaderflächen bei
den Franken sei hier nochmals erinnert.

[Illustration]

[Sidenote: Geringe Zahl der erhaltenen Bauwerke]

Was nun die Gebäude selber anlangt, die von jener Zeit noch berichten,
so sind sie, wie schon bemerkt und selbstverständlich ist, sehr selten
geworden; natürlich fast ausschließlich Kirchen und Kapellen. Von
Palästen und Königshallen ist hie und da, ganz vereinzelt, noch ein
Rest vorhanden, auch wohl ein Grabmal, von Wohnhäusern aber fast nichts
mehr. Den Kirchen ist hie und da die Pietät zustatten gekommen, die ja
alle solche Gebäude verhältnismäßig am wenigsten anzutasten gestattete.
Doch auch wieder hat jene Pietät oft am allermeisten vernichtet, da
sie mit Vorliebe an die Stelle gerade der ältesten und wertvollsten
Heiligtümer nachher, sei es in früherer oder späterer Zeit, größere
und reichere Bauwerke zu setzen strebte. So hat man noch im Beginn
des 18. Jahrhunderts zur Feier des 1000jährigen Jubiläums die Kirche
Winfrits zu Fulda abgebrochen und durch einen neuen prachtvollen Dombau
im Barockstil ersetzt, wie auch der Kölner Dom, die Notre-Dame-Kirche
zu Paris, ja wohl alle großen Kathedralen der alten Germanenstädte
an die Stätte ältester Heiligtümer getreten sind. Man muß es tief
beklagen, daß die Frömmigkeit, anstatt den neuen Dom neben dem alten
zu errichten, überall darnach strebte, ihn gerade genau auf die alte
geheiligte Stelle zu setzen, die seither das durch seine Vergangenheit
so unendlich wertvolle und ehrwürdige Bauwerk einnahm.

Daher ist uns kein einziges wirklich bedeutendes kirchliches Bauwerk
der Germanen aus der Zeit vor Karl dem Großen geblieben[23]; ja beinahe
keines, welches älter ist als das 11. Jahrhundert. Nur der Zufall
hat hie und da geholfen, wie in Beauvais, wo die neue Kathedrale so
ungeheuer und riesenhaft begonnen wurde, daß man am Chorbau anfangend
bis zum 16. Jahrhundert nur bis zum Querschiff gelangt ist, und das
Langschiff des alten Doms wenigstens, das nach Westen zu so lange noch
bleiben sollte, bis sein Platz beansprucht wurde, heute noch steht.
Es ist freilich ein kleines Gebäude, arm und unansehnlich, besonders
neben jenem riesigsten Bauwerk, das die Gotik je sich zu bauen
unterfing, und deshalb basse oeuvre genannt, doch für uns immer noch
von hervorragendem Werte.

Die Arabersturmflut hat leider in Spanien das meiste zerstört, was
sie vorfand, wo gerade in jenem seither still gewordenen Lande die
Bedingungen für eine Erhaltung solcher Werke eher gegeben gewesen
wären. Immerhin ist dort einiges in ganz vergessenen Ecken des Landes
noch in verhältnismäßig recht gutem Zustande übrig.

[Sidenote: Bescheidenheit der erhaltenen Bauten]

Was die wenigen erhaltenen Bauwerke nun selber anlangt, so ist es
beinahe selbstverständlich, daß wir in ihnen nicht große Leistungen,
Typen und Marksteine der Baukunst zu finden hoffen dürfen. Vielmehr
ist es gerade durch ihre Stellung als die erster Lebens- und
Kunstäußerungen bisher hier untätig gebliebener junger Stämme auf dem
Gebiete des Steinbaus gegeben, daß wir in solchen Werken nur tastende
Versuche auf unbekanntem Boden für seither nicht gekannte Bedürfnisse,
für ein neues Dasein in neugegründetem Reiche zu sehen haben. Dazu
sind die bedeutsamsten wichtigsten und reich ausgestatteten Werke alle
längst verschwunden; es blieben uns eben keine Kathedralen, sondern
fast nur Dorfkirchen. Daher müssen wir uns dahin bescheiden, daß wir
an dieser Stelle nicht ganze Systeme von Grundrissen und Aufbauten
wie wichtigeren Anordnungen näher entwickeln, wo es sich ja doch kaum
um mehr handeln kann, als um Keime einer künftigen Kunst, die aus
diesen Versuchen und aus der Übertragung der mitgebrachten Kenntnisse
in Holzbau und Kleinkünsten auf die neuen Materialien, Aufgaben und
Gestaltungen erst im Laufe weiterer Jahrhunderte zu großen Leistungen
gelangte.

Auch an Größe sind sie meist sehr bescheiden. Es liegt nahe genug, daß
die neuen Herren in ihren Bedürfnissen noch sehr anspruchslos waren und
auch technisch nicht Größenverhältnisse erstreben durften, wie sie den
Römern alltäglich waren.

So sind die ältesten germanischen Kirchen fast stets eher Kapellen, ja
oft winzig; es scheint, als ob die Hauptmasse der Andächtigen sich vor
den Türen versammelt hätte; es gibt selbst Kirchlein, die ringsum offen
waren (S. Peterskapelle in Helmstedt).

Immerhin werden wir bei der Besprechung der noch vorhandenen Bauwerke
und ihrer Ausstattung wie der einzelnen Kleinwerke, die wir in noch
verhältnismäßig größerer Zahl und in vielen Resten vor uns sehen,
doch Gelegenheit genug haben zu bemerken, daß überall ein origineller
Geist und eine eigene Art des Geschmackes tätig war, daß wieder andere
und anders begründete Ansprüche und Bedingungen auf ihre Gestaltung
einwirkten und diese beeinflußten, und zwar in einem neuen Sinne und
im Geiste einer weiteren Entwicklung oder einer Auffrischung des
bereits vergangenen und versunkenen Lebens des südlichen Europas.
Ist ja doch die Völkerwanderung zu dem Ausgangspunkte einer völligen
Erneuerung der südeuropäischen Völker geworden, und hat sich erst aus
dieser neuen Völkermischung jener wunderbare Aufschwung, jene geistige
Höhe ergeben, die von Italien, Frankreich, Spanien aus ein weiteres
Jahrtausend lang Europa mit den herrlichsten neuen Taten und Geschenken
beglückte, an denen ja auch Deutschland in seiner Weise teilnahm.
Nur die Balkanhalbinsel und Byzanz haben an dieser Erneuerung nicht
teilgehabt und sind seitdem aus dem Kreise der geistig tätigen Länder
Europas ganz ausgeschieden, nachdem Byzanz nur mühsam noch eine Reihe
von Jahrhunderten ein greisenhaftes Dasein aufrechterhalten hatte.

[Sidenote: Bauliche Einzelheiten]

[Sidenote: Dach]

In bezug auf die architektonische Durchbildung des Baukörpers der
kirchlichen und profanen Bauwerke jener Zeit bleibt uns noch einiges
nachzuholen. Zunächst der Hinweis darauf, daß den hauptsächlichsten
Schutz des nordisch-germanischen wie des antiken Gebäudes gegen die
Unbill der Witterung das Dach verleihen mußte; daß aber das nordische
Dach naturgemäß hier viel mehr zu leisten hatte als das im Süden,
daher von jeher steiler getürmt wurde. Seit der Zeit des Eintritts
der Germanen in die Baukunst ist dann das steilere Dach bewußte und
beabsichtigte neue Eigentümlichkeit, insbesondere dann auch des
späteren nordischen Kirchenbaus geworden.

[Illustration: Abb. 62. Keltische und deutsche Hausurne.]

Ein Blick auf die ältesten Hausurnen bereits belehrt uns, daß das hohe
Dach von Urzeiten her bei den Germanen heimisch war; die berühmte
Urne von Aschersleben mit ihrer steil emporsteigenden Schilfdeckung,
gegenübergestellt einer keltischen (Abb. 62), zeigt uns sozusagen
schon in der Dachneigung die Rasse. Das blieb so; ein wichtiges
Betätigungsfeld für den Zimmermann. Offener Dachstuhl über dem ältesten
Hause wie über der Halle und den kirchlichen Räumen forderte sein
ganzes Können heraus; davon ist ja nichts erhalten, aber die spärlichen
Reste der früheren Holzdeckung in der Moschee in Cordoba, die offenen
Dachstühle altchristlicher Kirchen bis zu dem farbigen, gewiß auf
frühere zurückweisenden von S. Miniato zu Florenz läßt uns allerlei mit
Sicherheit voraussetzen, was da einst üblich und vorhanden gewesen sein
muß.

Von S. Eutrope zu Tours wird der reichgeschnitzte Dachstuhl gerühmt;
andere Kirchen, wie die Kathedrale von S. Martin zu Tours, besaßen noch
Holzdecken, gemalte oder gar vergoldete, darunter.

Nicht weniger im Profanbau; die großen Königshallen wie die Wohnhäuser
hatten von jeher offene Dächer, durch deren Mittelöffnung der Rauch des
Herdfeuers abzog. -- Manches alte nordische Haus gibt uns noch heute
solchen Eindruck; nicht minder wohl der innere hölzerne Ausbau der
nordischen Hügelgräber, wie etwa der von König Gorms Grab bei Jellinge,
von dem sich noch geschnitzte und gemalte Holzplanken erhielten.

Die äußere Deckung des Daches geschah mit Stroh, Schilf, Rasen,
Schindeln oder Ziegeln, letzteres in den südlicheren und vorher römisch
kultivierten Gegenden, natürlich in Anlehnung an das dort Übliche. St.
Vincent zu Paris[24] besaß sogar vergoldetes Kupferdach.

[Sidenote: Türverschlüsse]

War oben die Rede von Fenstern und Türen, so fand sich dort nicht
Gelegenheit, auch von dem Verschlusse der letzteren zu reden.
Vorgeschichtliche Hausurnen (Abb. 62) schon zeigen uns das Holztor,
mit mächtigem Riegel oder Holzschloß versehen; solcher Schutz der
Türe war im Norden von jeher unentbehrlich. Miniaturen und alte
Manuskripte lehren uns denn, daß die an unseren romanischen Kirchen
üblichen Holzplankentore mit schweren Eisenbändern schon früher in
Merowingerzeiten, wenigstens im 9. und 10. Jahrhundert vorkamen, was
dafür spricht, daß, wenn wir an jenen öfters uraltertümliche Formen
finden, wir späte Nachwirkung viel älterer Tradition vor uns haben.

Geschnitzte Türen aus isländischen und norwegischen Kirchen, die ins
11. Jahrhundert zurückreichen, deuten ebenfalls auf uralte Vorbilder im
Norden.

Drei sehr ehrwürdige geschnitzte Holztüren von großem Reichtume sind
uns sogar noch erhalten; zuerst die feine gewiß langobardische des
San Bertoldo in Parma. Davon sind erhebliche Reste im dortigen Museum
vorhanden, die uns die so charakteristisch germanische Flachschnitzerei
und Kerbung auf Rahmen und Füllungen, alles überziehend, in einem
wahren Prachtwerke vorführen (Abb. 63).

[Illustration:

  XV

Abb. 64. Cöln. Türflügel in S. Maria im Capitol.]

Ein später Nachkomme, aber viel reicher noch als die erstgenannte,
stark im Relief seiner figürlichen Füllungen, teilweise schon von
mittelalterlicher Art ist die prachtvolle Doppeltür von S. Maria
auf dem Kapitol zu Köln; wenigstens in den Rahmen, die mit feinem
Flechtwerk überzogen sind, ebenso wie den Knöpfen auf ihren Kreuzungen,
gewiß eine Nachbildung längst verschwundener älterer Vorgänger (Abb.
64, Tafel XV). Bewiesen wird dies schon durch die dritte Holztür, die
Haupttür der Kathedrale in Le Puy in Frankreich, die, mindestens
noch 100 Jahre älter, sich mit gleichem ganz flachem Flechtwerk auf
den Rahmen, aber auch in den Füllungen schmückt. Letztere sind hie und
da mit arabischem Ornament und kufischen Schriftzügen durchzogen. Die
Araber sandten bekanntlich ihre Sendboten bereits zu Karl dem Großen
bis nach Aachen und Paderborn, nachdem sie ein Jahrhundert vorher durch
Karl Martell in den nahen Gefilden von Poitiers und Tours in ihrem
Siegeslaufe gen Norden gehemmt worden waren. Jedenfalls gingen ihre
Beziehungen damals bis weit ins Frankenreich hinein; und sicher ragt
diese Türe noch in die Karolingerzeit zurück.

Die drei Türen sind in ihrer Ausbildung gute Repräsentanten der an
germanischen Kirchen üblichen Türformen.

[Illustration: Abb. 63. Parma. Tür von S. Bertoldo.]

Als höchste und edelste Art der Türflügel haben wir die in Bronze
gegossenen zu betrachten; eine rein italisch-römische Erbschaft,
auch in den Formen, aber von den größten germanischen Fürsten gern
übernommen und gepflegt. Theoderichs Grabmal war sicher mit solchen
Toren geschlossen; Beweis dafür die noch vorhandenen Türpfannen; auch
an seinem Palast gab es deren gewiß, wie er nach einer Nachricht
des Chronisten Bronzegießereien für solche Zwecke einrichtete. Daß
die jetzt in Aachen befindlichen Bronzetüren des Münsters etwa aus
Ravenna stammen wie die Gitter des Hochmünsters, kann vermutet werden.
Jedenfalls haben die Aachener Türen durchaus noch römisch-antike
Art und Felderteilung. Aber in den beiden eigentümlich gesträhnten
Löwenköpfen mit Ringen scheint ein neues Schmuckelement hinzuzutreten,
das bis ins 16. Jahrhundert den nordischen Kirchentüren treu bleibt.

[Sidenote: Stuck der Innenwände]

In den Kirchenraum eingetreten, bemerken wir in manchen germanischen
Kirchen jener Zeit noch eine Besonderheit, die ihnen zu eigenartigem
Schmucke gereicht: reiche Dekoration der Wände mit bemaltem Stuck[25].
Die Römer hatten ja die Stukkaturtechnik zur höchsten Vollkommenheit
gefördert; auch die Byzantiner hatten sich ihrer noch lange bedient.
So ist in der späteren Zeit S. Vitale zu Ravenna in seinen Nebenräumen
reich an solchem Ornament in Feldereinteilung, besonders an den
Gewölben; doch, wenn auch ziemlich roh, ist alles hier in völlig
antik-römischem Sinne behandelt und gebildet; dazu farblos. Einige
Jahrhunderte später bedienten sich die Germanen gleicher Technik zum
Wandschmuck (Abb. 65), aber in neuer und besonderer Behandlung. Der
Umrahmung von Fenstern und Türen mit Halbsäulchen und Archivolten ist
bereits gedacht. Aber die Ausgrabungen von Disentis (Schweiz) z. B.
haben ergeben, daß die Wände der dortigen Kirche unten in reichem
Stabwerk von Stuck verschiedenste Muster zeigten, darüber dann die
Hauptfläche mit einer Menge von Figuren in Lebensgröße und darunter
bedeckt war; alles in kräftigem Relief ausgeführt und bemalt.

Auch der Deutsche Rhabanus Maurus[26] gedenkt dieser Schmuckweise.

Das klassische Beispiel dafür ist die, wenn auch sonst verstümmelte,
doch auf der Westseite ziemlich vollständig erhaltene Prachtdekoration
des Tempietto Longobardo zu Cividale, des sogenannten Oratoriums der
Herzogin Peltrudis -- noch heute vorhanden, wohl aus der Mitte des
8. Jahrhunderts stammend --, wo auf einem starken Gesimse großartige
Gestalten heiliger Frauen (oder Prinzessinnen) zu beiden Seiten des
reichgeschmückten Fensters, oberhalb des wundervollen Stuckportals, zu
wandeln scheinen, Kronen und Kränze in den Händen tragend. Die Bemalung
ist freilich verschwunden, doch der stärkste künstlerische Eindruck
des einzigartigen Kunstwerkes immer noch vorhanden (s. Abb. 104, Tafel
XXIX).

Viele möchten auch dieses Werk, dessen handwerkliche Verfertiger
vielleicht byzantinische Stukkateure gewesen sein können, zu einem
Werke rein byzantinischer Kunst stempeln. Aber vergeblich, denken
wir; wenigstens dem Geiste nach. Denn nirgends in der byzantinischen
Kunstwelt findet sich ähnliches, auch nicht in Nachrichten, während
die Verwandtschaft dieser Stuckdekoration in Cividale einerseits in
der Architektur mit Germigny-des-Prés und Quedlinburg, anderseits in
der durchaus ähnlichen Anordnung des Figürlichen mit Disentis -- dazu
jene literarische Erwähnung aus gleicher Zeit -- uns beweist, daß wir
hier ein gerade bei den Langobarden, den Franken, in der Schweiz und in
Deutschland, sonst aber nirgends bekannte Dekorations- und Kunstweise
vor uns haben.

Hier darf man füglich auf das Weiterleben dieser Kunstart in unseren
sächsischen Kirchen im 11. und 12. Jahrhundert verweisen. Die
überlebensgroßen Stuckgestalten in Goslar, Hildesheim, Halberstadt sind
jenen zu Cividale durchaus wesensverwandt; vielleicht fehlen uns nur
hier die Bindeglieder zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert.

[Illustration: Abb. 65. Innere Stuckverzierungen.]

[Sidenote: Bauliche Ausstattungsgegenstände]

Ehe wir der noch übrigen einzelnen Bauwerke gedenken, bleibt uns noch
das Gebiet der kleineren dekorativen Arbeiten für die Ausstattung
der kirchlichen und profanen Gebäude zu besprechen. Und zwar ist
dieses Gebiet verhältnismäßig etwas reicher und vielgestaltiger, weil
so mancher derartige Gegenstand den Abbruch oder gänzlichen Umbau
des Gebäudes, zu dessen Zier er zu dienen bestimmt war, überleben
durfte; weil die Pietät, die sich im Neubau der Gebäude selber nicht
genug zu tun wußte, doch seinen alten Inhalt manchmal schonte und
weiter verwandte oder als Erinnerung an die alte Zeit zu erhalten
suchte; weil sich an diese Dinge gar oft der Begriff einer gewissen
Heiligkeit knüpfte, da vielleicht der Name irgendeines großen Menschen
der Vergangenheit sich damit verband. Zuletzt, weil Ausgrabungen und
Abbrüche an alten Bauwerken oft genug die Reste ältester Ausstattungen
in der Erde oder in den Mauern verborgen fanden und zutage förderten.

Von diesen erst noch ein Wort.

[Sidenote: Schranken]

Das meiste richtet sich auf diesem Gebiete nach dem im gleichzeitigen
Italien und Byzanz Üblichen. Im einzelnen aber sehen wir doch nordische
Art eindringen. So an den überall üblichen steinernen Schranken, die
das Heilige, den Raum vor dem Altar, von dem für die Gemeinde zu
trennen pflegten. In manchen Kirchen -- Torcello, S. Miguel d’Escalada,
Sta. Cristina de Lena, Canterbury -- ist der Kirchenraum durch eine
Säulenstellung quer abgeschlossen, so daß vor dem Altar ein freier
Raum bleibt. Diese Säulenstellung scheint durch Vorhänge abschließbar
gewesen zu sein; wenigstens finden sich in manchen kleinen Kirchen (S.
Wiperti Quedlinburg) Spuren hölzerner Querbalken, die den Raum vor dem
Altar in entsprechender Höhe abgrenzten und Vorhänge getragen haben
müssen.

Auf zahllosen Werken altchristlicher Bildnerei und Malerei erscheinen
Vorhänge zwischen Säulen und unter Arkaden.

Wenn ein Balken an die Stelle steinerner Abtrennung tritt (trabes
doxalis), so trägt er oft das Triumphkreuz, (das bis ins späte
Mittelalter im Norden üblich bleibt), von Leuchtern flankiert; von ihm
hängen häufig Lampen herab.

In S. M. in Valle zu Cividale wie in Torcello (jünger) finden sich
an dieser Stelle noch Steinbrüstungen oder Schranken, die im Dom zu
Aquileja sind ins südliche Querschiff versetzt. In S. Clemente zu Rom
ist im Mittelschiff in ähnlicher Weise, sehr weit sich erstreckend, ein
länglicher Raum durch prächtige Marmorschranken abgeschnitten, dessen
seitliche Mauern die beiden Ambonen tragen. Solche Einbauten scheinen
im Süden durch die Langobarden eingeführt zu sein.

Dieser Raum war für den chorus psallentium bestimmt und hat sich bis
heute als Einbau in vielen späteren spanischen Kirchen erhalten.

Die Franken nahmen von den Langobarden das meiste an, und so sind auch
bei ihnen solche Schranken weit verbreitet. Die schönsten Reste der Art
fanden sich in St. Peter zu Metz.

Auch in Spanien waren solche nicht selten; die große Masse aber ist
bei den Langobarden zu Hause. Und bei ihnen sind dann die Flächen der
Schranken oder Brüstungen das wahre Tummelfeld für die eigenartige
Ornamentik dieses urspünglich deutschen Stammes, insbesondere das
Flechtwerk in allen Auffassungen. So in Aquileja (s. Abb. 37, Tafel
XIII), Grado, Ferrara, Mailand, Venedig, Torcello, -- bis nach Assisi
und Rom.

Solche Brüstungen wurden entweder zwischen große Säulen eingeschoben
oder trugen selbst eine Stellung von kleineren Säulchen oder
Pilastern, wie sie in Italien vielleicht nur noch in Cividale, S. M.
in Valle, wohl erhalten stehen, aber in Torcello im Dom in einer etwas
jüngeren Nachbildung noch in prächtigster Art auftreten.

Prachtvoll eigenartig ist diese Trennwand, noch vollständig, in St.
Cristina de Lena bei Oviedo. -- Dort tragen die schlanken Säulchen
weitgespannte Bögen und diese wieder eine noch höher gehende reich
durchbrochene Steinwand, die mit Rundbögen nach oben frei abschließt
(Abb. 134). Die Brüstung ist aus weißem Marmor und mit feinem
Kerbornament geschmückt.

[Sidenote: Altäre]

Im Raume hinter der Brüstung steht der Altar. In ältesten Zeiten
wie es scheint ein niedriger Tisch, hinter dem der Priester mit dem
Gesicht gegen die Gemeinde amtierte. Erst mit den steigenden Aufbauten
des Altars veränderte sich dies. -- Solche niedrige Altäre sind noch
vorhanden, so einer aus der Ostgotenzeit in S. Giovanni Evangelista
zu Ravenna, eine Platte auf einem geschlossenen Unterteil mit
Pilastern an den Ecken und einem Schrank in der Mitte (für Reliquien
oder heilige Gefäße), ein ähnlicher in S. Apollinare in Classe, nur
auf freistehenden Ecksäulen, dann in S. Martino in Cividale der
Altar, den König Ratchis zu Ehren des Herzogs Pemmo errichtete, mit
höchst charakteristischen Skulpturen auf allen vier Seiten reich
geschmückt. Auf der Vorderseite Christus in der Glorie, rechts die
Anbetung der Könige, links die Heimsuchung, auf Rückseite von Ornament
umgebene Kreuze; alles von höchst dekorativer Wirkung und in echtest
langobardischem Stile (s. Abb. 100, 101, Tafel XXVII).

[Illustration: Abb. 66. Regensburg. St. Stephan. Altar.]

Tischförmige Altäre, auf Säulen ruhend, bestehen noch in Vaison
in Frankreich und Mettlach bei Trier, beide mit vertiefter oberer
Fläche, um Wegfließen des Abendmahlweins zu hindern. -- Ein uralter,
auf fünf Säulchen in Tarascon. Manche nordische zeigten, wie die
genannten ostgotischen, nach vorn eine Öffnung, um das in ihnen ruhende
Reliquien-Heiligtum den Gläubigen zu zeigen (S. Wiperti Quedlinburg),
andere fensterartige Öffnungen, um einen Blick wie durch Fenster in
die Krypta darunter zu gestatten: Hildesheimer Dom, St. Stephan in
Regensburg (Abb. 66). Ähnlich ist der Altar in Orléansville in Algier
angeordnet. Auf der Rückseite des Ratchisaltars zu Cividale ein
Schränkchen.

Ein großes mit Goldblech überzogenes reichgetriebenes Kreuz aus S.
M. in Valle zu Cividale (Abb. 67, Tafel XVI) dürfte einen solchen
niedrigen Altar geziert haben, den man in der allerersten Zeit nur mit
einem Tuche bedeckte, auf dem der Kelch stand. Dann kamen solche Kreuze
und Leuchter dazu.

Der dekorative Aufbau hinter dem Altar, der die Stellung des Priesters
mit dem Rücken nach dem Volke mit sich brachte, stellte sich sofort
ein; er enthielt dann wohl gleich die Reliquien, wie eine solche
Rückwand zu Aquileja es zeigt (Abb. 68).

[Illustration: Abb. 68. Aquileja. Altarrückwand.]

[Illustration: Abb. 69. Germigny-des-Prés. Weihwasserbecken.]

[Sidenote: Ziborienaltäre]

[Illustration:

  XVI

Abb. 67. Silbernes Kreuz. Cividale.]

Den reichsten Schmuck der Altäre aber bildeten die Ziborien,
tempelartige Überbauten auf vier Säulen oder Pfeilern. Auch ihrer gibt
es eine Reihe, dazu eine Menge Reste von solchen. Vortrefflich erhalten
vor allen das echt langobardische des Leocadius in S. Apollinare in
Classe, ein Prachtwerk mit reichen Skulpturen auf kanellierten Säulen.
Das Flechtwerk der Bögen, das Ornament der Bogenzwickel mit ihren
mannigfaltigen Tiergestalten gehören mit zum Besten der flachen
Langobardenskulptur. Reiche Reste von solchen Ziborienbögen und andere
Teile von ihnen sind in Oberitalien noch zahlreich vorhanden.

Inmitten des mit einem Gewölbe (Kuppel) oder einer Flachdecke bedeckten
Ziboriums hing in einem Gefäße von oben die Eucharistie an Ketten
herab; die Bögen ringsum waren mit Vorhängen versehen.

[Sidenote: Ambonen]

Ambonen oder Kanzeln sind ebenfalls noch in Resten oder ganz, manchmal
mit gut germanischem Ornament geschmückt, vorhanden; so die in S. Elia
zu Nepi, in Ravenna in S. Apollinare dentro und S. Spirito, beide wohl
noch aus ostgotischer Zeit, im Dom und Museum Reste von solchen; auch
in S. Giovanni und Paulo daselbst; in Grado Ähnliches. Diese Ambonen
waren auf Säulen freistehende Balkone mit meist mitten nach vorn
flachgebogener Vorderbrüstung. Der letzte Nachkomme dieser Art wird die
Kanzel Kaiser Heinrichs II. in Aachen sein.

Andere Kanzelformen, die germanisch sein können, finden wir in S. M.
in Castello, einen Rest in S. Ambrogio zu Mailand, einen anderen zu
Besançon.

In Spanien dagegen hat sich keine Spur eines Ambo gefunden; in manchen
Fällen mag da die starke Erhöhung des Santuario, das durch Treppen
zugänglich war, für die Predigt und Verlesung genügt haben.

[Illustration: Abb. 70. Moschee zu Cordoba. Weihwasserbecken.]

[Sidenote: Weihwasserbecken]

Weihwasserbecken scheinen meist frei gestanden zu haben; die
französischen sind eine Art kurzer Säule mit ausgehöhltem Kapitell
(Abb. 69); das spanische aus Cardona bei Barcelona zeigt ein
Vierpaßbecken in einen Würfel gehöhlt, der auf vier kurzen Säulen ruht
(vgl. Abb. 1).

Ein anderes steht noch in der Moschee in Cordoba; ein längliches
viereckiges, unten abgeschrägtes Becken auf einem rechteckigen hohen
Fuße, dessen vier Seiten mit gekerbtem Ornament bedeckt sind (Abb. 70).

[Sidenote: Taufbecken]

Taufbecken ältester Zeit, reine Eintauchbecken, sind nachweisbar. In
St. Jean zu Poitiers befindet sich mitten in der Kirche die achteckige
Vertiefung, in die man über hohe Stufen hinabstieg; darin Wasserzufluß
und Abfluß unterirdisch. Später waren große runde oder polygone auf
dem Boden stehende Steinbecken mit hoher, oft reicher Brüstung üblich;
glatt in S. Miguel de Lino; in Verona (S. Giovanni in Fonte) steht der
Priester in einem besonderen kleeblattförmigen Becken trocken inmitten
des gefüllten Achtecks; hier jedenfalls aus jüngerer Zeit, doch eine
alte Idee, die schon in dem Baptisterium der Orthodoxen in Ravenna
ähnlich ausgebildet ist.

Das interessanteste Beispiel der ältesten Art ist das Becken zu
Cividale im Dom, achteckig, unter einem offenen Tempel (Ziborium auf
acht Säulen) befindlich (s. Abb. 97, Tafel XXV). Die acht Bögen sind
genau entsprechend solchen von Altartempeln geschmückt, noch aus dem 8.
Jahrhundert.

Allzu viel bergen die Gotteshäuser jener Zeit sonst nicht mehr für
unsere Betrachtung. Prachtvollen Mosaikbilderschmuck freilich hat
schon Theoderich der Große seinen Kirchen, insbesondere S. Apollinare
dentro in Ravenna, gestiftet; doch natürlich Werke nicht germanischer
Künstler. -- Die Mosaikfußböden seines Palastes (s. Abb. 86, Tafel
XIX), seiner Kirchen, die späteren aus der Langobardenzeit, so in Grado
und Torcello, die aus Ravenna geholte Marmorplättung des Aachener
Münsters, die von Alt-S.-Quirin zu Neuß und vieles Ähnliche -- alles
ist nicht von Germanen gemacht. Doch ist zu rühmen, daß diese sich
solcher Mittel gerne bedienten und so das Fortleben dieser Künste
förderten.

[Sidenote: Bischofsstühle]

Vielleicht aber stoßen wir in anderen Gegenständen, die sich in den
Kirchen öfters finden, noch hie und da auf germanische Einwirkung. So
scheint mancher steinerne oder marmorne bischöfliche Stuhl -- wenn auch
die meisten nur Nachbildungen antiker sein mögen -- eigene nordische
Art zu atmen; darunter der einfache im Dom zu Cividale, einst zu
Aquileja, dessen obere Zapfen und Hufeisenbögen an der Seite wohl nicht
antike Reminiszenz sind (Abb. 71).

Karls des Großen Stuhl zu Aachen aber ist in keiner Hinsicht nordisch;
der Spätling im Goslarer Kaiserhause nur eine reichere Nachbildung
davon.

[Sidenote: Sarkophage]

Dagegen haben wir an zahlreichen Sarkophagen, vor allem fränkischen,
viel germanische Originalität. Der der Teodata in Pavia ist noch mit
rein langobardischem Ornament überall bedeckt; von fränkischen gibt es
eine unzählbare Menge in Frankreich, deren Schmuck sich freilich oft
auf einfache holzmäßige Flächenverzierung oder gar nur Parallelrippung
des Steins beschränkt. -- Oft ist ein Kreuz über die Fläche des Deckels
gestreckt. Reichere finden wir in Menge in S. Jean zu Poitiers, auch in
Bordeaux, andere in Köln, Mainz.

Die Herrscher freilich, schon Gisulf in Cividale, aber auch
Karl der Große und Ludwig, sein Sohn, ließen sich lieber in
römischen Prachtsärgen mit oft heidnischen Reliefs bestatten.
(Proserpina-Sarkophag Karls des Großen.)

An kleineren Grabsteinen aber ist manches übrig, was uns anmutet;
einfache Steinplatten, die mit Zierat, meist in Geflecht, bedeckt sind;
davon bemerkenswerte in Gallia cis- und transalpina. So in Narbonne
der, den ein treuer Liebhaber oder Gatte sue Siniofredae gesetzt hat.

Wenn wir von ein paar Brunneneinfassungen in langobardischer
Dekoration, wie sich solche in Venedig, aber selbst in Rom finden,
absehen, so mag hiermit, was von Kleinarchitektur der Germanen noch
übrig sein wird, wohl ziemlich erschöpft sein.

[Illustration: Abb. 71. Cividale. Dom. Patriarchenstuhl.]

[Sidenote: Möbel]

An Möbeln und hölzerner Ausstattung scheint natürlich so gut als
alles dahin. Nur in S. Paulin zu Trier haben wir noch ein zartes
Holzkästchen, recht nordisch, dessen Flächen in ganz flachem
Flechtwerk gradlinig bedeckt sind; und in Terracina könnte sich in
einer beträchtlichen Truhe vielleicht ein Möbel aus langobardischer
Zeit -- also von vor 1000 -- erhalten haben, eine Truhe von 1,05 m
Länge, 0,67 m Breite und 0,58 m Höhe, aus Zedernholz; ihre Seiten
sind mit ganz flacher Schnitzerei in zwei Arkadenreihen übereinander
geschmückt, die Architektur sehr zimmermannsmäßig, in den Feldern
phantastische Tiere, Greifen, Löwen und allerlei, miteinander kämpfend,
nordisch märchenhaft, doch offenbar auch durch östliche Vorbilder
stark beeinflußt. Jedenfalls aber für die ganze germanische Welt
höchst verehrungswürdig, sollte es sich wirklich als fast ältestes
germanisches Möbel in Holz erweisen[27].

Es ist ja sicher, daß es der Holzmöbel, vor allem in den Wohnungen,
einst viele und schöne gab. Der bronzene Dagobertstuhl aus St. Denis
hat in seiner feinen Gestalt ja sicher viel Antikes, ist aber doch
ein Beweis des einstigen Vorhandenseins solcher Stühle, die wir
uns sonst mehr in nordischer Erscheinung, nach Art der sogenannten
Wikingerstühle, an denen es in Skandinavien noch nicht fehlt, denken
müssen. Bänke und Tische gab es von jeher, auch Betten, alles im
Sinne des heutigen Gebrauchs, aus Holz, oft reich geschmückt. Der
hortus deliciarum der Herrad von Landsberg gibt ein reiches Material
romanischer Möbelformen in Drechslerarbeit; die ältesten germanischen
Miniaturen enthalten eine Menge verschiedenster Darstellungen, die
beweisen, daß die germanische Tischlerarbeit hoch entwickelt war. An
anderen Möbeln, kleinen und großen Stühlen jeder Form, Schränken,
Truhen und sonst allem nur Erwünschten ist da kein Mangel.

Soweit das Holz also in Frage kommt, haben wir das Kunstgewerbe der
Germanen im 5.-9. Jahrhundert als durchaus auf respektabler Höhe
stehend anzusehen.

[Illustration]


  [2]  Der Schatz wurde damals von dem gelehrten Arzt Dr. Chiflet
       untersucht, beschrieben und auf Kupferstichen dargestellt;
       sein berühmtes Buch heißt: Anastasis Childerici I Francorum
       regis sive thesaurus sepulcralis Tornaci Nerviorum effosus et
       commentario illustratus, Antwerpiae 1655.

  [3]  Die Musterung, die durch die Goldstreifen erzeugt wird, ist
       dabei oft sehr mannigfaltig. Es kommen darunter nicht selten
       sogar Vierpässe vor, ganz denen des Mittelalters ähnlich (Abb.
       14). Daraus schließen einzelne, der Name des gotischen Stiles
       könne vielleicht gar durch späteres Nachbilden solcher uralter
       Motive entstanden sein.

  [4]  Bedeutet im Gotischen wahrscheinlich: Haus, Familie, Gatte.

  [5]  Die Ergebnisse beider Grabungen heute im Thermenmuseum zu Rom.

  [6]  Zufällig im Walde gefunden, also nicht aus einem Grabe stammend.

  [7]  Was man schon 1799 in Nagy-Szent-Miklos gefunden hatte an
       überreichen Goldwerken, die man als den Schatz des Attila
       zu bezeichnen liebt: Kannen mit Figuren, andere mit
       Kettenornamenten und Buckeln, Schalen, Trinkgefäße in
       Muschelform und reichem Kleinwerk, das kennzeichnet sich
       allerdings als ungermanisch, weshalb man es den Hunnen
       zuschrieb. Neuerdings neigt man der Vermutung zu, daß dieser
       Schatz späteren bulgarischen Ursprunges sei.

  [8]  Von Bedeutung ist ein schönes goldnes Reliquiar in St. Maurice
       (Wallis) von Kästchenform, ganz mit Juwelen in Goldzellen
       bedeckt und überreich; es trägt die Inschrift: Teudericus
       presbiter in honore sci Maurici fieri jussit amen -- Nordoalaus
       et Philindis ordenarunt fabricare -- Undiko et Ello ficerunt.
       Also hier die Namen zweier deutscher Goldschmiede, wenigstens
       germanischer. Mit dem des obengenannten Gundbald eine
       erfreuliche Erhaltung uralter deutscher Künstlernamen.

       (Abgebildet bei Venturi, storia dell’arte in Italia).

  [9]  Die großen Deckel des Evangeliars der Königin Theudelinde im
       Dome zu Monza sind mit Friesen von Juwelen in Zellen, mit
       Kreuzen in ähnlicher Art, mit Saphiren, Smaragden, Perlen und
       antiken Kameen auf das reichste geschmückt (Abb. 26, Tafel XI);
       sie tragen die Inschrift: De donis Dei offerit Theodolinda
       regina gloriosissima Sancto Johanni Baptiste in baselica quam
       ipsa fundavit in Modica prope palatium suum. -- Die Königin
       betont also, daß dies Werk für ihre Kirche gemacht sei.

  [10] „VVOLVINIVS MAGISTER PHABER.“

  [11] Woher Lindenschmitt den Gedanken nimmt: „oder in Zinn“
       -- scheint unklar. Für unsere Betrachtung wäre dies übrigens
       unerheblich, da dies weiche Metall sicher ganz in der gleichen
       Schnitzmanier bearbeitet worden sein müßte.

  [12] Die Literatur ist an besonderer Stelle eingehend angegeben. Ich
       vermeide absichtlich die „wissenschaftliche“ Verbrämung mit
       Noten und Quellen.

  [13] Ich unterlasse es, das verschiedenartige frühe Vorkommen dieses
       Motivs hier näher zu untersuchen. Es ist im 8. Jahrhundert
       schon überall dekorativ angewandt; so als Balkenschmuck ca.
       770 (Cattaneo, Fig. 82), als Bogeneinfassung aber schon um 500
       in Syrien, Kalb-Luseh (Holtzinger, Fig. 167), um dieselbe Zeit
       am Theoderichdenkmal zu Ravenna als Fries um die Mitte des
       Gebäudes. Bei den Germanen am Geräte und der Waffe ist aber der
       Bogenfries schon 1000 Jahre früher im Gebrauch (Montelius, Fig.
       195); für spätere Zeit s. Lindenschmitt, S. 247, 252.

  [14] Man vergleiche das schöne Portal von N. Dame du Port zu
       Clermont-Ferrand; XI. Jahrhundert (Abb. 57).

  [15] Daß in Syrien, dem Lande des Bauens in ganz großen Steinen,
       das Ausschneiden der Bögen, nicht minder ihre Herstellung durch
       Überkragen ebenfalls ein paarmal vorkommt, ist bei der Natur des
       dortigen Steinmaterials um so weniger ein Wunder, als man dort
       vom Wölben auch nicht allzu gerne Gebrauch machte. -- Gleiche
       Auffassung führt von alters her überall zu gleichen Ergebnissen,
       denn sonst kämen schließlich hier auch die ähnlichen
       Gepflogenheiten in Mykene und Tiryns in Betracht, die doch gewiß
       nicht hierher gehören.

  [16] Dort läßt sich diese Anordnung auch damit erklären, daß solcher
       Vorsprung zum Auflagern von Querbalken (für Vorhänge u. dgl.)
       bestimmt gewesen sein könnte.

  [17] Ganz gleiches gilt ja auch für das Flechtwerkornament, dessen
       wir oben gedacht haben.

  [18] Der an frühen Bauwerken der Araber im Nillande, z. B. an der
       Amru-Moschee in Kairo, bereits auftretende Hufeisenbogen ist
       doch dort überall jünger als die spanische Eroberung, und dabei
       zuerst noch ganz zaghaft angedeutet. Wir haben in ihm nur das
       Ergebnis eines Zurückströmens neuer Formen aus den neueroberten
       Ländern nach den früher gewonnenen in Afrika zu erkennen; er
       ist denn auch überall meistens ein Jahrhundert jünger, als die
       Moschee zu Cordoba.

  [19] Von verwandter Art sind die Stuckumrahmungen der Nischen im
       Grabe Kaiser Heinrichs in Quedlinburg.

  [20] Die (fränkische) Abtwohnung in Tours war mit Metallfenstern,
       deren Öffnungen verglast waren, versehen. Hölzerne Läden
       schützten sie von außen.

  [21] Von den Langobarden wissen wir außerdem, daß bei ihnen die
       Fensterverschlüsse für ihre Wohnhäuser vom Tischler in
       Gitterwerk gefertigt wurden; die steinernen Vergitterungen der
       Kirchenfenster waren davon gewiß die monumentale Übertragung.

  [22] Nach Strzygowski sogar an mesopotamische.

  [23] Die ravennatischen Kirchen Theoderichs des Großen sind eben nur
       Spätlinge des altchristlichen Kirchenbaues des Südostens.

  [24] Später St. Germain des Prés, die alte Grabkirche merowingischer
       Fürsten.

  [25] Im Süden, wie auch bei besseren Bauwerken des Nordens,
       liebte man die Täfelung der unteren Wände mit Marmorplatten nach
       altchristlichem Vorbild.

  [26] Rh. Maurus, de universo 1, XXI. C. 8.

  [27] Doch macht Strzygowski darauf aufmerksam, daß dies Möbel
       koptischer Herkunft sein könne, was heute wohl noch nicht sicher
       zu entscheiden ist.




[Illustration: BAUWERKE]


Von den Gebäuden, welche die germanischen Völker in den von ihnen
eroberten Ländern errichteten, ist fast alles durch die folgenden
Zeitfluten wieder hinweggeschwemmt und verschwunden. Von den
Holzgebäuden versteht sich dies bei der Vergänglichkeit des Materials
schon von selber; aber auch den steinernen Bauwerken war bei ihrer
Kleinheit und Primitivität als ersten Versuchen auf einem den
Nordländern fremden Gebiete leichtes Vergehen gewiß. Um so mehr, als
sich an ihre Stelle im Fortschreiten des Könnens und der Ansprüche,
wie ihrer gesteigerten Bedeutung stets neue schönere Nachfolger
setzten. Für die anfangs ganz kleinen Kirchen erstanden größere, oft
mehrere hintereinander, in wachsenden Abmessungen; die germanischen
Schlösser und Hallen draußen fielen in Ruinen, wenn sie nicht mehr
dienten; standen sie in volkreichen Städten, so verschwanden sie, um
anderen Gebäuden Platz zu machen. An die Statt von Theoderichs Palast
in Ravenna trat außer anderen Gebäuden ein kleines Kloster und ein
weiter Gartenbezirk, da der Bau im ewig wachsenden Erdboden versank
und unbewohnbar wurde; in Verona war später eine mittelalterliche
Burg, dann eine Kaserne an der Stelle, da Theoderichs Schloß geprangt
hatte. Wo die Westgotenkönige in Toledo einst Hof hielten, dehnt sich
jetzt ein großer Platz neben wildem Gewirr regelloser Wohnhäuser; wo
in Aachen Merowingerkönige, später Karl der Große thronten, wo der
kaiserliche Saal sich oberhalb des Münsters erhob, lastet heute die
schwere Masse des Rathauses; den einstigen Platz der fränkischen Dome
zu Tours, Paris, St. Denis, Köln, Fulda füllen seitdem mittelalterliche
oder jüngere Riesenbauten; die große Schar der Kirchen in der
merowingischen Hauptstadt Austrasiens, Metz, ist bis auf eine den
Festungsbauten und dem Wandel der Zeiten zum Opfer gefallen; die
langobardischen Hauptkirchen zu Pavia, Mailand sind durch wiederholte
Umbauten völlig erneuert, die westgotischen in den wichtigeren Städten
haben Moscheen, diese nachher wieder neueren Kathedralen weichen müssen.

Und doch erzählen alte Schriftsteller von reicher Bautätigkeit der
jungen germanischen Völker, und nicht nur auf kirchlichem Gebiete; so
bauten nach Theoderich d. Gr. der Westgotenkönig Theoderich II., die
Vandalenkönige Thrasamund und Gelimer, spanische Westgotenherrscher
wie Leovigild, Recared, Reccesvinth und Wamba Paläste und Städte,
deren Größe und Pracht gerühmt wurde; von den Merowingern wissen wir
Ähnliches; noch die Karolinger bis auf Ludwig den Frommen folgten in
gleichem Sinne.

Aber auch die großen kirchlichen Bauten der germanischen Eroberer
wurden hoch gerühmt, und die einzigen, die noch stehen, die Theoderichs
zu Ravenna und Karls des Großen zu Aachen, sind bis heute ragende
Zeugen reicher und bedeutungsvoller Bau- und Kunsttätigkeit, wenn
auch leider die künstlerischen Formen gerade dieser übriggebliebenen
Bauwerke am wenigsten von eigener germanischer Kunst zeugen. An den
anderen haben wir unersetzlichsten Verlust erlitten; vielleicht auch
hat die kirchliche Sonderart der germanischen Völker, die anfänglich
sämtlich, mit Ausnahme der Franken, nicht orthodoxe Katholiken, sondern
Arianer, also Ketzer, waren, wo sich dies erkennbar aussprach, zur
Vernichtung ihrer Hauptdenkmäler in den rasch folgenden Zeiten der
reinen römischen Kirchenherrschaft besonders beigetragen.

So sind uns von Kirchen fast nur die in Winkeln vergessenen und
unscheinbaren geblieben. Doch einiges wenige läßt sich auch von diesen
sagen, was sie außer ihrer Kleinheit charakterisiert und für uns von
Wert und Bedeutung sein muß.

[Sidenote: Grundrißeigentümlichkeit der Kirchen]

So insbesondere über die Grundrißanordnung.

Es fällt auf, daß diese da, wo sie sich nicht direkt an ein italisches
oder hellenistisches Vorbild anschließt, besonders im höheren Norden
und fernen Westen, wohin jener Kulturstrom nicht mehr in gleicher
Stärke wirkte, häufig eine zwar höchst einfache, doch ganz eigenartige
ist. Schon Seesselberg macht darauf aufmerksam, daß die ältesten
skandinavischen Kirchen der Regel nach aus einem langen Rechteck
bestehen, von dem ein kleinerer östlicher Teil durch eine Quermauer
als Chorraum oder Altarhaus abgetrennt ist, durch eine verhältnismäßig
enge Öffnung mit dem größeren Gemeinderaum verbunden; dieser Chorraum
wird im Laufe der Entwicklung schmaler, also zur rechteckigen Apsis;
die Öffnung aber, freilich langsam, immer breiter, bis sie zu weitem
Chorbogen geworden ist. Erst dann tritt an die Stelle der rechteckigen
die hufeisenförmige oder halbrunde Apsis, die den nordischen
Holzkirchen wie unseren ältesten Kirchlein noch fehlte.

Seesselberg macht ferner darauf aufmerksam, daß diese einfache
Grundgestalt der nordischen Kirchen mit der der letzten germanischen
Tempel übereinstimme. Nur daß dort der Chorraum, das Allerheiligste,
ohne Verbindung mit dem Schiffraum blieb.

[Sidenote: Heidnische Tempel]

Solche Tempelreste haben sich in dem äußersten Winkel, wohin die
germanische Götterwelt floh, ehe sie ganz verschwand, in Island,
gemeinsam mit den Trümmern der germanischen Mythologie und Sage, die
in die Edda gerettet sind, noch erhalten und beweisen, daß in der Tat
diese Tempel nicht ohne Bedeutung waren.

Sie bestanden aus zwei rechteckigen Räumen nebeneinander. Der kleinere
chorartige Raum war für die Aufstellung der Altäre der Götter bestimmt
und die Stätte der eigentlichen Opferung; der größere umfaßte die
Gemeinde, welche nachher in langen Reihen längs der Wände um den
mittleren Feuerherd versammelt das Opfermahl unter Leitung des
Opferspenders beging, der an der Wand nach dem Altarraum zu seinen
Hochsitz hatte.

Grundmauern solcher Tempel sind noch erhalten, oft mit denen einer an
einer Seite an das Schiff angebauten Vorhalle oder Nebenkapelle. Es
bedurfte nur der Errichtung eines stattlichen hölzernen Aufbaus, um
ein Gebäude zu erhalten, welches ohne weiteres auch als christliche
Kirche zu benutzen war, sobald man nur eine Öffnung in die Mitte der
Trennungswand brach, um die Verbindung beider Räume herzustellen.

Und die nordischen ältesten Kirchlein haben in der Tat diese Anordnung.
Die Öffnung des Chors -- des Altarraums -- nach dem Schiff zu ist
anfänglich ganz klein, nur eine Tür, bisweilen noch wirklich mit einem
Türflügel zu verschließen (auch bei den ältesten angelsächsischen
Kirchen oft weniger als 1 m breit), manchmal sind selbst zwei Türen
vorhanden, mit Pfeiler dazwischen, so daß der Altar hier offenbar an
das Ostende des Schiffes gerückt worden sein muß. -- Und so sieht man
deutlich, daß diese Verbindung zwischen Chor und Schiff anfänglich fast
ohne Bedeutung war und der Chorraum eher als eine Art Sakristei dienen
mochte.

Daher ist es tatsächlich wahrscheinlich, daß in ganz
nordisch-germanischen Landen man sich entweder vielleicht kurzerhand
der alten Tempel für die Einrichtung des ersten christlichen
Kirchendienstes bediente oder an Stelle der verbrannten neue Gebäude
desselben Aufbaus errichtete, wie ja die neue Religion sich überall
gern der altheiligen Stätten bemächtigte. Nur die Tür zwischen Schiff
und Chor war neue Zutat.

Erst langsam drang vom Süden herauf die breite Öffnung des Chors bis
zur völligen Beseitigung der trennenden Wand oder Pfeiler.

Aber das scheint in der Tat richtig: die christliche Religion bediente
sich im Lande der zu bekehrenden Nordgermanen öfters für ihre ersten
kirchlichen Gebäude einer ganz ähnlichen Grundform, wie sie die
heidnischen Tempelgebäude auch gehabt hatten.

Und wohin auch die Sendboten des Christentums ihren Fuß zuerst
niedersetzten, gerade da finden wir noch solche uralte Form der
Missionskirchlein, so selbst am Bodensee -- wohl lange ehe die Insel
Reichenau der Mittelpunkt des dortigen Christenwesens wurde -- zu
Goldbach, gleich bei den „Heidenhöhlen“; ein winziges Kirchlein, das
sich wohl hier als Vorbote des kommenden Evangeliums an wichtigster
weithin schauender Stelle eingenistet hatte und in karolingischer Zeit
dann mit der prächtigsten Ausmalung geschmückt wurde.

Das Eindringen der italienischen Basilika und der zentralen aus dem
Osten stammenden Gestalt des Martyrions oder des heiligen Grabes gehört
dagegen erst der folgenden Zeit an, der der völligen Ausbreitung des
Christentums über die germanischen Länder, der gesicherten Besitznahme
von Grund und Boden und der dauernden Einrichtung von Kirchen und
Wohnstätten durch die Geistlichkeit nach südlichem Muster.

So dürfen wir jene erste Form als die der germanischen Heidenkirchlein
betrachten.

[Sidenote: Nebenräume]

Zu dieser einfachen Grundform tritt dann an der Westseite die später
fast unentbehrliche Vorhalle -- der Narthex -- die in karolingischer
Zeit sich öfters zu einer selbst mehrstöckigen Vorkirche entwickelte:
Werden, Essen, Korvey, Köln (S. Pantaleon), Büdingen, St. Menoux
in Frankreich. -- Weitere Vorhallen werden nicht selten auch links
und rechts an das Schiff angebaut, so daß eine kreuzförmige Gestalt
entsteht, wie in Bradford-on-Avon (s. Abb. 182, hier ohne Westhalle).

Diese Vorräume wandeln sich öfters zu Kapellen oder Nebenräumen,
Sakristeien und dergleichen, wie sie ja unentbehrlich waren. So in S.
Pankras (Canterbury), Sta. Cristina de Lena (Spanien, s. Abb. 133).

Tritt wie später auf der iberischen Halbinsel die aus Italien und dem
Osten stammende Anordnung der Seitenschiffe, die Basilikenform an
Stelle des einen Schiffes, so entsteht ein Typus, der ganz logisch die
zwei Nebenräume als Apsiden neben den Chor (links und rechts) schiebt,
unter Beibehaltung der westlichen Vorhalle. Findet man eine ähnliche
Grundform auch bereits in Syrien, so ist doch dort die mittelste der
Apsiden so gut wie immer polygon oder rund. Es ist daher sehr wohl
möglich, daß diese zwei nachher scheinbar so ähnlichen Grundrißtypen
nichts miteinander zu tun haben; es kann vielmehr der spanische sich
selbständig zu ähnlicher Gestalt entwickelt haben, während der im Osten
nur eine Weiterbildung der querschifflosen Basilika darstellt.

Über der Vorhalle oder gleich dahinter im Schiff erhebt sich in Spanien
der Regel nach eine Sängerempore. Die höchste Ausbildung dieses Systems
haben wir dort, wo zahlreiche Vorstufen dazu vorhanden sind, wohl in S.
Miguel de Lino bei Oviedo zu sehen. Hier war ein ziemlich quadratisches
Schiff, das fast den Eindruck eines Zentralbaus macht, nach Osten mit
drei rechteckigen Apsiden geschlossen (die mittlere war zweistöckig);
westlich erhob sich eine Empore über der Eingangshalle, oben neben den
beiden Treppenausgängen noch zwei gewölbte Kammern (Bibliotheken?)
enthaltend. Dazwischen dann das völlig quadratische Schiff von drei
Jochen, auf vier mittleren Säulen ruhend (s. Abb. 124).

Bei Erwähnung dieser Kirche muß auf eine technisch bedeutsame Leistung
und Errungenschaft hingewiesen werden, welche den germanischen
Architekten jener Zeit, die der karolingischen direkt voranging, hoch
anzurechnen ist: die Ausbildung eines eigenartigen Gewölbebaus.

[Sidenote: Gewölbebauten]

Wie früher bemerkt, vermieden die Germanen das Gewölbe anfänglich
grundsätzlich, da es ihnen in ihre Holzbauweise durchaus nicht passen
konnte, selbst dann noch, als die Wände der Gebäude bereits massiv
geworden waren. Man begnügte sich nach alter Sitte meist mit offenen
Dachstühlen oder flachen Holzdecken.

Erst ganz langsam entschloß man sich zur Anwendung von Gewölben,
beschränkte sich aber so gut als ausschließlich auf Tonnengewölbe, und
zwar auf solche von ganz geringer Spannweite. Kreuzgewölbe scheinen --
wenn sie wirklich vor dem 11. Jahrhundert auftreten -- durchweg fremder
Import zu sein. -- Selbst Kuppelgewölbe mied man im allgemeinen.

Doch, nachdem einmal das Tonnengewölbe in den Bereich der anwendbaren
Möglichkeiten gezogen war, machte man von dieser Form der Überdeckung
mehr und mehr Gebrauch und suchte durch allerlei Kombinationen ihr
manches abzugewinnen, was sonst nur durch kompliziertere Wölbformen zu
erzielen schien.

Vor allem gilt das wieder für Spanien, wo die letzten Westgoten sich
der Tonne in mannigfaltigster Weise bedienten. Es gibt eine ganze Reihe
von Kirchen, deren Mittelschiff hochgeführt und mit solchen Gewölben
bedeckt ist, teilweise durch Quergurten verstärkt. Dem Seitenschub
dieser Gewölbe begegnete man frühzeitig durch Anfügung einer Reihe von
Strebepfeilern.

Selbst dreischiffige Kirchen mit drei längslaufenden recht hohen
Tonnengewölben kommen vor (Val de Dios, s. Abb. 137), das Merkwürdigste
und Geschickteste aber auf diesem Gebiete leistete man, indem man die
hoch in die Luft geführte Mitteltonne durch niedrigere Quertonnen über
den Seitenschiffen stützte (S. Miguel de Lino).

Ähnliche Systeme, auf dem Tonnengewölbe fußend, hielten sich in
Südfrankreich noch lange in den romanischen Stil hinein, besonders im
Auvergnatischen, auch solche mit stützenden längslaufenden Halbtonnen
über den Seitenschiffen. Ein kühner Versuch, auf ähnlichem Wege wie in
S. Miguel de Lino zu großen Ergebnissen zu kommen, tritt noch im 11.
Jahrhundert an St. Philibert zu Tournus auf, da man das Mittelschiff
durch Quertonnen auf Bögen, die Seitenschiffe durch Längstonnen mit
Stichkappen überwölbte.

Die letzte und großartigste Konsequenz dieser germanischen Richtung im
Gewölbebau finden wir in Aachen am Hochmünster angewandt, wo man, um
die Mittelkuppel zu stützen, die acht quadratischen Felder des oberen
Umgangs mit ansteigenden Tonnen bedeckte (s. Abb. 165). Ähnlich beim
Chorumgang zu Vertheuil aus etwas jüngerer Zeit mit Quertonnen um das
mittlere Chorgewölbe, die sich sogar nach der Mitte zu verengern.

Hier ist als verwandt der interessante Zentralbau der Kirche von
Germigny-des-Prés bei Orleans noch zu nennen; dort stoßen gegen eine
mittlere Kuppel oder einen flachgedeckten Mittelturm ebenfalls vier
Tonnengewölbe (s. Abb. 160); die übrig bleibenden Ecken sind mit
kleinen Kuppeln überdeckt; die Ostseite ist mit drei Apsiden von
hufeisenförmigem Grundriß abgeschlossen[28].

Kurz -- es ist erstaunlich, wie die germanische eben erwachte Wölbkunst
unter gänzlicher Abkehr von südlichen Mitteln und Formen rasch eigene
Wege einschlug, die sie erst verließ, als der herrschend gewordene
romanische Stil die ausschließliche Anwendung der Kreuzgewölbe
sozusagen erzwang und damit jener eigentümlichen Richtung ein
allzufrühes Ziel setzte.

Erst die Renaissance hat den abgerissenen Faden wieder angeknüpft
und die großartigsten Wirkungen durch Kombination von Haupttonne und
niedrigeren Quertonnen und Nebenkuppeln geschaffen, manchmal durch die
Vierungskuppel zum Höchsten gesteigert. Eine Anordnung, die selbst in
St. Peter in Rom noch durchblickt.

Es muß aber als kaum zufällig bezeichnet werden, daß auch diese
Wiederkehr des Gedankens ihre klarste und großartigste Durchbildung auf
deutschem Boden gewann: in der Michaelskirche zu München, einem der
kühnsten Wölbwerke kirchlicher Baukunst aus der Renaissancezeit.

[Sidenote: Emporen]

Eine auffallende Beobachtung ist die, daß auch seitliche Emporen bei
den späteren Kirchenbauten, die wir noch als germanisch bezeichnen
dürfen, häufig sind, nicht nur westliche. So finden wir bereits
im Aachener Münster und in Nymwegen wie bei S. Michael in Fulda
solche, dort freilich an das Muster von S. Vitale erinnernd. In
der Peterskirche zu Werden desgleichen rings um den quadratischen
Mittelraum (s. Abb. 172). In der Stiftskirche zu Gernrode, S. Lorenzo
zu Verona wie in S. Ambrogio zu Mailand nach südlichem Muster nur über
den Seitenschiffen.

An diese nordische Art, wie sie z. B. in Werden geübt ist, erinnert
lebhaft manche spätere Doppelkapelle, z. B. die in Nürnberg; um
einen quadratischen Mittelraum auf Säulen zieht dort die Oberkapelle
emporenartig herum. Diese Ähnlichkeit ist von hohem Interesse.

Was die Wölbung bei Profanbauten anlangt, so zeigt die letzte uns
erhaltene steinerne Königshalle in Spanien noch heute ein langes
Tonnengewölbe mit Querrippen und Strebepfeilern.

[Sidenote: Balkendecke]

Sonst scheint, sowohl nach dem, was die Reste sagen, als was durch
Schriftsteller sich an Nachrichten erhielt, in den Königspalästen wie
sonst in germanischen Profangebäuden die Holzbalkendecke herrschend
gewesen zu sein. Ermold Nigellus erwähnt solche in der Pfalz Ludwigs
des Frommen in der Charente; die Reste des Merowinger-Saalbaus in
Aachen zeigen noch die Konsolen für die Deckenbalken.

Selbst eichene Holztäfelung wird als Schmuck der Räume desselben
Palastes gerühmt, was ja wohl als selbstverständlich scheint. Denn
Holzbekleidung der Wände ist von alters her bis heute den germanischen
Völkern das Eigentümlichste.

Um zuletzt das nicht unerwähnt zu lassen: auch bei den Germanen bildete
das wärmende Herdfeuer von jeher den Mittelpunkt des Hauses, wie es
sich bei den niedersächsischen Bauernhäusern noch bis zur Gegenwart
zeigt. Hie und da finden sich ähnliche Anordnungen selbst noch im
Stadthause.

[Sidenote: Herd und Heizung]

Im langobardischen Friaul ist eine solche uralte Herdform noch häufig
im Gebrauch: eine runde Aufmauerung, die die Mitte eines eigenen
Raumabschnittes einnimmt, der sich mit großer Öffnung gegen den
Hauptraum auftut; Treppenstufen führen hinzu und nach zwei Seiten
herum, in der Decke darüber fängt ein mächtiger Schlot den Rauch.

Für das frühzeitige Vorhandensein von ausgebildeten Kaminen zur
Erwärmung sprechen noch heute Reste aus Karolingerzeit (Salzburg); aber
selbst der nordische Ofen ist uralt. Früh fand er im hohen Norden in
der Hirdstofa an Stelle des mittleren Herdes in der Ecke eine Stätte;
bei den Langobarden wird er ebenfalls erwähnt, indem gesetzlich das zu
einem Ofen nötige Material auf 250 Kacheln beschränkt wird.

[Illustration]


  [28] Es ist ja nicht zu leugnen, daß gerade diese karolingische
       Kirche in mancher Hinsicht wieder mit syrischen und
       byzantinischen Bauwerken in der Anordnung Ähnlichkeit besitzt.
       Man kann aber auf allerlei Wegen zu gleichen Ergebnissen
       gelangen, und so kann es hier unentschieden bleiben, ob wir in
       ihr eine Konsequenz der germanischen Wölbungsweise oder einen
       Ableger des Ostens vor uns sehen.




[Illustration: DIE OSTGOTEN]


Gegen das Ende des 5. Jahrhunderts tritt dieser Volksstamm auf die
Weltbühne als Erbe des weströmischen Reiches in Italien. Seine
Herrlichkeit gipfelt in der gewaltigen Gestalt Theoderichs des Großen,
Dietrichs von Bern. Nach seinem Tode (526) war in weniger als einem
Menschenalter das riesige Ostgotenreich gestürzt und zertrümmert; seine
letzten Reste verschwanden spurlos. Ein furchtbares Schicksal, das
die besten und begabtesten unter allen Germanen zerschmetterte; wie
stets, nur durch die Hilfe, ja die Hand ihrer germanischen Brüder, die
byzantinische Arglist und Staatskunst gegen sie gewaffnet und geführt
hatte. Germanenhilfstruppen vernichteten schon vorher die Vandalen;
das auf den Ruinen des Gotenreiches entstandene letzte Germanenreich
in Italien, das der Langobarden, fiel durch der germanischen Franken
stärksten Herrscher, Karl den Großen.

Doch die Spuren des verschwundenen Ostgotentums in Italien auf dem
Gebiete der Kunst sind unverwischbar. Wenn auch merkwürdig genug seine
Gräber noch nicht gefunden zu sein scheinen, von ihren Bauwerken
wenigstens steht noch genug aufrecht, um von ihnen zu zeugen und ihr
Andenken würdig zu erhalten.

[Sidenote: Theoderich]

Es ist freilich nicht zu verkennen, daß Theoderichs Streben
vorwiegend darauf gerichtet war, seinem Volke alle Segnungen der
römisch-byzantinischen Kultur zu erschließen und zu erhalten, daß
sein merkwürdig klares Auge ohne Zögern den unermeßlichen Schatz, den
Jahrtausende in Italien gehäuft hatten, umfaßte und seinen Wert völlig
erkannte. Und so trat er ohne Zögern dies ganze Erbe an, nicht nur
der Kultur, sondern insbesondere auch der Kunst. Es ist bekannt, daß
Theoderich ein Jahrzehnt seiner Knabenzeit als Geisel in Byzanz hatte
zubringen müssen und schon dort völlige Kenntnis dessen gewann, was
Ostrom bot. Später machte er sich auch das Weströmische geistig zu
eigen, wie seine Taten beweisen.

Trotzdem dürfen wir uns keineswegs von ihm vorstellen, daß er in
völlige Abhängigkeit von diesen Einflüssen geraten sei. Vielmehr blieb
er Ostgote, Germane, durch und durch; auch das bezeugen seine Taten.

Selbst einen gewissen inneren Widerstand muß er dem fremden Wesen
entgegengesetzt haben, wie er sein Leben lang in Unkunde des Schreibens
verharrte. Der Chronist sagt von ihm, daß er seine Unterschrift durch
eine metallene Schablone mühsam malte. Das hinderte ihn doch nicht, mit
Auge, Sinn und Geist alles umher als Eigentum zu ergreifen.

Seine umfassenden Vorschriften zur Erhaltung der römischen
Kunstdenkmale sind bekannt; er setzte große Jahresbeträge, allein für
Rom 200 Pfund Gold und 25000 Ziegel jährlich, zu diesem Zweck aus
und ließ verfallende Bauwerke erneuern. Hier ging sein Kampf gerade
gegen der großen Römer klägliche Nachkommen, deren Eigensucht und
Gleichgültigkeit der schlimmste Feind der herrlichen Hinterlassenschaft
der Antike in Italien war, die wir uns als damals noch annähernd
vollständig vorhanden denken dürfen.

„Es ist ergreifend, den Germanenkönig unablässig und in jeder Weise für
die Rettung der von den Römern bedrohten und vernachlässigten Monumente
wachen und wirken zu sehen“, sagt Dahn; „ein besonderer Beamter, der
custos palatii, Palastwart zu Ravenna, hat diese gesamte Tätigkeit
der Regierung in Erhaltung, Pflege, Restauration der antiken Werke
und die Herstellung von Neubauten zu leiten ... Zunächst soll er den
Palast zu Ravenna instand halten, schmücken und verschönern; aber er
soll auch unter treuer Verwendung der vom Könige dafür ausgeworfenen
Summe das ganze große Heer von Baumeistern, Bildhauern, Erzgießern,
Mosaikarbeitern überwachen und beschäftigen, dem König die Pläne für
alle Bauten zu Kriegs- und Friedenszwecken vorlegen.“

Wenn man bedenkt, daß der König für das italienische Volk, das
eingesessene, ganz wie die alten Kaiser noch neue Theater,
Amphitheater, Bäder, Wasserleitungen, Kanäle und Kloaken erbaute, dazu
Kirchen und Paläste, Befestigungen und militärische Bauwerke, selbst
ganze Städte, so muß man staunen, besonders wenn man sich erinnert,
daß auch noch großartige reine Kulturwerke nebenhergingen, so die
Austrocknung der Sümpfe bei Terracina und Spoleto.

Geschah das für die eigentlichen Italiener, so tat er nicht Geringeres
für sein Gotenvolk und sich selber. Schützte und besserte er einerseits
die gottesdienstlichen Gebäude der Katholiken und der Juden, so
errichtete er nicht minder zahlreiche Kirchen für die Arianer; denn
die Goten hingen ja anfänglich ausnahmslos dem Arianismus an; auch
Vulfilas, der Gotenbischof, der Schöpfer der gotischen Schriftsprache,
war Arianer gewesen. Eine besonders große der von Theoderich in Ravenna
erbauten Kirchen hieß S. Andreas Gotorum.

Viele bedeutende Städte schmückte er mit einem Palatium; größere
Paläste erstanden an den ihm wichtigsten Orten, so in Ravenna, Verona,
Spoleto u. a., deren Reste überall noch einer gründlichen Untersuchung
harren. Das allermeiste ist leider längst verschwunden; zuerst seine
Sommerpaläste, die er, wie in Monza, an geeigneten kühleren Orten
errichtete.

Wie natürlich sind die Bauwerke Theoderichs, soweit Reste davon von uns
mit Augen noch geschaut werden können, im Geiste und in der Art denen
nahestehend, die er im italischen Lande gerade damals vorfand, und die
zu seiner Zeit dort maßgebend waren. Seine eigentlichen Bauhandwerker
mußten daher in der Hauptsache italienische oder östliche sein, da
für so große und neue Anforderungen die gotischen Zimmerleute nicht
ausreichen konnten; also reihen sich der Regel nach die unter seiner
Regierung entstandenen Gebäude den gleichzeitigen italienischen
oder byzantinischen an. Ihre Ausstattung erst recht; Mosaiken,
Marmorbekleidungen, Bronzewerke konnten nur durch West- oder Oströmer
hergestellt werden; selbst für Sarkophage ließ Theoderich besondere
Arbeiter aus Rom nach Ravenna kommen.

Immerhin zeigen einige -- die letzten -- der von den Ostgoten
herrührenden Bauwerke bereits starke selbständige Züge, eigenartige
Gedanken und besondere Formen, in denen sich germanische Art und
germanischer Wille auszusprechen und durchzuringen, in denen unter alle
dem fremden italienischen, byzantinischen, syrischen Wesen auch das
germanische zur Geltung zu gelangen weiß. Gerade diese Bauwerke haben
uns natürlich eingehender zu beschäftigen.

Andere aus Theoderichs Zeit, insbesondere die kirchlichen, sind seit
langem gründlich studiert und im Anschluß an die altchristliche
Baukunst gewürdigt; doch müssen wir auch bei ihnen verweilen.

[Sidenote: Arianische Kirchen]

Die Arianer bedurften zu ihrer Religionsausübung im ganzen nicht
andersgestalteter Räume, als die athanasianischen Orthodoxen.
Die eigentlichen baulichen Unterschiede zwischen den Kirchen der
beiden Richtungen konnten bisher nicht genau festgestellt werden,
so wünschenswert das wäre. Es scheint überhaupt, als ob man wenig
äußere bauliche Merkmale des Arianertums gekannt hätte. Vielleicht
ist das bekannteste die Vermeidung der Symbole der Dreieinigkeit,
z. B. der Dreieckform, folglich auch der Dreiecksgiebel. So sollen
die arianischen Kirchen stets unter Ausschluß dieser Form horizontale
Frontabschlüsse -- also Walmdächer -- gezeigt haben.

Auch scheint es, als ob die Chorapsiden der arianischen Kirchen
ausnahmslos durch große Fenster beleuchtet gewesen wären, während die
Apsiden der orthodoxen Kirchen meist ohne Fenster blieben.

Wie das „arianische“ Kreuz eigentlich gebildet war, ist nicht klar,
obwohl davon öfters gesprochen wird. Einige steinere Kreuze zu Ravenna
neben dem arianischen Baptisterium eingemauert (s. Kopfleiste),
haben einen nur wenig verlängerten Kreuzesstamm und Runde an den
Kreuzesenden. Ob diese Runde von wesentlicher Bedeutung waren, ist
unsicher. Vielleicht ist überhaupt gar kein ganz bestimmter Unterschied
vorhanden gewesen, sicher erscheint, daß das bei den Arianern
gebräuchliche Kreuz dem gleicharmigen sich näherte, also zwischen
lateinischem und griechischem Kreuze stand.

[Illustration:

  XVII

Abb. 72. Ravenna. S. Spirito. Ambo.]

[Illustration: Abb. 73. Ravenna. S. Apollinare nuovo. Mosaik.

(Phot. Alinari.)]

Außerdem wird behauptet, daß Ambonen in arianischen Kirchen nicht
üblich gewesen seien. Das würde vielleicht heißen: die nachher unter
diesem Namen auftretenden Doppelkanzeln (meist von mitten leicht
ausgebogener Grundform) zu beiden Seiten der Schranken des Chors der
Psallierenden im Mittelschiff fehlten, wie dieser selbst, doch wird
wohl irgend eine Art von freistehenden Kanzeln vorhanden gewesen sein;
sonst müßte der Prediger von dem erhöhten Raum vor der Altarnische
aus geredet oder von dort aus die Vorlesungen von Evangelium und
Epistel stattgefunden haben. --

Es muß fraglich erscheinen, ob überhaupt solche besonders
ausgezeichnete erhöhte Standpunkte erst später eingeführt und bei dem
Gottesdienst der Arianer noch nicht nötig gewesen wären.

Jedenfalls finden wir in Theoderichs Palastkirche (S. Apollinare nuovo)
und in S. Teodoro (S. Spirito; Abb. 72, Tafel XVII) Ambonen, die
vielleicht noch aus der Zeit der Erbauung dieser Kirchen herrühren,
sicher nicht viel jünger sind.

Muß hierin der Forschung und Feststellung noch fast alles vorbehalten
bleiben, für die Baukunst in engerem Sinne kommt der Unterschied des
arianischen und orthodoxen Christentums offenbar so gut als nicht in
Frage; Kirchen ohne Giebel scheinen kaum noch vorhanden, ebensowenig
solche ohne Ambonen oder spätere Kanzeln. Die arianischen Gotteshäuser
sind in der Folge ausnahmslos katholisiert, die Bildwerke, soweit sie
an die Ketzer erinnerten, umgeformt oder zerstört worden -- und so wird
aus der Zeit, wo die arianischen Germanen in Italien und Spanien ihrem
Christentum in kirchlichen Bauwerken monumentalen Ausdruck gaben, wohl
nichts Charakteristisches mehr übrig geblieben sein. Aber wie gesagt,
es ist vermutlich alles das auch nur äußerlich und wenig bedeutsam
gewesen und hat auf das Bauwerk als solches kaum Einfluß gehabt. Sonst
könnten nicht so manche Kirchen zuerst katholisch gewesen, -- dann
arianisiert -- nachher dem katholischen Kultus zurückgegeben sein, ohne
daß man dies an ihnen wahrnimmt[29].

[Sidenote: Ravenna, S. Apollinare nuovo]

Jedenfalls ist es sicher, daß Theoderich, der milde Fürst, eine Reihe
neuer ansehnlicher Kirchen für seine arianischen Goten neu erbaute,
während er die bestehenden Kirchen und Kathedralen der Regel nach den
bisherigen Besitzern beließ. Solcher Bauwerke haben wir vor allem in
der Hauptstadt Ravenna mehrere. Zuerst seine Hauptkirche neben seinem
Palast, die er Jesus Christus, dem Erlöser, weihte, von Erzbischof
Agnellus als S. Martino in Coelo aureo umbenannt, heute S. Apollinare
nuovo oder dentro.

Dieses herrliche Bauwerk ist so oft beschrieben und zählt so sehr in
die Reihe der altchristlichen Basiliken Italiens, daß wir es hier
kaum besonders zu würdigen haben sollten. Trotzdem, und obwohl an ihm
sich kaum spezifisch germanische Eigentümlichkeiten von Belang zeigen,
müssen wir es doch, wenn auch in Kürze, beschreiben, schon deshalb,
weil es das beglaubigtste Werk der Kunstliebe Theoderichs ist und laut
einer (verschwundenen) Inschrift in seiner später ganz erneuerten
Chornische von Theoderich von Grund aus erbaut und bereits 504 geweiht
wurde. Wir dürfen glauben, daß der große König sie in vollster Pracht
ihrer Ausstattung gesehen und in ihr gebetet hat.

Der schriftstellernde Presbyter Agnellus schreibt: „Wenn du fleißig in
der Chornische (tribunal) nachschaust, so wirst du über den Fenstern
die aus Stein hergestellte Inschrift finden: „König Theoderich
machte diese Kirche von den Fundamenten an im Namen unseres Herrn
Jesu Christi““. Darum also hieß diese Hofkirche Salvatorkirche, bis
Erzbischof Agnellus (553-66) sie katholisierte und dem Heiligen
Martin weihte. Agnellus hat damals eine Reihe von Änderungen an ihr
vorgenommen, da er sie planmäßig aller ihrer Erinnerungen an Theoderich
zu berauben gedachte; trotzdem blieb der Körper der Kirche mit Ausnahme
der 856 eingestürzten und im 18. Jahrhundert nochmals erneuerten
Apsis und der Westwand im ganzen so, wie sie schon in ostgotischen
Tagen erschien. So ist sie für uns ein ganz unschätzbares Dokument
der Zeit und der Kunstliebe Theoderichs des Großen, wenn sie auch
selbst in keinem Teile als das Werk germanischer Künstler bezeichnet
werden darf, und eben nur in einigen Nebendingen das Germanische sich
andeutungsweise ankündigt.

Um so wichtiger ist uns die Kirche als erhaltenes umfangreichstes
kirchliches Bauwerk, das für die Ostgoten errichtet wurde, zugleich
wegen seiner prachtvollen Ausstattung von Mosaiken, die in ähnlicher
Weise aus jener Zeit sonst nirgends mehr vorhanden sind.

Es ist eine dreischiffige Basilika, deren Mittelschiff durch zwei
Bogenreihen auf je zwölf Säulen von den Seitenschiffen getrennt ist;
die Apsis ist innen rund, außen im Grundriß ein halbes Zehneck, und
verlängert sich nach dem Mittelschiff zu noch zu einem besonderen wohl
einst durch eine Schranke abgetrennten fast quadratischen Chorraume,
wie er in romanischer Zeit so oft vorkommt. Die Apsis hatte Fenster
nach der bei den arianischen Kirchen üblichen Weise.

Vor dem Eintritt in die Kirche durchschritt man ein Atrium -- einen
kleinen Säulenhof -- und dann die Vorhalle (Narthex). Ersteres ist
verschwunden, letztere umgebaut und kaum mehr erkenntlich.

Die Säulen, die die Schiffwände tragen, haben weiße Marmorkapitelle und
Füße und verjüngte, aber nicht geschwellte Schäfte aus Cipollinmarmor.

Hierbei ist bemerkenswert, daß diese Säulen, wie bei allen Bauwerken
Theoderichs, nicht von antiken römischen Bauwerken geraubt, sondern
eigens für die Kirche angefertigt sind. Man meint: im Osten, und
findet ihre Form byzantinisch. Die Akanthusblätter sind freilich nach
griechischer Art ziemlich stachlig. Doch zeigt sich an den Deckplatten
eigentümliche recht holzmäßige Verzierung mit eingekerbten parallelen
Linien; die einfach mit Kerbschnitt markierten vier Blütenknospen sind
nach der Seite gekehrt, bewegen sich also sozusagen nach der gleichen
Seite sich drehend um den Kern der Säule herum.

Das sind bescheidene doch neue dekorative Elemente, die vielleicht
durch die nordischen Barbaren in die Kunst eingeführt sind; derb und
anspruchslos, weit entfernt von der früheren plastisch vollendeten
Durchbildung des ornamentalen Blatt- und Blütenwerks der Antike --
doch wirksam und kernig. Es kann dahingestellt bleiben, woher dieser
Umschwung kam, sicher ist es, daß er mit dem Eintritt der Barbaren in
die Kunst erschien[30].

Die Bögen oberhalb der Säulen, die auf einem quadratischen derben
Kämpferstein mit Kreuz an der Vorderseite ruhen, sind in der frühen
Renaissancezeit erneuert und dekoriert; man hat damals die Säulen mit
den Bögen soweit als möglich höher gebracht. Seitdem mußte der Fußboden
nochmals erhöht werden, und so stehen die richtigen Säulenfüße heute
doch wieder etwa 60 cm unter dem Pflaster, bis ins Grundwasser hinein.

Der ursprüngliche Kirchenboden dürfte daher ungefähr 1½ m tiefer
gelegen haben, als heute. Das stetige Wachsen der Betten der beiden
Flüsse Lamone und Ronco, die die Stadt einfassen, machte ein
wiederholtes Aufhöhen des Bodens innerhalb der Mauern notwendig, das
seit den Tagen Theoderichs einen Niveauunterschied von mehr als 2 m
ergeben haben muß.

So ist der Eindruck der Kirche heute ein weit niedrigerer, als
ursprünglich. Dazu muß noch bemerkt werden, daß zu Zeiten Theoderichs
das Schiff mit einem prachtvollen vergoldeten Holzplafond bedeckt
war, dessen spärliche Reste noch oberhalb der aus dem 17. Jahrhundert
stammenden Decke vorhanden sein sollen. Und trotzdem ist der Eindruck
immer noch durch Verhältnisse und Ausstattung ein herrlicher und in
seiner Art einziger, denn wenigstens die Langwände der Kirche oberhalb
der Bogenreihen bis zur Decke sind noch heute mit ihren großenteils
ursprünglichen prachtvollen Mosaiken auf Goldgrund bekleidet.

Zunächst erblicken wir über den Bögen einen Fries, -- rechts von
Männern, links von Frauen, die in feierlichem Zuge nach dem Osten
wallen; links am Ende thront, von Engeln bewacht, die Mutter Gottes,
der die drei Weisen ihre Gaben bringen. Gegenüber der Erlöser auf hohem
Sitze.

Darüber zwischen den Fenstern dann Heilige unter schirmartigen
Baldachinen, und ganz oben in rechteckigen Feldern Einzelszenen aus dem
Leben Jesu.

Ein großartigster Zyklus heiliger Bilder, wie er sonst aus jener
Zeit an den Schiffwänden einer Kirche nicht mehr vorkommt, und eine
gewaltige Leistung kirchlicher Malerei von größter Schönheit und
Feierlichkeit.

Es ist schmerzlich, daß von der einstigen Pracht nur diese zwei
Längsseiten erhalten sind. Denkt man sich die Ausstattung der früher
so viel höheren Kirche vervollständigt, oberhalb der Säulen schon
die Bögen mit Mosaik geziert (wie bei anderen Beispielen), dann am
Chorbogen, im Chor und in der Apsis diese Malerei zu der höchsten
Wirkung gesteigert, darinnen einen Prachtaltar, über allem die goldene
Decke (coelum aureum), unten an den Wänden farbigen Marmor, dazu den
reichsten Marmorfußboden, die Kirche auch sonst noch ausgestattet mit
Altären, Lampen und anderem Schmucke, so muß das Ganze von einer Pracht
und Schönheit gewesen sein, der wohl nur zu vergleichen ist die heute
noch allein übrig gebliebene Herrlichkeit von S. Marco zu Venedig.

Das war Theoderichs Palastkirche, ein wahrhaft königliches Denkmal
seiner Frömmigkeit wie seiner Liebe zur Kunst. Freilich mit den
künstlerischen Mitteln des eroberten Landes gestaltet (Abb. 74, Tafel
XVIII). --

Es wird behauptet, daß die heutigen Mosaiken von Erzbischof Agnellus
herstammten, auf Grund der Nachricht des Presbyters Agnellus, der viel
später die Geschichte der Bischöfe Ravennas schrieb. Doch ist dessen
Ausdruck: „er zierte die Chorpartie und die beiden Wände mit Reihen
von wallenden Märtyrern und Jungfrauen in Mosaikwürfelchen“ sicher
nur auf die beiden Friese der Langwände und des Vorchors zu beziehen;
alles andere muß noch von Theoderich herrühren. Denn welcher Grund
sollte den Erzbischof und griechischen Exarchen dazu getrieben haben,
da ihm neuere noch größere und prächtigere Kirchen, so S. Vitale, S.
Apollinare in Classe viel näher am Herzen liegen mußten, nachträglich
der Hofkirche des Barbarenkönigs den herrlichsten Mosaikenschmuck zu
schenken? -- Und außerdem gibt es klaren Beweis genug dafür, daß die
Bilder der Hofkirche bereits ursprünglich dem Bau angehörten, und daß
der Bischof Agnellus nur Änderungen an ihnen vorgenommen haben kann,
indem er ihm ärgerliche Darstellungen beseitigte und durch ihm genehme
ersetzte. Davon später.

Der Ausgangspunkt der großen Schar der heiligen Jungfrauen und der
Märtyrer ist nämlich links ein Bild der Stadt Classe, rechts der Stadt
Ravenna. Zwei ungemein wichtige Darstellungen, die uns einerseits die
mauerumwallte Hafenstadt Ravennas mit Toren und allerlei über die
Zinnen ragenden Gebäuden, Wasserleitung, Rundbauten und anderem zeigen,
gegenüber rechts aber ein Stadttor mit der Überschrift: civitas Ravenna
und daneben ein Prachtgebäude, in dessen Giebel geschrieben ist:
Palatium (Abb. 85).

[Illustration:

  XVIII

Abb. 74. Ravenna. S. Apollinare nuovo.]

[Illustration: Abb. 76. Ravenna. Kapitell der Herkules-Basilika mit
Theoderichs Monogramm.

(Photo Alinari.)]

Also hier steht offenbar vor uns ein Abbild des berühmten Palastes
Theoderichs zu Ravenna, seines größten und herrlichsten Bauwerkes.
Inmitten ein Giebelbau auf drei Bögen über hohen Prachtsäulen, links
und rechts Säulenhallen mit Obergeschoß; ein oft bewundertes prächtiges
Bild, auf das wir zurück zu kommen haben.

In den Bögen hängen Vorhänge, meist kurios geknotet, kaum recht
verständlich, bis wir bei schärferem Zusehen bemerken, daß überall
der erste Inhalt dieser Bögen weggenommen und durch in neuem
Mosaik hergestellte Vorhänge oder einfachen Grund ersetzt ist. In
dem mittelsten Bogen läßt sich deutlich die Spur des Bildes eines
Thronenden erkennen, im Giebel allerlei Andeutungen verschwundener
Figuren, wie nebenan in dem Tore der Stadt sich die Umrisse einer
daraus hervortretenden ebenfalls entfernten großen weiblichen Figur
erkennen lassen.

Auf den Schäften der Säulen aber sind von verschwundenen Männern, die
einst in den Bögen standen, noch zwei Hände vollständig vorhanden, und
oberhalb der Vorhänge schauen ihre Scheitel hervor; da, wo einst die
dazu gehörigen Gestalten waren, sind jetzt die sonderbar gefalteten
Vorhänge in Mosaikmalerei. Kurz, wir bemerken hier, daß Spätere die
Darstellung menschlicher Gestalten, die einst diese Bogenreihe, von der
Mitte ausgehend, füllten, haben verschwinden lassen.

Die unvermeidliche Erklärung ist die, daß hier der germanische König
Theoderich mit seinen Paladinen bildlich gepriesen wurde, und daß der
Erzbischof Agnellus diese verhaßten Gestalten entfernen und durch
einfachen Mosaikgrund oder Vorhänge ersetzen ließ. Von ihm müssen
denn auch die zwei langen Reihen der Märtyrer und der heiligen Frauen
in ihrer heutigen Erscheinung herrühren, die von dem Westende gen
Osten wallen, als Ersatz einer einst da vorhandenen ihm anstößigen
Darstellung aus der Zeit der Arianer, während die beiden Schlußgruppen,
links die heilige Jungfrau mit dem Kinde thronend zwischen vier Engeln
und rechts Christus auf seinem von Engeln umgebenen Throne, noch
ursprünglich sind. Wohl auch die zu dem Jungfrauenzug wenig passenden
drei Könige, die deren Prozession vor dem Throne Mariae abschließen,
köstliche Gefäße der Himmelskönigin darbringend (Abb. 73, Tafel XVII).

Es mag hier der Vermutung Raum gegeben sein, daß der erste dieser
heiligen drei Könige, Caspar, ein würdiger hoher Greis mit
langwallenden Locken, vielleicht doch den König Theoderich selber
darstellen kann. Leider ist gerade diese Gruppe um 1830 bereits
einmal restauriert worden -- immerhin ist ihre völlig germanische
Gewandung mit Schuhen, Beinkleidern, Untergewand und Mantel, einer Art
phrygischer Mütze (wie sie auch die Franken trugen) und dem mit Spangen
und Schnallen reich besetzten starken Riemenschmucke überall, gegenüber
allen sonstigen Gestalten in langwallenden byzantinischen und antiken
Gewändern mit Sandalen, höchst auffallend.

Oberhalb aber bis zur Decke sehen wir in einer außerordentlich
großen Reihe von einzelnen Bildern das Leben Jesu dargestellt, ganz
verschieden von jenen unteren Friesen, die mehr schematisch dekorativ
wirken, 26 ernste großartige Bilder von tiefen Farben, teilweise
Christus noch unbärtig, teilweise schon bärtig zeigend, von riesiger
Gestalt -- predigend, Wunder tuend und leidend. -- Aber die großen
Ereignisse, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt, fehlen. Sicher
waren diese auf anderen Wänden, etwa an der westlichen Querwand und
in der Apsis dargestellt. Alles dies gehört noch zur Kirche des
Theoderich, die Jesus Christus geweiht war; nicht minder die Reihe
der 32 heiligen männlichen Gestalten zwischen den Fenstern unter
schirmartigen Baldachinen. Der Stil dieser Bilder ist ungleich ernster,
großartiger, vor allem sind sie tiefer gefärbt als die hellen Friese
des byzantinischen Bischofs darunter, die einer oberflächlicheren
schematisch dekorativen Kunst angehören.

Kurz, der Zeit des Agnellus darf nur die Einfügung der zwei großen Züge
von Männern und Frauen in ihrer heutigen Gestalt[31] -- andererseits
die Ausmerzung der Figuren unter den Bögen des Theoderichpalastes
zugeschrieben werden, alles übrige wird noch von des großen
Königs Kirche stammen. Nur was Anstoß erregte, als man die Kirche
katholisierte, mußte fallen; vor allem die Erinnerung an die gehaßte
große Zeit der Ostgoten.

Doch haben wir in dem auch heute noch herrlichen Bau, wie bemerkt,
überall die Arbeit von Italienern und Griechen vor uns, ganz
unzweifelhaft. Denn die Absicht spricht sich unverkennbar in allem aus,
eine Kirche zu errichten, die, wenn auch nicht an Größe, so doch an
Pracht und Schönheit mit jeder italienischen, die damals berühmt war,
von St. Peter in Rom an, zu wetteifern vermochte. Und das ist gewißlich
erreicht gewesen.

Von Ausstattungsgegenständen scheint der jetzt unter den Schiffarkaden
rechts stehende Ambo vielleicht doch ursprünglich; er zeigt spezifische
germanische Eigentümlichkeiten, zunächst ruht er auf Dreiviertelsäulen
mit Pilastern (Abb. 46), die ganz in bekannter Weise aus einem
viereckigen Balken gearbeitet, also in aller Ausladung auf das Äußerste
eingeschränkt sind. Das untere reiche Zahnschnitt- und Eierstabgesims
ist ebenso aus der vorhandenen Steinmasse herausgearbeitet oder in
sie hinein, so daß ein ganz merkwürdiger Eindruck von schrägstehenden
Teilen entsteht. Der obere Teil, die flach ausgebogene Brüstung,
entspricht herkömmlicher italienischer Tradition.

In einer Kapelle der Nordseite befindet sich noch ein Altar mit
Ziborium und Schranke, doch von einfacher Gestalt, mit teilweise höchst
eigentümlichen Kapitellen. Die Schranke aus durchbrochnen Marmorplatten
ist vielleicht ein Rest der ursprünglichen Chorschranke.

[Sidenote: S. Andrea dei Goti]

Die oben genannte große Kirche S. Andrea dei Goti, die Theoderich
erbaute, offenbar also auch eine arianische, ist ganz verschwunden.
Aber eine höchst interessante Notiz des Agnellus scheint sich auf
sie zu beziehen. In dem Leben des Erzbischofs Maximian sagt er: „Die
Kirche aber des Apostels Andrea, nicht weit von der Herkulesgegend
(wohl der Gegend der Herkulesbasilika) versah er mit allem Fleiß mit
prokonnesischen Marmorsäulen, nachdem er die alten hölzernen von
Nußbaum entfernt hatte.“ Daraus muß doch wohl geschlossen werden,
daß die von Theoderich eigens für seine Goten erbaute Andreaskirche
nach alter germanischer Weise aus Holz bestand und erst bei der
Katholisierung (um 546) steinerne Stützen erhielt. Jedenfalls ein
höchst bezeichnender Beweis dafür, wie Theoderich in nationalen Dingen
auch auf altnationale Tradition zurückgriff und selbst im Bauen nicht
bloß blind abhängig war von der fremden Kultur und Sitte, wie man wohl
behauptet hat.

[Sidenote: S. Spirito]

Die andere einst arianische noch vorhandene Kirche Theoderichs
ist S. Teodoro, jetzt S. Spirito, doch ohne weiteren besonderen
Schmuck, als den ihrer Säulen und Arkaden. Aber sie birgt den oberen
Teil eines Ambos, vielleicht doch noch aus den ostgotischen Tagen
des Baus, dem auch der in S. Apollinare nuovo in der Form nicht
ferne steht. Bezeichnend ist für ihn, daß er an seinen Enden mit
den charakteristischen Pilastern abgeschlossen ist, die hier den
Altären und Sarkophagen des 5. und 6. Jahrhunderts eignen; ein ganz
ausgebildetes Motiv: korinthische kanellierte Pilaster mit sehr flachem
Fuß und Rundstäben in der unteren Hälfte der Kanellierungen (s. Abb.
72, Tafel XVII).

Außerdem aber verdienen besondere Aufmerksamkeit die Weinranken mit
den merkwürdig geschlitzten Blättern, wie sie seit jener Zeit der
germanischen Ornamentierung, auch der langobardischen und fränkischen,
selbst der westgotisch-spanischen (Abb. 75), so eigentümlich sind[32].
Der Ambo gehört sicher noch dem 6. Jahrhundert an.

Auch die berühmte Kirche S. Vitale ist noch zu Theoderichs Lebzeiten
begonnen; vollendet, ehe das Gotentum in Italien vernichtet war.
Trotzdem empfinden wir in ihr einen durchaus fremden, ganz östlichen
Import, sehen in diesem Bau den ersten, den wir völlig byzantinisch
nennen können, wenn dieser Ausdruck überhaupt etwas bedeutet, vor
allem aber den Triumph der orthodoxen Kirche und ihrer Kunst über das
Germanentum. Und darum können wir den viel besprochenen Bau, obwohl er
unter ostgotischer Herrschaft sogar in deren Hauptstadt entstand, nicht
in den Kreis unserer Besprechung ziehen. -- Gleiches gilt auch von der
so sehr schönen Basilika von S. Apollinare in der Vorstadt Classe;
obwohl diese unverkennbar eine Nachbildung der Hofkirche in der Stadt
ist, bleibt sie doch ein Werk der griechischen Erzbischöfe, wenn auch
noch in den letzten Jahren der gotischen Herrschaft gebaut.

[Sidenote: Baptisterium der Arianer]

Ein weiterer kirchlicher Bau für die Arianer ist zu erwähnen, der noch
Theoderich zuzuschreiben ist: das Baptisterium der Arianer, heute S.
Maria in Cosmedin. Ein einfacher Zentralbau, achteckig mit (meist
verschwundenen) Nischen, auf vier der acht Seiten; nur noch geschmückt
durch sein schönes Mosaikbild in der Kuppel. Wenn auch offenbar
nur eine wenig veränderte Nachahmung der Kuppelauszierung in der
vorgotischen Taufkirche der Orthodoxen, S. Giovanni in Fonte, die in
herrlicher Pracht noch heute beinahe unversehrt neben dem Dome steht,
doch uns höchst verehrungswürdig als der für den Taufakt der Ostgoten
bestimmte feierlichste Wölbungsschmuck. Inmitten Christus, fast noch
ein Knabe und unbärtig, im Jordan, dessen Flußgott ehrfürchtig links
daneben sitzt, der taufende Johannes rechts höher stehend, ohne
Heiligenschein, während der Heiland einen roten Nimbus besitzt. Über
ihm die Taube, die einen Wasserstrahl aus dem Schnabel auf sein Haupt
sendet. Ringsum im Kreise die zwölf Apostel, erst in katholischer Zeit
mit Nimbus versehen, das Antlitz nach einem leeren Throne im Osten
gerichtet.

[Illustration: Abb. 75. Weinblätter, ostgotisch, langobardisch und
fränkisch.]

[Illustration:

  XIX

Abb. 77. Ravenna. Theoderichs Grabmal.]

[Illustration: Abb. 86. Ravenna. Mosaikboden aus Theoderichs Palast.]

Es scheint hier im einzelnen doch manches nicht ganz nach katholischem
Gebrauch und orthodoxer Vorschrift behandelt und gestaltet.

[Sidenote: Herkulesbasilika]

Von einem anderen Denkmal sind nur noch neun Säulen übrig, die heute
an der Piazza maggiore einige weitgespannte Gewölbe unter dem
Rathause tragen, und, wie die Überlieferung sagt, von der Basilika
des Herkules stammen; einem Gebäude, das deswegen so hieß, weil davor
eine antike Herkulesstatue, als Sonnenzeiger verwandt, einen Brunnen
bekrönte. Die Basilika wurde wohl wie die Kirche S. Andrea dei Goti
im 15. Jahrhundert von den Venetianern abgerissen. Damals empfing ja
jener Platz seine jetzige Gestalt und neuen Schmuck, so zwei Säulen
von dem Bildhauer Pietro Lombardo, wie sie die venezianische Republik
als ihr Hoheitszeichen in allen eroberten Städten aufstellte. Von den
genannten alten Kapitellen sind einige die merkwürdigsten in Ravenna,
von einer höchst pittoresken Wildheit und Energie, Umdeutungen des
antiken Kompositakapitells, doch nur noch an dem roh angedeuteten
Eierstab zwischen Eckschnecken als solche kenntlich (Abb. 76, Tafel
XVIII). Anstatt der Akanthusblätter aber zeigen sie stark bewegte rauhe
Blattformen, eher Pilzen ähnlich, die an Baumstämmen im Walde wuchern,
etwa Hahnenkämmen, in keiner Linie aber mehr antik, kurz in ihrer Art
vollständige Neubildungen, wenn auch auf Grund antiker Anordnung. Zwei
dieser Kapitelle tragen aber das Monogramm Theoderichs im Kranze,
sozusagen des Königs öffentlichen Siegelstempel als Beweis dafür, daß
sie so recht nach seinem Herzen seien. Mir will es scheinen, da das
Einzelne in der Behandlung geradezu wild und schwer zimmermannsmäßig
ist, während wir an einigen anderen dazugehörigen Kapitellen um so
deutlicher die Hand griechischer Marmorbildhauer fühlen und erkennen,
als ob wir an diesen zwei so eigenartigen mit Theoderichs Namenszug
bezeichneten Kapitellen erste Versuche germanischer Schnitzer vor uns
sähen, Säulenknäufe im Wettkampf mit jenen zu bilden. Sie sind in ihrer
malerischen Kraft und Trotzigkeit, in ihrer urwüchsigen Frische auf der
Welt ganz einzige Werke ältest germanischer Kunstzeiten, nur an den
Säulen in S. Apollinare in Classe mühselig schwächlich nachgeahmt, doch
nicht entfernt wieder erreicht.

[Sidenote: Grabmal des Theoderich]

Das letzte uns erhaltene Denkmal aus der Zeit Theoderichs und für uns
das wichtigste zugleich ist sein Grabmal, das er sich selber noch zu
Lebzeiten schuf (Abb. 77, Tafel XIX). Und das einzige, das wir als in
Wesen und Gedanken, wie teilweise in der Ausführung als ein wirklich
germanisches zu bezeichnen berechtigt sind. Ein Werk von solcher
künstlerischer Gewalt, daß es von jeher die größte Bewunderung aller
fand; daß man es als das letzte und in seiner Zeit höchste Werk antiker
Baugesinnung betrachten und erklären, daß man es als Nachbildung der
altrömischen Kaisergräber sogar den Goten überhaupt völlig streitig
machen wollte. Dies wenigstens kommt neuerdings nicht mehr in Frage.

Mancherlei Einflüsse der sinkenden antiken Kunst, wie der sich immer
stärker geltend machenden Levante finden sich ja offenbar noch in
diesem herrlichen Werke, am größten jedoch bleibt für uns seine
Bedeutung als des ersten beglaubigten großen und in gewisser Hinsicht
selbständigen und geschlossenen Kunst- und Bauwerkes des Germanentums.
Denn es steht sein Erbauer, wie seine Bestimmung heute unerschütterlich
fest, das allein bedeutet schon genug für uns. Aber auch germanische
Kunstgedanken und Formen finden sich hier in ausgeprägtester Art.

Se autem vivo fecit sibi monumentum ex lapide quadrato mirae
magnitudinis opus et saxum ingentem quaesivit quem superponeret, sagt
der namenlose Chronist, dessen Bericht über einige spätrömische Kaiser
bis zu Theoderich H. de Valois im 17. Jahrhundert zuerst herausgab, und
der danach der Anonymus Valesianus heißt. Alles das Gesagte trifft noch
heute haarscharf zu.

Draußen vor der Porta serrata in die Campagna hinein, nahe dem
Meeresufer, nicht in die Stadt, nicht in eine Kirche, erbaute sich
der größte Gotenherrscher seine letzte Ruhestatt. Heute ist das Meer
freilich meilenweit zurückgewichen; doch die ernste Stille der flachen
Campagna läßt dies kaum schwer empfinden.

Aus Istrien brachte man den grauweißen Kalkstein in großen Quadern, aus
denen man den Rundbau schichtete, und den ungeheuren Felsen, der noch
heute darüber liegt; aus der Richtung her, wo Theoderichs Geburtsland
Pannonien lag.

Das Bauwerk ist ein zweistöckiger Kuppelbau, im unteren Geschosse und
einem Teil des oberen noch zehneckig; dann ganz ins Rund übergehend
(Abb. 78).

Der Unterbau ist von zehn tiefen Rundbögen umgeben, eine Terrasse
tragend, die den zurückspringenden Oberbau als Umgang umzieht. Im
Inneren enthält das Untergeschoß einen im Grundriß kreuzförmigen mit
Tonnen überwölbten Raum, der offenbar in Erinnerung an die kreuzförmige
Grabkapelle der Galla Placidia im selben Ravenna als Aufstellungsraum
für mehrere Sarkophage in den Kreuzflügeln gebildet und bestimmt war.
Vielleicht für Theoderichs Tochter Amalaswintha und ihre Kinder, ganz
ähnlich, wie dort für die Kaiserin, die ja selber in erster Ehe dem
Gotenfürsten Athaulf vermählt gewesen.

Auf zwei steinernen kühn durch die Luft geschwungenen, freilich erst
etwa 1780 errichteten Treppen steigt man heute zu jener den oberen
Kuppelraum umgebenden Terrasse hinauf, von der eine rechteckige Türe
uns den Eintritt in jenen gewährt, einst sicher (die Pfannen im Stein
sind noch vorhanden) mit einer Bronzetür verschlossen.

Dieser Kuppelraum hat nur kleine oben gerundete Fensterschlitze, im
Osten einen solchen in Kreuzform; das Licht fällt hauptsächlich durch
die Tür und durch ein östliches etwas größeres Fenster in der dort
ausgebauten rechteckigen engen und niedrigen Altarnische. Die Wände
bestehen aus Quadersteinen, über denen ein rauh profiliertes Gesims
mit vertieften Profilen im Zimmermannstile herläuft; über allem aber
liegt der berühmte ungeheure in Form einer Kuppel gehöhlte Stein, in
dessen Mitte ein gemaltes rotes mit Steinen besetztes Kreuz eben noch
erkennbar ist. Ganz ersichtlich muß des toten Königs Sarkophag hier
mitten unter der Kuppel gestanden haben[33], wie in Ravenna jeder von
Bedeutung damals in solchen von oft beträchtlicher Größe bestattet
wurde; wie Theoderich sogar den von ihm getöteten Odovaker in einem
Steinsarg beisetzen ließ; zog er doch nach Ravenna unter den vielen
Künstlern und Kunsthandwerkern, die er hier beschäftigte, besonders
auch solche aus Rom für die Herstellung von Sarkophagen.

[Illustration: Abb. 78. Ravenna. Grabmal Theoderichs.]

Der obere Kuppelraum muß ohne Schmuck in einfachstem Quaderwerk der
Wände geblieben sein, da die Steine innen genau dieselbe Behandlung
wie außen mit einem feinen Randschlage zeigen[34], da auch das Gesims
unter der Kuppel gewollt einfach, ja roh behandelt ist. Wenn die Wände
in der Kaiserin Galla Placidia Grabmal mit schönen Marmorplatten
bekleidet sind, so tragen dort auch die Gewölbe den herrlichsten
Schmuck reicher Mosaiken, von Fenstern hell beleuchtet, während
hier das gesimsartige Band und der einfache Stein der Kuppel diese
Dekoration ausschließen, nur das einfache aufgemalte Kreuz unter der
Wölbung einen bescheidensten Schimmer von Farbe in den so ungeheuer
ernsten Raum wirft, der in herber und strenger Kraft auf den Beschauer
wirkt.

Die künstlerische Erscheinung ist hierin, ebenso wie in dem
kreuzförmigen tonnengewölbten Unterraum, ganz offenbar von bewußter
Einfachheit, abweichend von allem hier Gewöhnten und Gebräuchlichen.
Auch ist unten dieselbe Quaderbehandlung wie oben doch noch fast
unverletzt und durch aus den Quadern gehauene Muscheln in den Ecken
ihre Ursprünglichkeit erweisend.

Die beiden Räume sind dazu, sobald die Türen geschlossen sind, nur
durch schmale Schlitze spärlich beleuchtet, ausgenommen die Apsis oben,
wo für einen etwaigen Altardienst nach arianischer Sitte direktes
Licht einfiel. -- Also tiefschattige Grabräume, in denen das Auge eben
nur die Masse der steinernen Särge zu unterscheiden vermochte, irgend
welche Schmuckbekleidung der Wände aber im Dämmer verschwinden mußte.
Vielmehr empfängt man hier noch heute, da man die Höhe des Raumes nicht
zu ermessen vermag, wenn das Tageslicht nicht durch die Türe bricht,
den Eindruck einer ungeheuren Höhle im Felsen, in der alle Grenzen
verschwinden.

Am Äußeren ist zunächst bemerkenswert, daß die auf antik-römischen
Karnießkämpfern sitzenden Bögen des Unterbaus aus lauter ineinander
verzahnten hakenförmigen Keilsteinen bestehen, eine Form, die bei
den Römern nur selten auftritt. Das Gleiche gilt von Syrien. Am
Mausoleum aber ist sie konsequent durchgeführt und kehrt auch an den
scheitrechten Bögen der Türen wieder.

Die unteren Bögen tragen jenen ringsum laufenden Umgang von 1,40 m
Vorsprung, hinter dem sich der obere Bau zunächst zehnseitig erhebt.
Die westliche dieser zehn Seiten nimmt die Eingangstür, die gegenüber
liegende östliche die Altarapsis ein. Die übrigen Seiten sind durch
je zwei rechteckige flach vertiefte Nischen gegliedert, über denen
noch ebenso viele eigentümlich eingehauene Halbkreisbogen in den Stein
gearbeitet sind (Abb. 79). Wo diese Vertiefungen endigen, da schließt
auch das Zehneck ab, und der Körper des Bauwerkes wird rund, mit
einem runden flachen Band beginnend; darüber etwas zurückspringend
noch zwei runde Quaderschichten, dann das weit vorspringende Gesims,
aus drei Plättchen darüber mächtigem tiefem Karnieß und einer Art von
Zahnschnitt bestehend.

Auf diesem Hauptgesimse ruht ein breiter verzierter Fries von vielen
einzelnen Feldern, oben wieder mit einem als Wassernase gebildeten
Gesimse abgeschlossen.

[Illustration:

  XX

Abb. 80. Ravenna. Fries am Theoderich-Grabmal.]

Hierauf nun wuchtet jener riesige Kuppelstein in flacher Wölbung von
zwölf eigentümlichen Henkeln oder durchbrochenen Haken umgeben, deren
Vorderflächen die Namen der Apostel tragen. Man hat gemeint, daß sie
zum Heben des Steines gedient hätten, was technisch kaum möglich
scheint; andere glauben, daß sie an byzantinische Kuppelansätze,
wie sie (später) bei der Sophienkirche in Konstantinopel auftreten,
anklingen sollten. Vielleicht -- da sie in ihrer Art doch ganz einzig
sind, verdanken sie einem Einfall des Architekten ihre Entstehung,
etwa angeregt durch die um jene Zeit in Ravenna übliche Dachdeckung
monumentaler Gebäude. Ein Blick auf die Mosaikdarstellung der Stadt
Ravenna und des Palatiums in S. Apollinare nuovo (Abb. 85) scheint uns
zu sagen, daß diese Deckung nicht gleichmäßig eben, sondern in Streifen
eingeteilt war, daß in gleichen Entfernungen voneinander erheblich
erhöhte Kanten fast dachlukenartig die ebene Fläche der Dächer
durchbrachen, auch an Kuppelbauten, die, wenn sie dort im Maßstabe
richtig dargestellt sind, ganz die gleiche Form unserer Haken mit
Giebel- und Satteldach aufweisen.

[Illustration: Abb. 79. Ravenna. Theoderichdenkmal. Oberes Zehneck.]

Von Kunstformen ist nicht viel vorhanden; alles strebt nach
monumentalem Einklang. Das einzige wirkliche Ornament ziert jenen
Fries im Hauptgesimse: das berühmte Zangen- oder Scherenornament;
aufrecht stehende, mehrfach gerippte Dreiecke, deren Spitzen durch
Ringe mit mittlerem Punkte gefaßt sind; die Füße sind durch schräge
in enge Spiralen auslaufende Bänder verbunden, darunter ein holzmäßig
eingegrabenes Profil (Abb. 80, Tafel XX).

Gar viel ist über diesen Fries schon gestritten worden; meist hat man
es als ein degeneriertes lesbisches Kyma oder etwas ähnliches erklärt,
die Spiralen für einen ausgearteten Mäanderlauf.

Vor allem ist aber die höchst eigentümliche einfache Technik der
Herstellung auffallend und bezeichnend, die völlig dem altnordischen
Kerbschnitt, der in die ebene Fläche gegraben wird, angehört,
gleichzeitig sich in lauter Parallellinien gefallend, wie sie später
die Langobarden z. B. wieder in ihrem vielfachen Geriemsel und
Flechtwerk anwandten, wie sie schon an zahllosen Bronzespangen der
Völkerwanderungszeit erscheinen.

Und jene Dreieckform mit dem Kreis an der Spitze ist eine in der
altgermanischen Zierwelt weit verbreitete und nicht seltene. Wir finden
sie an nordischen und südlichen Spangen (Abb. 81), an Bronzeschmuck
(Armbändern u. dgl.), aber auch an dem herrlichen Stücke des
Goldharnisches (vgl. Abb. 15, Tafel III), den man 1859 einige hundert
Schritte vom Mausoleum bei der Darsena vergraben fand.

[Illustration: Abb. 81.

Zangenornament von nordischen Spangen.]

Es kann dem, der mit der Welt der germanischen Schmuckformen vertraut
ist, keinen Augenblick zweifelhaft sein, daß wir hier vor einer
einfachen Übersetzung kleiner germanischer Schmuckformen ins Größere
stehen, wie wir das anderweitig sich vollziehen sahen. Es ist dabei
nicht zu vergessen, daß ja die großen Holzarbeiten der Germanen für
ihre Gebäude alle ganz und gar verloren sind, und daß wir eben nur aus
solchen Beispielen wie dem vorliegenden entnehmen können, daß jener
Übergangsprozeß in der Holzarchitektur jedenfalls längst vor sich
gegangen sein mußte.

Wissen wir doch nicht einmal, ob die uns heute allein erhaltenen
kleinen Schmuckformen nicht ihrerseits zum Teil aus dem Großen der
-- wie bezeugt -- oft reich geschnitzten Holzbauwerke ins Kleine
übertragen waren.

Wie sollen denn sonst jene Bauten, die Venantius Fortunatus „reich von
des Künstlers Hand, spielend und künstlich geschnitzt“ nennt, sonst
geziert gewesen sein? Weshalb nicht gerade so, wie dieser Fries in
seiner ausgesprochenen Holztechnik es zeigt?

[Illustration:

  XXI

Abb. 82. Ravenna. Konsole der oberen Tür am Theoderich-Grabmal.]

Allzu große Ängstlichkeit hat bisher so manchen unserer Gelehrten immer
wieder von dem entscheidenden endlichen Schritte zurückgeschreckt,
ihn gehindert, hier sich dem anzuschließen, was so viele Unbefangene
fühlen und seit langem deutlich aussprechen. Es ist fast, als ob es als
eine Sünde wider den Geist der Wissenschaft erschiene, hier Farbe
zu bekennen. Aber wer unseren Entwicklungen von Anfang an mit Ruhe und
Verständnis folgte, wird keinen Augenblick mehr zögern zuzugeben, daß
wir an dieser Stelle ohne jeden Zweifel das erste nationalgermanische
Ornament vor uns sehen, das seinen Weg in die große Monumentalkunst
fand.

Der weiter unten befindliche Zierstab, der die 16 Flachnischen nach
oben abschließt, ist im Gegenteil sicher eine Nachbildung des antiken
Herzlaubs; „unverstanden“ freilich oder „degeneriert“, doch für jeden
Architekten ohne weiteres noch kenntlich. Aber die eigentümlichen Ringe
hat man doch aus dem oberen Friese hierher übertragen und so das untere
Ornament dem des Frieses in der Erscheinung glücklich und geschickt
angenähert. Ein kaum minder interessanter Prozeß.

Dafür aber tritt -- unter Beibehaltung der antiken Anordnung der
von Konsolen getragenen Deckplatte -- das nordisch-holzmäßige der
Behandlung wieder an der Verdachung der oberen Türe deutlich zutage.
Die im äußeren Umriß der herkömmlichen antiken Konsole noch ähnlichen
Kragsteinchen sind in einer so unverkennbar holzmäßigen Art gerieft
und beschnitzelt (Abb. 82, Tafel XXI), daß man die Hand des nordischen
Zimmermanns geradezu arbeiten zu sehen glaubt; gleiches gilt für die
absolut holzmäßige Art des Aussetzens des Rundstabprofils zwischen
den Konsolen, ganz verschieden von dem in der Antike üblichen
ununterbrochenen Laufe der Profile. So bescheiden die Sache an sich
ist, es dürfte doch schwer fallen, aus dem späten Römer- wie aus dem
gleichzeitigen Griechen- oder Syrertum etwas Ähnliches nachzuweisen.

Es erübrigt noch der fehlenden Architekturteile zu gedenken, die in
jenen einzelnen Bögen über den Nischen gesessen haben müssen. Alle
Versuche, auf dem Umgang eine Säulenhalle mit Gewölben -- mehr oder
minder vorstehend -- zu ergänzen, sind als gescheitert anzusehen, wenn
nicht schon der Chronist ausdrücklich sagte, Theoderich habe sein
Grabmal ex lapide quadrato, aus Quadersteinen, erbaut, und kein Wort
von Säulen spräche, da doch jene Zeit solche überall und nachdrücklich
erwähnt, wo sie Anwendung fanden. Aber auch mehrere alte Zeichnungen
aus der Zeit um etwa 1500, vielleicht des Antonio da Sangallo,
bestätigen, daß da oben auf flachen Konsolen, deren noch einige
vorhanden sind, eine ebenso flache Bogenarchitektur wie ein Fries den
Baukörper umgab. Ich habe versucht, an dieser Stelle ein in den Maßen
übereinstimmendes Bogenbruchstück aus Ravenna einzufügen (Abb. 83; Abb.
84, Tafel XXII), welches, wenn es selbst nicht wirklich hier einst
sich befunden haben sollte, doch mindestens als eine Nachbildung einer
ähnlichen Architektur aus wenig jüngerer Zeit angesehen werden muß[35].
Und damit schließt sich die Lücke in völlig harmonischer Weise.

Was die Brüstung aber anlangt, so haben Vergleiche ergeben, daß die
berühmten Bronzegitter im Dom zu Aachen, die ein völlig ravennatisches
Formentum, auch die oben berührten flachen Pilaster an den Enden
aufweisen, in den Maßen und Einzelheiten so genau an das ravennatische
Bauwerk passen (ihre Länge ist zusammen mit der Dicke eines
unentbehrlichen Eckpfostens durchschnittlich 4,40 m, die der unteren
Zehneckseiten unseres Monumentes ebenfalls 4,40), daß geschlossen
werden muß, daß Karl der Große die Brüstung des Grabmals nach Aachen
verschleppt und in seiner Pfalzkapelle zum Schmucke wieder verwandt
hat. Auch die hier unentbehrliche kleine Tür findet sich dort, vor
den Sitz des Kaisers gestellt. Zur weiteren Bestätigung diene die
verbürgte Nachricht, daß Theoderich in Ravenna zahlreiche Bronzegießer
beschäftigte, während von einer solchen Industrie im ganzen
Frankenreiche der Zeit Karls nichts überliefert ist. Anderseits ist die
Aachener Kapelle in ihren dekorativen Einzelheiten völlig aus dem Süden
zusammengetragen, und zwar, wie es scheint, nur aus Ravenna[36]. Kein
einziges solches Stück ist nachweislich dafür angefertigt.

[Illustration: Abb. 83. Ravenna. Ergänzung am Theoderichgrabmal.]

[Illustration:

  XXII

Abb. 84. Ravenna. Rekonstruktion des Theoderich-Grabmals.]

Zu bemerken bleibt, daß die Gitter alle vierteilig sind, also der
Einteilung der Zehneckseiten am Mausoleum genau entsprechen, mit
Ausnahme der Eingangsseite und der Ostseite, die eine mittlere Axe
haben, der dort befindlichen Tür- und Fensteröffnung entsprechend; in
Aachen sind aber alle 8 Bögen dreiteilig. Eine Anfertigung der Gitter
für Aachen würde lauter dreiteilige Gitter gefordert haben.

Das Denkmal stand um einige Stufen erhöht, wie Nachgrabungen ergaben,
von denen eine, wohl die oberste Schicht, mit einem weiteren Geländer
umgeben war, das aus marmornen Eckpfosten und, wie Spuren erweisen,
ebenfalls metallenem Gitter dazwischen bestand. Eine Skizze dieser
inzwischen längst wieder verschwundenen Pfosten ist noch vorhanden; sie
waren mit steigendem Rankenwerk geziert.

Zuletzt aber sei noch einmal des riesigen Kuppelsteins gedacht, der
das Ganze überdeckt, jenes ungeheuren Felsens von fast vierunddreißig
Metern unteren Umfanges; ganz ohne jeden Zweifel einer Erinnerung an
die altgermanische Sitte, die Gräber der Großen mit riesigen Steinen zu
bedecken; und so hat alle Welt es von jeher auch gefühlt und gedacht.
Nur archäologische Gelehrsamkeit um jeden Preis kann hier auf syrische
Großsteinigkeit, auf ägyptische Riesenwerke und ähnliches hinweisen,
den nächstliegenden und natürlichen Gedanken unterdrückend. Warum nur?
Soll denn den Germanen selbst bei den Deutschen immer noch das Recht
bestritten werden, auch nur hier und da in der Kunst etwas Eigenes
gewollt zu haben?

Von Theoderich, den wir doch schon oben in der für seine Goten allein
bestimmten Kirche S. Andrea auf den uralten germanischen Holzbau
zurückgreifen sahen, sagt der Anonymus in lapidarer Großartigkeit:
et saxum ingentem quaesivit, quem superponeret: er suchte sich
einen riesigen Felsen, um ihn oben auf sein Grab zu legen. Mit
diesem urgermanischen echt königlichen Gedanken, der uns plötzlich
wieder tiefen Wald, ungeheure Wildnis, unendliche Heide und darüber
hinjagenden Sturm schauen läßt, schlägt das in den hellsonnigen
Kulturtag des Südens getretene Germanentum noch einmal rückwärts
eine Brücke in seine Urheimat, wirft es einen Abschiedsblick in ihre
verdämmernden Gefilde.

[Sidenote: Palast Theoderichs]

Noch ein bedeutsames Werk Theoderichs in seiner Hauptstadt Ravenna
haben wir zu besprechen, wenn es auch nicht mehr aufrecht steht oder
höchstens nur bescheidene Reste von ihm vorhanden sind: seinen Palast;
seine größte bauliche Unternehmung, deren Untergang auf das schwerste
zu bedauern ist. Seines custos palatii ist oben gedacht.

Der Bau muß von ganz bedeutender Größe gewesen sein und mag das
ganze Viertel von des Königs Palastkirche S. Apollinare dentro nach
Süden zu bis zur Via Alberoni oder weiter eingenommen haben. In den
Gärten hinter der Kirche bis an die Stadtmauer, die der Familie
Monghini gehören, liegen noch heute 2 m tief unter Rasen und Erde die
schönsten Mosaikfußböden versteckt, meistens im immer mehr steigenden
Grundwasser. -- Gegen rückwärts war den Berichten nach ein dem
Meere zugewandter herrlicher Speisesaal; Säulenhallen und Türme und
viele andere mit Mosaiken und Marmor reich ausgestattete Teile des
Palastes werden gerühmt; eine Wachhalle lag nach vorn zu. An Großes
war Theoderich gewöhnt, hatten doch seine Goten schon seit 490 den
riesigen Palast Diokletians zu Spalato in Besitz, und gedachte er wohl
es solchem Werke in einigem gleich zu tun.

Heute freilich gibt uns nur noch das Mosaikbild in S. Apollinare nuovo,
das ich früher erwähnte, die schwache Vorstellung eines kleinen Teils
jenes riesenhaften Prachtbaus (Abb. 85).

Behauptet wurde allerdings seit langem, daß die gegenwärtig an der Ecke
des Palastareals stehende merkwürdige Halle mit der oberen Nische ein
Stück des verschwundenen Prachtbaus gebildet habe; etwa jene Kalche
oder Leibwachenhalle, die hie und da genannt wird. Dem widerspricht die
Architektur des Bauwerkes, die in vielen Teilen auf sehr viel spätere
Zeit hindeutet; sie könnte frühestens langobardisch des 8. Jahrhunderts
sein, ist wohl aber, wenigstens teilweise, noch erheblich jünger. Auch
ist sie so zusammengestoppelt oder ausstaffiert mit den verschiedensten
wenig zueinander passenden alten baulichen Bruchstücken, daß es sich
unbedingt verbietet, sie als einen originalen Teil des herrlichen und
gewiß in höchster Vollendung durchgeführten Palastes zu betrachten.

Die Halle ist aus Backsteinen errichtet unter Einfügung einer Reihe
marmorner Bruchstücke älterer Bauten; die Backsteintechnik ist
nach oben immer rauher und von einer Behandlung, die der späteren
langobardischen bis ins 11. Jahrhundert gleicht, nicht aber der
zu ostgotischer Zeit üblichen, wie sie an den Apollinariskirchen
nebenan und in Classe sich zeigt. Unter allen Umständen haben wir
also einen Bau vor uns, der in seiner gegenwärtigen Verfassung
allerwenigstens zwei bis drei Jahrhunderte jünger ist, als Theoderichs
Zeit. Das bestätigt auch seine Höhenlage um wohl ein Meter über der
ursprünglichen der Hofkirche Theoderichs und der hinten in den Gärten
liegenden Mosaikböden (Abb. 86, Tafel XIX), die nachgewiesenermaßen
noch dem alten Palaste angehören; das bestätigen vor allem gewisse
Architekturformen, so die Konsolen, die die sechs vorgekragten Säulen
im Oberstocke tragen, die ebenso z. B. an der kleinen Langobardenkirche
degli Apostoli zu Verona auftreten, dort frühestens aus dem 10.
Jahrhundert stammend; ähnliche Konsolen vom Portal von S. Antonio zu
Piperno sind noch jünger (1036). Das Doppelfenster rechts oben an der
Seite, trägt in seiner rechtwinkligen umlaufenden Profilierung und
einmaligen Absetzung der Backsteinpfeiler und des Bogens sogar fast
schon den Stempel mittelalterlicher Zeit.

Kurz, wir müssen C. Ricci und anderen darin völlig zustimmen, daß
dieser Bau in heutiger Verfassung ein Bau eines späteren Exarchen
sein müsse, trotz der Überlieferung, die die Ruine noch heute
Theoderichs Palast nennt, trotzdem auch, daß die mehrerlei marmornen
Architekturstücke, die der Bau zeigt, offenbar noch aus ostgotischer
Zeit herrühren.

[Illustration:

  XXIII

Abb. 87. Ravenna. Sogenannter Theoderich-Palast.]

Trotzdem muß die Ruine uns stark interessieren, denn germanischer
Art ist sie ja doch, wenn auch aus jüngerer Zeit. Die etwa 22 m
lange zweistöckige Front (Abb. 87, Tafel XXIII) hat in der Mitte
einen mäßigen Vorsprung und an jedem Ende einen Strebepfeiler von
gleicher Vorragung; in dem Mittelrisalit unten einen Portalbogen, der
von marmornern Pfeilern mit verzierten Kapitellen getragen wird und
auf einem schweren profilierten Kämpfer ruht; links und rechts davon
ein Doppelbogen auf (neuer) Mittelsäule. Im Obergeschoß zeigt das
Mittelrisalit eine große halbrunde Nische, von eingesetzten Ecksäulen
flankiert; zu den Eckstrebepfeilern leitet auf jeder Seite eine auf
je drei Säulen ruhende Bogenarchitektur hinüber; diese Säulen stehen
auf einer durch jene drei schrägen eigentümlich geformten Konsolen
getragenen Steinbank.

Aber die sechs Säulen sind ganz ungleich lang, eine selbst ganz ohne
Knauf, die andern fünf mit sehr verschiedenen Kapitellen, alle ohne
Füße, über jeder ein ziemlich roher dünner Kämpferstein; auch die
Falzsäulen sind ähnlich und basenlos; alles sichtlich zusammengesucht
und notdürftig verwendet, so gut es ging; nur wenige Teile sind von
besserer Verfassung und Ordnung, so der untere Eingangsbogen, wie oben
der in die Nische Zutritt gewährende Doppelbogen auf einer Mittelsäule,
die noch einen regelrechten kräftigen Kämpfer mit Kreuz und das
berühmte ganz eigenartige Kapitell trägt, auf das wir noch zurückkommen
müssen.

[Illustration: Abb. 85. Ravenna. Mosaik in S. Apollinare nuovo.]

Auch gegenüber dem Umstande, daß die nahe Hofkirche zwei Säulenreihen
zeigt, die eigens für den Bau angefertigt ganz ohne Fehl und in ihrer
Art vollkommen organisiert sind, daß Theoderich überhaupt es zum
Grundsatz erhoben hatte, nie alte Bauten zu berauben, sondern sie zu
erhalten und neue möglichst gleichen Wertes zu errichten, erscheint es
als eine einfache Unmöglichkeit, daß jenes Bruchstück wirklich, wie es
ist, von seinem Palastbau stammen könnte, wenn nicht schon seine Formen
und seine Höhenlage dem widersprächen.

Dazu noch wissen wir, daß Karl der Große sich vom Papst Hadrian alle
künstlerischen Bestandteile des Palastes schenken ließ, und daß er --
da er anderswo Marmor und ähnliches nicht haben konnte, wie Einhard
sagt -- Säulen, Mosaiken und was er bedurfte vom Palast in Ravenna nach
Aachen bringen ließ, um es dort hauptsächlich zu seinem Münsterbau,
doch auch für weitere bauliche Zwecke zu benutzen. So gelangten Säulen
unseres Palastes selbst nach Ingelheim.

Da nun die Pfalzkapelle in Aachen allein etwa 40 (oder mehr) Säulen
und Kapitelle verschlang, auch Ingelheim mindestens die Hälfte, wer
weiß wie viele noch sonst gebraucht wurden, da der Marmorschmuck der
Pfalzkapelle und ihre Mosaiken ebenfalls aus dem Palaste stammten, so
erhellt, daß die Zerstörung, die Karl, der sogenannte leidenschaftliche
Bewunderer Theoderichs, in seiner künstlerischen Habsucht an dessen
Herrschersitz vornehmen ließ, eine furchtbare war; daß er wohl kaum
viel mehr übrig ließ als rohe Mauern, denn mit den Säulen mußten
auch Bögen, Decken und Dächer fallen. Dies war nach 784. Noch 751
hatte der wackere Langobardenkönig Aistulf hier residiert, vorher die
byzantinischen Exarchen. Von all der Pracht sind denn heute nur noch
einige der Fußbodenmosaiken übrig, zum Teile tief im Grunde steckend.

Der Erzbischof Valerius aber ließ kurz vor 809 zwei (früher arianische)
Kirchen vor Ravenna, S. Georg und S. Eusebius, abreißen, um sich daraus
ein prächtiges Haus (egregias aedes) zu erbauen, das Valerianische
Gebäude genannt. Das war gerade in der Zeit nach Karls Einbruch in den
Palast und könnte sich wohl auf Neuerrichtung einiger seiner Teile
beziehen. Vielleicht auf unseren Palastteil.

Und doch gibt der Rest, zusammen mit der alten Tradition, mit der
Erscheinung der Nische im Oberstock, die auf ganz besondere Zwecke des
Gebäudes hindeutet, geben einzelne künstlerisch höchst eigenartige
Teile immer aufs neue zu denken.

Da ist vor allem der Grundriß des Ganzen (Abb. 88), den bisher noch
niemand beachtet zu haben scheint. Wir haben an der Front zunächst eine
schmale Halle, die sich ganz nach der Straße öffnet; dahinter sehen wir
einen breiten Gang nach einem stattlichen Hofe zu, in den Ecken links
und rechts die Spuren runder Wendeltreppen, dann zu beiden Seiten des
sich nach hinten erstreckenden Hofes offene Hallen. Wie weit diese
gingen läßt sich nicht mehr erkennen, da neuere Gebäude dann das Ganze
quer abschneiden.

Aber das sehen wir klar, daß hier ein in Maßen und Anlage großartiger
Hof hinter einem ansehnlichen von Hallen flankierten Eingange vorhanden
war, in dessen Hintergrunde sich die Haupteingangsfront eines
Palastes erhoben haben muß. Wer mag hier residiert haben? Doch wohl
Erzbischöfe von Ravenna, die ja jahrhundertelang noch den Kampf um ihre
Selbständigkeit gegen Rom führten, treue Anhänger des kaiserlichen
Deutschlands.

[Illustration: Abb. 88. Ravenna. Grundriß des sogenannten
Theoderichpalastes.]

Der Baurest, auf dem Grunde des Theoderichpalastes gelegen, beweist,
daß er in jenen Jahrhunderten, die Karls des Großen Eingriffen folgten,
repräsentativ bewohnt und benutzt war; seine wenigen Marmorteile aber
sind offenbar meist aus ostgotischer Zeit, also wohl Reste des alten
Palastes.

Ist der Schluß da nicht berechtigt, daß wir es hier vielleicht doch
in der Anlage, wenigstens im Grundrisse mit einem Teile des alten
halb zerstörten Palastes zu tun haben, der nach jener Verwüstung in
der baulichen Art jener späteren Jahrhunderte wieder aufgerichtet
wurde, so gut es ging? An die Stelle der geraubten Säulen traten
Backsteinpfeiler, das Niveau wurde wegen des steigenden Grundwassers
erhöht, aber die Anlage des Eingangshofes kann noch die alte, ein
Teil des Mauerkörpers, der Eingangsbogen, vielleicht selbst die obere
Nische konnte übrig geblieben sein, und so wäre der Palasteingang und
prächtige Ehrenhof Theoderichs in vereinfachter Gestalt doch gleichen
Umrissen aufs neue erstanden als Eingang zu den noch bewohnbaren oder
bewohnbar gemachten Resten des alten Königspalastes, und die Tradition,
in der immer etwas Wahres steckt, gelangte zu ihrem Rechte.

Wenn wir uns denn an die Stelle der Hallenpfeiler wieder Säulen
gestellt denken, darüber ein Obergeschoß -- was die Treppen ergeben --
und gegenüber einen höheren von vier Säulen getragenen Giebel, wie er
gerade Platz hat, so haben wir tatsächlich ein Bild vor uns, das dem
der freilich größeren Haupthalle im Palast zu Spalato (Abb. 89), die
als Eingang zu des Kaisers Räumen führt, ganz ähnlich ist. Theoderich
kannte diesen Palast, da er ihn jedenfalls einst bewohnt hatte. So mag
er das Motiv hierher übernommen haben.

Aber hier tritt ein Merkwürdiges ein: die Erinnerung an das Bild
„Palatium“ in der Hofkirche. Wenn wir uns auf diesem Mosaik die zwei
Flügelbauten nicht als in gleicher Flucht mit diesem fortlaufend,
sondern als nach vorn geknickt und rechtwinklig zu ihm stehend denken,
was auf dem Mosaik in Perspektive doch nicht darstellbar war, dann
haben wir ein Bild, welches genau dem des Palasthofes in Spalato
entspricht, nur daß es über den seitlichen Hallen Obergeschosse
besitzt; also wie die von uns soeben rekonstruierte Hofanlage und der
bestehende Rest nach vorn zu noch heute.

[Illustration: Abb. 89. Spalato. Palasthof.]

Daher glaube ich, daß wir in jenem Mosaik, welches doch so viel
Besonderheiten zeigt, daß es nicht gut als schematisches Bild, sondern
als der Versuch eines Porträts betrachtet werden muß, tatsächlich ein
nicht ungenaues Bild aus Theoderichs Palast besitzen, und zwar des
Eingangshofes nach dem Muster desjenigen von Spalato. Und ferner, daß
dieser Eingangshof da stand, wo heute der im Volksmunde noch immer
Theoderichs Palast genannte Bau sich erhebt, dessen Verhältnisse und
Anordnung genau den alten Palasteingangshof wiedergeben; leider aber
seiner Marmorpracht beraubt und in jüngerer Art, soweit er nicht
mehr stand, neu errichtet und etwas erhöht, falls er nicht gleich
ursprünglich oberhalb einer ansehnlichen Treppenanlage gestanden haben
sollte.

Wäre das richtig, so dürften wir in dem Eingangstor, vielleicht
auch noch in der darüber befindlichen Nische doch Originalreste des
alten Palastes erkennen, was noch wahrscheinlicher dadurch wird, daß
wir an dem Doppelbogen im Oberstock, der den Zugang zu der Nische
gewährt, der besseren Mauertechnik nach scheinbar ein unverletztes
und ursprüngliches Stück Architektur vor uns sehen. Das eigenartige
Kapitell der tragenden Mittelsäule, das auch noch seinen richtigen
Kämpfer mit Kreuz nach ostgotischer Art besitzt, wird ja schon lange
als ein höchst merkwürdiges Werk, meist als ein erstes bauliches
Gebilde der germanischen Baukunst gepriesen. Und so fassen auch wir es
auf. Der kissenartige Knauf, unverkennbar dem Holzbau entlehnt, der
seine Säulen auf der Drehbank herstellte, das nach unten durch jenen
wunderbaren Kranz von Blüten einer Art von Schachtelhalm seinen so
einzigartigen Schmuck erhält, ist sicher ein Werk der Ostgotenzeit,
aber auch ihrer Kunst (Abb. 90). Noch niemand hat dies Werk für
römisch, byzantinisch oder syrisch zu erklären versucht, von späterer
langobardischer Art hat es keinen Schimmer; vielleicht sitzt es auch
noch an seiner ersten Stelle im Grunde der Nische. Darüber glänzte
also dann das Mosaikbild des Königs Theoderich, dessen Agnellus
erwähnt, das an der Vorderseite der Regia, „ad Calchi“ genannt, bei der
Salvatorkirche (der Hofkirche nebenan) gelegen im Baldachin (pinaculum)
geprangt hat, zwischen den Gestalten von Rom und Ravenna.

[Illustration: Abb. 90. Ravenna. Vom Theoderichpalast.]

Ist solche, wie mir scheint, ganz wohl vertretbare Vermutung wirklich
zutreffend, dann sehen wir hier doch wenigstens einige Reste und eine
freilich vereinfachte Nachbildung des wichtigsten äußeren Palastteiles
gerettet vor uns, und auch das Palastbild in der Hofkirche ist nicht
mehr ein Schatten oder nur die typische Hieroglyphe eines Palastbaus,
sondern ein wirkliches und wertvolles, auch im Einzelnen zu deutendes
Konterfei des Palastes.

Hierfür sprechen einige ganz charakteristische Teile des Bildes. Vor
allem stehen die Säulen nicht auf gewöhnlichen Säulenfüßen, sondern
auf hohen eingerahmten und verzierten Platten sehr eigentümlicher
Erscheinung. Diese Platten kommen sonst nirgends vor, als ein einziges
Mal noch, gerade in oder vielmehr vor Ravenna, nämlich in Classe unter
den Säulen der Kirche S. Apollinare. Sie wirken da höchst merkwürdig
und sehr charakteristisch. Wäre das Bild, das dieselben sonst nirgends
auftretenden Säulenpostamente zeigt, ein bloßes Schema, so würde eine
solche Besonderheit im Detail sich kaum da finden. Da nun S. Apollinare
8 Jahre nach Theoderichs Tode begonnen ist, so hat das Mosaikbild
diese Platten unter den Säulen bereits lange gezeigt, ehe man für S.
Apollinare daran dachte. Deshalb ist anzunehmen, daß diese fremdartige
Form am Palaste zum ersten Male auftrat und in Classe nachgeahmt wurde.

[Illustration: Abb. 91. Ravenna. Ostgotische Säule.]

Die nicht minder eigenartige Erscheinung des Obergeschosses mit
seinen rundbogigen Fenster-Oberlichtern, die uns so modern anmuten,
indessen wohl ebenso konstruiert zu denken sind, wie die steinernen
Sprossenfenster der Sophienkirche in Konstantinopel, bestätigt die
obige Annahme, daß wir es wirklich mit einer nach Möglichkeit getreuen
Porträtierung des Originalzustandes des ersten Palasthofes zu tun
haben, und daß wir demnach das darauf Dargestellte als ziemlich
zuverlässig annehmen dürfen. Danach hätte denn auch inmitten der
Haupteingang zu den Repräsentationsräumen geführt (darum der König im
mittelsten Bogen auf dem Throne), und die Hallen um den Hof hätten
Kriegern oder Offizieren zum Aufenthalt gedient.

[Sidenote: Verona]

Von den vielen anderen Gebäuden Theoderichs in Ravenna ist bereits
berichtet, sind auch noch manche Trümmer übrig (Abb. 91); von
Sommerpalästen an mehreren Orten, von großen Bauten in Verona wird
gemeldet, doch ist gar zu wenig von alle dem einst so vielen mehr
vorhanden. Der Dom zu Verona hat aus seiner Zeit nur noch die Säulen
einer kleinen Halle an der Nordseite, sowie eine Einzelsäule und ein
Stück Mosaikfußboden im Kreuzgange; auch die Taufkirche S. Giovanni in
fonte beim Dom erscheint so völlig umgebaut, hauptsächlich im 11. oder
12. Jahrhundert, daß uns da nur noch einige Einzelheiten an des Königs
ersten Bau erinnern. So zwei viereckige Pfeiler, recht im Holzstile,
mit Kapitellen, die von primitiver Nachahmung antiker Vorbilder
sprechen, ähnliche in Nebenräumen von S. Zeno (Abb. 46). Doch nichts
mehr von besonderem Werte für unsere Betrachtung.

Die übrigen Ostgotenbauten in Italien sind, obwohl oft genug genannt,
heute, falls nicht einst Ausgrabungen da und dort Wichtiges zutage
fördern sollten, für uns wohl nicht mehr von Bedeutung. Theoderich
baute noch große Paläste in Spoleto, Terracina, Verona. Von einigen
sind starke Subkonstruktionen übrig, die völlig sich an ältere
Römerbauten anschließen. Das Kastell oder die Burg zu Verona, nach dem
doch der Held seinen Namen in der germanischen Heldensage empfing,
scheint später so stark, insbesondere durch die Scaliger umgebaut, auch
wohl eher Festung als Palast, daß von ihm heute nichts anderes mehr
zu melden ist, als daß seine mächtigen alten Umfassungsmauern noch
teilweise erhalten zu sein, auch die achteckigen Türme an den Ecken
noch aus seiner Zeit zu stammen scheinen. Die Struktur ist die bekannte
aus der Ostgotenzeit: große Quadersteine in Schichten mit je einer
doppelten Ziegellage darüber abwechselnd. Diese Technik ist allerdings
noch manches Jahrhundert länger geübt. Die polygonen Türme haben
interessante Verstärkungszwickel aus Backstein an den Ecken.

Das Kastell ragt hoch und mächtig auch in seinen Trümmern ob Verona. Es
scheinen darin noch mächtige Gewölbe von großer Ausdehnung vorhanden,
Weingärten aber überziehen völlig den inneren Raum.

Eine ganze Stadt selbst hat Theoderich bei Trient angelegt, die
freilich längst wieder ganz versank; er befestigte sie, versah sie
mit Wasserleitung, Thermen, öffentlichen Hallen; wo sie lag, weiß man
heute nicht mehr genau; vielleicht ist es Dostrento, ein gewaltiger
Schutthaufen im Etschtal.

Auch die Bildhauerei hat Theoderich sich dienstbar gemacht. Man
rühmte von ihm mehrere Reiterbildnisse, besonders ein gewaltiges
bronzenes, das bei Ravenna auf einer Brücke stand. Dieses hat sein
sogenannter Bewunderer Karl der Große ebenfalls nach Aachen geschleppt.
Zeitgenossen preisen die leidenschaftliche Darstellung des vorwärts
sprengenden Reiters, vielleicht von Kämpfern umgeben, alles aus
bräunlichem Erz.

Gewaltiges auf allen Gebieten schufen so Theoderich und die Seinen.
Fast alles aber ist dahingegangen; weniges blieb, dieses doch ein
unverwüstliches Zeugnis auch für die künstlerische Größe jener so rasch
vorübergeflossenen Heldenzeit.

[Illustration]


  [29] Dagegen ist es sicherlich nicht ohne innere Bedeutung, daß die
       Germanen -- mit Ausnahme der Franken -- bis ins 7. Jahrhundert,
       ja noch länger, dem Arianismus anhingen und der Einführung
       der katholischen Einheitskirche lange erbitterten Widerstand
       entgegensetzten. Und zwar in ihren höchststehenden idealst
       angelegten Stämmen, den Ostgermanen, später auch den kraftvollen
       Langobarden, während die weltklugen und praktischen Franken
       sich bereits von Anfang an in diplomatischer Erkenntnis ihres
       Vorteils an die orthodox-katholische Richtung anschlossen und
       bis heute Frankreich immer die geliebteste Tochter der Kirche,
       anderseits ihre Schützerin geblieben ist. Ebenso kann die
       Tatsache, daß die Reformation wieder auf ältestgermanischem
       Boden erwachsen mußte, und da bis heute ihre Anhänger behielt,
       kaum zufällig sein. Der römische Katholizismus ist eine
       Schöpfung des reinen Romanentums und hat sich von jeher mit
       dem eigentlichen Germanentum in offnem oder stillschleichendem
       Kampfe befunden.

  [30] Sind solche Bauteile als im Osten von Ravenna aus bestellt
       anzusehen, so ist es auffallend, daß sie alle, insbesondere die
       Kapitelle, dem westlichen Zeitgeschmack bestimmte Zugeständnisse
       machen und offenbar auf den Geschmack der Besteller
       zugeschnitten sind. In Frankreich ist dies Verhältnis bei den
       feineren merowingischen Bauwerken ganz auffallend.

  [31] Trotzdem kann auch ursprünglich an dieser Stelle nichts anderes,
       als zwei solche Züge gewesen sein; das ergeben die noch
       vorhandenen alten Anfänge und Enden. Darnach müssen wir glauben,
       daß diese beiden Reihen zuerst Persönlichkeiten darstellten,
       die den Ostgoten verehrungswürdig und heilig waren, die deshalb
       durch ziemlich gleichgültige Märtyrer- und Jungfrauengestalten
       nach üblichem Schema ersetzt werden. Damit bleibt die originelle
       Grundidee der beiden großen Gestaltenreihen als ursprünglich
       bestehen.

  [32] Ein Erbteil aus ältester gotischer Zeit, vielleicht noch vom
       Schwarzen Meere her, wie ein schöner ostgotischer Goldschmuck
       aus Ungarn es beweist, der mit ganz gleichen Blättern geschmückt
       ist.

  [33] Die östlich gelegene Nische war für die Unterbringung nicht nur
       eines Sarkophags, sondern auch nur der Leiche mit 1,78 m zu
       kurz, da selbst einfache Krieger damals mit vollem Waffenschmuck
       beigesetzt wurden, und auch in der folgenden Zeit die Steinsärge
       für Erwachsene kaum je unter 2 m lichter Länge messen. -- Die
       Überlieferung erzählt auch von Theoderichs Sarkophag, und lange
       hat man später eine in der Nähe gefundene riesige römische
       Porphyrwanne für diesen gehalten.

  [34] Die allerlei metallenen Krampen und Pflöcke, deren Spuren
       heute da zu finden sind, müssen aus den folgenden 1400 Jahren
       der kirchlichen Benutzung herstammen.

  [35] Es ist, falls man diese Ergänzung nicht gelten lassen will,
       recht gut möglich, sich eine noch einfachere Bogenarchitektur
       an dieser Stelle zu denken; die Sache und die Wirkung wird sich
       aber dabei kaum ändern. Das Herabfallen und Verschwinden dieser
       Bogenteile setzt aber immer etwas Besonderes voraus.

  [36] Papst Hadrian schenkte Karl zu diesem Zwecke die Bauwerke des
       Theoderich zu Ravenna, eine Erlaubnis, die er in ausgiebigstem
       Maße ausnutzte.




[Illustration: DIE LANGOBARDEN]


Das weströmische Reich war zusammengebrochen; Ostgoten hatten auf
seinen Trümmern eine neue Welt aufzubauen versucht. Aber das ewige
Verhängnis aller Germanen, das nie aufgehört hat sie zu verfolgen, war
auch damals furchtbar wirksam: einer Riesengestalt und einer Generation
von gewaltigen Männern folgte unerbittlich immer und immer wieder
das Epigonengeschlecht armer und kleiner Geister, deren niedriger
Sinn, nur auf eigene Eintagsfliegenherrlichkeit und Befriedigung der
Eigensucht bedacht, von Tag zu Tag lebend, nicht einmal den einfachsten
Forderungen der Pflicht an Wollen und Handeln mehr gerecht wurde. Das
herrlichste Weltreich der Germanen ging unter, nicht ohne seine letzten
Helden Totila und Teja mit unvergänglichem Ruhme noch im Tode bekleidet
zu sehen.

Das Oströmerreich, das nach Byzanz den Mittelpunkt der südeuropäischen
Welt verlegt hatte, in dem die Ströme des Orients und des Okzidents
gleichmäßig zusammenfluteten, hatte gesiegt. Nur auf kurze Zeit.

Dreizehn Jahre nach der gänzlichen Vernichtung des Ostgotentums
brachen die wilden Langobarden über Italien als neue Eroberer herein;
kein Belisar oder Narses hemmte mehr ihren furchtbaren Ansturm. Aus
Pannonien, wo sie seither die einst von den Ostgoten verlassenen
Wohnsitze einnahmen, folgten sie deren Spuren, nachdem sie bereits
öfters Italien beunruhigt, als neue Herren. Gewaltige Recken wie
Alboin, Authari und Agilulf sahen sich bald als die Beherrscher der
Halbinsel bis an ihre letzten Gestade. Ostrom war für immer aus dem
alten römischen Reiche verdrängt. Italien hatte von da ab seine eigenen
Geschicke zu erleben und zu leiten, und die alte Stadt Rom, die allein
sich von der Langobardenherrschaft frei zu halten vermochte, wurde im
Laufe des folgenden Jahrtausends und länger, vielleicht auf immer, sein
geistiger und dann auch wieder sein politischer Mittelpunkt, Byzanz
aber jetzt erst recht die Pforte des Orients, der zuletzt nach dem
Sturze des griechischen Kaiserreiches von hier aus seine Heerscharen
bis ins deutsche Reich hinein sandte, wie er sie siebenhundert Jahre
früher über Spanien bis ins Herz des Frankenreiches vorgestoßen hatte.

       *       *       *       *       *

So bedeutet das Eindringen der Langobarden eine Wendung der Geschichte
nicht nur für Italien, sondern für den ganzen Okzident. Geistig nicht
so hochstehend als ihre ostgotischen Vorgänger vermochten sie doch
ihre Herrschaft mehr als zweihundert Jahre selbständig aufrecht zu
erhalten und auch nachher, wenigstens im oberitalienischen Osten, eine
führende Stellung zu behaupten. Die Lombardei trägt heute noch ihren
Namen und ist von ihren Nachkommen bevölkert; ihre wilde ungebändigt
tatkräftige Anlage und Gesinnungsweise brauchte Jahrhunderte, um sich
in die Kulturverhältnisse des eroberten Landes zu schicken und zuletzt
selber fruchtbar zu werden; das nördliche Italien aber hat durch sie
in seiner Bevölkerung die nachhaltigste Stärkung und Auffrischung des
Blutes gewonnen. Von Oberitalien und Toskana allein ging jener Strom
neuen Lebens aus, der ganz Italien überflutete und aus seinem Boden für
mehr als ein halbes Jahrtausend jene Wunderblume der Wiedergeburt des
Geistes und aller Künste aufblühen ließ.

       *       *       *       *       *

Nur sehr schwer wurden die Langobarden aus Zwingherren und blut- und
beutedurstigen Eindringlingen zu Pflegern des Geistes und der Künste.
Es lebte in ihnen jene rauhe Zähigkeit und Kraftnatur, die alles in
ihrer germanischen Heimat charakterisiert, die die Lüneburger Gegend
uns so lange als eine öde und herbe Wildnis im engeren Vaterland
erscheinen ließ; heute finden wir auch in ihr starke Eigenart und
bedeutsames selbständiges Leben, ja Schönheit.

Was die Langobarden aus dem Norden an künstlerischer Kultur
mitbrachten, mag viel weniger gewesen sein, als wir sonst bei den
Germanen finden; vielleicht nur die Freude an Schmuck des Körpers
und die Pflege des Holzbaus in wohl bescheideneren Grenzen als
sonst. Und doch finden wir später gerade bei ihnen die Anfänge der
mittelalterlichen Baukunst, die Fortbildung und Umgestaltung aber auch
Ergänzung der Antike in bedeutsamster Weise vorbereitet und begründet.

[Sidenote: Backsteinbau]

In der technischen Gestaltung der Bauwerke gaben sie der folgenden
Menschheit ganz unzweifelhaft die Grundlagen des eigentlichen und zu
selbständigem Leben für sich befähigten Backsteinbaus, der vorher nur
ein Hilfsmittel gebildet hatte, dazu manche damit zusammenhängende
große und kleine künstlerische Gestaltung; nicht minder die ersten
Versuche in derjenigen Wölbebaukunst, die der Norden nachher so
kraftvoll aufnahm.

Im einzelnen aber zuerst eine völlig neue zweckentsprechende Ornamentik
und Zierweise, die freilich entfernt genug von einer an die Antike
reichenden künstlerischen und technischen Höhe und Vollkommenheit
dennoch, sich ihren Bauwerken in trefflichster Weise anschmiegend,
ihren dekorativen Zweck und ihre Aufgabe in neuer und sachlichster
Weise erfüllt.

Was den Backsteinbau anlangt, so machten schon die Römer davon den
bekannten umfassenden Gebrauch, doch nur technisch für die eigentlichen
inneren Massen ihrer Mauern, soweit nicht da Guß oder Stampfwerk
bevorzugt wurde. Von einem Backsteinbau im Sinne des späteren
mittelalterlichen und modernen war aber noch nicht die Rede.

Dagegen hat man in der altchristlichen Baukunst zeitig die Herstellung
auch der äußeren Flächen in reinem Ziegelbau vorgenommen; in Rom
und auch in Ravenna sind schon die Bauwerke der ersten christlichen
Jahrhunderte meist so hergestellt; die kirchlichen aus Theoderichs und
der folgenden Zeit, so die beiden Apollinariskirchen und S. Vitale,
zeigen im Äußeren ebenso den unbekleideten Backstein, wie die eben
vorhergehenden aus Galla Placidias Zeit. Auch in Byzanz folgte man
gleichen Wegen.

Indessen ermangelten diese Versuche zunächst der architektonischen
formalen Ausbildung. Das einzige neue Motiv, das hie und da erscheint,
sind rundbogige Blenden um die Fenster; richtige Arkaden auf
Wandstreifen mit Kämpfern nur an S. Apollinare in Classe.

Immerhin ist die ostgotische Zeit als diejenige zu bezeichnen, die
hier die ersten Versuche zu architektonischer Behandlung machte,
wo bis dahin die äußeren Flächen der Mauern ihre Struktur wohl nur
deshalb sehen ließen, weil Armut, Bequemlich- oder Gleichgültigkeit
es verhinderten, daß sie hinter besserer oder kostbarer Bekleidung
verschwand, wie zu Römerzeiten.

In der Langobardenzeit aber fühlte man offenbar solches Bedürfnis nicht
nur nicht mehr, sondern baute frisch darauf los in einem kräftigen und
viel derberen Ziegelmaterial, als es bis dahin gebräuchlich gewesen
war. Die dünnen und hellen Ziegel von oft bedeutender Größe wichen
solchen von dickerem und kleinerem Format von meist dunklerer Farbe
und grober Oberfläche, die aber gerade wie sie waren sich zu allerlei
seither ungewohnter Behandlung besser eigneten.

[Sidenote: Bogenfries]

Was jetzt üblich wurde ging aus der ganz klaren Erfassung der
Eigentümlichkeiten des Materials hervor: Teilung der Flächen durch
senkrechte und wagerechte Streifen, Friese, Lisenen und ähnliche
Gliederungen; Einfassung der Fenster durch rechtwinklige falzartige
Zurücksetzung der Kanten, Verbindung der Lisenen durch Bögen, zuletzt
Bildung von Bogenreihen, die auf Konsolen statt auf Lisenen ruhen,
also von richtigen Rundbogenfriesen. -- Eine Art von solchen war ja
bereits in Syrien aufgetaucht, doch handelte es sich dort nicht um
eigentliche flache rechtwinklige Bögen, sondern um hohle Viertelkugeln;
die dortigen Bögen haben stets halbkreisförmigen Grundriß.

Dehio hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daß das Motiv des
Rundbogenfrieses schon bei den Römern vorkommt, richtige fortlaufende
Rundbogenreihen auf Konsolen als Hauptgesimse angeordnet. Aber auch
dort kam es nicht zu weiterer Ausbildung noch umfangreicherer Anwendung.

So scheint es, als ob erst die langobardische Backsteinbaukunst
diese später so unendlich viel gebrauchte bauliche Form in die
Architektur eingeführt hätte; vielleicht auch nur, weil die
fortlaufende Rundbogenreihe als dekorative Form den Germanen an ihren
kunstgewerblichen Gegenständen von alters her wohl vertraut war. Ich
erinnere vor allem an die uralte Verzierung der Kämme; aber sehr bald
tritt die gleiche Form dekorativ auch an den ersten Steinarbeiten
der Langobarden, selbst schon der Westgoten in Südfrankreich, völlig
deutlich auf (Abb. 53).

Es ist zu vermuten, daß der Bogenfries schon vorher an den verzierten
Holzschwellen der Germanen im Gebrauche war, wie er später im
Holzbau stets wieder auftritt, zuletzt im 16. Jahrhundert (Abb. 44).
Und deshalb ist es recht gut möglich, daß wir in der Einführung
der Bogenreihen oder des Bogenfrieses in die Steinarchitektur nur
die Übertragung eines bereits bekannten, ja viel gebräuchlichen
germanischen holzbaulichen Motivs zu sehen haben. -- Welche Verbreitung
es nachher im romanischen Stile gewonnen hat, weiß jeder.

[Sidenote: Äußere Buntheit]

Ferner aber haben die Langobarden der Anwendung des Backsteins in
der Architektur auch in bezug auf die Farbe erst künstlerischen Reiz
zu geben gewußt, indem sie in gleicher Art, wie die merowingischen
Franken die Flächen der Bauwerke mit allerlei bunten Musterungen
versahen. Zunächst durch Wechsel im Verbande, Einfügung von Reihen
fischgrätenartig gestellter Steine und Verzierung geeigneter Flächen
mit runden, vieleckigen und sternförmigen Platten anderer Farbe,
sodann durch weitere Einfügung aller möglichen bunten Stücke, durch
Einlagen von reichen Mustern in Ton, Stein, Marmor, dazu Wechsel
von Schichten verschiedenen Materials, wie das schon vorher bei den
Ostgoten nach römischem Vorbild üblich, auch im byzantinischen Reiche
nicht selten war; kurz durch ein immer lebhafteres Streben nach einer
farbigen Wirkung durch mosaikartige Behandlung der Flächen (s. Abb.
102, Taf. XXVIII). -- Auch Wechsel durch Einfügung von andersfarbigen
Reliefzierraten, selbst in Marmor, war nicht selten.

Der Backstein selber wurde öfters in allerlei Art gerippt und
gemustert, meist mit eingegrabenen Linien schräg oder fischgrätenartig,
wie wenn er gesägt wäre.

Es sind die originalen Werke dieser Oberflächenbehandlung allerdings
seltener geworden, doch sehen wir ihr Beispiel in der späteren äußeren
Behandlung nicht nur der oberitalienischen Bauwerke noch lange
nachwirken.

[Sidenote: Gewölbe]

Auch für die Gewölbeentwicklung (Abb. 92) war der Backsteinbau
von größter Wichtigkeit. Insbesondere in bezug auf die wachsenden
Spannweiten der Tonnengewölbe und die Anwendung anderer Gewölbeformen,
so der Kuppelgewölbe, die um jene Zeit anfing sich weiter zu
verbreiten. Die unentbehrliche Überwölbung der halbkreisförmigen
Altarnischen mit Halbkuppeln hatte schon die Kenntnis der genannten
Gewölbe vorausgesetzt, ohne daß man an eine Übertragung byzantinischer
Vorbilder zu denken braucht; ihre vermehrte Anwendung brachte
bald mannigfache Erfahrungen. Die Bedeckung runder Räume durch
halbkuppelförmige Gewölbe war gegeben, die Anfügung überwölbter
Erweiterungen von halbkreisförmigem Grundriß sehr einfach, und so
ergaben sich Gestaltungen von Kleeblatt- oder Vierpaßgrundriß, wie am
Baptisterium zu Biella, ganz von selber, bei denen man sich mit den
schwierigeren Aufgaben der Überkragung oder der Pendentifs für die
Überführung von quadratischen Räumen in die runde Kuppel noch nicht
sehr quälte.

Selbst vor größeren Kuppelbauten schreckten später die Langobarden
nicht zurück: die Rotonda, der alte Dom zu Brescia zeigt eine Weite der
inneren Wölbung von etwa 20 m.

Dagegen erfand man zur Erleichterung der Hintermauerung am Beginn der
ganzen und halben Kuppelgewölbe ein System von Durchbrechungen der
Obermauer der Apsiden und Kuppeln durch Arkaden oder Nischen; ein
höchst eigenartiges Grundmotiv, vielleicht die erste Form der später so
gebräuchlichen Zwerggalerien um die Chöre und Vierungstürme. Auch das
Kreuzgewölbe fand in der Folge mehr und mehr steigende Anwendung.

Kurz, in konstruktiver wie formaler Hinsicht erwiesen sich die
langobardischen Zeiten als vorbereitend und grundlegend für spätere
bauliche Fortbildung.

[Illustration: Abb. 92. Biella.]

[Sidenote: Ornament]

Nicht minder jedoch auch in bezug auf das reine Ornament. Hier liegt
eine besondere Kraft jener Zeit und jenes germanischen Stammes.

Schon bei der allgemeinen Betrachtung der Formenwelt ist auf die
eigenartige Verzierungskunst der Langobarden und der von ihnen
offenbar beeinflußten und angeregten Franken hingewiesen, die sich
gelegentlich auch auf die Westgoten übertrug, wenigstens im Nordosten
des westgotischen Reiches.

Es sei hier nur nochmals nachdrücklich betont, daß trotz allerlei
verwandter Bildungen im Orient die folgerichtige Ausbildung des
gerippten Flecht- und Riemenwerkes als vorherrschenden Zierwerkes
den Langobarden zuzuschreiben (Abb. 93), wie seine erste Herkunft
entschieden im germanischen Norden zu suchen ist; der Lauf der
Völkerwanderung hat wie es scheint seine Verbreitung bis nach dem
fernen Westen (Irland) und nach dem Osten bis nach Kleinasien mit sich
gebracht. Sind doch gotische Streifzüge bis nach Smyrna gelangt.

Es liegt unbedingt keinerlei Grund dafür vor, die eigentliche Quelle
dieser Verzierung immer wieder im Orient zu suchen, weil auch dort
seit dem 6. oder 7. Jahrhundert einigermaßen ähnliches Zierwerk
auftaucht. Weder können sich die dort vorhandenen verwandten Arbeiten
an charakteristischer Erscheinung mit den langobardischen messen, noch
reichen sie an Masse und Konsequenz ihrer Anwendung auch nur entfernt
an diese heran, da doch in jenen so lange vergessenen Gegenden ungleich
mehr von solchen Dingen heute noch übrig sein müßte, als auf den
italischen Feldern, über die fortwährende Völkerbewegung wie die Arbeit
eines Pflugs verwüstend hin- und hergegangen ist.

[Illustration: Abb. 93. Langobardische Flechtornamente aus Aquileja und
Grado.]

Trotzdem bleibt das wahre Verbreitungsgebiet dieser Formenwelt Italien
und Frankreich; Ausläufer ziehen nach Österreich, Süddeutschland und
Nordspanien. Das Zentrum aber bildet die Lombardei.

[Sidenote: Entwicklung]

Bezüglich der zeitlichen Entwicklung ist zu wiederholen, daß die
Langobarden erst sehr langsam zu einer eigenartigen künstlerischen
Betätigung gelangten, daß sie im Anfange ihrer Herrschaft sich
durchaus an das Gegebene anschlossen. Sie bedurften fast zweier
Jahrhunderte, bis ihr künstlerisches Selbst sich soweit entwickelt
hatte, daß man es als solches erkennt; erst kurz vor dem Sturze ihrer
Selbständigkeit, etwa zu der Zeit der Könige Liutprant und Hildiprant
scheint das endlich völlig durchgebildet gewesen zu sein, was wir als
die originale langobardische Kunstweise anzusehen berechtigt sind.
Der Vorgang war ja überall derselbe, auch in Spanien, daß der Eintritt
der Germanen in die Kulturwelt zunächst einen Stillstand, ja einen
scheinbaren Niedergang in der noch immer vorhandenen letzten antiken
Kulturbewegung mit sich brachte, bis sich die neue Bevölkerung das
Gegebene so weit zu eigen gemacht haben konnte, um sich darin selbst
betätigen zu können. Erst nachdem dieser Schritt getan und diese Lücke
übersprungen war, konnte an neue Leistung gedacht werden; und so
sehen wir hier wie besonders in Spanien die merkwürdige Erscheinung,
daß die Germanen im letzten Augenblicke erst, ehe sie politisch
untergingen, zu einem künstlerischen Eigenwirken durchgedrungen waren,
in dem ihre germanische Art ohne antike Verhüllung endlich rein und
unverkennbar zutage tritt. Darum haben wir das 7. und 8. Jahrhundert
als die Jahrhunderte zu bezeichnen, in denen sich der gemeinsame
Sondercharakter jener Stämme künstlerisch am deutlichsten ausspricht.

711 aber sank das Westgotenreich durch die Araber dahin, 774 folgte
der Fall des Langobardenreichs durch Karl den Großen, dessen Auftreten
den Beginn einer neuen Kultur und Kunst ankündigt; alle jene Anfänge
werden jetzt mit der italisch-hellenistischen zusammen zu jenem Neuen
verschmolzen, das wir auf seiner Höhe die „romanische“ Kunst zu nennen
pflegen. Auch wieder mit Recht, denn diese ist das Gesamtergebnis
aus Antike, altchristlicher, byzantinisch-orientalischer Kunst mit
Verarbeitung jener germanischen Anfänge, die in ihrer Masse langsam
wieder verschwinden; und ihr Verbreitungsgebiet umfaßt die europäischen
Länder, in denen einst Römerkunst geblüht hatte, zu denen freilich noch
die nordisch-germanischen hinzukamen.

Die bis zum Untergang des langobardischen Königreiches in dessen
Bereich erstandenen Bauwerke sind fast ohne Ausnahme wieder vergangen,
mindestens so umgebaut, daß von ihnen sich nur meist undeutliche
Trümmer erhielten. Und doch hören wir viel Rühmens von ihnen; sogar
schon gleich nach dem Einzuge der neuen Herren.

Bereits Theudelinde, Autharis und später Agilulfs Gemahlin, baute
zu Monza bis 595 die St. Joh. Baptista-Kathedrale, deren Stelle der
heutige Dom einnimmt. Aus ihrer Zeit freilich stammen außer einer
bescheidenen Skulptur an der Fassade nur die Reste ihres Schatzes,
der dort aufbewahrt ist, köstliche Werke, deren wir früher gedachten.
Noch viele Kirchen dankten dem frommen Eifer der Königin ihre
Entstehung, auch der große Sommerpalast zu Monza, von dem der Chronist
(Paul Diaconus) viel zu sagen weiß. So von seiner Ausschmückung mit
historischen Gemälden, auf denen besonders die Langobarden jener Zeit
in ihrer eigentümlichen Kleidung und Tracht des Haares -- im Nacken
kurz geschnitten, vorn über Gesicht und Wangen fallend -- dargestellt
waren.

Mußten sich die Langobarden bei ihren Bauwerken anfänglich der im
Lande vorhandenen Kräfte bedienen, so können solche Bauten kaum neuen
Charakter insbesondere Eigentümlichkeiten der nordischen Bauherren
aufgewiesen haben, während im Gegensatz dazu z. B. die Reste des
Goldschatzes der Theudelinde Werke germanischster Art sind, sich an die
Goldschmiedekunst der Ostgoten völlig gleichartig anreihen.

[Sidenote: Magistri Commacini]

Berühmtestes Muster für jenes Verhältnis sind die Magistri Commacini,
nach dem heutigen Stande unserer Kenntnis Maurer und Steinmetzen
aus der Gegend von Como (von der Insel Comacina im Comer See?), für
deren bauliches Tun in dem von Liutprant erlassenen Gesetzbuche der
Langobarden besondere Vorschriften gegeben wurden.

Mit dem früher erläuterten sehen wir hier völlig deutlich: die Germanen
entbehrten unter ihren Landsleuten, die sich nur auf Zimmer- und
anderes Holzwerk verstanden, der Arbeiter in Stein und Backstein,
der Steinmetzen und Maurer, machten sich daher die Dienste der
eingesessenen Techniker zunutze. Solche Gesetze, die für das Bauen
galten, gaben außer Liutprant Rothari, Grimoald, Ratchis und Aistulf,
also die langobardischen Könige bis zuletzt.

Diese Gesetze seit dem Edikt Rotharis (639) gehen natürlich von den
bei den germanischen Langobarden üblichen Anforderungen aus, weshalb
es keinen Rückschluß auf die vorherigen Gepflogenheiten der Commacini
zuläßt, wenn im Gesetz das Haus mit Söller, Halle, Schindeldach,
Fachwerk, Kamin oder Ofen völlig germanisch erscheint.

Ihrer gesellschaftlichen Gliederung nach aber stuften sie sich schon
nach Meistern, Gesellen, Lehrlingen und Arbeitsleuten ab.

Der Hauptsache nach waren also diese italienischen Bauleute bei
der Ausführung der Arbeiten des Maurers und des Steinmetzen tätig;
besonders lehrreich erscheint es, wenn ihnen Vorschriften nicht nur für
die Behandlung der Hausteine, sondern auch des Ziegelverbandes nach
verschiedenen Systemen gegeben werden; es wird bereits Blockverband,
gotischer Verband, Läuferverband, Mauern mit lauter Köpfen u. dgl.
beschrieben. Sicher der beste Beweis dafür, daß der Backsteinbau
technisch völlig ausgebildet war.

Den Commaciner Meistern wird nachher aber auch andere Arbeit
übertragen; schließlich ist das gesamte Bauwesen mit Einschluß der
Zimmer-, Tischler-, selbst Stuck- und Ofenarbeit ihnen überwiesen.
Es ist hieraus zu schließen, daß sich inzwischen die langobardischen
Zimmerleute ihnen zugesellten oder gemeinsam mit ihnen wirkten, wie
denn 739 ein Langobarde, Rodpertu, als Magister Commacinus erwähnt
wird. Ihr Ruf geht dann ins Weite; selbst bis nach England werden sie
gesandt.

[Sidenote: Äußeres der Kirchen]

[Sidenote: Pavia, S. Michele]

Von allen gepriesenen bedeutsamen baulichen Schöpfungen der
Langobardenkönige bis auf die des letzten, Desiderius, im Einzelnen
zu sprechen lohnt sich hier nicht, da sie längst verschwunden sind.
Vielleicht war der wichtigste kirchliche Bau der Dom S. Michele in
ihrer Hauptstadt Pavia, -- leider 924 durch die Ungarn eingeäschert.
Dieses sicherlich von Anfang an großartige Werk wurde seit 1024 neu
aufgebaut, aber erst 1155 vollendet, obwohl es inzwischen schon
zu vielerlei Feierlichkeit diente. Es ist eine der im Äußeren
phantastischsten und wildesten Kirchen aus jener Zeit; die Portale
überdeckt wie mit Schnitzerei von oben bis unten, neben ihnen die
Flächen der Mauern mit Friesen von eigentümlichen und märchenhaften
Gestalten, von Tieren und Ungeheuern durchzogen, höchst merkwürdigen
Eindrucks; -- echt nordische Erfindungen, wie sie uns seit dem 11.
Jahrhundert viel in Deutschland begegnen; in Italien auch in Spoleto an
einem ähnlichen späten Langobardenbau.

Es ist daher wohl anzunehmen, daß hier in der im 11. Jahrhundert wieder
aufgebauten Hauptkirche des Langobardenreiches doch eine Erinnerung an
die hundert Jahre früher zerstörte erste Kirche lebendig geblieben ist,
an der die altlangobardische Kunst sich in ähnlicher phantastischer
Verzierung des Äußeren ergangen haben mag. Bestätigt wird dies durch
verwandte Bauwerke früherer Zeit, so spanische, die in eben solcher
Weise an den Flächen neben den Portalen beliebige bildhauerische
Teile regellos, ja wild, nur einem malerischen Schmuckbedürfnisse
folgend, eingestreut zeigen. Noch lange hielt sich dort zu Lande
diese urnordische Zierweise an kirchlichen Bauwerken, die an der
Klosterkirche zu Poblet (12. Jahrhundert?) vielleicht zum letzten Male
auftritt, aber schon an der Westfront von S. Juan Bautista in Baños
(661) wie an S. Pablo zu Barcelona angedeutet erscheint.

In Hirsau am letzten übrig gebliebenen Turme der Aureliuskirche
finden wir wildes Gewürm, Löwen und Bären und andere Ausgeburten
finster-nordischer Phantasie ebenfalls im Friese um den Körper des
Bauwerks oberhalb des ersten Gesimses herumkriechen; am Dome zu Worms
-- selbst an dem zu Schleswig und dem zu Wien -- stehen mehrere
älteste tragende Pfeilerteile auf allerlei Ungeheuern urweltlichster
Gestaltung, kurz -- es muß hochnordische Art sein, die im Neubau der
Michelskirche zu Pavia neu hervordringt, noch jahrhundertelang im
germanischen Volke auch nach verlorener staatlicher Selbständigkeit
lebendig geblieben.

In mancher anderen Hinsicht müssen wir uns leider ebenfalls an die
Werke der folgenden Zeiten halten, so, wenn wir uns vorstellen
wollen, in welcher Weise die Kirchen der alten Langobarden im Innern
ausgestaltet waren.

[Sidenote: Innere Anordnung]

Was die allgemeine Anordnung betrifft, so wird diese nichts
Eigentümliches geboten, sich vielmehr an das übliche norditalienische
Basilikenschema ohne Querschiff angelehnt haben. Denn das ergeben
zahlreiche langobardische Kirchen, wenn auch nicht im Original, doch
sichtlich später ganz auf demselben Grundrisse oder unter Beibehaltung
der unteren Teile des Gebäudes neu aufgebaut. Die großen Basiliken
zu Torcello, Grado, Aquileja und Parenzo haben die alte Grundgestalt
auch zum Teil in den Mauern treu bewahrt; die Ausstattung dagegen ist
allerdings entweder geändert oder doch wenigstens erneuert.

[Illustration:

  XXIV

Abb. 94. Cividale. Museum. Brüstungsplatte.]

[Illustration: Abb. 96. Ravenna. S. Apollinare in Classe. Ziborium des
H. Eleucadius.]

[Sidenote: Schranken]

Es gibt aber Anhaltspunkte für das in der inneren Anordnung den
Langobarden Eigentümliche. Vor allem sind heute noch zahllose
rechteckige Ornamentplatten aus dem 7. bis 9. Jahrhundert vorhanden,
die die vollste Pracht langobardischer Zierkunst, Flechtornament und
ähnlich stilisierte, selbst bildliche Darstellungen aufweisen, sich
aber nicht mehr an der Stelle befinden, für die sie gearbeitet waren.
Gar oft werden sie erst aus dem Untergrunde wieder heraus gefördert,
wo sie als Plattenboden mit Füßen getreten wurden; oft aus Mauerwerk,
wo sie als Quadern benutzt waren. Offenbar bildeten diese Platten
meistens die Brüstungen von Schranken, auf oder zwischen denen Säulen
gestanden hatten, eine schon früher öfters berührte Anordnung, die, wie
es scheint, in der Zeit germanischer Herrschaft nicht nur in Italien
üblich war, und wovon hie und da sich wenigstens eine jüngere Kopie
gerettet hat.

Es waren dies hauptsächlich solche Schranken, die in den Basiliken
jener Zeit das Heilige für die Priester, auch den Chor der
Psalmodierenden von dem Laienraume schieden, einen geweihten Raum
vor dem Altar, oft von erheblicher Größe, aus dem Kirchenraum
herausschneidend. Der Regel nach bestanden die Abgrenzungen aus einer
Säulenstellung quer durch die ganze Kirche, unter oder zwischen der
sich meist eine Steinbrüstung erhob, inmitten den Eingang freilassend;
ausnahmsweise findet man nur eine hohe Brüstung ohne Säulen ins
Mittelschiff der Kirche eingebaut, an ihren Seiten die Ambonen für
Epistel- und Evangeliumverlesung tragend. So heute noch in S. Clemente
in Rom.

Im germanischen Norden Italiens trug diese Schranke ausnahmslos Säulen
oder Pfeiler, auf denen ein stattlicher Balken[37] quer durch das
Mittelschiff lagerte; auf ihm stand mitten ein großes Triumphkreuz,
daneben Leuchter und Reliquien, an ihm hingen gestiftete Lampen.

Im Dome zu Torcello haben wir hiervon ein schönes Beispiel, freilich
wohl im 11. Jahrhundert ganz erneuert, doch die ursprüngliche Anordnung
sicher ziemlich unverändert zeigend. In Aquileja im Dom hat man die
alten Schranken, die einem Neubau des Altarvorraumes oberhalb der
Krypta im 16. Jahrhundert Platz machen mußten, ins südliche Querschiff
verbannt und ihrer Säulenstellung beraubt, von der nur noch die Füße
vorhanden sind; auch in den Resten ein prachtvolles Werk dieser Art (s.
Abb. 37, Tafel XIII), das so oberhalb der Krypta aufgebaut gewesen sein
mag, wie es die Schranken im Markusdom zu Venedig heute noch sind.

Erhalten und, wie sie ist und steht, aus dem 8. Jahrhundert stammend,
ist allein die ganz einfache aber schöne Marmorschranke im Oratorium
der Peltrudis zu Cividale, die, ohne jeden anderen Schmuck als den
einfacher Profile, auf zwei mittleren Pfeilern mit Kapitellen den
Querbalken noch heute trägt (Abb. 105).

Andere Reste, insbesondere Platten mit reichem Flechtwerk,
Verschlingungen, Korbbodenornamentik und ähnlichem schönen Zierat
geschmückt, gibt es sonst in Italien zahllose; genannt seien nur solche
in Cividale (S. M. in Valle, Dom und Museum [Abb. 94, Tafel XXIV]),
Como (S. Abbondio), Monza (Dom), Venedig (S. Marco), in den Museen zu
Torcello, Verona, Vicenza, Brescia, Mailand, Ferrara, dem Baptisterium
in Albenga, den Domen zu Modena und Spoleto, Orvieto, Assisi (S. M.
degli Angeli), Nepi (St. Elia), im Baptisterium in Ferentillo und sogar
in Rom in vielen Kirchen, so vor allem in S. Maria in Trastevere,
S. Giovanni in Laterano, S. Agnese und S. Lorenzo f. l. mura, S.
Sabina und sonst an zahlreichen Orten. Offenbar ist im Süden dies
alles langobardischer Import, schon in Etrurien aber, besonders im
altlangobardischen Herzogtum Spoleto, das Ergebnis ihrer Herrschaft.
Auch Fensterplatten dieser Art treten auf (Abb. 95).

[Illustration: Abb. 95. Aquileja. Fensterplatte.]

[Sidenote: Ziborien]

Fernere besondere Eigentümlichkeiten der langobardischen
Kirchenausstattung bilden die zahlreichen Ziborien, Tempelchen, mit
denen man besonders ihre Altäre zu überdecken liebte. Wenige davon
sind noch ganz oder einigermaßen vollständig, von den meisten sind nur
Bruchstücke übrig.

[Sidenote: Ravenna]

Das beste dieser Art ist unzweifelhaft das in S. Apollinare in Classe
bei Ravenna, das ein Presbyter Petrus zwischen 806 und 816 über dem
Altar von S. Eleucadius im linken Seitenschiffe errichtete. Vielleicht
ist es auch später hierher versetzt. Wahrscheinlich fehlt daran das
eigentliche Dach, das pyramidenförmig das kleine Bauwerk bekrönt
haben dürfte. Sonst aber bietet es uns den schönen Anblick einer
wohlerhaltenen gleichmäßig durchgeführten langobardischen dekorativen
Architektur (Abb. 96, Tafel XXIV), die Bögen mit Flechtwerk bedeckt,
die Zwickel mit Weinranken in jener eigenartigen langobardischen
Stilisierung gefüllt, der wir oft begegnen, in der die Traubenbeeren
in eine umrahmte Herzform eingeschlossen, die Blätter eigentümlich
geschlitzt sind, wie das früher schon beschrieben ist (vgl. Abb. 75).
Die anderen Seiten sind anmutig variiert, die Zwickel mit Pfauen,
Tauben oder Vasen gefüllt. Die vier Kapitelle der Säulen sind ins
Holzmäßige übersetzte korinthische fast von Würfelform, die Schäfte
oben spiralförmig gedreht, was die Germanen aus der spätesten Antike
als ihnen aus der Holzkunst vertraut gerne übernahmen; das untere
Drittel ist gerade gerippt, die Säulen entbehren der Basen.

[Illustration:

  XXV

Abb. 97. Cividale. Baptisterium im Dom.]

Die Bögen sind schwach stichbogig. Das ganze ist von großer Anmut und
reich und fein in der Wirkung; es stammt aus der ersten Zeit nach dem
Untergange der langobardischen Selbständigkeit, die von ihrer Kunst
überlebt wurde.

Der Rest eines älteren ähnlichen, an dem nur die Seiten spitzgieblig
geschlossen waren, steht nahe dabei (s. Abb. 41).

[Sidenote: Valpolicella]

Ein berühmtes ähnliches Altarziborium war einst in S. Giorgio in
Valpolicella bei Verona, auf dessen einer Säule steht: Ursus magester
cum discepolis suis ..... edificavet hanc civorium. Es stammt von 712
und ist unter König Liutprant gemacht. Ein anderes in Ferentillo bei
Spoleto ist merkwürdigerweise ebenfalls bezeichnet: Ursus magester
fecit -- auf der anderen Seite liest man, daß Hilderich Dragileopa
(Herzog von Spoleto, 739) den Altar dem hl. Petrus gestiftet habe.
Hier haben wir also zweimal einen Künstlernamen aus langobardischer
Zeit, freilich scheinbar lateinisch, doch vermutlich einen Langobarden
bezeichnend[38], keinesfalls einen Griechen wie andere meinen, die alle
diese Werke griechischen Künstlern zuschreiben wollen. Wie bemerkt ist
es aber erstaunlich genug, wie in mancher dieser Aufbauten bereits die
Form der frühgotischen Wimperge des Endes des 12. Jahrhunderts deutlich
gegeben ist mit Krabben und spitzen Giebeln (Abb. 41), wie sich auch
sonst für manche Form der Kunst des Mittelalters hier die Quelle finden
läßt.

Gleichartige Werke, stets von derselben Verzierungsweise, deren
Datierung ins 8. Jahrhundert völlig feststeht, die uns also
widerspruchslos beweisen, daß diese Kunstart eine wirklich bei den
alten Langobarden blühende und von ihnen gepflegte war, gibt es in
Bruchstücken noch genug, so zu Grado, Cattaro, Bagnacavallo, Bologna,
selbst bei Rom (Porto) -- und wenigstens im Säulenunterbau noch am
Orte erhalten, im Oberbau am Schlusse des 12. Jahrhunderts aber in
Stuck erneuert und umgestaltet, das in S. Ambrogio zu Mailand, von
stattlichsten Verhältnissen.

[Sidenote: Cividale, Baptisterium im Dom]

Ein besonders bemerkenswertes Werk ähnlichen Aufbaus, doch anderen
Zweckes, finden wir im Dom von Cividale im Friaul. Es ist der letzte
Rest der alten achteckigen Taufkapelle, wie man solche in jenen Zeiten
gerne direkt vor dem Westeingange der Hauptkirchen erbaute. Man hat
jetzt die Fundamente des achteckigen Baues vor der Haupttüre des Doms
gefunden; ähnlich war es in Torcello und Aquileja gewesen. Aus jener
Taufkapelle nun hat man im 15. Jahrhundert die Hauptsache in den damals
erneuerten Dom übertragen: das ganze achteckige vertiefte Taufbecken
mit einem rundbogigen Säulenüberbau, einem kleinen Tempel über dem
Immersionsbecken.

Auf acht glatten Säulen mit reichen Kapitellen, die den korinthischen
nachgebildet doch stark gräzisieren, ruhen die acht Rundbögen mit
schön skulpierten Flächen und Zwickeln (Abb. 97, Tafel XXV). Recht
eigentlich langobardische Werke, die Bögen mit eigentümlich gekerbtem
Rankenwerke bedeckt, die Dreiecke mit Hirschen, Drachen, Pfauen,
Tauben und ähnlichem gefüllt, alles Lebendige freilich noch kindlich
ungeschickt dargestellt, doch trefflich in die Fläche gepaßt und
ausgezeichnet wirkend. Oben ringsum läuft die Inschrift, besagend,
daß Patriarch Calixtus unter König Liutprant (also um 740) dies
Baptisterium errichtet habe. Gesimse und Pyramide fehlen. Die Säulen
ruhen auf Schranken, die, meist erneuert, doch noch zwei schöne alte
Brüstungsfelder zeigen. Zwei andere Seiten sind offen für den Eintritt.
Inmitten befindet sich das in Stufen sich vertiefende Taufbecken.

Von den geschmückten Brüstungen besteht die eine (Abb. 98, Tafel XXVI)
aus zwei Stücken, die anderswoher, jedenfalls von einer Chor- oder
Altarschranke entnommen sind; darauf ein Stück einer reichen Rose und
vier quadratischen Feldern oder Kassetten mit einem breiten Flechtfries
darüber, von denen die unteren zwei verstümmelt sind, die oberen aber
noch die Symbole der Evangelisten Lukas und Johannes enthalten, den
geflügelten Stier und den Adler, beide sehr kindlich dargestellt, der
Stier im Profil, doch mit je zwei Augen, Hörnern und Ohren. Um die
Kassetten ein schmales Flechtband.

Das andere Schrankenfeld (Abb. 99, Tafel XXVI) ist aber hierher
gehörig, obwohl dem Tauftempel etwas später hinzugefügt, denn in
der Mitte läuft ein Band mit der Inschrift: † Hoc tibi restituit
Sicuald Baptesta Johannes: also vom Patriarchen Sigwald (762-76)
„restituiert“, vielleicht bei einem baulichen Schaden nachgefügt. Der
Ausdruck: für Johannes den Täufer sagt zweifellos, daß dies Stück
für das Baptisterium bestimmt war, nicht wo andersher entnommen
wurde. Das Brüstungsfeld, sicher genau von derselben Hand stammend,
wie das zerhauene andere, von dem die Rede war, enthält in vier von
Efeuranken umgebenen Kreisen die vier Evangelistensymbole nicht minder
ungewandt dargestellt, inmitten quer jenes Inschriftband oder besser
den Querbalken, genau wie er in den Kirchen über der Schranke vor dem
Heiligen herzog, darauf stehend ein Kreuz zwischen zwei Leuchtern und
Palmen, ganz unten zwei Greifen unter Trauben fressenden Tauben zu
beiden Seiten eines Baumes, dessen Blätter oben in Tierköpfe auslaufen,
eine Gestaltung, die auch an der verstümmelten Kassettenplatte auftritt.

[Illustration:

  XXVI

Abb. 98 u. 99. Cividale. Brüstungen am Baptisterium im Dom.]

Diese bildhauerischen Werke zeigen uns den originalsten langobardischen
Ornamentstil auf der Höhe klarer Entwicklung, zugleich die deutlichste
Übertragung einer ausgebildeten Holzschnitztechnik. Abgesehen
von der mangelhaften Behandlung des Figürlichen, die sichtlich
in gänzlicher Ungeübtheit ihren Grund findet, aber auch beweist,
daß diese Arbeiten nicht von Italienern noch Griechen angefertigt
sein können, ist die Durchführung von meisterhafter Sicherheit, --
meisterhaft allerdings nur im Sinne eines trefflich gehandhabten
Kunsthandwerks. Das künstlerische Gewicht der Arbeit ist denn auf die
geschickte Verteilung des Schmuckes gelegt, etwa nach den Gesetzen
der Teppichkomposition in der einfachen Technik des Aufgrundsetzens
und der Herstellung und Ausführung des Details durch bloße vertiefte
Linienzeichnung. Ein völlig Gegensätzliches gegen das antike Relief mit
seiner vollständigen Durchbildung des Körperlichen.

Freilich hat das auf diese feinste klassische Reliefkunst der Antike
und der Renaissance gestimmte Auge des Italieners kein Verständnis, ja
kein Gefühl für solch eigenartige ihrerseits besonderen Reizes nicht
entbehrende, wenn auch noch in den Kinderschuhen der Figurenbildung
steckende Kunstweise des Nordländers.

Dies Cividale, die alte Hauptstadt des langobardischen Herzogtums
Friaul, ist überhaupt reich an Resten von künstlerischen Werken der
alten Langobardenzeit. Hier hausten seit Herzog Gisulf, dem Neffen
Alboins, dem dieser König die Rückendeckung und Grenzwacht mit einer
Schar auserlesener Krieger anvertraute, langobardische Fürsten bis
zuletzt, aus deren Stamm selbst Könige hervorgingen, wie Ratchis, der
Sohn des wackeren Herzogs Pemmo.

Die alte römische Stadt, prächtig gelegen auf dem steilen Felsufer
des Natisone, hat die Erinnerung an die norddeutschen Eroberer
Italiens wohl am stärksten bewahrt in vielen Gräbern und Kirchhöfen,
Kirchenschätzen und Ausstattungen, zahllosen Bruchstücken, ja selbst
einem wohlerhaltenen Gebäude, dem einzigen seiner Art, zugleich mancher
alten nordischen Sitte, die im Volke noch lebt. Nicht allzulange ist
es her, daß der jährliche Wanderzug der deutschen Kaufleute, die von
alters über die Alpen kamen und hier Messe hielten, aufgehört hat.

[Sidenote: Pemmo-Altar]

Dem Herzog Pemmo hat denn auch sein frommer Sohn, König Ratchis
(744-49) ein monumentales Andenken geweiht in der Martinskirche gleich
jenseits der gewaltig kühnen Brücke über den brandenden Fluß. Einen aus
vier Steinplatten zusammengestellten sarkophagähnlichen Altar, dessen
Seiten auf das reichste mit bildhauerischem Schmuck, und zwar auf der
Vorder- und den beiden Nebenseiten mit figürlichem bedeckt sind.

Er ist ja nicht eben von klassischer Schönheit, dieser Altar; vielmehr
wie stets bei den alten Langobarden noch von kindlicher Naivetät. Die
Vorderseite des Altars (Abb. 100, Tafel XXVII) stellt Christus zwischen
zwei Engeln dar, unbärtig, in einer mandelförmigen Glorie, gehalten
von vier Engeln; die rechte Seite die Anbetung der Könige, die linke
die Heimsuchung Mariä. Auf der Rückseite ein Kreuz und ein kleines
eingelassenes Schränkchen für heilige Gefäße (Abb. 101, Tafel XXVII).

Der Stil der ganzen Darstellungen ist der bekannte: alles ist flach
auf Grund gesetzt, die Ausgestaltung in vertieften Linien eingegraben,
ohne jedes eigentliche Relief, wie in ein glattes Brett eingekerbt.
Und doch von Reiz und künstlerischer Schönheit, wenn auch die
Zeichnung der Figuren noch kindlich, anfängerhaft roh ist und von
größter Unvollkommenheit in den Verhältnissen. Die Arme der Engel
sind teilweise so groß wie ihr ganzer Leib; die Köpfe von häßlicher
Birnenform, alles Detail nur in Linien angegeben, so wie es ein
in solchen Dingen gänzlich Ungeübter eben fertig bringt, dem noch
nicht die Augen aufgegangen sind für die doch auch in jenen Gegenden
nicht ganz fehlende Schönheit der antiken Kunst. Aber bei alledem
ist auch hier wieder die ausgeprägte uralte Übung des Flachschnittes
überall hervortretend und anzuerkennen, hervorragend in trefflicher
Flächeneinteilung und teppichartiger Wirkung, die gegenüber der Roheit
der Figurenzeichnung als schlechthin vollkommen zu bezeichnen ist. Der
kunstsinnige Italiener entrüstet sich wohl über die Kühnheit „dieser
armen Teufel, die ja öfters das Ornament mit ziemlicher Anmut zu
behandeln wußten, die, wenn sie Tiere darstellten, schon den Gipfel der
Barbarei erstiegen -- aber jede Gelegenheit sich an der Darstellung
menschlicher Gestalten zu versündigen, hätten wie die Pest fliehen
sollen ... Man kann sich vorstellen, was aus solchen Händen hervorgehen
mußte. Wenn die Roheit der Zeit solche Elendigkeiten nicht erklärte,
müßte man sie für plumpe Karikaturen halten, Schreckbilder wie sie
die Gassenjungen auf frisch geweißte Wände zu schmieren pflegen.“
So urteilt Cattaneo, der freilich jede Schönheit anderer Art, die
sich da doch zeigt und die er nicht zu leugnen vermag, ebenso rasch
den Barbaren abspricht und sie seinen Landsleuten oder lieber noch
griechischen Künstlern zuschreibt, ohne dafür Verständnis zu haben, daß
jener Zeit und jener germanischen Kunst auch die Vorzüge ihrer Fehler
eigen sind.

Nirgends kann man dabei klarer sehen, als hier, daß es sich um
eine uralt gewohnte und gepflegte Kunstübung handelt, der Ornament
und Flächenschmuck auf das beste vertraut war. So werden auch die
dargestellten menschlichen Gestalten nur als reine Ornamente,
Flächenausfüllungen zu würdigen sein; jeder Begriff dafür, daß solche
Bildungen ihre besonderen Gesetze der Anatomie und eigene Ansprüche
an die Zeichnung aufzuerlegen berechtigt sind, mangelt noch gänzlich.
Unbekümmert darum verteilt man sie auf die zur Verfügung stehenden
Flächen und meint alles getan zu haben, wenn der Sinn der Darstellung
erkennbar ist.

Aber das ist noch zu beachten: überall zeigen Vertiefungen an, daß
einst farbige Steine und dergleichen in den Stein eingelegt waren,
besonders in die Augen -- auch überall auf den Flügeln der Engel, die
von Augen übersät sind -- und es ist anzunehmen, daß der ganze Altar
einst farbig bemalt war; dann präsentierten sich seine Flächen ungefähr
wie reichfarbige schön eingeteilte Teppiche und waren sicher von
eigenartiger und vornehmer Wirkung.

[Illustration:

  XXVII

Abb. 100 u. 101. Cividale. Pemmoaltar.]

[Sidenote: Patriarchenstühle]

Auch einen alten marmornen Patriarchenstuhl aus jener Zeit birgt die
Kathedrale, bemerkenswert wegen der charakteristischen eichelartigen
Spitzen und der Hufeisenbögen der Seiten (s. Abb. 71); die zwei Flanken
eines viel reicher geschmückten liegen in der kleinen Kirche S. Maria
in Valle, heute zu einem Sarkophage zusammengestellt; ihre Außenflächen
sind mit reichstem Flachornament der bekannten Art bedeckt, oben wieder
die bezeichnenden Eicheln.

Ein anderer reicher Bischofstuhl schmückt die Tiefe der Apsis im Dom
zu Grado, mit schönen Säulen an den Ecken und einer Art Dach darüber,
doch offenbar aus Resten einstiger Schranken zusammengesetzt. Wann, ob
schon in langobardischer Zeit, läßt sich nicht wohl entscheiden. Alte
steinerne Sitze findet man noch an anderen Stellen, so hoch aufgebaut
zwischen den Bänken der Kirchenältesten im Dom zu Torcello, mit Löwen
als Lehnen in S. Ambrogio zu Mailand.

[Sidenote: Ambonen]

Von Kanzeln oder Ambonen der Langobarden ist nicht viel anderes als
Bruchstücke erhalten, meist Reste der flachgebogenen Brüstung; so in
Grado, in Ravenna, Ancona und an vielen anderen Orten. Meist sind ihre
Flächen einfach in regelmäßige kassettenartige Felder geteilt, diese
wohl von Flechtwerk umfaßt oder durchzogen; manchmal auch noch von
Halbsäulen mit Bögen und Giebeln darüber durchschnitten nach der Art
des in S. Teodoro in Ravenna vorhandenen, so in Ancona. Ein sehr alter
Ambo befindet sich in S. Giovanni e Paolo in Ravenna, inschriftlich
errichtet durch einen Hauptmann der kaiserlichen Garde, Adeodat[39],
im Jahre 597. Seine gebogene Brüstung ist in lauter kleine Vierecke
geteilt, die Tiere und Vögel enthalten; alles in bekannter Flachtechnik.

Die Ambonen scheinen um jene Zeit oft auf einem niedrigen geschlossenen
Unterbau geruht zu haben. Ein sehr schönes Relief in Dreieckform mit
einem Pfau in Umrahmung im Museum zu Brescia dürfte als Wange der
Treppe eines solchen Ambos zu deuten sein.

[Sidenote: Sarkophage]

Von sonstigen Resten der Ausstattung der langobardischen Kirchen ist
nicht viel mehr zu berichten; vielleicht ist noch mancher Sarkophage
zu gedenken, die im ganz gleichen Stile wie die Schranken ihre Seiten
geschmückt zeigen; darauf oft Sterne und Räder, meist Kreuze und
sonstige Symbole, ringsum Flechtfriese oder Rahmen von Ornamenten;
alles wieder in flachster Behandlung. So der schöne Sarkophag in der
Kathedrale zu Murano und der der Theodata im Museum Malaspina zu Pavia,
letzterer offenbar zeitlich zu den oben besprochenen gleichartigen
Skulpturen zu Cividale gehörig.

[Sidenote: Brunnenmündungen]

Vielleicht auch kommen hier noch die öfters vorkommenden
Brunnenmündungen in Betracht, wohl meist aus Kreuzgängen, wie eine
prächtige Arbeit im Garten von S. Giovanni im Lateran zu Rom; unten
sieht man unter einem Flechtbande Kreuze und Palmen, oben eine kleine
Arkade mit Giebelkrabben, Tauben und Kreuze enthaltend, das Ganze vom
echtesten langobardischen Typus; offenbar Import aus dem Norden. In
Venedig sieht man ähnliche Formen häufiger.

Die Fenster hatten wohl meistens eine Ausfüllung mit durchbrochenen
Steinplatten. Die langobardischen sind besonders reich und schön,
im Gegensatz zu den sonstigen altchristlichen der Italiener und
Griechen, die der Regel nach nur runde Öffnungen nebeneinander
enthalten. Die Sophienkirche in Konstantinopel hat an dieser Stelle
auch richtige gekreuzte steinerne Fenstersprossen. Aber reiche und
kunstvolle Ausschmückung und Einteilung war den Germanen vorbehalten.
In Grado, Aquileja, Venedig und an anderen Orten finden wir schöne
Muster, darunter auch solche in rein nordischem Flechtwerk (Abb. 95),
andere schon in bestimmten Maßwerkformen, die bereits den späteren
mittelalterlichen Maßwerkfenstern im Gedanken nicht fernstehen,
insbesondere wenn sie kleine Fensterarkaden enthalten.

[Sidenote: Türflügel]

Von Holzarbeiten dürfte einzig der Rest einer spätlangobardischen
Flügeltüre in Parma (Museum), bezeichnet als Porte di San Bertoldo, die
von S. Alessandro stammen, noch übrig sein (s. Abb. 63); die Rahmen und
je drei quadratische Füllungen sind reich flachgeschnitzt, Weinranken,
in denen allerlei Getier, Hirsche, Pferde, Bären, Pfauen sich tummelt.
Da diese Kirche 835 erst erbaut ist, so werden die Türflügel nicht
wohl älter sein. Ein wenig Orient mag in ihre Formen hinein spielen;
aber die Technik, wie die einfach gekerbten Ränder und Schmiegen sind
gut langobardisch. Gegenüber den berühmten uralten Holztüren von Sta.
Sabina in Rom, nur einer Nachahmung ähnlicher spätrömischer Erzwerke,
zeigt sich hier der ausgeprägteste Holzstil, rein zimmermanns- oder
tischlermäßige Behandlung.

Von vollständigen Bauwerken aus der Langobardenzeit ist leider sehr
wenig übrig, weil die alten Kirchen durch Verwüstung und Neubau gar
zuviel gelitten haben, von Palästen sich selbst nicht einmal eine Spur
mehr erhielt.

[Sidenote: Bologna, S. Steffano]

In Bologna haben wir in dem bekannten Kirchenkomplex von S. Sepolcro
oder S. Steffano, auch Kloster Gerusalemme genannt, eine uralte
Baugruppe, die von König Liutprant und seinem Neffen, späteren
Mitregenten, Hildiprant, nach allerlei Unbilden gründlich hergestellt
wurde. Von ihnen zeugt noch das heute im Hofe stehende Marmorbecken
mit langer Inschrift, in der die beiden Könige zur Ehre des heiligen
Ortes ihre Geschenke darbringen und dem fluchen, der sie mindere. Die
bauliche Anlage besteht heute aus vier eng zusammengebauten Kirchen und
zwei Höfen, die nach einer gewaltigen Verwüstung durch die Ungarn 903
und einem großen Umbau von 1141 in der Hauptsache aus letzterer Zeit
herrühren werden, obwohl die ganze Gruppe in der ersten Anlage noch in
die altchristliche Zeit zurückragt.

[Illustration:

  XXVIII

Abb. 102. Bologna. S. Steffano. Hofansicht des Baptisteriums.

(Phot. Emilia. Bologna.)]

Reste aller früheren Bauzeiten jedoch sind in dem Baukomplexe
vorhanden, auch langobardische. Es ist wahrscheinlich, daß um
Liutprants Zeit die Mitte des Ganzen eine Basilika einnahm, deren
östliche Apsis von hufeisenförmigem Grundrisse noch vorhanden ist, von
der aber ein Teil nach Westen zu später (1141) abgebrochen wurde,
um dem Hofe Platz zu machen, der heute Hof des Pilatus heißt. Vor
seinem Westportal stand, wie so oft, das Baptisterium, das heute noch
teilweise vorhanden ist. Nach Norden lehnte sich die Kirche S. Pietro e
Paolo an, in ihrer jetzigen Form aus romanischer Zeit.

Der zwölfeckige Bau des ursprünglichen Baptisteriums, heute S.
Sepolcro, enthält noch allerlei antik-römische Teile, Säulen, Kapitelle
sowie langobardische. Obwohl später als lombardisch-romanischer Bau
großenteils neu errichtet trägt er entschieden noch altlangobardische
Tradition auch in seinen jüngeren Teilen zur Schau. Seine Ostseite ist
in reichster Weise farbig musivisch geziert mit Mustern in Backstein,
farbigem Steinwerk, Marmor u. dgl., doch nur in der unteren Hälfte,
was leicht erkennen läßt, daß der obere, viel nüchternere Teil im
12. Jahrhundert ganz neu aufgesetzt ist, daß auch die Pilaster und
Halbsäulen an den Ecken erst um jene Zeit angefügt sein können.
So halte ich diese untere so ungemein originelle bunte Wand (Abb.
102, Tafel XXVIII) für einen charakteristischen wirklichen Rest der
Langobardenzeit, wohl des 8. Jahrhunderts; sie ist überhaupt, wie
auch die Westseite, neuerdings erst von den verdeckenden Bauten des
12. Jahrhunderts freigelegt, zu denen sie im Grundrisse recht wenig
paßte; freilich muß sie zur Zeit des ersten großen Umbaues, doch vor
der Erbauung des Pilatushofes, schon einmal gründlich hergestellt
sein. Auch hat man damals mit ganz ähnlicher musivischer Dekoration
verschiedene jüngere Teile des Bauwerks geschmückt, so die Westseite
des Baptisteriums, auch die Westfront von S. Pietro e Paolo und selbst
einige Teile im Kreuzgange. Doch nur in Nachahmung der alten Teile;
denn eine ähnliche Verzierungsweise sucht man in jener späteren
Zeit in Italien sonst vergeblich. Freilich ist in diesem Lande im
ganzen Mittelalter die Freude an bunter Flächenverzierung sehr
groß gewesen, auch bei den Normannen in Sizilien; die Kosmaten im
12./13. Jahrhundert sind gleichfalls Zeugen dafür. Aber gerade die
charakteristischste Flächendekoration, die an der Ostseite von S.
Sepolcro erscheint, mit ihrer teppichmäßigen Planlosigkeit, Friese,
Runde, Dreiecke, übereckstehende Quadrate und ähnliche Figuren häufend,
ist im Charakter am nächsten stehend der in Frankreich so weit
verbreiteten merowingischen heiterprächtigen und doch naiven Wand- und
Flächenbehandlung, wie sie z. B. am Römerturm zu Köln am frischesten
auftritt. Daher, mag auch im 11. oder 12. Jahrhundert hier die bunte
Fläche gründlich ausgebessert und hie und da verändert, mag auch damals
ähnlicher Schmuck an den anderen Teilen des Klosters neu angebracht
sein, alles spricht dafür, daß diese reichfarbige Ostwand der heutigen
Grabkirche noch als ein Werk der altlangobardischen Bauweise angesehen
werden darf.

Schon die völlig schiefe Grundrißform der Mauern dieses Teiles
bezeugt, daß sie zu einem fremden -- also älteren Bestandteil des im
12. Jahrhundert sonst völlig regelmäßig aufgebauten Zwölfecks der
Taufkapelle gehören.

[Sidenote: Brescia S. Salvatore]

In der hinter dem Baptisterium gelegenen Kirche, jetzt Sta. Trinitá,
fällt, wie bemerkt, die in germanischen Ländern oft vorkommende
Hufeisenform des Grundrisses der Apsis auf. Dieselbe Form erscheint
bei der ebenfalls der Mitte des 8. Jahrhunderts entstammenden schönen
Krypta der Kirche S. Salvatore zu Brescia, dem letzten Reste einer
langobardischen Kirche, die später vielfach umgebaut, nur noch die
allgemeine bauliche Anordnung des alten Schiffes beibehält, dessen
Obergaden von alten zum Teil antiken Säulen getragen wird.

Der Westteil der Krypta, über vielen älteren Säulen mit Kreuzgewölben
bedeckt, ist auch bereits mittelalterlich, die Apsis dagegen ein höchst
merkwürdiges primitives aber originales langobardisches Bauwerk. Die
Decke dieser Apsis besteht aus Steinplatten, die auf zwei nach Osten
zu sich verengenden Arkadenreihen von je drei Bögen ruhen. Diese Bögen
sind von Backstein und werden von Backsteinpfeilern getragen, aber mit
einem schönen Blätterfriese von Stuck mit Perlen eingefaßt; auch unter
der Decke zieht ein ähnlicher Fries (s. Abb. 65).

Links und rechts der Arkade hilft noch je ein schlanker verjüngter
viereckiger Pfeiler mit eigentümlichem echt holzmäßigen Kapitell
die Decke tragen. Der ganze so einfache Raum ist doch höchst
eigenartig; von Wichtigkeit bei ihm auch die frühzeitige Anwendung
von Verzierungen aus Stuck an Gesims und Archivolte, in einer von den
Römern übernommenen Technik, die wir in noch antikem Sinne 200 Jahre
vorher in S. Vitale zu Ravenna angewandt finden, nicht wie hier zur
Gesimsausbildung, als Ersatz für Steinarchitekturteile, sondern zur
Flächenverzierung. Dies dürfte überhaupt der maßgebende Unterschied
zwischen der späteren germanischen Stuckverwendung und der antiken
sein. Auch der arabische Orient hat in der Folge diese Richtung
gepflegt.

Von den Resten der zerstörten Kirche birgt das Museum eine Fülle
schöner Bruchstücke aller Art, Säulen, Kapitelle, Friese, auch eine
Fensterplatte, eine Doppelarkade zeigend.

[Sidenote: Rotonda]

Wenn wir noch einiger interessanter Gewölbebauten der Langobarden,
der Baptisterien zu Biella und Alliate, besonders aber des gewaltigen
alten Domes zu Brescia gedenken, so geschieht es freilich nur, um
ihrer tüchtigen technischen Leistungen nicht zu vergessen, die sich
wenigstens in einer Art Erhaltung des auf dem Gebiete des Kuppelbaues
Erreichten äußern. Insbesondere ist der alte Dom, die Rotonda zu
Brescia, von ansehnlichen Verhältnissen, inmitten von einer etwa 20
m weiten reinen Halbkugel überdeckt und von einem Umgang umgeben;
dieser im Grundriß zwar rund, doch in acht Teile geteilt, mit acht
dreieckigen Zwickeln zwischen acht ungefähr quadratischen Feldern, ein
ins Runde zurückgeführtes Sechzehneck bildend. Also genau der Grundriß
des Aachener Münsters, nur rund, statt acht- bzw. sechzehneckig; sogar
einst ebenso über dem Westportal einen viereckigen Turm besitzend, der
durch zwei zurückliegende Treppenhäuser flankiert war, im Osten eine
viereckige Apsis.

Kurz, wir haben hier tatsächlich den Grundriß der Aachener
Pfalzkapelle, nur etwas größer in den Maßen, vor uns; der Aufbau ist
dort freilich viel höher und bedeutungsvoller, auch durch eine Empore
über dem Umgang bereichert.

Ist es richtig, wie man annimmt, daß ein Graf Raymo, der 789 starb,
der Erbauer der Rotonda ist, an deren Stelle schon ein von Theudelinde
gestiftetes kirchliches Gebäude gestanden hat, so haben wir hier sicher
die ältere Schwester der Aachener Kapelle vor uns.

Sonst aber ist das Gebäude jeder Kunstform bar; einfache glatte Pfeiler
tragen die Bögen, acht Fenster erhellen den Tambur, und der äußere
Aufbau der Kuppel, die mit Zeltdach gedeckt ist, gehört späteren
Jahrhunderten an.

[Sidenote: Außenarchitekturen]

Dagegen finden wir an dem Äußeren einiger noch erhaltenen Bauwerke
jener Zeit den Beginn einer klaren Architekturgestaltung gegeben; vor
allem bereits mit Bewußtsein planmäßig durchgeführte Gliederung der
Flächen durch Lisenen und Wandstreifen, die meist durch Bogenfriese
verbunden sind; und am Äußeren der Kuppelgewölbe, insbesondere der
Chorapsiden, eine regelmäßig wiederkehrende Durchbrechung mit tiefen
Bogennischen, die die Mauermasse am Gewölbeansatze erleichtern; so in
Biella am Baptisterium und an der Chorseite der Kirche S. Vincenzo in
Prato zu Mailand, Anfänge einer Außenarchitektur, die im romanischen
Stile später die herrschende wird.

[Sidenote: Glockentürme]

Noch eine Leistung müssen wir rühmen, die die Baukunst den Langobarden
offenbar schuldet: die Ausbildung, ja die Erfindung der kirchlichen
Glockentürme. Es erscheint vor dem 7. Jahrhundert von solchen nirgends
eine greifbare Spur, wenn auch im 6., wie man glaubt, Türme überhaupt
schon erwähnt werden; so von Venantius Fortunatus an der Kathedrale
in Nantes. Doch dürften unter diesen ältesten kirchlichen Turmbauten
ausnahmslos Bekrönungen der Vierung der Kirchen durch kuppelartige
Zentraltürme zu verstehen sein, die ja schon im byzantinischen
Zentralbau vorgebildet erscheinen. Um die Wende zum 7. Jahrhundert aber
entstanden, wie es scheint, die ältesten wirklichen Glockentürme bei
ravennatischen Kirchen, und zwar runde freistehende in Ziegelbau. Man
glaubt, daß der bei S. Apollinare in Classe in seinem unteren Teile,
der in mäßiger Höhe bereits einen übereckstehenden Schachbrettfries
zeigt, der älteste dieser Art sei. Weiter oben durchbrechen seine Masse
einfache Rundbogenfenster, dann aber gekuppelte auf Mittelsäule mit
Kämpfer, in den drei obersten Stockwerken schließlich dreifache Fenster
mit Säulen dazwischen. Diese vier oberen Stockwerke können daher wegen
dieser entwickelten Fensterformen erst dem 8. Jahrhundert angehören.
Jedenfalls kaum jünger der ganz ähnliche Turm bei S. Apollinare nuovo
zu Ravenna, die zahlreichen übrigen dort gleichfalls aus dem 7. und 8.
Jahrhundert.

Besonders interessant ist der zierliche schlanke Rundturm von S.
Giovanni e Paolo auf viereckigem Unterbau (Abb. 103), auch der von S.
Giovanni Evangelista mit einer kegelförmigen (erneuerten) Spitze,
malerisch und knorrig in der Oberfläche des Backsteingemäuers,
kraftvoll in der Farbe.

Sind die sonst in Italien so seltenen Rundtürme in Ravenna vorwiegend,
so fehlt es doch auch nicht an viereckigen. Der Turm von S. Francesco
(Abb. 103), sicher auch nicht viel jünger, ist mit Ecklisenen und
Fenstergruppen höchst wirkungsvoll gegliedert und wacker in den
Verhältnissen, derb in der Erscheinung, eine tüchtige Leistung. In der
Folge entwickelt sich aus diesen Anfängen reiches Leben, -- schon der
Turm von S. Satiro zu Mailand, vom Jahre 879, mit Lisenen eingefaßt
mit vier sich immer weiter öffnenden Stockwerken ist ein fernerer
Fortschritt. Was sich dagegen in Italien im frühen Mittelalter hieran
reiht, vor allem die vielen viereckigen Türme in und um Rom und der
sonst ausgezeichnete Turm zu Spalato, alles so sehr viel reicher in
Schmuck und Durchbrechung, ist doch im Grunde meist eine einförmige
Wiederholung gleichgebildeter Stockwerke übereinander.

Der Turm und seine Durchbildung bleibt eine rein germanische
Bauaufgabe; die runden Langobardentürme Ravennas finden ihre letzte
Vollendung in den wundervollen des Wormser Doms.

Der bei den Langobarden vielleicht zuerst auftretenden Fenstergruppen
mit Mittelsäulen und den charakteristischen langen Kämpfersteinen über
den Säulen ist früher schon ausführlich gedacht.

Bevor wir die Langobardenkunst verlassen, haben wir aber jenes Bauwerk
noch zu schildern, das uns, verhältnismäßig wenig umgestaltet, selbst
stückweise vorzüglich erhalten, allein noch die Höhezeit der Baukunst
unter der Herrschaft der Langobarden kurz vor ihrem Zusammenbruche
repräsentiert; sicherlich eines der allgemein interessantesten und am
meisten besprochenen Werke jener Zeiten überhaupt. Daher müssen wir ihm
eine eingehendere Behandlung zuteil werden lassen.

[Sidenote: Cividale, Sta. Maria in Valle]

Es ist dies das berühmte Oratorium der Herzogin Peltrudis (Piltrudis,
Gertrudis) zu Cividale, ein oft und vielfältig beschriebenes und
gleichzeitig auf das verschiedenste beurteiltes Kunstwerk, meist Sta.
Maria in Valle, auch tempietto longobardo genannt.

Einige, so Strzygowski, wollen die Entstehung des kleinen Bauwerkes
in noch frühere Zeit setzen als die meisten, und auch wir, andere,
wie der sonst meist so richtig datierende Cattaneo, sehen in ihm
ein Werk des 12., Zimmermann selbst des 13. Jahrhunderts. Und doch
sprechen die deutlichsten Zeichen für die Gleichzeitigkeit mit dem
(früher erwähnten) Tauftempel in der Kathedrale, so daß an eine andere
Möglichkeit gar nicht zu denken ist. Auch haben wir in ihm ein Werk
ganz aus einem Gusse vor uns, welches nur unbedeutende Abänderungen,
jedoch keinen Umbau mehr erlitten hat. Alles das ergibt sich leicht aus
der nachfolgenden Beschreibung.

Die kleine in das dortige Frauenkloster eingebaute Kapelle, um die es
sich handelt, war bis vor kurzem von außen kaum zugänglich, da das
Kloster als eigentliche Kirche eine ziemlich große Basilika besitzt,
im Anfang des 18. Jahrhunderts leider fast ganz neugebaut, ursprünglich
auch von hohem Alter. Es scheint nach der Belegenheit kaum anders
möglich, als daß das Kloster, nur nach Westen zu sich erstreckend,
ursprünglich unsere nordöstlich gelegene Kapelle noch nicht umschloß.
Ihre noch heute übliche Bezeichnung als Oratorium mag auf ihre
anfängliche Bestimmung hindeuten. Es kann angenommen werden, daß wir in
ihr die Hauskapelle der alten langobardischen Herzöge vor uns sehen.
Die Tradition erzählt, daß die Herzogin Peltrudis das Oratorium gebaut
und das genannte Frauenkloster gestiftet habe. Von dieser vornehmen
Frau sagt freilich nur ein Dokument, daß ihre Söhne Erfo und Xanto
zwei Klöster in der Nähe gegründet hätten, in Salto und in Sesto.
Das Frauenkloster zu Salto sollte ihre Mutter selber leiten; es fiel
später Elementarereignissen zum Opfer, seine Güter in der Folge an das
Männerkloster zu Sesto. -- Die beiden Söhne starben in toskanischen
Klöstern als Mönche.

[Illustration: Abb. 103. Ravenna. Turm von S. Giovanni e Paolo und S.
Francesco.]

Dies wird als unvereinbar mit einer Schenkung oder Klostergründung in
Cividale durch die genannte Dame, die also historisch ist, bezeichnet
und geltend gemacht, scheint dies aber doch kaum zu begründen. Nehmen
wir an, das Kloster zu Cividale sei um 750 erbaut gewesen, zugleich mit
seiner inzwischen neugebauten ersten großen Kirche, -- das Oratorium
könne als Privatkapelle um jene Zeit ebenfalls errichtet gewesen sein
als Eigentum der Familie der Peltrudis --, so liegt kein Bedenken
dagegen vor, daß das Oratorium später an das Kloster geschenkt und
in seinen Bereich einbezogen worden sei, besonders wenn dieses eine
Stiftung jener Dame gewesen wäre; einer Frau, deren Söhne 762 zwei
reiche Klöster fundieren können, darf eine frühere ähnliche Stiftung
wohl zugetraut werden.

Kurz, die Tradition braucht nichts Unwahrscheinliches zu erzählen,
besonders da eine vierhundertjährige Chronik bereits die Überlieferung
bestätigt, die Gemahlin des Herzogs von Friaul, Pertrude, als die
Stifterin des Klosters und die Erbauerin des Oratoriums nennt und
hinzufügt, die Nachricht stütze sich auf alte zuverlässige Quellen.

Jedenfalls war die in den äußeren Mauern noch erkennbare eigentliche
Klosterkirche eine der üblichen Basiliken, etwa aus der Zeit des
Patriarchen Sigwald (762-76); beim Neubau und später fanden sich
langobardische Sarkophage mit reichem Schmuckinhalt, die ihre Benutzung
seit jener Zeit bestätigen[40]. Vor allem aber entsprechen die jetzt
in dem Oratorium aufbewahrten Reste von bildhauerischen Steinarbeiten,
die sich überall in den Mauern um die erneuerte Kirche vorfanden, genau
denen des Sicualdus am Tauftempel im Dom.

Wir haben also als gleichzeitig den Bau der großen Klosterkirche,
des Klosters selbst, sowie des Baptisteriums vor der Westtüre der
Kathedrale anzunehmen. Dieses letztere ist von dem aus Cormons 737
hierher übergesiedelten Patriarchen Calixtus von Aquileja gebaut,
Sigwald hat die heute am Baptisterium befindlichen Brüstungsplatten als
Ergänzung früher vorhandener gestiftet. Daher gehören diese Bauwerke
der Periode zwischen 737 und 770 an, Peltrudis wird 762 genannt.

Als drittes ziemlich gleichzeitiges Werk ist unser Oratorium anzusehen,
wie weiter unten dargelegt werden wird.

Der Tempietto longobardo, das Oratorium der Peltrudis, auch Sta. Maria
in Valle genannt, ist ein kleiner ziemlich quadratischer Schiffbau, an
den sich nach Osten eine niedrigere dreiteilige Chorpartie anschließt.
Diese Ostpartie besteht aus drei tonnengewölbten Altarhäusern, deren
Trennung nur durch je zwei Marmorsäulen und einen Pfeiler bewirkt wird,
nicht durch Wände.

Der Schiffraum ist jetzt mit einem hohen Kreuzgewölbe überspannt, das
sich als später eingezogen kennzeichnet, und hatte oben gen Westen
ein, auf der Nord- und Südseite je zwei rundbogige Fenster; die drei
Altarräume besitzen jeder eine kleine Lichtöffnung nach Osten zu.

[Illustration:

  XXIX

Abb. 104. Cividale. S. Maria in Valle. Stuck der Westseite.]

Als Eingang auf der Westseite öffnet sich eine große viereckige Tür mit
mächtigem Entlastungsbogen darüber; dieser Bogen wiederholt sich an den
beiden Langseiten.

Die die Chorwand stützenden Cipollinsäulen haben weiße Marmorkapitelle
und Füße; dicht hinter jeder steht eine ganz gleiche nur etwas dünnere,
deren Füße heute im erhöhten Marmorboden stecken. Vor der Ostwand
stehende viereckige Pfeiler tragen mit den Säulen zusammen die beiden
Steinbalken, auf denen die drei Tonnengewölbe ruhen. Diese Steinbalken
sind antik römische reichgeschmückte Architrave, über den Steinpfeilern
noch auf zwischengeschobenen antiken Marmorkonsolen aufliegend. Die
römischen Architrave waren nicht lang genug, sind daher am Ende nach
der Kirche zu durch angefügte glatte Steine verlängert.

Die südlich aus dem Altarraum in die Sakristei führende Tür ist mit
glatten Marmorbalken eingefaßt, die nach Zimmermannsweise an den Ecken
ineinander geblattet sind; eine Marmortäfelung umgibt noch heute
den Altarraum; im Schiff ist die einst vorhandene durch ein schönes
gotisches Gestühl verdrängt, aber der Marmorfußboden zeigt inmitten, wo
er sichtbar ist, noch das alte opus sectile, Muster aus zugeschnittenen
Marmorstücken.

Die breite Westtür ist ebenfalls mit Marmorbalken umfaßt; der Sturz ist
reich verziert mit einem Flechtbande, darüber einem Ornamentfriese, der
durch S förmige aneinander gereihte Ornamente mit Lilien und Träubchen
dazwischen gebildet wird.

Vor ihr im Westen befand sich ohne Zweifel eine Vorhalle von gleicher
Breite wie die Kirche, mit zwei Säulen. Die zwei dahin gehörigen
Kapitelle ganz gleicher Form, wie die im Chore, liegen noch nahe im
Kloster.

Was die ganz besondere Eigenart des Ganzen ausmacht, seine
künstlerische Bedeutung bedingt, das ist die reiche Stuckdekoration der
Innenwände, die auf der Westseite noch vortrefflich erhalten ist (Abb.
104, Tafel XXIX), und deren Spuren sich an den übrigen Wänden verfolgen
lassen.

Zunächst erhebt sich über dem Sturz der rechteckigen Türe ein großer
Entlastungsbogen, der mit seinen Stützen eine flache Nische um die
Öffnung bildet. Um diesen Bogen entfaltet sich nun jener berühmte
Zierkranz aus Stuck, teilweise durchbrochen und mit einer völlig
freien Spitzenkante abschließend; er ruht auf zwei dicken Halbsäulen,
ebenfalls aus Stuck, mit nachgeahmten korinthisierenden Blattkapitellen.

Der Bogen gliedert sich in einen fast völlig durchbrochenen Rankenfries
mit Trauben und Weinblättern, umgeben von je zwei schmalen mit Rosetten
besetzten und von Perlenschnüren eingefaßten Bändern. Ringsum dann eine
breite völlig frei gearbeitete und durchbrochene Ornamentkante, die
wie eine Spitze den Bogen umsäumt, bestehend aus aneinander gereihten
bogenförmigen Teilen, zwischen denen blattähnliche Spitzen sitzen,
gerieft wie die bekannten Flechtbänder jener Zeit. Darüber zieht
wagerecht ein etwas vorgewölbtes horizontales Friesband (einst um die
ganze Kirche herum), bestehend aus zwei einfassenden Doppelstäbchen,
dazwischen aneinander gereihten achtspitzigen Blüten.

Auf diesem verzierten Gesimsband aber steht der prachtvollste Fries
seiner Art: inmitten ein Fenster, dessen Umrahmung im verkleinerten
Maßstabe den unteren Türbogen wiedergibt, auf zwei Halbsäulchen
ruhend ein halbrunder Ornamentfries -- diesmal ein rein nordisches
germanisches Flechtband -- gesäumt von einer ähnlichen durchbrochenen
Spitzenkante wie unten, aus Ranken und Spitzblättern dazwischen
bestehend; zu beiden Seiten aber je drei heilige Jungfrauen in
stärkstem Relief überlebensgroß gebildet im faltenreichen Gewande
feierlich einherschreitend. Von ihnen sind die beiden dem mittleren
Fenster am nächsten stehenden einfacher gekleidet und mit das Haar
verhüllendem Kopftuche versehen, nonnenartig; sie erheben nur ihre
Hände in beteuernder Gebärde; die vier anderen aber, deren Antlitz sich
nach der Altarseite richtet, tragen Kronen auf dem Haupte, Kränze und
Kreuze in den Händen.

Über ihren Häuptern läuft ein gleiches Gesimsband wie unter ihnen.

Die Nordwand enthält noch die Fortsetzung der Gesimse, sowie die
Reste einer der westlichen genau entsprechenden Säulenumrahmung mit
Archivolte und Spitzenkranz um die zwei Fenster, auch die Spuren der
einstigen gleich prachtvollen Bogenumrahmung um die untere Wandnische,
wie sie an der Eingangsseite noch vorhanden ist. Kurz, Nord- und
Südseite besaßen einst ganz dieselbe prächtige Stuckausschmückung wie
die Westseite noch jetzt, nur daß bei ihnen je zwei Fenster in dem
großen Friese vorhanden waren.

So haben wir hier in Stuckrelief genau die gleiche figürliche großartig
feierliche Ausschmückung, wie wir sie an Theoderichs des Großen
Hofkirche zu Ravenna fanden, dort aber in Mosaik ausgeführt.

An der vierten Wand, der Wand über den drei Chorbögen, haben wir uns
den Abschluß zu denken, und zwar, da wir hier eine Marienkapelle vor
uns haben, wird an dieser Wand ganz ebenso wie in Ravenna die Mutter
Gottes auf einer Stufe über dem höheren Mittelbogen, von je zwei großen
Engeln zu jeder Seite bewacht, gethront haben; denn diese Gruppe bildet
auch zu Ravenna den Schluß des Jungfrauenzuges, wie Christus den der
Märtyrer.

Von der feierlich großartigen Wirkung dieses Innenraumes in seiner
ursprünglichen Ausstattung (Abb. 105) kann man sich nur schwer noch
eine richtige Vorstellung machen; da schon heute der bescheidene
Rest der Westwand bei jedem einen unvergeßlichen mächtigen Eindruck
hinterläßt. Ohne merkbare Stilisierung in rein natürlicher Bildung,
doch in vollkommenster Weise aufeinander gestimmt, ist das Ganze vom
schönsten Gleichmaß.

Die Wirkung wird heute durch das später eingezogene Kreuzgewölbe
erheblich beeinträchtigt. Dieses dürfte der Wende zum 13. Jahrhundert
angehören und muß gleichzeitig mit dem Wiederaufbau der offenbar
größtenteils eingestürzten Südmauer, die damals zwei neue Fenster,
schwach spitzbogig, erhielt, entstanden, kann jedenfalls nicht älter
sein.

[Illustration: Abb. 105. Cividale. S. M. in Valle. Ursprünglicher
Zustand. Durchschnitt.]

Vorher hatte der Raum einen offenen Dachstuhl oder eine flache Decke;
eher wohl das erste. Wodurch der Einsturz der Südmauer, natürlich
zugleich des Daches, damals verursacht sein mag, ist kaum zu vermuten;
jedenfalls aber zerstörte er die Südmauer fast vollständig und riß wohl
auch den gesamten Stuckschmuck der Ost- und Nordwand mit sich hinab;
zugleich wohl auch einen Teil der Ostmauer des Schiffes, denn auch
diese scheint oberhalb teilweise erneuert. -- An einen Brand ist nicht
wohl zu denken, da dieser den gesamten Stuck zerstört haben würde, auch
Brandspuren fehlen.

Aber die oben ringsum laufenden hölzernen Mauerschwellen sind noch
großenteils hinter den Gewölben erhalten und in den Schildbögen
sichtbar, sicher einst die Auflager der horizontalen Dachbalken
abgebend; auch ist leicht zu erkennen, wie man die Gewölbeanfänge
unten ohne besondere Rücksicht zwischen die älteren Stukkaturen hat
einschneiden lassen.

Die Kapitelle der vier Chorsäulen sind nun in ihren Formen mit denen
des Baptisteriums im Dom so genau übereinstimmend, daß man sie als
aus denselben Händen hervorgegangen ansehen muß: frei nachgebildete
korinthische, doch mit eigentümlich buschig-stachligem Blattwerke, wie
es scheint einem östlichen Bildhauer angehörig; genau dahin gehören,
wie bemerkt, auch die zwei noch im Kloster liegenden.

Sehr wohl zu beachten, obwohl leicht zu übersehen, sind die letzten
Reste von Stuckornamenten über den Säulen der Chorwand, die die antike
Ornamentik der römischen Architrave und Friese, wo sie aufhörte, in
ihrer Art fortsetzten und endigten. Diese Restchen sind der bündigste
Beweis der Originalität des ganzen Baues in seiner jetzigen Anlage, wie
dafür, daß auch die Ostseite des Schiffes in gleicher Weise geziert
war, wie die Westseite es noch ist.

Vor den Säulen läuft die alte Schranke quer durch die Kirche als
Abtrennung der ursprünglich nur um eine Stufe erhabenen Chorpartie;
über den beiden den mittleren Durchgang einfassenden schlanken Pfeilern
mit Kapitellen, die denjenigen der Säulen wieder genau entsprechen,
noch der Chorbalken (trabes doxalis) querliegend, vielleicht sogar noch
mit seiner ersten Bemalung an der Rückseite.

Kurz, wir haben eine Anlage von vollkommener Einheit vor uns: die Türen
mit Marmor eingefaßt, die Stützen, Architrave und die Schranken von
Marmor, ebenso Fußboden und Sockel, alles übrige in Backsteinmauerwerk
hergestellt, verputzt und mit prächtigem Stuckschmucke ausgestattet
und durchgebildet, darüber ein offener Dachstuhl oder eine horizontale
Holzdecke. Die vier Säulenkapitelle und Säulenschäfte übereinstimmend
gearbeitet, auch die Pfeiler im Chor, ebenso die Schranken mit Pfeilern
und Kapitellen, wie die zwei Kapitelle im Kloster, die zu der nie
fehlenden Vorhalle unentbehrlich waren.

Wenn aber noch ein Beweis für die ursprüngliche Einheit der Anlage
mangelte, so ist er in den Resten der ersten Malerei gegeben, die in
den vier Ecken neben den großen Bögen wie in dem großen Tympanon über
der Tür noch wohl zu erkennen sind. Sie zeigen sechs Apostelfiguren
in Säulenarchitektur wohl erkenntlich, rechts der Tür die Inschrift:
Sc.... arcus. Also vielleicht die vier Evangelisten und in den zwei
anderen Ecken Petrus und Paulus.

Diese Malerei ist so unverkennbar byzantinischen, d. h. östlichen
Charakters und dürfte unter keinen Umständen unter das 8. Jahrhundert
herabgehen, in Stil und Behandlung genau übereinstimmend mit den
ältesten Malereien von Sta. Maria antiqua zu Rom (um 750), daß ihre
Anwesenheit, die die architektonische Einteilung haarscharf ergänzt und
mit ihr völlig aus einem Gusse ist, unwiderleglich die Ursprünglichkeit
der gesamten Komposition von Stein, Mauerwerk, Putz, Stuck und Malerei
dartut.

In der Lünette des Portalbogens zeigt sich ebenso ursprünglich,
in großartig aufgefaßter Malerei, Christus zwischen zwei Engeln,
das heilige Buch in der linken Hand, mit der rechten segnend. --
Baugeschichtliches Interesse erregt die genaue Übereinstimmung des
oberen Frieses auf dem Marmorsturz der Eingangstür mit der Verzierung
des dachförmigen Steinsturzes einer Tür in der Sakristei, wo die
obengenannten bildhauerischen Reste der alten Klosterkirche aufbewahrt
sind. Da sehen wir dieselbe eigentümliche nicht gerade langobardisch
aussehende Ornamentzusammenstellung zwischen unverkennbar germanischem
Steinornament, das der Zeit um 740 angehört.

Wenn nun dasselbe Zierwerk wieder im Inneren unseres Oratoriums
auftritt, in Verbindung mit einem ebenfalls germanischen Flechtfries,
so muß es auch dort dieser Zeit, vielleicht gleicher Hand angehören.

Jedenfalls nun haben wir im Tempietto ein geschlossenes Werk des 8.
Jahrhunderts vor uns, dem der Name der Herzogin Peltrudis, wie es
scheint, mit Recht anhaftet, und ein Werk, in dem die künstlerische
Fähigkeit jener Art und Zeit in gewisser Hinsicht gipfelt. Unter allen
Umständen einen unter langobardischer Herrschaft für Langobarden
und nach ihren Schönheitsbegriffen, und zwar mit solchen Mitteln
und Ansprüchen errichteten Bau, daß auch fremde Hilfskräfte mit in
Anspruch genommen werden mußten. Der Plan in seiner einfachen und
doch auffallenden Grundform freilich scheint in germanischen Ländern
nicht ungewöhnlich, wie denn die um dieselbe Zeit zu Capua errichtete
kleine Michaeliskirche hierin mit dem Oratorium so genau übereinstimmt,
selbst in den Maßen, daß wir bestimmte Beziehungen beider Bauwerke zu
einander annehmen müssen. Nur daß dort, vielleicht später hinzugefügt,
eine mittlere Apsis und zwei seitliche große Nischen die Chorpartie
abschließen, die auch von einer Krypta unterfangen ist; und daß nur
zwei Säulen im Chor stehen, statt vier wie in Cividale[41].

Auch mit den spanischen Oratorien (Sta. Christina de Lena) hat die
Anordnung in Cividale gewisse Verwandtschaft, während der sonst so
ausgiebige Orient hier versagt.

Dagegen müssen die eigentlichen technischen Ausführer des Werkes zum
Teil aus dem Osten gekommen sein, denn Säulenkapitelle, auch die
Behandlung des Stuckes in vielen Teilen, sowie die ursprüngliche
Bemalung weisen dorthin.

Doch geschah die Ausführung nicht ohne Mitwirkung langobardischer
Künstler, wie andere Einzelheiten beweisen, so der Sturz der Türe, die
rein nordischen Flechtwerke der Fensterarchivolte; auch das Motiv der
Weinranke war bei den Langobarden ungemein beliebt.

Nicht minder ist das Friesband mit den achtstrahligen Blumen
bei Germanen verbreitet gewesen; es zieht durch Frankreich und
das westgotische Spanien (s. Abb. 108) bis nach Nordafrika ins
Vandalenreich. Von Interesse ist das technische Raffinement, welches in
die Mitte der Blüte überall eine weiße mit gefärbtem (grünem, blauem,
rotem) Wasser gefüllte kleine gläserne Flasche oder Blase setzte,
auch ein Hinweis mehr dafür, daß einst die ganzen Stukkaturen farbig
behandelt waren.

Aber die Hauptsache, die grundlegende künstlerische Idee der
Ausstattung dürfen wir Germanen zuschreiben. Nicht umsonst erinnert
der Fries wallender Jungfrauen so sehr an den in Theoderichs Hofkirche
zu Ravenna; nicht umsonst ist für dieses mächtige künstlerische Motiv
im gesamten hellenistischen Orient kein Vorbild zu finden -- wie schon
für den ganzen Bau und seinen Grundplan. So wird es hier kaum anders
sein können, als bei dem charakteristischsten Bauwerke der Ostgoten,
Theoderichs Grabmal: der künstlerische Grundgedanke ein germanischer;
die Werkleute vorwiegend Italiener, Griechen und andere Ostleute; doch
auch in der Ausführung öfters das germanische Element an die Oberfläche
durchbrechend.

Was uns aber dies Bauwerk für die gesamte germanische Bau- und
Dekorationskunst des nordischen Frühmittelalters noch besonders wichtig
macht, ist die Erkenntnis des Umstandes, daß es als die Quelle jener
bedeutsamen Stuckkunst betrachtet werden darf, die im 8., 9., 10. bis
ins 13. Jahrhundert reichend in nordischen Landen sich entfaltete (Abb.
65).

Hatten wir schon in Brescia in der Krypta von S. Salvatore einfachere
doch verwandte Stuckornamentik, insbesondere Friese und Archivolten
gefunden, so scheint die überreiche Ausstattung der neuerdings
ausgegrabenen Kirche zu Disentis in Graubündten eine Fortbildung des in
Cividale Geleisteten gewesen zu sein. Auch ein einfacher rechteckiger
Raum mit einer dreifachen Chorpartie (diesmal aus drei hufeisenförmigen
Apsiden bestehend) zeigte die Kirche ihre Fenster mit Säulchen
und Archivolten in Stuck umrahmt, dazwischen aber einen ungeheuer
reichen Fries von Relieffiguren in Lebensgröße, über einem Sockel von
eigentümlichen Feldern und Flechtmustern, alles in Stuck und nachher
bemalt. Die Kirche war etwa aus derselben Zeit wie die Kapelle zu
Cividale.

Fensterumrahmung und sonstiger ähnlicher Schmuck in Stuck findet sich
in der fränkischen Kirche zu Germigny-des-Prés bei Orleans (806),
späterer (936) zu Quedlinburg im Grabe Heinrichs I.; in den folgenden
Zeiten lebt in den bekannten großen Stuckreliefgestalten in Goslar,
Halberstadt, Hildesheim, Drübeck jener prachtvolle künstlerische
Gedanke der Germanen in Italien wiederholt auf.

Wenn uns sonst von den einst zahlreichen Werken des langobardischen
Volkes kaum etwas anderes als reiche und feine Trümmer ihres Schmuckes
und ihrer Ausstattung übrig blieben, wenn es uns selbst schwer wird,
ihr Werk aus der Menge des in der folgenden mittelalterlichen Zeit,
der lombardisch-romanischen, geschaffenen herauszuschälen, so bleibt
zuletzt doch unleugbar bestehen, daß wir auch in dem verhältnismäßig
wenigen uns davon Erhaltenen doch eine Fülle von echt germanischer
Eigenart finden, aber auch von Keimen, von künstlerischen Ideen und von
Anfängen, auf denen das Werk der folgenden Zeit ruht und sich aufbaut.

Dies gilt nicht nur für Italien, sondern auch für Frankreich, die
Schweiz, Deutschland, wohin aus der Lombardei zahlreiche Wege führten
und viele Sendboten das im Süden gefundene und vorschreitende Neue in
der Kunst hinüber trugen.

Selbst zu den spanischen Westgoten scheinen die Langobarden
künstlerische Beziehungen unterhalten zu haben; wenn in vieler Hinsicht
starke Unterschiede sich geltend machen, so zeigt sich doch mancherlei,
das für einen Einfluß langobardischer Kunst in Spanien spricht, während
eine Rückwirkung von dort aus nach Italien weniger zu bemerken ist.

So hat die Kunst der alten Langobarden höchst Wertvolles zum
Gesamtbilde, das uns beschäftigt, beigesteuert, wenn auch Forschung und
steigende Erkenntnis die tatsächlich ihnen angehörigen noch vorhandenen
Werke auf eine erheblich geringere Zahl beschränkt hat, als man früher
annehmen zu dürfen glaubte.

[Illustration]


  [37] Trabes doxalis (vergl. Abb. 99, Taf. XXVI).

  [38] Wir kennen einen gleichzeitigen Herzog Orso von Friaul, also
       einen Langobarden.

  [39] Vielleicht Umbildung von Theodahad, und nicht lateinisch, wie es
       den Anschein hat.

  [40] Mitteilung des Grafen Ruggiero della Torre in Cividale.

  [41] Besonderheiten zeigt das sehr einfache und verfallene Capuaner
       Kirchlein sonst nicht, so daß wir von einer näheren Behandlung
       absehen können.




[Illustration: DIE WESTGOTEN]


Das Volk der Goten hatte sich nach seinen Wohnsitzen in Ost- und
Westgoten geteilt; unter dem Ansturm der Hunnen waren die letzteren
lange vor den Ostgoten von dannen gezogen und hatten sich unter König
Athanarich, dann Alarich I. nach erbitterten Kämpfen in Griechenland
und Italien weiter gen Sonnenuntergang gelegene Gebiete gesucht;
zuerst in Südfrankreich, wo Narbonne und Toulouse ihre Hauptstädte
wurden. In ersterer Stadt hatte schon Athaulf, des so früh gestorbenen
Alarich I. Nachfolger, mit Galla Placidia sich vermählt. Aber wie
früher erwähnt, wurde durch Chlodowech und der Franken verschlagene und
gefährliche Staatskunst das Westgotenvolk langsam über die Pyrenäen
nach Spanien gedrängt und behielt von Frankreich nur Septimanien, die
Ecke im südlichsten Osten bis zur Provence. Dafür fiel ihnen ganz
Spanien anheim, aus dem die Vandalen nach Nordafrika gewichen waren;
das Land der nordwestlich sitzenden Sueben wurde dem Westgotenreiche
einverleibt, nachdem die letzten römischen Garnisonstädte von Leovigild
mit stürmender Hand erobert waren (567) und dieser von Barcelona die
Residenz nach Toledo verlegt hatte, nach der Mitte der Halbinsel.
Iberier und Römer verschwanden, die letzten Küstenbesitzungen wurden
den Byzantinern entrissen, ein scheinbar homogenes neues Reich baute
sich auf, dessen Oberschichten wenigstens rein germanisch waren und wie
es scheint auch bis zum Untergange des Reiches (711) blieben. Reine
Westgoten erhielten sich im Norden (in Asturien) in ihren Nachkommen
bis zum heutigen Tage, wie im Volk noch übliche germanische Vornamen
beweisen[42]. Ja noch heute wird im Dom zu Toledo Sonntags ganz früh
eine „westgotische“ Messe gelesen; natürlich nicht nach arianischem,
sondern nach katholischem Ritus, doch in der alten Form, wie sie seit
Recareds I. Übertritt zum Katholizismus (586) üblich war.

Starke und schwache Könige folgten aufeinander, darunter manche
erhabene und würdige Gestalt, von Eurich und Leovigild an bis zu
Chindasvinth und Wamba, Sisibut und Svinthila. 711 brach das durch eine
immer wachsende Priesterherrschaft jeglichen Haltes beraubte Reich
unter den Streichen der Araber zusammen.

Doch manches bedeutende Werk war in jenen zwei Jahrhunderten
entstanden, mancher große Bau erwachsen; prachtvolle germanische Städte
waren an die Stelle der Provinzialhauptstädte der Römer getreten. So
Sevilla, Cordoba, Merida, Valencia, Barcelona, jenseits der Pyrenäen
Toulouse, Narbonne, Arles, Aix und so viele andere. Wirkliche Festungen
krönten wie Burgen hochragende Felsrücken, so Carcassonne und Toledo,
geeignet den Königshort sicher zu bergen. Noch heute ist die Cité der
erstgenannten Stadt, die freilich die frühe Zeit der französischen
Gotik mit jenem zweiten wundervollen Mauerkranz umgab, ein in Europa
einziger unvergleichlicher Anblick: ein doppelter Befestigungsgürtel
mit den malerischsten Türmen und Toren um eine langgestreckte
felsige Höhe, dessen innerer Kranz teilweise noch unverletzt die
Befestigungskunst der Westgoten in bedeutendster Form zeigt.
Mauerumgürtete Städte und Burgen auf ragendem Gipfel sind seitdem in
germanischen Landen die Wahrzeichen geblieben, wie schon die gotische
Sprache (Vulfilas) die Stadt baurgs, ihre Umwallung bibaurgeins
(Beburgung) nennt.

[Sidenote: Geschichtsschreiber]

Von baulichen Taten erzählen die gleichzeitigen Schriftsteller viel,
so Apollinaris Sidonius, Isidor von Sevilla, Ildefons und Julian von
Toledo, Fridigern und andere. Schon der erstgenannte spricht vom
Palast Theoderichs II. in Toulouse, da gelegen, wo heute noch das
„Kapitol“ der Stadt sich erhebt, mit reichen Hallen, die im Innern
durch Vorhänge, nach außen mit Schranken geschlossen waren -- also
wohl mit durchbrochenen Gittern von Stein oder Erz. Seitdem erstand
ein neues Palatium in Toledo, der Schwerpunkt des politischen Lebens,
wo der König Gericht hielt und Audienzen erteilte, wo der Adel und die
allzu mächtige Geistlichkeit waltete. Andere Palatia und Villae gab
es zahlreiche, so in Arles, wo König Eurich, in Barcelona, wo Athaulf
starb; einen mächtigen Herrschersitz bildete Narbonne, die Hauptstadt
und Residenz in Septimanien. Da war reiches Leben und Pracht; in den
Königshallen, die nirgends gefehlt haben werden, stand seit langem
des Königs Thron; der Herrscher trug oft reichen Ornat anstatt der
sonst den Westgoten bis zuletzt eigentümlichen Pelzgewänder, auch eine
prächtige Krone auf dem Haupte, wie solche oft später in den Kirchen
als Weihgeschenke im Original (oder Abbild) aufgehängt wurden. So
wollen die Araber in den Kirchen zu Toledo die Kronen von 25 Königen
erbeutet haben. -- Der Rebell Paulus, der sich in der Provinz jenseits
der Pyrenäen gegen Wamba empört hatte, beraubte das Skelett des
heiligen Felix der ihm von Rekared I. gestifteten Weihekrone, um sich
als Gegenkönig damit zu schmücken.

Von solchen Kronen und ähnlichen Kunstschätzen fand sich, wie früher
erzählt, in Guarrazar bei Toledo noch eine Menge in einem Priestergrabe
geborgen, dabei ein Szepter, Gürtel, Gefäße, Lampen, eine Eucharistie
in Gestalt einer Taube und andere aus Gold und Edelsteinen hergestellte
Prunkgegenstände.

Feste, wie in späterer Zeit, waren schon damals an der Tagesordnung
-- selbst die heute noch so geliebten Stiergefechte --, wie denn schon
im 6. Jahrhundert ein Bischof Eusebius von Tarraco (Tarragona) wegen
seiner Leidenschaft für solche gestraft wird.

       *       *       *       *       *

Die Schriftsteller melden aber außerdem auch von vielen neuen und
großen Bauwerken der westgotischen Könige; von Kirchen wie der
berühmten Basilika der heiligen Leokadia, die König Sisibut zu Toledo
erstehen ließ (612), von Klöstern, wie dem Agalia genannten vor Toledo,
weit gerühmt im Lande; die Stadtmauern Toledos wurden von König Wamba
neu aufgebaut, Leovigild baute ganze Städte, so Recopolis am oberen
Tajo zu Ehren seines Sohnes Recared, Victoriacum im Norden; Wamba
einen Ort seines Namens; die Stiftungen von Kirchen und Klöstern, die
aufgezählt werden, sind zahlreich.

Die Literatur gibt uns also ein ungemein reiches Bild des neu
Geschaffenen.

[Sidenote: Cordoba Moschee]

Von dem allen sehen wir allerdings heute gar wenig mehr. Die Araber
haben allzu gründlich aufgeräumt, die Kirchen zerstört oder wenigstens
in Moscheen umgewirkt, so eingreifend, daß da kaum etwas mehr vom
ursprünglichen Bestande zu finden ist. Trotzdem konnte ein bekannter
spanischer Verständiger mir sagen: der bedeutendste bauliche Rest der
Westgotenzeit in Spanien ist -- die Moschee zu Cordoba! Ein paradox
klingendes Wort, da diese Moschee doch auch als die bezeichnendste
bauliche Tat der alten echten Araber auf spanischem Boden, als eines
der orientalischsten Werke in Europa angesehen wird.

Doch ist es richtig: die Moschee besteht in ihren ersten und
originalsten Teilen aus den Resten mehrerer westgotischer Kirchen, und
große Stücke ihrer Architektur sind einfach von daher übertragen; nicht
nur die Säulen (s. Abb. 46), sondern auch das Hufeisenbogenwerk, das
die Obermauern trägt, alte Fenstergitter und dergleichen Steinarbeiten,
vielleicht sogar die Reste des alten Holzplafonds, wie denn Cordoba in
seinen Mauern noch zahllose Trümmer westgotischer Baukunst birgt.

Die alten Kapitelle in der Moschee zeigen uns ganz nordische Umbildung
der korinthischen Kelchform, oft in solch eigentümlicher Weise, daß
man Arbeiten der deutschen Renaissance zu sehen vermeint. Die Kämpfer,
in der Form anklingend an die byzantinischen Kapitellaufsätze, sind
doch mit eigentümlichem germanischem Ornament bedeckt von Geflecht,
Kerbschnitt oder ähnlichem Zierwerke, oft verstümmelt, die Kreuze
weggehauen, doch die Grundformen wohl erkennbar und deutlich.

Auch ein riesiges Weihwasserbecken von länglich rechteckiger Form steht
noch beim Eingang; die pfeilerartige Stütze in rein geometrischem
Kerbschnitt in Rosetten und Friesen völlig verziert, das Kreuz wieder
halb weggehauen (s. Abb. 70).

Nicht zu vergessen bleibt immer, daß der Hufeisenbogen von den
Arabern aus der westgotischen Verlassenschaft übernommen, nicht etwa
mitgebracht wurde, wie auch manches andere künstlerische Motiv. Schon
an spätrömisch-westgotischen Grabsteinen kommt er in Gesellschaft des
germanischen Kristallschnittes häufig vor (Abb. 106).

[Illustration: Abb. 106. Leon. Museum. Römisch-westgotische Grabsteine.]

Darum wissen wir auf den ersten Blick westgotische und älteste
spanisch-arabische Architektur nur schwer auseinander zu halten.

       *       *       *       *       *

[Sidenote: Merida]

Auch Merida, die alte Hauptstadt Lusitaniens (einst die prächtige
Augusta Emerita), war berühmt durch ihre vielen Kirchen und stattlichen
Bauwerke; die Chronik Roderichs sagt, daß sie zu dessen Zeit (713 fiel
sie den Arabern in die Gewalt) 84 Tore, 5 Schlösser und gar 3700 Türme
gehabt habe. Ist dies auch phantastische Ausschmückung, so wird man
immerhin auf eine umfassende Bautätigkeit in westgotischer Zeit in
Merida schließen müssen. Die ganze trümmerreiche Stadt steckt heute
noch voll von Resten aus jener Zeit, wenn auch die Araber unter Musa
nachher dort eine glänzende Hauptstadt rein orientalischen Charakters
erstehen ließen. Allerdings war schon den Westgoten das riesige dortige
Römerwerk, von dem noch jetzt Tempelreste, Theater, Zirkus, Brücken und
Aquädukte übrig sind, ein bequemer Steinbruch gewesen; trotzdem muß
zu ihrer Zeit hier eine ganz neue Art von Bautätigkeit sich entfaltet
haben, an deren Werken uns die besondere Stilisierung auffällt,
deren Ausläufer wir, da Merida die Hauptstadt auch des westgotischen
Lusitaniens blieb, bis nach Lissabon hin finden.

Davon sind vor allem die mannigfaltigen Reste von Steinarbeiten im
Museum Zeugen. Darunter fallen gewisse Stützen auf, Pilaster, in
deren Vorderfläche kleinere Halbsäulen hineingetieft sind, aus deren
vierkantiger Masse der Schmuck, Blätterkränze der Kapitelle, Zierat
jeder Art so herausgearbeitet ist, daß die Plastik überall nur durch
Vertiefung des Grundes in den ursprünglich glattvierkantigen Stein
erreicht ist.

Ganz zu verstehen ist dies merkwürdige Verfahren nur dann, wenn wir
uns die glatten Steinbalken, wie die Balken eines Fachwerkbaus,
bereits in die Wand hinein vermauert denken und uns weiter vorstellen,
daß der Bildhauer nun erst den Schmuck in die Fläche des Pfeilers
hinein zu hauen hatte. So sind die Steinpilaster des 6. Jahrhunderts
in Merida manchen Holzständern der geschnitzten Fachwerkbauten
des 16. Jahrhunderts in Hildesheim und anderwärts völlig ähnlich.
Vielleicht das merkwürdigste Beispiel für den holzgeborenen Charakter
der germanischen Steinarchitektur, und der schärfste Beweis für die
Konstanz der künstlerischen Richtung innerhalb der Rasse.

Auch an verschiedenen anderen Gestaltungen reich ist das in Merida an
Resten noch Vorhandene. So sehen wir allerlei Freistützen, gewundene
Säulen mit Kapitellen, die in holzmäßiger Umgestaltung noch die
römischen Vorbilder nachzuahmen suchen, aber auch vierkantige Pfeiler,
deren Flächen von eigentümlich geformten Kreuzen eingenommen werden,
und deren Kapitell reine Holztechnik ausspricht (s. Abb. 46), --
eine Stütze, die ähnlich auch in Toledo daheim ist. Dann aber Reste
von Schranken (cancelli), den gleichzeitigen langobardischen in
Italien (Aquileja) sehr nahe verwandt, die mit einer Einteilung in
quadratische, mit Tiergestalten gefüllte Kassetten geschmückt sind,
darüber Muscheln in Bögen und Dreiecken; alles rein vertieft in die
Fläche, wie wir es aus dem Osten kennen.

Andere Bauteile finden wir in jüngeren Bauwerken vermauert; so höchst
stattliche Türpfeiler in der berühmten, in gegenwärtiger Gestalt aber
den Arabern angehörigen Wasserkunst im alten Alcazar (El Conventual
[Abb. 107, Tafel XXX]).

Wieviel einst aber da vorhanden gewesen sein mag, ist kaum mehr zu
ahnen. Die arabischen Eroberer plünderten und verschleppten die
kostbareren Teile der Bauwerke über weite Gegenden; ihre Schriftsteller
erzählen Wunderdinge von der Marmorpracht und anderen Herrlichkeiten,
die sie vorfanden.

Es wird vor allem gerühmt die große Hauptkirche, Sta. Maria (Sta.
Hierosolyma genannt), wegen ihrer Größe und Pracht, der Ort vieler
Konzilien; außerdem die Basilika St. Eulalia (in romanischer Zeit
wieder aufgebaut); ein großes Baptisterium bei J. Joh. Baptista,
zahlreiche andere Kirchen, Klöster, Hospize, Krankenhäuser, Schulen.

[Illustration:

  XXX

Abb. 107. Merida. Westgotische Pfeiler im Conventual.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

[Illustration: Abb. 109. Toledo. S. Cristo de la Luz.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

Schon im 6. Jahrhundert errichtete Erzbischof Fidel an Stelle seiner
eingestürzten Residenz eine neue prächtige, die wundervoll ausgestattet
als bischöfliches Atrium mit seinen drei reichen Säulenhallen
besonders gepriesen wird (Paul Diaconus), ausgestattet mit Marmor,
Mosaik und sonst kostbaren Materialien. Ein zweites herzogliches Atrium
wird ebenfalls erwähnt.

[Sidenote: Sevilla]

+Sevilla+, einst so bedeutsam als westgotische Hauptstadt in
Andalusien, zeigt uns aus germanischen Tagen ebenfalls nur noch Trümmer
in reicher Vielgestalt in seinem Museum; keinen sonstigen Rest von
Gebäuden mehr aufrecht.

[Sidenote: Toledo]

Kaum anders ist es in Toledo, wo man von den einstigen großen Bauwerken
der westgotischen Residenz fast nichts mehr hat, als die zahlreichen
aus Befestigungen und späteren Mauern, insbesondere arabischen, wieder
zutage beförderten Architekturteile, von denen eine nicht unbedeutende
Zahl inzwischen nach Madrid ins Museo arqueologico gewandert ist.

Von der einst nach Norden am Fuße der hoch emporragenden Stadt
liegenden Basilika der hl. Leokadia ist nichts übrig, als eine Reihe
von Säulenkapitellen in den Höfen des Sta. Cruz-Hospitals (Abb.
47). An der Stelle der Kirche, die so viele westgotische Konzilien
-- unglückseligen Angedenkens -- in ihren Mauern tagen sah, steht
ein kleines nichtswürdiges bäurisches Gotteshaus; ein paar marmorne
Säulenschäfte stecken als Wegepfosten an den Wegen im Boden. Der zweite
Hallenhof des genannten berühmten Hospitals des „großen Kardinals“
(Mendoza) steht auf den nach oben transportierten Säulen, deren
Kapitelle merkwürdige Umbildung korinthischer Grundform zeigen. Überall
bricht neue Gestaltung hindurch: die Parallelität der Linien, der
Blattrippen, wellenförmige Rippungen und dergleichen treten an Stelle
antiker Formenbildung; sonderbare Hakenblätter von ganz fremder Gestalt
umgürten den Kelch.

Von der Kirche der hl. Agnes (Ginés) sind (in Madrid) allerlei
Bruchstücke vorhanden; so vor allem ein Doppelfenster mit
Zwischensäule; der Doppelhufeisenbogen ist aus einem einzigen
Marmorblock gehauen; das Kapitell mit Kämpfer eben angedeutet, die
Basis rein als vertiefte Ringelung gebildet; kurz alles völlig
zimmermannsmäßig.

Zahlreiche Kämpfer, Türstürze, Friese und dergleichen zeigen uns
ausnahmslos mehr und als irgendwo sonst reine Kerbschnittarbeit oder
Zimmermannsart auf den Stein übertragen und völlig zu einem eigenen
Stile ausgebildet, auch in netzförmigen Mustern, Rosetten in Reihen
angeordnet, kurz in mannigfachster Durchbildung.

Insbesondere spielt hier das aus verschlungenen Kreislinien
hergestellte Vierblatt und Sechsblatt im Kreise eine große Rolle (wie
auch bei den merowingischen Franken, nicht minder aber in der späteren
Holzkunst und Zimmermannsarbeit des Nordens). Selbst in die Keramik
übertragen (so auf Ziegelsteine als Zierat). Kurz, die Ornamentik der
Westgoten ist fast ausschließlich nur aus der reinen Holzschnitzerei
und Kerberei zu verstehen, weil aus ihr entstanden (Abb. 108).

[Illustration: Abb. 108. Westgotische und fränkische Steinornamente.]

Ein paar bauliche Reste haben sich in späteren Moscheen erhalten. Da
sei vor allem die bekannte kleine, jetzt S. Cristo de la Luz, genannt,
deren Schiff (Abb. 109, Tafel XXX) rein quadratisch, mit Außenmauern
aus großen Quadern und Zwischenlagen von Backsteinschichten, durch
Hufeisenbögen auf vier mittleren Säulen in neun kleine Quadrate
geteilt, wohl die alte kleine Kirche gebildet haben kann; also eine
Zentralanlage (die Apsis oder Apsiden durch eine spätere Erweiterung
verdrängt). Die kurzen Säulen mit ihren derben gekerbten und recht
rohen Kapitellen von ganz ungleicher Bildung, der Westgotenzeit
angehörend, dürften in der Tat noch an ihrem ursprünglichen Platze
stehen. Jetzt sind darüber maurische (sehr frühe) Gewölbe mit
Mittelkuppel.

[Sidenote: Portugal]

Auch in anderen wichtigen Städten sind der Steinüberreste noch genug
in den Museen vorhanden, so in Murcia, Valencia, Tarragona, Barcelona,
Zaragoza, Leon; Toulouse, Carcassonne, Narbonne, Arles, Nimes, Aix,
Marseille; ebenso in Lissabon, wo der Stil nach Merida hinüber weist;
einige Sonderarbeiten ebenfalls gekerbter Art, die anders aussehen,
auch Tiere darstellen, könnten den Sueben des Nordwestens zuzurechnen
sein. In Guimarães und in der Gegend von Braga allerlei ähnliche Reste,
da Athanagild in jener Gegend viel gebaut haben soll, dessen Zeit 560
zugeschrieben. Ein Dorf trägt sogar dieses Königs Namen. In Guimarães
(Museum) ein merkwürdiges Überbleibsel in Quadern, wohl ein Stück der
Apsis einer Kirche, Flechtbänder als Gesimse und um das Fenster, das
noch mit einem ganz flach gekerbten mäanderartigen Bande eingefaßt ist;
ein Dokument selbständig ausgebildeter Architektur aus jener Zeit.
(Merkwürdigerweise dort den alten Iberiern zugeschrieben.)

[Sidenote: Baños]

Von allen Bauwerken aus der Zeit vor dem Einbruche der Araber scheint
in Spanien nur ein einziges vollständig übrig geblieben zu sein: die
Kirche S. Juan Bautista zu Baños de Cerato (Abb. 110). Dieses mitten
in Altkastilien bei Palencia gelegene Gotteshaus ist von Reccesvinth
im Jahre 661 gebaut, da dieser König sich in der nahe dabei gelegenen
Heilquelle vom Steinleiden gesund gebadet hatte, derselbe, dessen Namen
auch die schönste der Goldkronen des Schatzes von Guarrazar trägt. Die
kleine Basilika darf daher als eines der für alle Germanen historisch
wichtigsten Bauwerke betrachtet werden; jetzt wieder vortrefflich
hergestellt gibt sie uns neben Cividale das einzige völlig erhaltene
Beispiel eines in einem während der Völkerwanderungszeit gegründeten
germanischen Reiche in dessen kräftigster Entwicklung erbauten
Gotteshauses. -- Und zwar eines solchen von Kunstwert und ungemein
sprechender Charakteristik.

[Illustration: Abb. 110. Baños. S. Juan Bautista.]

[Illustration: Abb. 111. Baños. S. Juan Bautista.]

[Illustration:

  XXXI

Abb. 113. Baños. S. Juan Bautista. Portalbogen.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

[Illustration: Abb. 116. Baños. Ostfenster.]

Es ist eine kleine dreischiffige Basilika mit offenem Dachstuhle
(Abb. 111), deren Ostseite mit drei rechteckigen mit Tonnengewölben
bedeckten Chören abschließt. -- Acht Säulen tragen die Hufeisenbögen
der Mittelschiffmauer; ihre Kapitelle (Abb. 112; vgl. Abb. 47) sind
korinthischen frei nachgebildet, derb, doch charakteristisch in
gleicher Art, wie die in Cordoba und Toledo erwähnten. Vor die Kirche
legt sich eine stattliche Vorhalle (Abb. 113, Taf. XXI), sich mit
breitem Hufeisenbogen öffnend, über ihm ein Kreuz. Alle Bögen sind
hufeisenförmig, auch das Tonnengewölbe des Chors; die Kämpfer in reinem
Kerbschnitt geschmückt mit Reihen von Vierblättern im Kreise; ebenso
die Archivolte des Eingangsbogens (Abb. 114).

Die schlanken Fenster des Obergadens und die Ostfenster schließen innen
ebenfalls im Hufeisen und haben als Ausfüllung reich durchbrochene
Steinplatten. Über dem mittleren Chorbogen aber zeigt sich eine kräftig
vortretende Inschrifttafel von vier sparrenkopfartigen Blöcken an den
Ecken gefaßt, die besagt:

    Heil! Vorläufer des Herrn, Blutzeuge, Du Täufer Johannes,
    Sollst ihn besitzen, den Sitz Dir geweiht in ewiger Schenkung,
    Welchen in Demut ich, Dein treuer Verehrer, der König
    Reccesvinthus Dir aus eigenem Gute gestiftet,
    Unseres Reiches im zehnten und drei, der berufene Landgraf,
    Sechsmalhundert rechnet die Ära und neunzig und neune[43].

[Illustration: Abb. 112. Baños. S. Juan Bautista. Schiffsäule.]

Hier haben wir also wohl die älteste germanische Bauinschrift mit Datum
und Namen vor uns, ein Dokument von einziger Bedeutung. Die Jahreszahl
699 der (julianischen) Ära ist 661 der christlichen Zeitrechnung.

Kerbschnittfriese aus den bezeichneten Vierblättern gebildet, ziehen
als Gesims um den Obergaden, bilden die Kämpfer (Abb. 114), umziehen
auch das Äußere des Mittelschiffes als Kämpfer der Fenster. Ganz
ähnliche Technik zeigt die Chorbogen-Archivolte (Abb. 115).

Das ganze kleine Gebäude ist gediegen in Quadern und Bruchsteinen doch
ohne besondere Schulmäßigkeit flott durchgeführt und hat zwölf und ein
halbes Jahrhundert ohne nennenswerten Schaden überdauert. Es lag wohl
nicht am Wege, in einem winzigen Dörflein, und ist vom ersten Strom der
ja übrigens toleranten Araber vielleicht übersehen worden. Heute noch
verirren sich nur Wenige dahin.

[Illustration: Abb. 114. Baños. Bogenkämpfer.]

Aber der künstlerische Eindruck ist ein bedeutender und bleibender.
Die Würde des einfachen kleinen und doch ernsten und kraftvollen
Baus mit seinem offenen Dache ist groß; die Materialien sind edel --
Cipollinschäfte und weiße Marmorkapitelle der Säulen --, ihr Schmuck
einfach und doch wirksam.

Reste von Bemalung sind am Tonnengewölbe des Chors sichtbar:
kassettenartige Einteilung mit Rosetten, ob nur in Querbögen oder über
das ganze Gewölbe ist nicht mehr zu entscheiden. -- Das Ostfenster mit
seinem durchbrochenen Steingitter ist von hohem Reize (Abbildung 116,
Tafel XXXI).

[Illustration: Abb. 115. Baños. Archivolte des Chorbogens.]

[Illustration: Abb. 117. Baños. S. Juan Bautista.]

Was uns hier in einem einzigen so bescheidenen Beispiele blieb von der
originalen Baukunst des westgotisch-spanischen Reiches, spricht uns
doch von vielen verschwundenen großen Werken, von mehr, als man wohl
denken mochte. Würde, Ernst und klare Durchbildung im einzelnen ist
nicht zu verkennen. Wenn im Grundriß und Gesamterscheinung uns ein
Werk entgegentritt, das sich dem im Orient wie in Italien Üblichen
jener Zeit ungefähr anzuschließen scheint, wenn sogar die Frage
offen bleiben muß, ob der an germanischen Bauwerken so verbreitete
Hufeisenbogen wirklich allein aus dem Holzbau abgeleitet werden darf,
da diese Bogenform im gleichen oder (vielleicht) schon früheren
Jahrhundert im nächsten Orient (Anatolien) ebenfalls verbreitet war,
so ist, wenn man selbst den Anspruch auf völlig originale Entstehung
dieser Gestaltung aufgeben will, des künstlerischen Verdienstes noch
genug, die Eigenart hinreichend hervortretend, daß man solche Werke als
in dem großen Gemälde der altchristlichen Baukunst durchaus vollwertig
dastehend bezeichnen darf.

Das gedrungene Äußere des Bauwerks (Abb. 117) baut sich in ruhiger
Gruppe auf; die sich in weitem Hufeisenbogen öffnende Vorhalle wirkt
mit zur malerischen Gestaltung. Das Kreuz darüber ist dasselbe wie wir
es bei den Langobarden verbreitet fanden.

[Illustration: Abb. 118. S. Miguel de Escalada.]

Daneben liegt die uralte Heilquelle in den Boden versenkt und mit einem
aus der Erde hervorragenden Tonnengewölbe überdeckt; eine Treppe führt
an der Langseite in die Tiefe zu dem Hufeisenbogen des Einganges,
der wie das übrige beweist, daß König Reccesvinth auch dem heilenden
Gewässer das schützende und kühlende Gewölbe schuf.

[Sidenote: Suso]

Die ganz kleine Dorfkirche von S. Millan de la Cogulla zu Suso bei
Logroño am oberen Ebro war in ihrer Art ganz ähnlich, ist aber jetzt
stark entstellt und eingewölbt, so daß man nur noch die Basilikenform
auf scheinbar kapitelllosen Säulen mit Hufeisenbögen erkennt.
Jedenfalls aber bezeugt ihre ganze Erscheinung eine weitere
Verbreitung der Grundform, wie sie in Baños gegeben ist.

[Illustration:

  XXXII

Abb. 119. S. Miguel de Escalada. Inneres.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]


[Illustration: Abb. 129. Sta. Maria de Naranco. Äußeres.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

[Sidenote: S. Miguel de Escalada]

Einen wohl ursprünglich gleicher Zeit angehörenden Bau, doch dann
der arabischen Zerstörung anheim gefallen und nachher von Mönchen
aus Toledo wieder aufgebaut, 913 neu geweiht, finden wir in der
Umgebung von Leon: S. Miguel de Escalada (Abb. 118). Ebenfalls
eine dreischiffige Säulenbasilika mit je vier freistehenden und
zwei angelehnten Säulen unter jeder Mittelschiffwand; alle Bögen
von Hufeisenform. Hier aber besteht die Ostpartie nicht aus drei
rechteckigen, sondern drei im Grundriß hufeisenförmigen Apsiden
nebeneinander. Eine fernere Besonderheit des Innern ist die Abtrennung
eines querschiffartigen Raumes durch eine Bogenstellung quer durch die
Kirche vor Altar und Apsiden, im Mittelschiff auf zwei Säulen ruhend,
ganz jener in Italien verbreiteten Gepflogenheit entsprechend, die wir
in Torcello wie in den alten langobardischen Kirchen fanden; also der
Abgrenzung eines Heiligen durch Schranken und Säulenteilung (Abb. 119,
Tafel XXXII).

Die rundbogigen Fenster des Obergadens sind abwechselnd ganz schmal und
etwas breiter, ein Rhythmus, der vielleicht auf völligen Neubau der
oberen Teile nach 913 deutet.

Die Hufeisenform des Apsisgrundrisses ist kaum weniger bemerkenswert;
sie tritt an germanischen Kirchen in allen Ländern, insbesondere genau
wie hier in der Schweiz auf, an italienischen Kirchen bereits mehrfach
von uns erwähnt (vergl. Abb. 160).

Interessant sind manche Kapitelle des Schiffes, von denen die meisten
wohl der Zeit des Wiederaufbaus angehören, manche aber gewissen
langobardischen des 8. Jahrhunderts sehr ähnlich sehen. Vielerlei
Reste von Ornamenten und sonstige Einzelheiten reden von einer
einst reicheren Ausstattung der heute sehr bescheidenen Kirche, die
bei der Herstellung auch eine Art Kreuzgang, eine offene Halle auf
Hufeisenbögen nach Süden zu erhielt.

Insbesondere muß sie einst reiche Schranken besessen haben; auch eine
durchbrochene Fensterplatte mit Hufeisenöffnungen ist noch vorhanden.

[Sidenote: Peñalba]

Möglicherweise gehört auch noch hierher die ganze kleine merkwürdige
Kirche von Santiago de Peñalba weiter im Norden, wie die letztgenannte
nahe bei Leon; einschiffig und kreuzförmig im Grundriß, doch mit
zwei Apsiden, nach Osten und Westen, letztere im Unterteil einer Art
von Turm. Die beiden Apsiden sind ebenfalls von hufeisenförmigem
Grundplane. Die Eingänge liegen nach Norden und Süden im westlichen
der zwei Joche des Schiffes; die Gewölbe sind Tonnengewölbe. Hier ist
nur der Grundriß von Bedeutung; charakteristisch aber auch die Anlage
von Strebepfeilern zur Stütze des Gurtbogens, was dafür spricht, daß
die Kirche in ihrer jetzigen Erscheinung wohl eher dem 9. Jahrhundert
zuzuschreiben sein mag.

[Sidenote: Asturische Bauten der Spätzeit]

Diese letzte Zeit ist hier von höchster Bedeutung, denn ihr verdanken
wir die ausgezeichnetsten Werke der germanischen Baukunst in Spanien
überhaupt. Mit dem Eindringen der Araber erlosch diese ja keineswegs,
vielmehr gewann sie in einem nördlichen Winkel des Landes noch eine
Fortsetzung ihres Daseins, in der sie sich in reifer durchgebildeter
und weit klarerer Form auszusprechen vermochte, als bisher, so weit die
vorhandenen Denkmäler der älteren Zeit ein Urteil hierüber zulassen.

Es handelt sich um die ältesten christlichen Bauwerke Asturiens, des
von dem gewaltigen kantabrischen Randgebirges umschlossenen engen
Nordwinkels Spaniens, welcher den wenigen geretteten Westgoten nach
der Schlacht am Guadalete die letzte Zuflucht bot, und von wo aus in
der Folge die Wiedereroberung des ganzen Landes bis zur Besiegung der
letzten Mauren (1492) ihren Anfang nahm.

Der manchmal als sagenhaft betrachtete Feldherr Pelayo, der
Überlieferung nach der letzte Prinz von Leovigilds Stamme, soll dort
die Trümmer des westgotischen Heeres gesammelt haben; die heiligsten
Reliquien aus Toledo wurden dahin gerettet und befinden sich noch heute
in der berühmten camara santa des Domes zu Oviedo. In der äußersten
Not diente sogar die Höhle von Covadonga Pelayo mit seinen dreihundert
Getreuen als sichere Stätte, von der aus er seine vielbesungenen
Heldenkämpfe zur Wiedereroberung des Landes aufnahm. Da befinden sich
auch noch drei Steinsärge, die die Reste des Feldherrn († 736), seiner
Gattin Gandiosa und seiner Schwester Hormesinde bergen sollen. Die
Särge könnten in der Tat jener Zeit angehören; der größte steht unter
einem Bogen nach Art der altchristlichen Arkosolien; sie sind alle mit
flachem gekerbten Ornament und Rosettenreihen geschmückt.

Der Nachfolger und Schwiegersohn Pelayos gilt unter dem Namen Alfonso
I. (got. Hadafuns) als der erste spanische König. Doch ist das als eine
spätere Gruppierung durch die nationalstolzen spanischen Historiker zu
erachten, denn noch Jahrhunderte lang bezeichneten sich die asturischen
Könige als Könige der Goten. Erst seit der Verlegung des Königtums
aus Asturien nach Leon um 950 entwickelt sich langsam das eigentliche
Spaniertum. Westgotische Gesetze (lex Wisigotorum) galten bis ins
Mittelalter, selbst die Schrift der Westgoten, eine „liberale Majuskel“
wurde erst 1091 auf einem Konzil zu Leon außer Gebrauch gesetzt. Wie
lange die gotische Sprache im Gebrauche blieb, läßt sich nur vermuten;
die Kirchensprache freilich war später Latein, während die arianische
Kirche, so lange sie existierte, sich mit Vorliebe noch des Gotischen,
jedenfalls mindestens beider Sprachen nebeneinander bedient hatte.

So ist das noch auf Asturien beschränkte Königtum als rein westgotisch
zu betrachten, also auch seine Kunst. Was von ihr bis aus der Zeit
Fruelas II. († 925) z. B. an Gold- und Silberschmiedearbeit übrig
geblieben ist, beweist dies auf das klarste. So Fruelas Reliquienkasten
zu Oviedo aus Silber und Gold, mit Edelsteinen und Achaten besetzt,
dessen Schloß oder Bekrönung uns noch immer das schon am Schwarzen
Meer übliche Goldzellenwerk mit rotem Gestein und Email (dies ganz nach
Art des langobardischen an Gisulfs Spange in Cividale) in höchster
Verfeinerung doch klarster Ausprägung aufweist. Nirgends, auch in
Deutschland nicht, hat sich rein altgermanisches Kunstgewerbe so lange
noch lebendig erhalten.

In Asturien gruppiert sich, wie es sich aus der Geschichte des Landes
ergibt, alles um Oviedo, das durch Alfonso II. (el Casto) (792-842) zur
Residenz erhoben wurde, nachdem hier vorher (760) Fruela I. durch die
Gründung eines Mönchsklosters bereits einen festen Ansiedelungspunkt
geschaffen hatte. Die königliche Residenz war bis dahin in Gijon
gewesen, also ganz nahe dem Meer.

[Sidenote: Oviedo]

Alfonso II. erbaute zu Oviedo vor 800 einen neuen Königspalast und die
Kathedrale S. Salvador; als sein Architekt wird Tjoda genannt; der
Name ist gut gotisch. -- Von diesem Könige, einem der kraftvollsten in
der Reihe der asturischen Monarchen, ist in der Folge eine große Reihe
baulicher Schöpfungen errichtet worden. Es ist die Zeit der ersten
größeren Städtegründungen und der Organisation des sich wiederfindenden
germanischen Volkes im engen seither kaum genannten abgeschlossenen
Gebirgslande, das sich doch als letzte und festeste Zitadelle erwiesen
hatte.

[Illustration: Abb. 120. Oviedo. S. Tirso. Kapitell.]

Vom Dom und Palaste Alfonsos ist nichts mehr übrig, als die genannte
camara santa, ein kleiner tonnengewölbter Schatzraum mit gleichem
Gewölbe darunter, beleuchtet durch ein mit Falzsäulchen eingefaßtes,
einfaches, rundbogiges Fenster auf der Ostseite. Die Säulchen haben
korinthisierende Kapitelle ohne Eigenart, mit stachligen Blättern;
dürften wohl die Arbeit eines aus dem Osten kommenden Bildhauers sein,
also nicht von dem Westgoten Tjoda herrühren.

[Sidenote: Oviedo, S. Tirso]

Dagegen sind noch zwei Kirchen in der Stadt, die zu den um 820 von
Alfonso erbauten gehören und interessante bauliche Eigentümlichkeiten
germanischer Art aufweisen. S. Tirso gleich bei der Kathedrale hat
freilich von seinem alten Bestande, wie es scheint, nur die Ostwand
der Mittelapsis und vielleicht die Umfassungsmauern gerettet, die
eine dreischiffige Anlage ohne Querschiff nach Art der später zu
besprechenden Kirchen vermuten lassen. Aber die Ostwand hat wenigstens
noch das alte dreifache Fenster mit zwei Säulchen dazwischen, mit
Backsteinbogen, in einer viereckigen Blende, der mittelste Bogen
etwas breiter und höher als die seitlichen. Die Kapitelle sind höchst
charakteristisch germanisch, nur noch Andeutungen des korinthischen
Schemas, unten mit einer Reihe gerippter Buchenblätter umgeben, darüber
eine Art Ranken nach den Ecken und ein Abakus, alles nur angedeutet
in der Masse, aber dann im reinen Holzstil durch Rillen und Riefen
geschmückt oder gerippt (Abb. 120). Eine Erscheinung an spätere
romanische anklingend, doch ganz eigenen Stiles. Ganz gleichartige
Kapitelle finden wir bei S. Adriano de Tuñon (Abb. 47).

Die durchlochten Steine für die Drehzapfen der äußeren Holzläden
sind in der Außenmauer noch vorhanden. Die Fenstergruppe ist sehr
eindrucksvoll.

[Sidenote: Oviedo, Santullano]

Der größte kirchliche Überrest aus Alfonsos II. Zeit aber ist San
Julian (Santullano) in einer Vorstadt Oviedos: eine stattliche
dreischiffige Pfeilerbasilika mit Querschiff und drei rechtwinkligen
Chören alles sehr kompakt in ein Rechteck eingeschlossen (Abb. 121);
die Chorpartie nur wenig eingerückt; vor der Westtür noch eine Vorhalle
mit zwei seitlichen von der Kirche getrennten Räumen, die Treppen
enthalten; vor dem Querschiff beiderseits ein rechteckiger Raum
(vielleicht alte Sakristeien). Schiffe, Querschiff, Chöre und Vorhalle
mit Tonnengewölben überdeckt (vielleicht teilweise nachträglich
eingewölbt). Längs der Schiffwände und am Chor ringsum in kurzen
Abständen Strebepfeiler.

[Illustration: Abb. 121. Oviedo. Santullano.]

Über dem mittleren Chor ist ein mit hübschem Dreifenster auf Säulen
sich öffnender Oberraum, unzugänglich.

Die Kirche ist sonst sehr einfach, auch im 18. Jahrhundert innen
gründlich verputzt, doch nicht umgestaltet; außen noch in der
ursprünglichen Verfassung. Die Chorfenster besitzen sogar zum Teil noch
ihre alten Steinausfüllungen von durchbrochenen Platten (Abb. 61);
das Dachgesims aus Holz mit gewundenen Schwellen auf Konsolen dürfte
auch noch ursprünglich sein; im Obergeschoß sind selbst Dachbalken mit
einer Dekoration in eingetieften Bögen erhalten, ganz an die bekannte
Verzierung der Kämme in der Völkerwanderungszeit erinnernd.

Die inneren Pfeiler haben ungewöhnlich einfaches Plattengesims,
nur die rechteckige Hauptnische besitzt ringsum eine innere schöne
Blendarchitektur von Halbsäulen mit eigentümlichen primitiven
Blätterkapitellen und Bogen darüber (s. Abb. 47).

[Illustration: Abb. 122. Tuñon. S. Adriano.]

[Illustration: Abb. 123. Priesca. S. Salvador.]

Alle Formen zeigen einen neuen von der Antike abgewandten Sinn, nichts
von der gleichzeitigen karolingischen Rückkehr zum Römertum; derbe
natürliche Bildung, die uns beweist, daß der zimmermännische Geist
der alten Goten noch fortlebte. Aber auch die konstruktive Anlage ist
wertvoll: je drei Tonnengewölbe nebeneinander in Schiff und Chor, die
vertikal auf das Querschiffgewölbe stoßend, dessen Druck aufheben,
ihrerseits durch Strebepfeiler der äußeren Schiff- und Chorwände
gestützt. Im Grundriß ist die Breite des Mittelschiffes auffallend,
das jederseits durch nur drei Bögen auf rechteckigen Pfeilern mit den
Seitenschiffen verbunden wird; zwei Pfeiler sind in den Vierungsbogen
am Querschiffe zur Verkleinerung dieses Bogens eingestellt.

[Sidenote: Tuñon, Priesca]

Ähnliche Kirchenanlagen, doch einfacher, finden wir in der Umgegend
von Oviedo; so in S. Adriano de Tuñon (Abb. 122), in den Kapitellen
übereinstimmend mit S. Tirso zu Oviedo; die jüngste dieser Kirchen
ist S. Salvador in Priesca; überall die drei rechteckigen Nischen des
Chors, von denen die mittlere ringsum an den Wänden mit Blendarkaden
auf Halbsäulen geschmückt ist, das Mittelschiff meist mit offenem
Dache und nur drei Bögen nach den Seitenschiffen zu, also sehr
kurz; westlich eine mittlere Vorhalle zwischen zwei Räumen vor den
Seitenschiffen (Abb. 123). -- Wir müssen daher eine ausgebreitete
systematische Bautätigkeit des Königs Alfonso II. während seiner
fünfzigjährigen Regierungszeit annehmen, die in den Kirchen zu einem
ganz klaren Typus geführt hat.

Es kann dahin gestellt bleiben, ob diese Kirchenform aus dem Osten,
wo ähnliche Anordnungen vorkommen, hierher übertragen ist oder ob
sie sich hier von selber auf ähnlicher Grundlage entwickelt hat.
Die Hufeisenform der Bögen verschwindet im 9. Jahrhundert. Die hier
verbreitete Mehrstöckigkeit der Ostapsiden aber tritt auch mehrfach in
Syrien auf.

Wir finden den Westgoten Tjoda als den Baumeister Alfonsos II.
urkundlich beglaubigt, wissen sogar von ihm, daß er bei wichtigen
Aktionen auch sonst eine Rolle spielte, überhaupt eine einflußreiche
Persönlichkeit gewesen zu sein scheint[44]. Da ihm der größte
kirchliche Bau, der Dom, anvertraut war, so liegt aller Grund vor,
ihm auch kleinere zuzuschreiben; die Einheit des Typus der Kirchen
Alfonsos wird daher wohl in der persönlichen Kunstrichtung Tjodas
und seiner Genossen begründet sein; und wir haben das Recht, diese
Bauwerke, seien sie selbst vom Orient nicht ganz unabhängig, als
germanisch-westgotische zu bezeichnen.

Die beiden Nebenräume des Chors sind öfters stark geschieden, manchmal
nur durch eine türartige Öffnung von der Kirche aus zugänglich, nicht
in einem Bogen geöffnet; man denkt dann unwillkürlich an die an den
spätbyzantinischen Kirchenanlagen so üblichen Nebenräume des Chors, die
Prothesis und das Diakonikon, die Räume für Kirchenkasse und Bibliothek
(kurz ausgedrückt). Es ist überhaupt auffällig, wie stark diese
Unterteilungen, auch die neben der Westvorhalle, der Regel nach von dem
eigentlichen Kirchenraum getrennt zu sein pflegen.

[Sidenote: S. Miguel de Lino]

Diese Kunst hat einen wirklich glänzenden Höhepunkt gefunden in dem
Reste einer Kirche ganz nahe bei dem Weiler Naranco, etwa eine halbe
Meile nordwestlich von Oviedo, hoch am Berge, genannt S. Miguel de
Lino (Linio, Lillo). Das heute außer Dienst gestellte und leider fast
zur Hälfte abgebrochene Gebäude ist das eigentliche Schlußergebnis der
nordspanisch-westgotischen Kirchenbaukunst aus dieser letzten Zeit,
wie eines der künstlerisch wertvollsten und interessantesten Werke der
germanischen Frühzeit überhaupt.

Der Bau rührt nach der Chronik des Mönches von Silo (Mitte des 9.
Jahrhunderts) von König Ramiro I. her. Jener schreibt: Quae Michaeli
Victorioso archangelo bene construxit qui divino nutu Ramiro principi
ubique de inimicis triumphum dedit. -- Hiernach hat Ramiro dem Erzengel
Michael, als seinem Schutzpatron, dies Gebäude geweiht. -- 857 wird es
wieder erwähnt; um 883 sagt der Mönch von Albelda von Ramiro: in locum
ligno dicto eclesiam et palatium arte fornicea mire construxit[45].
Hier wird also die Lokalität in ligno, von der die Kirche noch heute
ihren Namen trägt, deutlich bezeichnet; zugleich die Wölbung betont.
Kurz, über die Identität des Bauwerkes kann kein Zweifel bestehen, auch
über seinen Erbauer Ramiro I. (842-850) nicht, so daß die Zeit des
Erstehens der Kirche sicher auf spätestens 845 anzunehmen ist. Denn 850
starb schon Ramiro in seinem dabeigelegenen Palast.

Ich habe versucht, auf Grund des Restes eine Wiederherstellung des
Kirchenplanes im Äußeren und Inneren zu geben. Die Osthälfte ist,
wie gesagt, 1846 abgebrochen, aber der ganz nahe dahinter tief
einschneidende heutige Hohlweg läßt nirgends Mauerwerk im Boden
erkennen, so daß die Kirche sehr kurz gewesen sein muß. Auch stürzt das
Terrain gleich dahinter tief ab.

Ist dies maßgebend und nicht etwa jeder Rest von Mauerwerk dort
absichtlich entfernt, so muß die sehr kurze Kirche in der Anlage mit
der von S. Salvador in Priesca genau gestimmt haben, die ja ziemlich
gleichzeitig ist (Abb. 124): kurzes Schiff von drei Jochen, dahinter
drei rechteckige Nischen (mit Obergeschoß?), im Westen Vorhalle mit
zwei seitlichen Räumen, die hier nur zu Treppenhäusern ausgenützt sind;
denn über der offenen tonnengewölbten Vorhalle befindet sich eine
ebenfalls gewölbte Empore; diese hat zu beiden Seiten je zwei Türen,
deren die westlichsten den Austritt der zwei Treppen, die anderen den
Eingang zu zwei Kammern bilden, offenbar für ähnliche Zwecke bestimmt,
wie die oben erwähnten Prothesis und Diakonikon.

[Illustration: Abb. 124. S. Miguel de Lino bei Oviedo]

Das Tonnengewölbe über den Treppen und Kammern steht parallel zu dem
der Empore. -- Über dem Mittelschiff erhebt sich zu bedeutender
Höhe gleichfalls eine solche Wölbung; die Seitenschiffe haben aber
im 1. und 3. Joche Quertonnen; ob eine solche niedrigere oder eine
längsgerichtete auch über dem mittelsten bestanden hat, ist heute kaum
mehr zu entscheiden; ich neige mich mehr zu dem Gedanken an letzteres.

Statt der Pfeiler hat der Schiffbau seiner reicheren Ausstattung gemäß
diesmal vier starke Säulen; Halbsäulen an der Wand entsprechen ihnen.

Außen treten an den in Anspruch genommenen Punkten auch hier
Strebepfeiler auf, konstruktiv genau an der richtigen Stelle
angeordnet; ihre Flächen sind kanelliert in flachem holzmäßigen Profil
mit je fünf Kehlen zwischen Stäbchen auf der Vorder-, je drei auf den
Nebenseiten.

Der Bischof Don Sebastian von Oviedo sah unsere Kirche vor 886 und
bewunderte sie höchlich. Er bezeichnet sie als vierzig Fuß lang und
halb so breit -- das ist natürlich eine einfache Schätzung wohl des
Inneren --, spricht auch von dem bekrönenden Kreuz, der Laterne, der
großen Kapelle und dem Turm für die Glocken, woraus wir aber kaum auf
eine Kuppel und einen wirklichen Turm -- wohl höchstens auf einen
offenen Aufbau zum Aufhängen der Glocken -- schließen dürfen. Leider
ist bis heute kein Bild des Gebäudes vor dem Abbruch und Umbau 1846
gefunden; es dürfte aber der fehlende Teil dem noch stehenden genau
entsprochen haben, wie ich es darzustellen versucht habe (Titelbild).

Wir haben also hier ein konstruktiv ganz trefflich durchdachtes
neuartiges System von Tonnengewölben, längs und quer gestellt, vor uns;
die stark beanspruchten Punkte der Außenmauern sind mit Strebepfeilern
verstärkt (Abb. 125). Das Werk steht so als eine für jene Zeit geradezu
geniale Leistung da; trotz kleiner Maße und der Beschränkung auf die
eine Gewölbeform ist es als Gewölbebau die größte Leistung jener
Baukunst. Nicht minder aber auch formal.

Das Detail zeigt uns hier überall echt germanische Holzformen auf Stein
übertragen; meist in ganz auffälliger Weise. Schon die sämtlichen
Gesimse und Archivolten sind aus Taustäben, einfachen und verdoppelten
gebildet, wie überhaupt der gewundene Stab eine große Rolle spielt.
Die Säulenkapitelle gehen aus dem Rund des Schaftes unmerklich in die
vierkantige Deckplatte über und sind mit gewundenen Stäben eingeteilt,
teilweise mit Rosetten gefüllt. Von einfachster doch in ihrer Art ganz
vollkommener Form, die mit dem östlichen Trapezkapitell nichts zu tun
hat, doch in ähnlicher Grundgestalt angestrebt wird (s. Abb. 48).

Besonders interessant ist im Inneren die Architektur auf der Westempore
(Abb. 126); so die doppelten Türbögen aus je einem Stück Stein mit
einem dem langobardischen des 8. Jahrhunderts nahestehenden Ornament,
besonders aber die gerieften Dreiviertelsäulen ohne Kapitell, doch mit
Fuß, die den großen Gurtbogen tragen, und zwar vermittels eines quer
überliegenden Steinbalkens, der die reinste zimmermännische Zierweise
zeigt, in Zierformen, die geradezu identisch sind mit denen der
Türbekrönung eines Fachwerkhauses aus Sachsenberg von 1585 (Abb. 44).

Nicht minder charakteristisch die Überlagsteine über den kapitelllosen
Halbsäulen am Treppenaufgange (Abb. 52) und die Umrahmung der Fenster:
überall eingetiefte Hohlkehlen mit kleinen Stäbchen oder Kanten
dazwischen, genau solche Profile, wie sie unser 15. und 16. Jahrhundert
in der Holzkunst der späten Gotik benützt.

[Illustration: Abb. 125. S. Miguel de Lino. Perspektivischer
Durchschnitt.]

Ganz besonders neu sind aber die prächtigen breit gelagerten Säulenfüße
des Schiffes (s. Abb. 55); ins Viereck übergehende kraftvolle Wulste,
an den vier Seiten mit je drei Arkaden geschmückt, die in ganz flachem
Relief die Symbole der Evangelisten und Ähnliches enthalten, davon die
Umfassung und Überwölbung wie aus Tauen ganz holzmäßig, oder auch wie
aus lauter Strohseilen geflochten. Aber von mächtiger Wucht in der
Wirkung. Nur noch im hohen Norden (Dänemark) treten ähnlich gefühlte
kolossale Säulenfüße auf.

Bemerkenswert sind daneben angefügte Füße von kleineren Säulen, die
ergeben, daß eine weit niedrigere Säulenstellung zwischen den großen
Säulen das erste Joch des Mittelschiffes ringsum abtrennte. Vielleicht
eine Art Baptisterium im Westen der Kirche; denn ein riesiger ganz
glatter zylindrischer Taufstein liegt noch vor der Kirche.

[Illustration: Abb. 126. S. Miguel de Lino. Stütze und Bogen auf der
Empore.]

Die mittlere Apsis habe ich als gleichartig mit der von Santullano und
anderen Kirchen jener Art angenommen; die Wände mit Halbsäulen und
Bögen darüber gegliedert, da vorhandene Reste von Wandkapitellen und
quergerippten Halbsäulen dafür sprechen. Aber auch eine Schranke muß
durch die Kirche, wenigstens vor dem Chor her, gegangen sein; in der
nächsten Umgebung der Kirche haben sich Reste von Marmorpfosten mit
Nuten für einzulassende Brüstungsplatten vorgefunden; meist zeigen sie
auf ihrer oben abgerundeten Vorderseite, flach erhaben, einen Krieger
auf das Schwert gestützt über einer herablaufenden Ornamentranke.

Auch Bruchstücke von Brüstungsplatten sind übrig, die von bedeutendem
Interesse sind. Denn ihrer Behandlung wie ihrem Inhalt nach stimmt die
größte mit einer in Ingelheim im karolingischen Kaiserpalast gefundene
(Abb. 166) merkwürdig überein. In ganz flachem auf Grund gesetztem
Relief sehen wir in ornamentaler Umrahmung ein Flügelpferd dargestellt
(Abb. 127), höchst verwandt dem auf der Karolingerplatte, so daß man
an den gleichen Ursprung denken möchte. Die Entstehungszeit beider
Platten dürfte sicher ziemlich die gleiche sein. Der Rest einer anderen
ebenfalls eine Art Ungeheuer darstellenden Platte zeigt den öfters
berührten Bindfaden-Reliefstil.

Gen Westen befindet sich die Vorhalle, nach außen ganz offen;
die Türflügel waren zwischen Vorhalle und Kirche angebracht. Der
Eingangsbogen der Kirche hat nun den eigenartigsten Schmuck: zwei
Pfeiler mit Kämpfern, reich mit Bildhauerarbeit geziert; der Bogen ist
Backstein, wie oft in jener Zeit (S. Tirso, Val de Dios).

Diese Pfeiler, von denen jeder durch sich kreuzende Friese in drei
rechteckige Felder übereinander geteilt ist, gehören mit zu den
ältesten figürlichen Bildwerken germanischer Kunst; sind freilich
nichts weiter, als eine Übertragung eines elfenbeinernen römischen
Konsulardiptychons, das wie so viele dieser Plättchen oben den Konsul
zwischen zwei Beamten auf dem Throne sitzend, unten ein Zirkusspiel
von Männern und Löwen enthält. Die obere Gruppe wiederholt sich unten
nochmals; das Ganze ganz gleich an der zweiten Seite des Einganges
(Abb. 30).

Aber nirgends ist der Zimmermannsstil jener Zeit deutlicher erkennbar;
nie ist er klarer gehandhabt. Das Relief zeigt jene früher beschriebene
Art der Zeichnung wie mit aufliegenden Bindfäden, wie er auch auf den
germanischen Münzenbildern auftritt. Aber in Behandlung und Verteilung
trotz gänzlichen Mangels an verstandener Zeichnung ein getreues
Gegenstück zu den langobardischen Reliefs, die wir z. B. in Cividale
kennen lernten; in Capua fanden wir eine nahestehende Darstellung
eines Erzengels oder Heiligen. Beide Steine wirken hier wie zwei
aufgerichtete Holzplanken im Schiffszimmermannsstil.

[Illustration: Abb. 127. S. Miguel de Lino. Brüstungsplatte.]

Das Äußere der Kirche ist imponierend durch die wohl abgestufte Gruppe
seiner verschiedenen Bauteile, besonders aber wertvoll durch seine
prachtvollen Fenster (Abb. 61). Denn alle großen Fenster sind einfach
mit durchbrochenen Steinplatten geschlossen; alle wie aus einem dicken
Brett herausgearbeitet, mit Arkaden und kleinen Säulchen, die ganz
den im Norden üblichen Drechslerarbeiten entsprechen. Unverkennbare
Übertragung damals gewiß viel vorkommender hölzerner Fenster. So
klar und deutlich wie nirgends sonst, aber auch von hoher Schönheit.
Und darüber halbe oder ganze richtige Fensterrosen, wie sie bisher
als ausschließliche Eigentümlichkeit des romanischen Stiles des 12.
Jahrhunderts im mittleren Europa betrachtet werden. Selbst im Giebel
oben eine solche runde Rose. Kurz, das romanische und gotische Maßwerk
völlig klar vorgebildet und begründet, eine künstlerische Neuschöpfung,
die später eine sechshundertjährige Fortentwicklung glanzvollster Art
gefunden hat.

In dem ersten Quergewölbe des Seitenschiffes glänzt das Prachtstück
dieser Fenster: eine dreiteilige Arkade auf vier gewundenen Säulen
mit Blattkapitellen, darüber ein durchbrochenes Gitter- oder Maßwerk
aus sich durchdringenden Kreisen von allerhöchster Pracht (s.
Abb. 61)! Wieder aus einer Steinplatte gearbeitet, doch die ganze
Fenstermaßwerkschönheit des Mittelalters bereits erblicken lassend,
nicht minder aber den Mauren ein Vorbild liefernd, aus dem diese z. B.
im 12. und 13. Jahrhundert auf der Alhambra die phantasievollsten, ja
zauberhaften Wirkungen zu entwickeln verstanden[46].

Überall aber hier um die Mitte des 9. Jahrhunderts sichtbare
Aufrechterhaltung einer alten Tradition in der Übertragung einer
Kunstübung auf den Stein, die in Holz damals noch immer nicht nur
lebendig, sondern auf einer hohen Schönheitstufe angelangt gewesen
sein muß, von der wir uns allein aus solchen Übertragungen -- davon
ist sonst leider auch fast alles verloren -- einen Begriff zu machen
vermögen. Was wir in Norwegen im 12.-14. Jahrhundert noch von Holzkunst
an Kirchenbauten lebendig sehen, das gibt uns einen Schimmer von Ahnung
dessen, was die Germanen damals im Süden besessen haben mögen.

Dafür, daß solche Folgerung nicht ein Phantasiegebilde ist, gibt uns
unsere Kirche -- fast allein -- greifbaren Beweis. Und nirgends lassen
sich für diese Kunstweise andere Vorbilder oder Parallelen, etwa im
Orient, in Afrika, nachweisen. Sie ist eben von allem, was sonst als
Quelle gilt, völlig unabhängig.

[Sidenote: Sta. Maria de Naranco]

Wenige hundert Schritte davon liegt eine zweite Kirche, Sta. Maria de
Naranco, die heutige Pfarrkirche des kleinen Weilers Naranco.

Es ist unnötig, bei dem klaren Sachbefund noch zu beweisen, daß diese
„Kirche“ nichts anderes ist, als der zu S. Miguel de Lino gehörige
Palast, von dem die alten Nachrichten sprechen.

[Illustration:

  XXXIII

Abb. 130. Sta. Maria de Naranco. Inneres.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

Sie sagen: König Ramiro errichtete an dem Lino (lignum) genannten Ort
eine Kirche und einen Palast von wunderbarer Wölbekunst (Chronik von
Abbelda 883); ferner: er errichtete seinem Schutzpatron Michael eine
Kirche zwei Meilen weit von Oviedo, und viele Gebäude aus Mauerwerk und
Marmor, gewölbt. (Chronik von Silo 860.) Ferner: Ramiro starb (850) im
Palast zu Naranco. Im Jahre 905 verfügt König Alfonso III. über Linio
cum palatiis balneis et ecclesia Sti Michaelis.

Ein Blick auf Grundriß (Abb. 128) und Anlage zeigt uns nun, daß wir
hier eine altgermanische +Königshalle+ vor uns sehen, und zwar die
letzte und einzige, die uns erhalten ist. Ein Fund ohnegleichen!

Die spanische Historikerwelt, die hier die Wurzeln ihrer Monarchie
findet, bemüht sich seit langem dies zu bestreiten und zu behaupten,
der Bau sei von Anfang an eine Kirche und von Ramiro I. erbaut. Der
Himmel nur weiß warum. -- Welcher Widersinn darin liegt, daß ein König,
der nur acht Jahre regiert hat, solche Mittel aufgewandt hätte, noch
dazu in armen kriegerischen Zeiten, um halb in der Wildnis, entfernt
von seiner festen Hauptstadt, zwei Kirchen hundert Schritt voneinander
zu bauen, das scheint man nicht zu bemerken.

[Illustration: Abb. 128. Sta. Maria de Naranco.]

Eine längere Beweisführung ist unnütz, schon den oben angeführten
historischen Beweisstücken gegenüber.

Der Sachverhalt ist kurz folgender:

Die heutige Kirche Sta. Maria de Naranco ist die alte Halle der
westgotischen Könige in Asturien. Wie alt, ist für jetzt nicht zu
entscheiden. Ramiro baute einen Wohnpalast und Bäder dazu, sowie eine
Kirche für seinen schützenden Erzengel Michael hundert Schritte weiter.

Der Wohnpalast und die Bäder sind verschwunden, Mauerüberreste und
Fundstücke noch vorhanden, auch im Museum zu Oviedo. Darunter ein
prächtiges Fenstergitter von viereckiger Gestalt, ein ebenso echtes
Stück germanischer Art, wie die Einzelheiten der Kirche S. Miguel.
Möglicherweise stammen daher auch die Stücke jener flachen Reliefs aus
Marmor, die das Museum bewahrt, wenigstens das jenes Flügelrosses, dem
aus der Ingelheimer Pfalz so merkwürdig ähnlich.

Das in Frage stehende Gebäude ist eine lange von Osten nach Westen
gerichtete Halle, durch Anbau von Sakristei und Pfarrhaus nach beiden
Enden jetzt wohl etwas verdeckt, doch sonst wunderbar gut erhalten, mit
Ausnahme der verschwundenen Freitreppe vor der Mitte ihrer Südseite.

Diese Halle bildet ein langes fensterloses Tonnengewölbe, in der Mitte
jeder Langseite eine Tür enthaltend. Die südliche ist vermauert, die
nördliche mit ihrer Vorhalle und doppelten Freitreppe dient heute noch
als Eingang. -- An beiden Enden der Halle öffnen sich drei Bögen auf
Bündelsäulen in offene Bogenhallen, die nach Westen oder Osten je drei,
nach Norden und Süden je zwei offene Bögen hatten. Tiefe Rinnen in den
Stützen der Bögen bis zu 90 cm Höhe zeigen, daß diese Bögen unten durch
Brüstungen geschlossen waren.

Wir sehen demnach hier einen mit der Langseite nach Süden gerichteten
fensterlosen Saal, dessen Eingänge vorn und auf der Rückseite in der
Mitte sich befanden (Abb. 129, Tafel XXXII). Auf diese Mitte entwickelt
sich das Gebäude nach zwei Seiten völlig symmetrisch.

Innen stehen wir also unter einem langen Tonnengewölbe, durch dessen
mittlere Nordtür wir eingetreten sind; es ist durch 13 Gurten geteilt,
die 14 Teile ergeben; die Wände zeigen sieben Bogenblenden auf halben
Bündelsäulen, von beiden Seiten nach der Mitte etwas ansteigend und
sich vergrößernd. An beiden Enden würden wir (wenn nicht die Anbauten
hinderten) durch die beiderseitig vorgebauten völlig offenen Loggien
ins Freie blicken (Abb. 130, Tafel XXXIII).

Wunderbar und eigenartig ist die Formenbildung: alle Säulen haben
gewundene Schäfte; die Wandstreifen sind als Vierblatt im Grundrisse
gebildet; die Kapitelle sind zum Teil von einer Art Trapezform, die
Kanten mit gewundenen Taustäben besetzt. Die Gurtbögen aber, auf einem
durchlaufenden Plattengesimse mit Riefen ruhend, jedesmal dieses durch
einen Kropf durchbrechend, senden als Ausläufer in die Zwickel auf
jeder Seite sechs höchst merkwürdige Anhängsel: runde Scheiben mit
einem geraden Stück darüber, auf das reichste skulpiert. Die Scheiben,
mit doppelten Taubändern eingefaßt und mit Ranken umfriest, enthalten
in der Mitte je ein phantastisches Ungetüm; die gerade Verbindung
darüber zum Gesims enthält zweimal übereinander Doppelarkaden; in
diesen sind unten zwei Reiter, oben zwei Männer, die sich zu bekränzen
scheinen, gebildet. Alles mit Taubändern eingefaßt, und alles Relief
ganz flach auf Grund gesetzt (Abb. 131, Tafel XXXIV).

[Illustration:

  XXXIV

Abb. 131. Sta. Maria de Naranco. Konsole.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

Diese höchst merkwürdigen konsolenartig wirkenden Anhänger der
Gurten sind geradezu einzig in der Welt (ausgenommen einem zweiten
nahegelegenen Bau des gleichen Meisters) und von schlagendster
Wirkung[47]. Vielleicht Nachbildung der im germanischen Norden
als Schmuck so weit verbreiteten Hängebrakteaten (Abb. 29);
merkwürdigerweise in ganz verwandter Art 800 Jahre später im deutschen
Holzbau (Abb. 44) gelegentlich wieder auftauchend; vielleicht also
ursprünglich doch eine Holzbauform.

Die Kapitelle, so weit sie mit Blättern bekleidet und Nachbildung
korinthischer sind, stehen auf völlig gleicher Stufe und sind ganz
gleicher Behandlung in den eingegrabenen Blattrippen, wie die
langobardischen und merowingischen des 7. und 8. Jahrhunderts (Abb. 47).

Das Dach ruht direkt auf dem Gewölbe; die Strebepfeiler, die auch die
gewölbte nördliche Vorhalle stützen, sind ganz wie die an S. Miguel de
Lino mit Hohlkehlen und Stäben gegliedert, nur weniger dicht; sicher
das Vorbild der dortigen.

[Illustration: Abb. 132. S. Maria de Naranco. Giebel.]

Alle Bögen innen und außen sind als Archivolten ausgebildet durch
eingetiefte Hohlkehlen mit Kanten oder Stäben, wie sie im deutschen
Holzbau bis ins 17. Jahrhundert üblich sind, aber hier an den Enden
mit einer Rundung in sich zurückkehrend. Auch die Plattengesimse sind
so gegliedert. Die Bögen selber aber haben überall einen hakenförmigen
Schlußstein, erinnernd an die Hakenkeilsteine der Bögen des
Theoderichgrabmals, die Gesimse sind nach Zimmermannsweise übereinander
geblattet, nicht stumpf aneinander gestoßen (Abb. 132).

Auch die beiden abschließenden offenen Loggien sind mit Tonnengewölben
überdeckt, haben dazu noch jede an der Stirnseite im Giebel ein
dreiteiliges Fenster mit gewundenen Doppelsäulchen geteilt; links und
rechts davon pilasterartige Streifen, die in Kreuzen endigen, von
ähnlicher Kanellierung der Vorderfläche, wie die Gesimse.

Die nördliche Treppe, die eine Vorhalle trägt, hatte ursprünglich nur
zwei Läufe nach den Seiten. An Stelle des heutigen mittleren führte
eine Türe in das gleichfalls tonnengewölbte Untergeschoß, das durch
Querwände mit Türen in mehrere zimmerartige Räume geteilt ist. Es
wird von den Spaniern als Krypta der Kirche bezeichnet; eine völlig
unmögliche Deutung, da dies Untergeschoß außerdem in gar keiner
Verbindung mit der Kirche steht.

Das Podest der nördlichen Freitreppe unter der Vorhalle ist aber
höher als der Fußboden der Kirche, so daß man von ihm in diese
hinabtritt. Die südliche (vermauerte) Tür war gleicher Höhe mit
dem Kirchenfußboden. Es ist daher klar, daß der Nordeingang für
den Eintritt des Herrschers bestimmt war; der südliche für den der
Vasallen. (Leider ist die alte Nordtüre im 13. Jahrhundert durch eine
spitzbogige ersetzt.)

Seit langem bildet die östliche Loggia den Altarraum der Kirche,
dahinter ist eine Sakristei angebaut; die westliche Halle ist um einige
Stufen erhöht worden und dient als Sängerraum.

Der Altar aber trägt eine uralte Inschrift aus den Zeiten Ramiros I:

  Christus, Gottes Sohn, hereingekommen ohne menschliche Empfängnis
  aus Maria und hinausgegangen ohne Sünde, der Du durch Deinen Knecht
  Ranimir den ruhmvollen Fürsten mit seiner Gattin, der Königin
  Paterna, dieses durch übergroßes Alter verzehrte Haus erneuertest und
  ihnen in diesen Hochsitz diesen Weihe-Altar der ruhmvollen heiligen
  Maria erbaut hast, erhöre sie aus Deiner himmlischen Wohnung und
  vergib ihnen ihre Sünden, der Du lebest und regierest von Ewigkeit zu
  Ewigkeit. Amen. Am 9. vor den Kalenden des Juli der Ära 886 (also dem
  23. Juni des Jahres 848)[48].

Wir entnehmen hieraus mit Sicherheit folgendes:

Ramiro I (hier noch gotisch Ranimir genannt) hat das damals infolge
hohen Alters baufällige Gebäude erneuert, das die Inschrift sogar
habitaculum (Wohnhaus) nennt, und in seinem obersten Raume (im
Königsaal also) im Jahre 848 den Marienaltar errichtet.

Der Mönch von Silo sagt ferner in seiner Chronik, daß durch Ramiro
„palatium in ecclesiam conversum“ sei. Das wird also der Tatbestand
sein, der heute nachwirkt: Ramiro errichtete der Mutter Gottes im alten
hergestellten Königssaale 848 einen Altar. Der Saal wurde in der Folge
-- oder seitdem -- als Marienkirche gebraucht und blieb dies, denn 857
werden an jenem Orte die zwei Kirchen von S. Miguel und Sta. Maria
erwähnt.

Schon vorher aber hatte, wie oben gesagt, Ramiro dort ein Schloß mit
Bädern erbaut, eine Palastkirche (S. Miguel) errichtet und residierte
da gerne, starb hier sogar. Offenbar hatte die Belegenheit des alten
Königssaales (mit dem herrlichsten Ausblick über das Land) den König
zur Herstellung des ehrwürdigen Bauwerkes und zur Errichtung weiterer
Neubauten ringsum veranlaßt.

Wie alt der Saal damals bereits gewesen, läßt sich schwer sagen. Aber
wenn das heute noch in bestem baulichen Zustande befindliche kernige
Werk um 848 „nimia vestutate consumptum“ war, so mußte es doch auf ein
bereits nicht unbedeutendes Alter zurückblicken. Alles ist aber von
Grund auf so ganz aus einem Gusse, daß sich die Schadhaftigkeit doch
wohl nur auf Gewölbe und Dach bezogen haben kann.

Wir werden demnach als mindestes ein Alter von gegen hundert Jahren
annehmen müssen, was die Entstehung des Bauwerks in die erste Zeit der
asturischen Monarchie, also in die Tage Pelayos oder Alfonsos I. rücken
würde, spätestens denke ich Fruelas I. Also eben vor oder nach 750.

Wenn wir nach der sachlichen Notwendigkeit seiner Errichtung suchen,
so dürfte diese vielleicht in der unter Alfonso I. erreichten
Vereinigung Galiziens, Cantabriens und Asturiens gefunden werden
können, die das erste größere politische umfassende Ereignis bedeutet,
auch ein Zusammentreffen der Repräsentanten der drei Länder in dem
Vorlande Asturien erheischen konnte. Langsam drängt das politische
Gewicht weiter nach Süden, bis 792 Oviedo Residenz wurde, statt
des nördlicheren Gijon. Dazwischen hinein fügt sich ohne Zwang die
Entstehung unseres Reichspalastes.

Andernfalls aber könnten wir ihn nur als ein Überbleibsel aus der
Zeit des Reiches der Westgoten auffassen. Dies scheint jedoch kaum
möglich. Weder entsprechen die meist so freien neuen Formen der Art
der Frühzeit, die noch einen dauernden Kampf mit den Überlieferungen
der Antike zu führen hatte, noch ist es wahrscheinlich, daß das alte
Westgotenreich mit dem Schwerpunkte Toledo in dem vergessensten
Gebirgswinkel Spaniens einen so ansehnlichen Repräsentationsbau zu
errichten Veranlassung gefunden hätte. Vielmehr werden wir hier eine
erste künstlerische Tat des sich von neuem aufbauenden germanischen
Staates aus der Zeit zu sehen haben, da es noch nicht zur eigentlichen
Städteneubildung gekommen war, wie zwei Generationen später.

Wunderbar genug aber ist es, daß die Grundanlage des Saales sichtlich
feststehenden Grundsätzen entsprach, wie ich solche schon bei den
ältesten Saalbauten Skandinaviens erwähnte; ich denke an die Lage
der Hauptschauseite nach Süden, den Platz des Königs mitten an der
Nordseite; das Zerfallen des langgestreckten Baus in sieben Joche
genau wie vielleicht beim gleichzeitigen Saal zu Aachen[49] und dem so
viel jüngeren zu Goslar; überall auch die Anlage eines mehrgeteilten
Untergeschosses und des Saales im Oberstockwerk. Auch die Freitreppen
sind allen gemeinsam; gleiche Grundzüge finden wir selbst noch am Saal
zu Gelnhausen, wenn dieser auch viel kleiner und eingebaut ist. Die
Kaiserpfalz zu Nymwegen scheint einen ähnlichen mächtigen Saal gehabt
zu haben. Allen ist aber auch die nahe gelegene Pfalzkirche gemein,
nicht übergroß, doch stets ein bevorzugtes Werk der Kunst.

[Sidenote: Sta. Cristina de Lena]

Vierzig Kilometer von unserem Palast liegt nun noch eine kleine Kirche,
ganz einsam auf steiler Hügelspitze, Ermida oder Oratorium von alters
her genannt, ganz offenbar nicht nur aus gleicher Zeit, sondern wohl
von gleicher Hand, wie unser Königssaal, also die schönste Ergänzung
dazu: Sta. Cristina de Lena.

Dieser Bau ist in seiner Art nicht minder charakteristisch, als
kirchliche Anlage wohl einzig.

Er besteht aus einem rechteckigen mit Tonne überwölbten Schiffe, an das
östlich eine quadratische Altarapsis, rechts und links mitten je ein
gewölbter Nebenraum, westlich eine Vorhalle anstößt, so daß die Form
eines Kreuzes im Grundrisse herauskommt (Abb. 133). Der Westteil des
Schiffes ist durch eine auf einem tiefen Bogen ruhende Sängerempore
eingenommen; der östliche bildet eine durch zwei schmale Treppen an
den Enden zugängliche Estrade, deren Vorderwand eine Säulenstellung
mit drei Bögen und einer teilweise durchbrochenen oben in Bogenlinien
aufhörenden freistehenden Wand trägt; zwischen den mittleren Säulen ist
eine Marmorbrüstung. Hinter diesem Sanctuarium liegt niedrig der kleine
Altarraum.

Der Eindruck dieses Inneren ist höchst überraschend und wirkungsvoll
(Abb. 134). Das Tonnengewölbe hat ganz in derselben Art in hängenden
Scheiben auslaufende Quergurte, wie in Sta. Maria de Naranco. Hier aber
sind Reiter oben und Tiere in den Scheiben, darüber das Band glatt,
kurz, alles einfacher; auch die Wandarkaden auf einfachen Halbsäulen
mit Trapezkapitell. Zu beiden Seiten des Choreingangs doppelte
Halbsäulen gewunden mit Kapitellen (Abb. 48), genau wie in Naranco;
im Choreingang gewundene Doppelsäulen ganz ohne Kapitelle, niedrige
Wandbögen zu beiden Seiten.

Besonders eigenartig wirkt die merkwürdige Trennungswand vor dem
Heiligen. Die vier Marmorsäulen haben Cipollinschäfte und weiße
Kapitelle antiken ungefähr nachgebildet, doch das Blattwerk wieder mit
jenen eigentümlichen Rippungen, die wir wie in Naranco, so früher in
Italien fanden (Abb. 47). Die in die Oberwand wie Fenster eingesetzten
durchbrochenen Platten haben alte einfache Muster, teilweise mit
Hufeisenbögen. Besonders schön und reich ist aber die Marmorbrüstung
oder Schranke, die wir zwischen den mittleren Säulen wohlerhalten[50]
sehen, die sich aber nach den vorhandenen Spuren bis in die Mitte der
seitlichen Bögen fortsetzte und dort mit einem freistehenden Pfosten
schloß.

[Illustration: Abb. 133. Sta. Cristina de Lena.]

[Illustration: Abb. 134. Sta. Cristina de Lena. Inneres.]

[Illustration:

  XXXV

Abb. 135. Sta. Cristina de Lena. Brüstung vor dem Altar.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

Das Ornament der Schranke ist ein rein westgotisches, genau
übereinstimmend mit den aus Toledos Mauern stammenden im Madrider
Museum, und denen zu Merida; sowohl in der rein kerbschnittmäßigen
Behandlung, wie in den Motiven; den Kreuzen mit ausgerundeten
Enden, den (auch langobardischen) Trauben in Herzform gefaßt. (Abb.
135, Tafel XXXV.) Diese Ornamenttafel trägt nun außer einer nicht
recht zu enträtselnden religiösen auch eine Widmungsinschrift: Offeret
Flainus abbas. Also die Stiftung eines Abts Flainus (Flaino?) ist
unsere Kirche, oder wenigstens die schöne Schranke darin.

Die spanische Archäologie hat sich alle Mühe gegeben, diesen Flainus
aufzufinden. Schließlich ist sie auf einen Bischof Flainus unter
Fruela II, um 915, gelangt. Und hat danach die Kirche datiert. Das ist
natürlich ganz und gar unzutreffend, denn sie erweist sich ja nicht nur
als gleichzeitig, sondern sogar als von derselben Hand wie Sta. Maria
de Naranco; bei der Übereinstimmung des Einzelnen und der gleichartigen
konstruktiven Behandlung ist gar kein Zweifel daran möglich. Sind es
doch auch die beiden einzigen noch bestehenden Gebäude auf der Welt mit
jenen Hängescheiben unter den Gewölbegurten; die Scheibe zu Murcia ist
sogar älter als 711.

Sta. Maria de Naranco, unsere Königshalle, bestand inschriftlich
bereits 848, war damals sogar von allzu großem Alter verzehrt gewesen.
Und die Einzelheiten wie der ganze Stil der Schranke stehen denen des
alten Westgotenreiches noch so nahe, daß wir hier noch ein Werk der
Zeit vor der Araber-Invasion vor uns zu haben glauben, also vor 711.
Indessen, wenn wir trotzdem aus anderen Gründen unsere Königshalle etwa
in die Mitte des achten Jahrhunderts gesetzt haben, so ist ein Zeitraum
von 40 Jahren doch kurz genug, um ein Fortleben der älteren Tradition
nicht notwendig auszuschließen.

Jedenfalls aber bestärkt uns diese Beobachtung darin, daß wir die
beiden Bauwerke unbedingt nicht weiter herabrücken dürfen, als
spätestens 750. Wir haben sie dann ganz einfach als die ersten
baulichen Leistungen der nach Asturien geflüchteten Westgoten anzusehen.

Noch eine Beobachtung bestätigt dies bedeutsam: die fehlerhafte Fassung
des Wortes offeret statt offert. Auf den Weihegeschenken Reccesvinths
und Svinthilas, der Sonnica und sonstiger altwestgotischer Fürsten ist
das gleiche Wort gebraucht, so: „Reccesvinthus rex offeret“ um 672. Die
wackere Theudelinde hatte schon um 590 eine ähnliche Unform angewandt,
da sie auf ihren goldenen Buchdeckel schrieb: Theodolinda offerit.
Kurz, wir haben einen offenbar im barbarischen Latein der echten
Germanen und der alten Westgoten an dieser Stelle üblichen Ausdruck vor
uns. So kann Flainus, als Abt um 750 ein alter Mann, noch der hierher
geflüchteten Generation angehört haben, und daher ist auch seine
Stiftung noch im Stil und in der Sprache des 711 zusammengebrochenen
alten Reiches.

Das Äußere unserer Kirche ist höchst einfach (Abb. 136, Tafel XXXVI),
zeigt aber überall schon Strebepfeiler als Stützen der Tonnengewölbe,
freilich noch ziemlich regellos gesetzt, gegenüber der streng logischen
Anordnung an S. Miguel de Lino, ist also eher als ein Versuch und
Vorbote anzusehen. Immerhin haben wir an diesen und in Frankreich an
frühen fränkischen Bauwerken das erste Auftreten dieses wichtigen
Bauteils gefunden, wieder einen vielversprechenden Keim für die Zukunft.

[Illustration:

  XXXVI

Abb. 136. Sta. Cristina de Lena.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

Die Fenster sind teilweise mit durchbrochenen Platten gefüllt,
teilweise auch durch Marmorsäulchen dreigeteilt, dann entweder flach
oder mit Bogen geschlossen; ähnliche Fensterbildung ist ja auch bei
Sta. Maria in Naranco vorhanden.

Alles in allem dürfte nach der größeren Einfachheit und weniger
bewußten gleichmäßigen Durchbildung das Kirchlein Sta. Cristina als
noch etwas älter denn der Königspalast anzusehen sein, und dafür der
Name Oratorium zutreffend bleiben. Sachlich ist ja, wie in der Größe,
eine Übereinstimmung mit dem Oratorium der Peltrudis zu Cividale wohl
anzuerkennen, besonders wenn wir dort an den Langseiten das einstige
Vorhandensein zweier Nebenräume hinter den seitlich angedeuteten Türen
annehmen.

Haben wir uns hier mit zwei Bauwerken beschäftigt, die der frühesten
Zeit der gotisch-asturischen Monarchie angehören, so existiert noch
ein kleines kirchliches Bauwerk vom Ende des 9. Jahrhunderts, das wir
seiner Eigenart halber und als letzten Ausklang dieser Kunstrichtung
zu betrachten haben: die reizende kleine Klosterkirche von Val de Dios
(Abb. 137) bei Villaviciosa; also auch in diesem Winkel gelegen. Es ist
eine Miniaturbasilika mit drei engen Schiffen, die mit Tonnen überwölbt
sind, die Schiffbögen ruhen auf Pfeilern; im Osten die übliche Gruppe
der drei rechteckigen Apsiden, westlich die notwendige Vorhalle unter
einer durch eine Treppe aus dem Seitenschiff zugänglichen Empore. Also
die Anordnung wie an den früher genannten kleinen Kirchen Asturiens;
nur hat das klare Basilikasystem aus der Zeit vor der Invasion nochmals
gesiegt.

[Illustration: Abb. 137. Val de Dios.]

Das Äußere des im Inneren engen und düstern Baues ist das
Interessanteste: alle Fenster des Obergadens sind Doppelfenster mit
Hufeisenbögen auf Mittelsäulchen; das Ostfenster sogar dreiteilig;
die mittlere Apsis hat ein Oberstockwerk (Abb. 138, Tafel XXXVII).
Die Formen sind teilweise sehr zierlich, gewissermaßen verjüngt
und fortschrittlich geworden; hohe Basen fast wie umgekehrte
Trapezkapitelle; die Kapitelle zeigen ins Polygon, dann Viereck
übergehende Flächen, vom Zylinder des Schaftes ausgehend, und sind
mit gerippten Blättern geschmückt, sehr einfach dargestellt und doch
fast naturalistisch an Farrenkräuter und Ähnliches erinnernd (Abb.
48). Eine Stilisierung, die manchmal an S. Miguel de Lino gemahnt und
das Fehlen der Mittelglieder zwischen diesem und Val de Dios bedauern
läßt. Längs der Südwand schließt sich eine teilweise offene Halle im
schönsten Steinmaterial an, die mit zwei der reichsten Fensterplatten
in den rundbogigen Fenstern glänzt. Das westliche ist mit einer Art
Ornamentranke, völlig frei gearbeitet, gefüllt, nicht ganz geschickt,
weil öfters an Bretzelform gemahnend, doch reizvoll in der Wirkung,
das zweite rechts von ganz köstlicher Art, Flechtwerk nachahmend, mit
runden, quadratischen und eckigen Löchern, geradezu genial in der
Erfindung (Abb. 139).

[Illustration:

  XXXVII

Abb. 138. S. Salvador zu Val de Dios.]

[Illustration: Abb. 139. Val de Dios. Steinfenster.]

Übrigens macht sich hier das Ende unserer Kunst bemerklich; das
Eindringen arabischer Ideen und Formen läßt sich vor allem an den
jüngeren Kapitellen nicht verkennen, in anderer Hinsicht verschwindet
die kernige Ursprünglichkeit der germanischen Art; wir stehen an der
Schwelle des Mittelalters.

[Sidenote: S. Pedro bei Zamora]

Noch ein kirchliches Bauwerk darf nicht vergessen werden, dessen
Stellung bis jetzt noch nicht ganz sicher festgelegt werden kann:
die Parochialkirche von S. Pedro, nordwestlich von Zamora, nahe der
Grenze von Portugal. Es ist ein Gebäude, das gewissen Merkzeichen
nach, insbesondere nach der inneren Ausbildung des (vorgeschobenen)
Chors mit Halbsäulen und Arkaden, wohl zeitlich zu der Gruppe
der Kirchen Alfonsos II. gehören wird. Sonst ist es ein durchaus
selbständiges Werk mit einem der merkwürdigsten Grundrisse (Abb. 140).

[Illustration: Abb. 140. S. Pedro bei Zamora.]

Dieser stellt ein Rechteck dar, das, in drei Schiffe geteilt, mitten
durch eine Art Querschiff völlig durchschnitten ist; vor diesem zwei
Vorhallen, die die Eingänge enthalten. Der Chor schiebt sich als
Rechteck in der Breite des Mittelschiffes frei vor. Im ganzen also,
ausgenommen die einfache Chorapsis, mit Santullano zu Oviedo verwandt.

[Illustration: Abb. 141. S. Pedro. Kämpfer des Chorbogens.]

Alle Räume sind mit Tonnengewölben überdeckt; die Fenster sind schmale
Schlitze; von außen alles durch ein breites Dach bedeckt. Im Inneren
finden wir nirgends freie Stützung, vielmehr Wände mit Öffnungen,
so daß der Schiffraum sozusagen in sieben getrennte Räume zerfällt,
zu denen noch Chor und die beiden Vorhallen kommen. Dabei aber ist
die innere architektonische Dekoration eine sehr reiche; Halbsäulen
mit sich verbreiternden Kapitellen (Abbildung 141) und Basen,
Hufeisenbögen, die ja im Norden um jene Zeit schon verschwinden, reiche
Friese in Kerbschnitt überall; insbesondere sind die beiden seitlichen
Räume der Ostpartie vor dem Chor durch schöne Durchbrechungen
in Arkaden mit Brüstung und Türen mit dem Mittelraum verbunden;
Säulenkapitelle, Zierrat teilweise an S. Miguel, auch an Val de Dios
anklingend, ebenfalls einen Übergang zu Neuem bildend, wohl auch
einige arabische Einflüsse zeigend. -- Kurz, die Kirche ist noch nicht
gründlich untersucht und aufgenommen, aber dessen wert, konstruktiv,
als Tonnengewölbebau von neuer Eigenart, wie als dekorative Leistung,
in der sich die letzten Leistungen des Westgotentums mit den
Vorwirkungen neuer Zeiten bezeichnend mischen, ein wichtiges und auch
reiches Werk. -- Was die merkwürdig starke Teilung des Raumes veranlaßt
hat, ist nicht zu sagen; jedenfalls bemerken wir in jener Zeit
überhaupt ein auffallendes Streben nach solcher Teilung. Die Gegend war
seit dem 9. Jahrhundert von den Christen erobert und fiel erst im 10.
den Arabern wieder in die Hände.

Mancherlei kleinere Reste aus der Zeit der Westgoten könnten noch
erwähnt werden, doch sie vermögen das Bild des Ganzen nicht zu
ändern. Der Stadtmauern von Caceres darf man noch gedenken; allerlei
Kirchenbauten selbst des 10. Jahrhunderts pflanzen die ältere Tradition
in ihren Formen noch fort, so Ripoll, S. Pablo del campo und S. Pedro
de las Puellas zu Barcelona; in anderen erheblich späteren bricht
das germanische Element noch manchmal gewaltig durch; so an der
Kirchenfassade zu Poblet im Riesenkloster.

Aber mit dem Untergange des alten Westgotenreiches und dem langsamen
Erwachen einer neuen spanischen Nation versank auch germanisches Wesen
und seine Kunst auf der pyrenäischen Halbinsel.

[Illustration]


  [42] Es ist hier an der Stelle darauf hinzuweisen, daß auch das
       spätere eigentliche Spanien in seinen Namen noch oft westgotisch
       ist, so sind die Königsnamen Alfonso, Ramiro, Rodrigo rein
       germanisch: Hadafuns, Ranimir, Rotareiks. Auch Recared ist
       nichts anderes als Richard. 672 heißt ein westgotischer Abt von
       Nimes Ranimer, noch 848 König Ramiro I. Ranimirus.

  [43] Precursor Dn̄i martir Babtista Johannes Posside constructam in
       eterno munere sedē. Qvam devotus ego rex Reccesvinthus amator
       Nominis ipse tui proprio de iure dicavi. Tertio post decem regni
       comes inclitus anno Sex centum degens era nonagesima nobem.

  [44] Noch andere Architekten werden nachher genannt, so Viviano und
       Gino, deren Namen aber nicht gotisch zu sein scheinen.

  [45] An dem Orte, Gehölz genannt, erbaute er eine Kirche und einen
       Palast, wunderbar mit Tonnengewölben hergestellt.

  [46] Es soll hiermit nicht gerade gesagt werden, daß unsere Kirche
       das alleinige Vorbild solcher Entwicklung sei; wir wissen nicht,
       wie viele Schwestern sie einst gehabt, betrachten sie auch nur
       als den einzigen übriggebliebenen Rest aus einer vielgestaltigen
       Reihe ähnlicher Werke.

  [47] Nur in Murcia findet sich im Museum eine ähnliche Steinscheibe,
       die einen Reiter mit Lanze enthält. Die Schrift nicht
       zu enträtseln. Diese Scheibe (s. Titel) ist sicher noch
       westgotisch, vor 711, denn nachher war Murcia arabisch; folglich
       handelt es sich um ein sehr altes Motiv.

  [48] _XP_ᵉ, filius Dei q(ui) e Maria ingressus es sine humana
       conceptione et egressus sine corruptione qui per famulum
       tuū Ranimirū principē gloriosum cū Paterna Re(gina) conjuge
       renovasti (hoc) habitaculum nimia vetustate consv̄ptv̄ e(t)eis
       aedificasti hanc haram be(nedic)tionis gloriosae Stae Mariae in
       locum hunc summum ex(audi) eos de caelorum habitacvlo tvo et
       dim (issionem fac peccat) orum qui vivis et regnas per infinita
       secula seculorum. Amen. e VIIIIᵒ Klds Julias era DCCCLXXXVI A.

  [49] Von anderer Seite (Kessel & Rhoen) werden nur fünf Joche als
       ursprünglich in Aachen vorhanden angesehen, statt sieben, wie
       Reber annimmt. Das tut zur Sache übrigens sonst wenig (vgl. S.
       235).

  [50] Die seitlichen Füllungen sind später unten ein weniges abgehauen.




[Illustration: DIE VANDALEN]


Der berühmte kriegerische Stamm, der bei dem Herannahen der Westgoten
seine Sitze in Spanien verließ (429), um in Nordafrika, im heutigen
Algier und Tunis, sich ein neues Vaterland zu gründen, hat dort die
schönen römischen Städte zu den seinen gemacht und ein reiches und
blühendes Erbteil übernommen. Wenig blieb ihm da zu tun und neu zu
schaffen. Noch weniger ist auf diesem Gebiete bisher geforscht und
geordnet. Immerhin besteht bis jetzt die Gewißheit, daß auch hier
während der Germanenherrschaft auf künstlerischem, insbesondere
baulichem Gebiet nicht Unbeträchtliches getan wurde. Zahlreiche Kirchen
sind im 5. Jahrhundert neu erstanden, von denen noch Reste genug
vorhanden sind, um daraus entnehmen zu können, daß diese Baukunst der
ersten westgotischen durchaus ähnlich war. In Orléansville, Tebessa,
Tipasa, Haidra, Sbeitla, Birmali, le Kef und anderorts vorgenommene
Ausgrabungen und Untersuchungen haben ansehnliche Reste dieser Art
zutage gefördert, die sich durch Unabhängigkeit vom Osten auszeichnen
und mancherlei originelle Anordnungen, vor allem in den Grundrissen,
aufweisen.

Größere Bauten werden von den Geschichtsschreibern der Vandalen
gerühmt, so die Thermen der Könige Thrasamund und Hilderich. Ersterer
baute auch eine Basilika und einen Palast und in der Nähe Karthagos
selbst eine ganze Stadt: Alikana. Das Landhaus der Könige zu Grasse
mit prächtigsten Lustgärten preist Prokop, wie überhaupt die vornehmen
Vandalen gern in Villen mit Gärten und Hainen wohnten und sich bald
großer Üppigkeit hingaben; trotzdem blieb ihnen die altgermanische
Jagdlust bis zuletzt.

[Sidenote: Kleinkunst]

Übrigens waren die Vandalen auch im Kunstgewerbe in altgewohnter Weise
tätig; ihre Waffen waren berühmt und wurden weithin versandt, am
meisten ihre ausgezeichneten Schwertklingen.

Das einstige Vandalengebiet ist bis heute noch nicht auf seine
germanischen Kunstreste durchforscht. Es bleibt hier noch alles zu tun;
mit Sicherheit ist aber vorauszusehen, daß solche Forschungen noch
erhebliche Zeugnisse auch für eine künstlerische Kultur ergeben und
weiteren Beweis liefern werden, daß der berüchtigte Name der Vandalen
mit Unrecht zur allgemeinen Bezeichnung wildester Kunstfeindschaft und
rohester Zerstörungswut gemacht worden ist.

[Illustration]




[Illustration: DIE FRANKEN]


In dem herrlichen Lande, welches dieser germanische Stamm sich zu eigen
zwang, hat eine Reihe seitdem sich folgender hoher Kunstzeiten seine
Spuren fast ganz verwischt. Viel weniger als man erwarten sollte ist
übrig von den Kunstdenkmälern, die von den Tagen Childerichs I. und
Chlodowechs an bis zu den karolingischen entstanden, von vollständigen
Werken fast nichts. Um so mehr ist das verwunderlich, als das von den
Merowingern errichtete Reich gewissermaßen bis auf den heutigen Tag
noch besteht, als das Frankenreich noch immer in Frankreich fortlebt
und niemals mehr fremder Herrschaft noch verwüstender Überflutung
ausgesetzt gewesen ist. Aber das Bessere war des Guten Feind; immer
neue schönere Bauwerke haben sich an die Stelle der früheren gesetzt,
die alten Hauptstädte sind stets größer geworden, und so finden wir
fast nur noch in Krypten und Museen die spärlichen uns hier Aufschluß
gebenden Überbleibsel einer gewaltigen Zeit.

[Sidenote: Fränkische Kleinkunst]

Freilich bergen und spenden die zahllosen Gräber dauernd ungezählte
Schätze edelster Art der Kleinkunst der Franken, fast von den
Pyrenäen an, wo westgotische Reste vorherrschen, bis über den Rhein
hinüber und bis nach Holland hin. Den schönsten Fund, den Grabschatz
Childerichs I., des Vaters Chlodowechs (s. Abb. 14, Tafel II), haben
wir oben näher beschrieben. Nicht nur in Gold und Steinen, auch in
Silber, Bronze und Eisen, in Tauschier- und Niellierarbeit leisteten
die Franken Hervorragendes. Den altgotischen Edelsteinschmuck in
Goldzellen übertrugen sie auf andere Materialien, insbesondere auf
Bronze in größerem Maßstabe; die Edelsteine ersetzten sie gern durch
schön gefärbtes Glas mit gemusterten Goldfolien dahinter -- verroterie
mérovingienne --, in Glas und Ton schufen sie reizvolle Gefäße; kurz,
ihre Kunstleistung schon auf diesem Gebiete ist außerordentlich und
zeigt bereits die Keime jener ausgezeichneten Geschmacksentwicklung,
die das spätere Frankreich bis heute sich zu bewahren gewußt hat.

[Sidenote: Burgundische Kleinkunst]

Eine Ergänzung finden die fränkischen Werke dieser Art in den
burgundischen; dieser Volksstamm hatte nach seiner schweren Niederlage
am Rhein sich wie bekannt im Osten Frankreichs, in Savoyen, der
Dauphiné bis hinab in die Provence neue Sitze gegründet und eine
von der fränkischen öfters abweichende Kleinkunst gepflegt. Die
burgundischen Bronzeschmuckteile der Ausrüstung (Abb. 142, Tafel
XXXVIII), ausnahmsweise mit figürlichen Darstellungen von allerlei Art,
von Menschen und Tieren, sind von denen der übrigen Germanen teilweise
sehr verschieden und entbehren als die wohl ältesten figürlichen
Arbeiten bei den Germanen nicht besonderen Wertes. Im übrigen zeichnen
sich die schönen Riemenbeschläge, Schnallen und dergleichen bei den
Burgundern durch Größe und Wucht aus; es existieren solche von fast
riesigen Formaten nicht nur unter den tauschierten Eisenarbeiten.

[Illustration:

  XXXVIII

Abb. 142. Burgundische Schnalle. Genf.]

[Illustration: Abb. 144. Beauvais. Basse oeuvre.]

Diese relative Selbständigkeit der Burgunder schwand bald; die
merkwürdige Kraft der salischen Franken, die doch aus vielerlei
nordwestdeutschen einzelnen Völkerschaften zu einem neuen
jugendkräftigen Stamme zusammengewachsen waren, hat es verstanden, das
ganze große Frankreich, in dem es das spätrömische Reich des Syagrius,
die Westgoten und die Burgunder vorfand, bald völlig zu einem neuen
zusammenzuschweißen. Der noch heidnische Childerich I. begann das Werk
im Norden, schon sein Sohn Chlodowech hätte ohne Theoderichs des Großen
Eingreifen das ganze westgotische Reich von Toulouse erobert. Freilich
hat erst Karl Martell das letzte noch selbständige Land im Süden,
Aquitanien, mit dem großen Ganzen dauernd vereinigt.

An die Zeit der Merowinger schließt sich die karolingische in
Frankreich direkt an; von beiden verwischen sich die Grenzen in
der Kunst völlig. Gerade in Frankreich können wir den eigentümlich
antikisierenden oder italienischen Zug der letzteren Epoche kaum
bemerken, der sich an vielen Bauwerken der Zeit Karls des Großen in
Deutschland so scharf ausspricht und seiner Kunst den Namen einer
ersten Renaissance verschafft hat. Diese Kunstrichtung ist eigentlich
nur in den rheinischen Gegenden anzutreffen. In Frankreich findet
sich von ihr nur ein einziges gleich zu besprechendes Beispiel, sonst
dauert die eigentümliche merowingische Kunstweise im Bauen, wie es
scheint, bis ins 10. Jahrhundert fast unverändert fort; eine eigentlich
karolingische, wie in Deutschland, ist dort, wie es scheint, nicht
ausgeprägt.

[Sidenote: Bauliche Eigentümlichkeiten]

Die Eigentümlichkeiten der merowingisch-fränkischen Baukunst habe
ich früher beschrieben, insbesondere ihre Freude an buntgestaltetem
Mauerwerk; wenn das petit-appareil, das Mauern mit kleinen ungefähr
quadratischen Steinen, die fast wie Pflastersteine aussehen,
die Grundlage bildete, so treten dazu die durchlaufenden roten
Ziegelschichten, die fischgrätenartig gestellten Steinlagen, allerlei
Muster, Einfügung von bunten Steinen, von geraden und übereck
gestellten Tonplatten; in den Bögen Wechsel von Backstein und Haustein,
Umfassung der Bögen mit Backsteinarchivolten u. dgl. m. -- Diese
Bauweise behält ihr frisches Leben bis ins Ende der sogenannten
karolingischen Zeit.

Von kirchlichen Bauwerken dieses Charakters kennt man zahlreiche Reste;
so Teile von St. Pierre zu Vienne, die Westfront von St. Christophe
zu Suèvres bei Blois, das Äußere der Kirche zu Savenières von starker
Charakteristik (Abb. 143), manches an den Kirchen zu Distré, zu Cravant
und St. Généroux. An den beiden letztgenannten finden wir den auch bei
spätrömischen Bauwerken schon auftretenden Wechsel von dreieckigen
Giebeln und Bögen. Auch die alte Fassade von St. Front zu Périgueux ist
bemerkenswert, heute ganz versteckt.

Der vollständigste Rest dieses Stiles, wenn auch aus später Zeit,
mag die kleine Kirche basse oeuvre zu Beauvais sein: das Schiff der
alten Kathedrale, an deren Stelle sich der großartigste gotische Dom
Frankreichs setzen sollte (Abb. 144, Tafel XXXVIII). Dieser ist nur bis
zum Querschiff fertig geworden, und so steht noch vor ihm im Westen der
Rest der alten Kirche, die erst von Bischof Hervé 987 gebaut sein soll.
Es ist eine kleine Pfeilerbasilika von sechs Bögen, im Inneren nichts
Besonderes bietend, außen aber über dem petit appareil der unteren
Teile wechselnde Ziegelschichten; die Bögen von solchen durchschossen
und eingerahmt; der Bogen des Westfensters in schönem Muster aus Ton
gebildet (s. Abb. 60); auf ihm zwei stehende Figuren in flachem Relief,
oben im Giebel ein Vortragskreuz eigentümlicher Form. Die Gesimse haben
eine untere Schmiege, die mit Kerbschnitt in Dreiecken geziert ist
(Abb. 45), das Kämpfergesims des Fensters an gleicher Stelle eine Art
halbrunder Zahnschnitte.

[Illustration: Abb. 143. Kirche von Savenières. Nach Enlart.]

[Sidenote: Ornamentik]

Wie ebenfalls früher dargelegt, schließt sich die eigentümliche
Ornamentik der merowingisch-fränkischen Kunst eng an die langobardische
an: Kerbschnitt, ganz ähnliche Flechtverschlingungen, korbbodenartige
runde Gebilde sind hier wie dort zu Hause, so daß man sogar an einen
Import dieser Schmuckwerke von der Lombardei her gedacht hat (Abb.
145). Ganz sicher haben auch im Inneren der merowingischen Kirchen die
Steinschranken, wie in den langobardischen, zur Abtrennung besonderer
Teile eine große Rolle gespielt. Die sehr reichen Reste solcher
Schranken, die sich in der alten merowingischen Kirche von St. Peter in
Metz, der einstigen Hauptstadt Austrasiens, vorfanden, sind indessen
doch in mancher Hinsicht wieder eigenartig (s. Abb. 156, 157, Tafel
XLII). Neben reichster Verschlingung und Flechtwerk, auch von Schlangen
und Drachen echt nordischer Art, finden sich bunte Partien mit
eingelegten andersfarbigen Steinen u. dgl. Kurz, diese Reste beweisen,
daß solche Arbeiten auch in reichster Form im Lande der Franken selbst
hergestellt wurden.

[Illustration: Abb. 145. St. Jouin de Marne. Ornamente.]

[Sidenote: St. Jean, Poitiers]

Das älteste Bauwerk aus merowingischer Zeit in Frankreich wird heute
die Taufkirche von St. Jean zu Poitiers sein; ein höchst merkwürdiges
Gebäude, das verschiedene Aus- und Neugestaltungen erfahren hat, aber
doch noch immer ein würdiger Repräsentant der alten Kunst bleibt; um
so wichtiger, als, wie bemerkt, in Frankreich sonst so ungemein wenig
übrig ist. Die Vorhalle von halber Achteckform stammt aus romanischer
Zeit; im übrigen wird das Bauwerk im 6. Jahrhundert erbaut und im 7.
oder eher im 8. in einiger Hinsicht vervollständigt sein (Abb. 146).
Es besteht aus einer Art von breitem Querschiff, an dessen Enden
ursprünglich zwei rechteckige Anbauten waren (heute beide leider
halbrund ergänzt), und vor dem eine etwa ebenso große rechteckige
Vorhalle bis zum Portal reichte; im Osten ist eine außen trapezförmige,
innen sechsseitige Apsis angefügt. In der Mitte hat man das sich in
drei steilen Stufen vertiefende älteste Eintauchbecken mit seinem Zu-
und Abfluß wieder aufgefunden.

[Illustration: Abb. 146. Poitiers. St. Jean.

(Schwarz: bestehend; weiß: neu; schraffiert: ursprünglich gewesen.)]

Nach den Untersuchungen von Delacroix soll dem Ganzen sogar ein
noch älteres Gebäude zugrunde liegen, das er dem 4. Jahrhundert
zuschreibt, und das bei der Einführung des Christentums in Poitiers
(313) erbaut wäre. Dem widersprechen die Einzelheiten, wie ich glaube,
doch allzusehr. Vielmehr dürfte das Gebäude erst nach Annahme des
Christentums durch die Franken (Anfang des 6. Jahrhunderts) entstanden
sein.

Es scheint, daß der untere Teil des Gebäudes bis zu den Fenstern
dem ersten Bau angehört; er ist teilweise noch mit römischen Resten
ausgestattet, insbesondere mit Säulen und Kapitellen aus Marmor, die
Blend- und Gurtbögen tragen (Abb. 147, Tafel XXXIX). Die Ostseite
des querschiffartigen Raumes hat eine Art Arkadengliederung, wie
sie an der Westseite ähnlich vorhanden gewesen sein dürfte. Es
sind drei auf meist antiken Säulen ruhende Wandbögen, von denen der
mittlere bedeutend größer den zurückgesetzten ebenfalls auf zwei
Marmorsäulen ruhenden Chorbogen in sich schließt. Das Mauerwerk
besteht aus kleinen Quadern. Die sechseckige Apsis hat an den Seiten
oben ähnliche Blendarkaden auf kleinen Marmorsäulen und ein aus Mulde
und Tonne zusammengesetztes Gewölbe. Der obere Teil der Schiffmauern
trägt nach drei Seiten, die heute unten vermauerten Fenster umrahmend,
eine ähnliche Blendarkatur, dreiteilig, deren mittlerer Teil eckig --
giebelartig -- ist. Gleiches dürfte sich auch nach Westen zu wiederholt
haben.

[Illustration:

  XXXIX

Abb. 147 u. 148. Poitiers. St. Jean.

(Phot. J. Robuchon, Poitiers.)]

Von diesen Fenstern oder dem ersten Gurtgesimse an ist im Äußeren eine
eigenartige Architektur aufgesetzt, wie mir scheint erst gegen das 8.
Jahrhundert (Abb. 148, Tafel XXXIX). Und zwar eine in ganz anderem
und höherem Sinne antike als die innere untere. Auf dem Kämpfergesims
der rundbogigen später in kreisförmige verwandelten Fenster stehen
auf jeder Seite vier Pilaster mit eigentümlich ungewandt behandelten
korinthisierenden Kapitellen. Über dem von ihnen getragenen Gesimse
sehen wir drei kleine Ziergiebel eingesetzt, den mittleren rund, die
seitlichen dreieckig. Darüber ein ungemein reiches Hauptgesims mit
Konsolen; dann nach jeder Querseite ein völlig antiker Flachgiebel mit
gleichem Konsolenkranzgesimse, in seiner Fläche wieder drei kleine
Dreiecksgiebel enthaltend, von denen der mittlere erhöht über einer
runden Scheibe steht.

Während aber die Technik unten das herkömmliche petit appareil (kleine
fast quadratische Quaderchen) zeigt, fangen über dem unteren Gesimse
besser gearbeitete und längere Steine, über dem von den Pilastern
getragenen Gesimse die bekannten merowingischen Ziegelschichten
zwischen Hausteinen an; unter dem Giebelgesims zieht sodann ein
farbiger Fries mit eingelegten runden Ziegelplatten; ähnliche Muster in
Ton sind in die kleinen Giebel eingelegt. Kurz, hier beginnt ein neuer
Zug, die farbige Behandlung der Flächen, die das 6. Jahrhundert in
dieser Art noch nicht kannte.

Die Konsolengesimse des großen und der kleinen Giebel sind stark antik,
doch eigen gebildet; sehr ähnlich dem der Halle zu Lorsch am Rhein, wie
einem neuerdings in Worms gefundenen; diese letzten beiden aus dem 8.
Jahrhundert.

Auch die viel niedrigere Chorapsis hat antiken Giebel und
Konsolengesimse.

Nach diesem Sachbestande ist zu vermuten, daß wir in dem oberen Aufbau
der Taufkirche ein Werk derselben klassizistischen Richtung vor uns
sehen, aus der später die so ganz einzig dastehende Vorhalle der Kirche
zu Lorsch hervorgegangen ist. Der Erbauer dieses letzteren Werkes
war Abt Chrodegang von Metz, der aus Frankreich kam -- sein Name
ist echt merowingisch-fränkisch --; mit der Person dieses bekannten
kunstsinnigen Mannes dürfte daher wohl diese so einzig dastehende
Rückkehr zur Antike zusammenhängen. Vielleicht haben wir in ihm, der
noch in Karls des Großen Zeit hineinragt, den geistigen Vater der
sogenannten karolingischen Renaissance zu sehen.

[Sidenote: Lorsch]

Das zweite ungleich besser erhaltene und einheitliche Werk dieser Art
noch aus der Merowingerzeit steht also auf deutschem Boden: die oben
genannte Torhalle des Klosters zu Lorsch. -- Es steht fest, daß dieser
Bau ursprünglich keine Kirche war (wie heute), sondern ein dreifaches
Tor, das in den Vorhof der noch im frühen Mittelalter abgebrannten
Kirche führte, an deren Stelle noch ein Stück der späteren romanischen
steht; das Tor aber hat man schon im Mittelalter in eine Kapelle
verwandelt.

Das Gebäude ist weit der prächtigste Rest eines fränkischen Bauwerks
vor Karls des Großen Zeit (Abb. 149). Und zugleich dasjenige des
frühen Mittelalters, welches am meisten sich der römischen Antike zu
nähern weiß; die Weihe der 766 begonnenen Kirche, einer Schöpfung des
genannten Abts Chrodegang von Metz, fand 774 statt.

Der Graf Cancor und seine Gattin Wiliswinda waren die Patrone des
Klosterbaus, der nur eine Übertragung des etwas älteren nahe gelegenen
Altenmünster an eine bessere Stelle war.

Abt Chrodegang, aus Frankreich nach Metz gekommen, ein hochgebildeter
Kirchenfürst, war ein eifriger Bauherr; auch die Metz nahen Klöster
von Gorze und St. Avold, die sich später großen Rufes erfreuten, sind
seine Schöpfungen. Die ganze Anlage von Lorsch war aber eine der
prächtigsten und geschlossensten: hinter dem stattlichen noch stehenden
Torbau stieg ein von Hallen flankierter Vorhof zu dem Narthex der
großartigen Klosterkirche auf. Diese wird in zeitgenössischen Berichten
als geradezu prachtvoll gerühmt, besaß zwei Fronttürme zu seiten einer
Vorhalle, dahinter drei Schiffe, durch Säulen getrennt, und war von
reicher Ausstattung. Das bedeutende Werk fiel 1090 einem riesigen
Brande gelegentlich eines Kirchenfestes ganz zum Opfer. Nichts blieb
als der vorderste Klostereingang; auch das Kloster selbst verschwand;
die drei von der nachher erbauten romanischen Kirche übrigen Joche
dienen heute als Tabakspeicher.

Aber die Halle zeigt uns, daß wir wirklich Bedeutendes verloren.

Ihre vordere Front öffnet sich unten in drei breiten Bögen auf
Pfeilern, vor denen komposite Dreiviertelsäulen stehen von fast
streng römischer Architektur, wie man solche etwa an antiken Theatern
gewöhnt ist, nur des Gebälkes entbehrend, an dessen Stelle ein
friesartig verziertes Gesims getreten ist. Darüber ein Oberstock mit
jonischen Pilastern, über denen Spitzgiebel statt Bögen in einer Reihe
von Kapitell zu Kapitell laufen. Das Ganze trägt ein prachtvolles
Konsolengesimse, das an den schmalen Seiten antike Dreiecksgiebel
bildete, in den Formen und der Anwendung ziemlich genau dem an St. Jean
zu Poitiers entsprechend. Die ganze Fläche des Oberstocks und über
den Pilastern ist mit bunten Steinmustern aus Drei- und Sechsecken
geschmückt. Die Rückseite entspricht der Vorderseite; der schmale Bau
mag einst innen einen offenen Dachstuhl oder eine horizontale Decke
gehabt haben; seine oberen Fenster scheinen neu; wahrscheinlich hatte
er solche an den Schmalseiten.

In diesem Bau ist die Anlehnung an die römische Baukunst eine so
starke, die Wirkung eine so völlig antike, daß man hier wohl den
eigentlichen Anfang der „karolingischen Renaissance“ zu erblicken hat,
die jedoch in keinem Bau Karls des Großen mehr eine solche Klarheit
erreicht. Die Kompositakapitelle sind fast antik; die jonischen
freilich in ihren flachen nur angedeuteten Eierstäben wohl leicht als
spätere Nachahmung zu erkennen, doch nach antiker Art kanelliert,
ebenfalls noch streng in der Wirkung; nicht weniger das Konsolengesims.
Nur die Reihe der Dreiecksgiebel und der bunte Hintergrund der Pilaster
spricht die Sprache der Merowingerkunst.

[Illustration: Abb. 149. Torhalle zu Lorsch. Nach Adamy.]

[Sidenote: Trier]

Hier müssen wir die Erwähnung eines weiteren bedeutsamen
merowingisch-fränkischen Werkes auf deutschem Boden einschalten,
das außer der Linie der seither erwähnten Bauwerke steht: der
Wiederherstellung des Domes zu Trier durch Bischof Nicetius seit 527.
Dieser Priester fand bei seinem Amtsantritt den alten Dom, der hundert
Jahre früher aus einer römischen Gerichtshalle zu der Hauptkirche der
alten römischen Kaiserstadt verwandelt war, durch die salischen Franken
gänzlich verwüstet und zusammengestürzt vor, und baute den großartigen
Tempel möglichst in der alten Form wieder auf. Er errichtete von neuem
die mittleren vier großen Säulen mit den Quer- und Längsbögen darüber,
die den riesigen Raum teilten, nebst Dachwerk und einer schönen
Inneneinrichtung; auch hier wurde später der Teil für die Priester
durch Schranken in einer Behandlung, die der langobardischen nahe
steht, abgeteilt. Die großen Säulen haben noch fast antik gebildete
Kapitelle mit Masken an den Ecken, gleichzeitigen ravennatischen
ähnlich. Der ganze Raum wurde dann verputzt und sehr farbig, noch
halb antik-römisch ausgemalt, wovon Überreste genug zeugen, auch mit
Marmorfußboden versehen. Es ist hier überall die spätantike Tradition
maßgebend, der Bau auch vermutlich durch italienische Arbeiter
ausgeführt, so daß von fränkisch-germanischer Art nur die Reste der
jüngeren Schranken und einige Bruchstücke innerer Ausbauten reden.

[Sidenote: St. Laurent Grenoble]

Auf burgundischem Boden finden wir eine höchst interessante Krypta,
vermutlich erst nachher als solche für eine neu darüber gebaute
romanische Kirche benützt: St. Laurent zu Grenoble. Sie liegt noch
heute über dem Boden und besteht aus einem tonnengewölbten Langschiffe
mit Apsiden an beiden Enden und zwei am Ostende der Langseiten, so daß
da ein kleeblattförmiger Grundriß entsteht; am Westende befinden sich
statt weiterer Nischen die Ausgänge der beiden Treppen nach oben (Abb.
150, Tafel XL). Also ein Bau von verhältnismäßig reichem Grundriß. In
den Formen nahestehend den älteren Teilen von St. Jean zu Poitiers;
auch hier ist die den Wänden frei vorgesetzte Säulenarchitektur
teilweise mit antiken Säulen hergestellt und an die dortige
unwillkürlich erinnernd. Die Nischenbogen sind wie dort von Säulen
eingefaßt; der eigentliche Chorbogen trägt eine zweite Säulenstellung
über der unteren. Das Gewölbe hat lang durchgehende Ziegelschichten;
der Chorbogen ist mit solchen ebenfalls durchschossen.

Die Kapitelle der Säulen stammen meist von älteren Bauten; einige
sind jedoch, wie es scheint, für den Bau besonders gearbeitet; sie
haben einfache korinthisierende Formen, darüber eigentümliche schräge
Kämpfersteine nach Art der byzantinischen, doch mit Darstellungen,
so von Schafen und Vögeln zwischen Palmen, Kreuzen u. dgl., alles im
einfachsten Relief auf Grund gesetzt, aber mit Geschmack gearbeitet. Es
muß dahin gestellt werden, ob hier wirklich fremder Import vorliegt,
wie viele Forscher behaupten, die der Ansicht sind, daß alle marmornen
Kapitelle der Merowingerbauten fern im Osten angefertigt seien, und
daß es allgemeines Verfahren gewesen sei, solche so weit als möglich
auf dem Wasserwege beförderten Architekturteile, auch Schäfte und
Basen, in die Bauwerke einzufügen, wie es sich eben gab. In der Tat
zeigen viele Kirchenräume jener Zeiten dort geradezu Häufungen der
verschiedenartigsten Stücke dieser Art, die dabei oft kaum älter,
unbedingt nicht antik sein können.

Auch unsere Kirche hat Säulen mit und ohne Kämpferaufsätze oder
zwischengeschobene Gesimsstücke unter dem einfachen Steinbalken des
Architravs; an einer Stelle überhaupt kein Kapitell, zeigt also
deutlich die Kompilation vorhandener Architekturteile.

Trotzdem ist der ganze Raum schön in den Verhältnissen, von
interessantem Aufbau und anmutig in der Wirkung, verdient auch als
Komposition Beachtung. -- Das Bauwerk wird dem 7. Jahrhundert angehören.

[Illustration:

  XL

Abb. 150. Grenoble. St. Laurent.

(Phot. Robert, Grenoble.)]

[Illustration: Abb. 154. Jouarre. Krypten.

(Phot. Jubeaux, Jouarre.)]

[Illustration: Abb. 151. Jouarre. Krypten.]

[Sidenote: Krypta zu Jouarre]

Eine andere sehr eigentümliche und weit bekannte Krypta aus dem 7.
Jahrhundert finden wir in Jouarre in der Champagne. Bei ihr ist es
ebenfalls wahrscheinlich, daß sie ursprünglich eine kleine Kirche war,
die bald zu einer Krypta und Begräbniskirche wurde (Abbildung 151).
Denn sie stammt noch von der alten Klostergründung, die Abt Adon (†
628) im ersten Viertel des 7. Jahrhunderts hier vollzog; seitdem die
Äbtissin Telchilde († 655) da beigesetzt wurde, fügte sich Sarkophag
an Sarkophag. Von einem ursprünglichen Märtyrer- oder Heiligengrab,
dem der Bau als Krypta geweiht gewesen wäre, ist jedoch keine Spur
vorhanden. Heute ist der kleine Raum, dem im Anfang des 8. Jahrhunderts
eine Erweiterung nach Süden zuteil wurde, gewölbt; die Wölbung stammt
vermutlich aus nicht unerheblich späterer Zeit, dem 10. oder 11.
Jahrhundert. Als man hier unten eine Begräbniskirche einrichtete,
wurde über ihr eine nach Westen zu bedeutend längere Kirche erbaut,
deren Längsmauern man noch aufgefunden hat, und unter deren Ostteil
jene älteren Räume dann die Unterkirche bildeten. Dies geschah aber
bald nach der ersten Anlage. Es ist infolge der vielen Umbauten und
Änderungen jetzt schwierig, sich ein zuverlässiges Bild des ersten
Zustandes zu machen. Was einigermaßen feststehen wird, ist folgendes:

[Illustration: Abb. 152. Jouarre. Ursprünglich.]

Ursprünglich war, wie es scheint, ein niedriger flachgedeckter
kirchlicher Raum von rechteckiger Form vorhanden (Abb. 152), dessen
Westwand allein noch erhalten, nur 35 cm dick, durch fünf Pilaster
verstärkt und inwendig mit einem echt merowingisch-fränkischen bunten
Steinmuster geschmückt ist: oben Achtecke, darunter übereck gestellte
Vierecke, unten das bekannte petit appareil (Abb. 153, Tafel XLI). Die
einfachen Pfeilerkapitelle der Pilaster tragen einen längslaufenden
Architrav. Einst vorhandene weitere zwei Pilaster sind in romanischer
Zeit durch eine Tür verdrängt. Die Ostwand muß ebenso gegliedert
gewesen sein; an ihren dünnsten Stellen ist sie von gleicher Stärke wie
die westliche. Dazwischen standen parallel mit diesen beiden Wänden
zwei Reihen von je drei Säulen, annähernd auf denselben Plätzen wie
heute. Kurz, es wird anfänglich ein dreischiffiger flachgedeckter Raum
gewesen sein, merkwürdigerweise von Norden nach Süden gestellt; die
Eingangstür wird demnach im Süden gelegen haben; der Altar nördlich.

Als man dann die Kirche darüber erbaute, ergab sich zu diesem Zwecke
die Notwendigkeit einer Verstärkung der Nord- und Südmauern der
jetzigen Krypten, die durch eingebaute starke Pfeiler erreicht wurde.

Die Särge standen im Ostschiff.

Eine Verlängerung der Unterkirche nach Süden erfolgte nach 700; man
baute damals für den Hl. Ebregesil, Bischof von Meaux († 700), eine
besondere Grabkapelle an und stellte dessen Sarkophag darin auf. Im
10. oder 11. Jahrhundert wurden die beiden Krypten mit Kreuzgewölben
versehen. Da ergab sich der Gewölbeeinteilung halber eine geringe
Verschiebung der Säulen in dem ältesten Teil (der St. Pauls-Krypta).
Zugleich errichtete man an der Ostseite eine Estrade, in die man die
Särge begrub; die drei Säulen wurden verkürzt und auf die Estrade
gestellt; oberhalb der Särge errichtete man nun reichverzierte
Scheinsärge (Kenotaphien), die heute noch den besonderen Schmuck der
Krypta bilden (Abb. 154, Tafel XL). Leider hat man 1884 die Estrade
wieder großenteils beseitigt und so der Begräbniskirche ihre frühere
Eigenart teilweise geraubt.

Es erübrigt noch zu sagen, daß die andere, die St. Ebregesil-Krypta
wohl damals (oder noch später?) eine Vergrößerung nach Westen erfuhr,
die auch Veränderungen im alten Teil mit sich und allerlei romanische
Formen in die alte Krypta hineinbrachte; die Ebregesilkrypta selber
ist überhaupt viel roher, eigentlich nur eben einigermaßen notdürftig,
meist aus Bruchstücken, zusammengestümpert.

Aus merowingischer Zeit haben wir demnach an den beiden alten
Bauwerken (620-700) nicht mehr sehr viel im Original vor uns. Immerhin
in der Paulskrypta die erwähnte Lang-(West-)wand und die sechs
Marmorsäulen. Letztere haben alle weiße Marmorkapitelle und Basen
und verschiedenartig gefärbte marmorne Schäfte. Dem edlen Material
nach müssen wir auch hier Import aus dem Osten annehmen; ein einziges
Kapitell dürfte vielleicht von einem alten römisch-gallischen Bau
entnommen sein. Die Zeit der Herstellung der Kapitelle dürfte sonst
ziemlich der Bauzeit der Kirche entsprechen; es scheint, als ob solche
Arbeiten auf Bestellung in einem bestimmten Geschmacke in der Ferne
hergestellt worden wären. So kehrt das bekannte schöne Kapitell der
östlichen Mittelsäule in ganz ähnlicher Form der umgekehrten Ranken
und des gekehlten Kelches mit Eierstab in der Krypta von St. Brice zu
Chartres und an St. Christophe zu Suèvres (Abb. 155, Tafel XLI) wieder,
an ziemlich gleichzeitigen Bauwerken in ganz verschiedenen Gegenden
Frankreichs. Auch der kannelierte Kapitellkelch wiederholt sich bei
vier der sechs doch recht verschiedenen Kapitelle, wird überhaupt um
jene Zeit oft gefunden, so auch in St. Jean zu Poitiers.

[Illustration:

  XLI

Abb. 153. Jouarre. Krypten.

(Phot. Jubraux, Jouarre.)]

[Illustration: Abb. 155. S. Christophe zu Suèvres. Westfront.]

Es scheint demnach, wenn auch das edle fremdländische Material so
vieler Säulen an den Gebäuden jener Kunst den Import dieser Teile aus
dem Osten oder Süden zu bezeugen scheint, wenigstens bei der Bestellung
solcher Stücke ein bestimmter Geschmack und ein gewisses System
gewaltet zu haben, die es ermöglichten, daß die merowingischen Bauwerke
dieser Art und Zeit einen auffallend übereinstimmenden Charakter auch
in diesen Teilen tragen.

Das Einzelne der nicht mehr dieser Bauweise angehörigen Nachbarkrypta
St. Ebregesil ist dagegen, wie bemerkt, von großer Ungeschicklichkeit
und in gewöhnlichem Steine, so gut und so schlecht als es eben
ging, den Arbeiten des älteren Teiles nachgearbeitet. Eine klarere
Gruppierung im Grundriß läßt sich aber da anerkennen: im Osten
eine Art Apsis mit eckiger Altarnische, die mit Säulen eingefaßt
ist, die Öffnung dazu von drei Säulen getragen, davor ein kleines
säulengetragenes Schiff mit Kreuzgewölben; in diesem sind mehrere
romanische Kapitelle und zum Teil auch Säulen später eingefügt.

Noch einige wirkliche Krypten sind zu erwähnen als aus so früher Zeit
stammend; doch sind dies gleich von Anfang an gewölbte kleine Räume mit
Konfession und Wandelgang ohne besondere Charakteristik; so St. Aignan
in Orléans, St. Brice in Chartres, zwei sogar in der ersten alten
Merowingerhauptstadt Soissons, und die an St. Germain in Auxerre, die
im allgemeinen sich von den originalen Krypten der übrigen Welt formal
nicht nennenswert unterscheiden.

[Sidenote: Metz, St. Peter]

Wenn wir dagegen eine wirkliche Merowingerkirche noch halbwegs
aufrechtstehend sehen wollen, so müssen wir wieder über Deutschlands
Grenze gehen. In Metz, der einstigen Hauptstadt von Austrasien, ist
sonst fast alles den späteren Kriegsbauten zum Opfer gefallen, von den
Residenzen der Könige und der Kaiser bis zu ihren Begräbnisstätten
(noch Ludwig der Fromme war dort im Arnulfkloster bestattet). Aber ein
Bauwerk, die St. Peterskirche (heute militärische Brieftaubenstation)
auf der Zitadelle, ist noch übriggeblieben; wenn auch nur in den
äußeren Schiffswänden. Eine dreischiffige Basilika, deren Schiffarkaden
freilich in späterer Zeit ganz erneuert sind, die zuletzt in gotischer
Zeit im Innern völlig geändert ist. Aber es läßt sich immer noch
ersehen, daß der Bau den spanischen des 8. Jahrhunderts in der Anlage
ähnlich war, am meisten dem Kirchlein zu Val de Dios. Westlich eine
Vorhalle mit Empore, dann das Schiff, von dem man leider nicht einmal
mehr sicher weiß, ob die obere Wand des Mittelschiffes von Säulen oder
Pfeilern getragen war; ersteres ist das wahrscheinlichere, da sich der
Rest eines marmornen Säulenschaftes vorfand; im Osten eine vermutlich
rechtwinklige Apsis. Das kleinsteinige Mauerwerk ist, wie die Umfassung
der nördlichen Tür und die Bögen der Westwand, mit Backsteinschichten
durchschossen; über der Westempore eine Bogenstellung auf drei
Säulen ohne Kapitell. Von wichtigen Architekturteilen scheint sonst
so gut als nichts mehr erhalten, außer dem Reste eines Türsturzes,
der ein halbrundes Tympanon gebildet haben muß, doch nur aus zwei
Balken übereinander gebildet, ohne wirkliche Bogensteine: dieser
Rest (Abb. 56), dessen rechteckige Türöffnung darunter etwa 1,05ᵐ
licht gehabt haben muß, ist im Halbrund ringsum mit runden kleinen
Rosetten eingefaßt, inmitten waren drei größere Rosetten, die Zwickel
sind mit allerlei Blatt- und Schmuckwerk in Linien und Kerbschnitt,
der viereckige Türrahmen mit einer Reihe von eckigen eigentümlichen
Knöpfen gefüllt. Dieser Türsturz gehört als besondere Seltenheit zu den
wertvollsten Überbleibseln seiner Art.

Noch ein kleines Kapitell (Kragstein) ist da (s. Abb. 75), vorne
eine Art Büste in Relief eingetieft enthaltend, scheinbar römisch,
vielleicht wirklich ein solcher umgearbeiteter Rest, doch an den
Seiten Blattwerk entschiedenster germanischer Art, mit den bekannten
vertieften Rippen und Einschlitzungen, wie im Langobardischen und
Westgotischen.

Beim Durchsuchen der romanischen Pfeiler des Mittelschiffes fand man
außerdem prächtige Reste von Schranken in Kalkstein. Also offenbar
war eine innere Abgrenzung wie bei den langobardischen und spanischen
Kirchen vor dem priesterlichen Teile des Schiffes oder dem Chor einst
vorhanden; ob auch mit Säulen und Querwand oder Balken darüber ist
nicht mehr zu bestimmen. Doch wahrscheinlich ohne solche, da keinerlei
Rest davon zeugt.

Die Felder und Pfosten dieser Schranken sind von hohem Reiz und gut
altgermanisch (Abb. 156, 157, Tafel XLII); erinnern teilweise stark an
langobardische Arbeiten, sind jedoch weit mehr nordisch im Charakter,
schon insofern, als richtige Verschlingungen von Schlangen, Drachen
und dergleichen statt Flechtwerk allein vorkommen; die Felder sind
öfters, wie es scheint, zur Ausfüllung mit andersfarbigem Steinwerk
schachbrettartig und ähnlich vertieft, echt merowingisch bunt. Diese
Art von Zierung hat sich ja bekanntlich lange erhalten und weiter
gepflanzt, so im Puy (St. Michel de l’aiguille) an N. D. du Port zu
Clermont und vielen ähnlichen Bauwerken.

Dabei ist noch ein Pfosten von besonderer Form vorhanden, eine flache
Nische mit einer Figur darin (wie es scheint Christus) auf der
Vorderseite enthaltend. Die gewundenen Säulchen, die diese Nische
einfassen, der Spitzgiebel mit Krabben besetzt, die Behandlung, als
flachstes Relief auf Grund gesetzt, entspricht völlig der wohlbekannten
langobardischen Weise, doch ist alles ein wenig rundlicher, nicht
so scharfkantig eingeritzt. Es mag dies vielleicht der Rest eines
Eckpfostens der Schranken sein.

[Sidenote: Köln, Römerturm]

Der wohl ältere doch auch dieser Richtung angehörige „Römerturm“
zu Köln ist schon erwähnt worden; er mag ins 6. bis 7. Jahrhundert
gehören. Merowingerkönige, so Sigibert, wohnten ja oft und lange in der
rheinischen Stadt.

Die Fläche des runden Turmes ist völlig bedeckt mit den heitersten
Mustern der Flächendekoration in Stein und in Ton in verschiedener
Farbe. Fischgrätenfriese, Bänder, Räder, Pyramiden, Giebel, Dreiecke,
übereck stehende Quadrate, sogar tannenbaumartige Gebilde (wohl
Palmen) bedecken in heiterster Fülle reihenweise über- und
nebeneinander die ganze Fläche des Mauerzylinders (Abb. 158).

[Illustration:

  XLII

Abb. 156 u. 157. Metz. S. Peter. Von den Schranken.

(Nach Knitterscheid in: Jahrb. des Lotr. Gesch.-Vereins.)]

[Sidenote: Aachen, Königshalle]

Von Profanwerken der früheren fränkischen Zeit scheint leider alles
verschwunden; nur der alte merowingische Königssaal zu Aachen ist in
seinen Substruktionen noch im Unterbau des alten Rathauses erhalten.
So wenig dies auch ist, so interessant ist doch die Vergleichung des
Grundrisses mit dem des Königssaales S. Maria de Naranco in Spanien.

In beiden Fällen ein langer Bau, mit der Hauptfront nach Süden
gerichtet; an den Enden hier Rundungen, vielleicht ebenfalls
Ausblicksterrassen. Wo der Eingang war, ob an den Enden oder mitten,
ist nicht sicher; wahrscheinlich das erstere. Das Untergeschoß der
Länge nach in fünf (oder sieben?) Räume durch Wände quer geteilt,
welche der Einteilung des Saales darüber durch Säulen entsprachen.
Diese Säulen bildeten bei größerer Breite hier eine mittlere
Säulenreihe, genau wie solche noch in Goslar vorhanden ist, dessen
Kaiserhaus auch im übrigen in überraschender Weise mit der Aachener
Anlage übereinstimmt, ganz offenbar eine großartige Nachbildung des
merowingischen Saales im Westen.

[Illustration: Abb. 158. Römerturm zu Köln. Nach Holtzinger.]

Es ist hier der Ort, um nochmals auf die geradezu erstaunliche
Übereinstimmung des Grundrißtypus aller Königshallen aufmerksam zu
machen. Sie scheinen ausnahmslos in der Längsrichtung in 5 oder 6 Joche
geteilt gewesen zu sein, im Untergeschoß 3-7 Räume enthaltend; die
Zugänge mitten oder an den Enden. Ein allerletztes Beispiel dieser Art
ist die Haakonshalle in Bergen, schon frühgotisch (1261), dort wieder
mit 7 Fenstern in der (hier westlichen) Front und Treppenzugang am
Ende; mit 3 untergeordneten Räumen im Untergeschoß; darunter noch ein
Keller; oben der Saal, an dessen östlicher Längswand sich mitten der
Hochsitz, an beiden Enden je ein Kamin befand.

So haben wir also vier merkwürdig übereinstimmende Beispiele:
Naranco, Aachen, Goslar und Bergen, sozusagen genau nach demselben
Grundrißschema erbaut. Man möchte fast glauben, daß der Teilung des
Grundrisses eine symbolische oder ähnliche Bedeutung zugrunde gelegen
hätte; vermutlich sind diese vier steinernen getreu nach den sicher
einst sehr zahlreichen Hallen in Holzbau gestaltet gewesen.

[Sidenote: Trier, Frankenturm]

Ferner ist in Trier noch ein höchst merkwürdiges Profanwerk wohl
spätester fränkischer Zeit vorhanden: der Frankenturm in der
Dietrichsgasse (Abb. 159, Tafel XLIII). Von solchen Bauwerken,
propugnacula genannt, kannte man vor zweihundert Jahren dort noch fünf;
heute steht noch dies einzige; wohl ein Wohnturm, gleichzeitig zur
Verteidigung geeignet. Es ist ein länglicher Bau von etwa 16½ m Länge
auf 9½ m Breite, jetzt noch zwei Stockwerke nebst einem Dachstock über
einem 7½ m hohen tonnengewölbten Keller enthaltend; ursprünglich sicher
4-5 Stockwerke hoch. Das Einfahrtstor ist von neuerer Entstehung;
die beiden niedrigen Untergeschosse (heute zu einem vereinigt) haben
ganz kleine Fenster, das Hauptgeschoß dagegen nach der Straße zu zwei
doppelte Bogenfenster mit je einer Mittelsäule, das Prunkstück des
Gebäudes. Dieses ist im Äußeren durchaus höchst altertümlich, das
Mauerwerk im Sockel aus Quadern, darüber petit appareil (aus römischen
Quaderchen) mit doppelten Ziegelschichten durchschossen und Eckquadern.
Sichtbarlich waren die unteren Geschosse zu wirtschaftlichen Zwecken
bestimmt, der große Raum im zweiten Obergeschoß aber der Hauptsaal,
in dem folgenden Stockwerk wohl die Schlafräume. Eine Treppe ist
nicht festzustellen; sie mag, in Holz hergestellt, inwendig in die
Höhe geführt haben. Vom Kamin ist im Saal ein Rest, später erneuert.
-- Das sehr interessante Fensterpaar ist durch einen quadratischen
Mittelpfeiler getrennt, Gesimse überall nach karolingischer Art
antikisierend, die zwei Teilsäulchen (Abb. 52) aber ohne Kapitell
nur einen Kämpferstein tragend, der Schnecken am Ende zeigt. Die
Basis attisch. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Bau aus dem 9.
Jahrhundert, wenn nicht älter, und dürfte der wertvollste Profanbau
unserer ältesten Zeit in Deutschland sein. Das Äußere von prachtvoller
Derbheit, im 19. Jahrhundert mit einem Pultdach abgedeckt.

[Sidenote: Winkel, Graues Haus]

Ein in romanischer Zeit erweitertes kleines Haus der fränkischen Zeit
finden wir außerdem in Winkel im Rheingau im „grauen Hause“ erhalten;
vielleicht wirklich einst das Wohnhaus des fuldischen Kirchenlichtes
Rhabanus Maurus um 850. Wie Eichholz in überzeugender Weise nachwies,
ist der ursprüngliche Kern des Hauses noch völlig wohlerhalten, er
besteht aus einem etwa 7 m breiten und 14 m langen zweistöckigen
Gebäude, an den sich im Oberstock westlich eine kleine Kapelle mit
eingetieftem Kreuz im Türsturz anlegt; unter ihr wird sich die Küche
befunden haben; das obere Stockwerk war vermutlich durch eine äußere
Freitreppe an dieser Stelle zugänglich, bestand also, wie in Trier der
Frankenturm, aus einem Raume, in dem sich ebenso die Spur des Kamins an
der Südseite noch vorfindet. Von großem Interesse sind an diesem Bau
die wenigen erhaltenen Architekturteile: ein Doppelfenster nach Osten
mit schwerem Sturz, in dem zwei blinde Bögen angearbeitet sind; im
Mittelpfosten sind echte Kerbschnittverzierungen eingetieft, auch ein
ebensolches Kreuz zwischen den Bögen. Die zwei dreifach geschlitzten
Ostfenster des Erdgeschosses haben einen Sturz mit einer dachförmigen
eingegrabenen Linie mit runden Akroterienandeutungen; ein ähnlicher
Sturz findet sich über dem später verschobenen Eingang zur Küche.

[Illustration:

  XLIII

Abb. 159. Trier. Frankenturm.

(Phot. Gary, Trier.)]

Diese beiden steinernen Wohnhäuser werden uns also wohl in ihrer so
unendlich einfachen Anlage die älteste Form von solchen Gebäuden in
Deutschland darstellen und sind von höchstem Interesse, wenn auch
vielleicht erst in der karolingischen Zeit entstanden. Ihre Formgebung
entspricht denn auch noch völlig der der allerersten Anfänge unserer
Steinbaukunst.

[Sidenote: Germigny-des-Prés]

Ein Bau ganz besonderer Art aber steht noch in Frankreich, eine kleine
doch hoch merkwürdige Kirche, wenn auch gänzlich „restauriert“, doch
auch so ein charakteristisches Werk, das wir seiner Art nach immer noch
als fränkisch-merowingisch bezeichnen dürfen, wenn es auch erst 806,
also zur Zeit Karls des Großen, erbaut ist: die schöne Zentralkirche zu
Germigny-des-Prés bei Orleans. Theodulf, Bischof von Orleans erbaute
und stattete sie aus; sie galt als ein besonders schönes Werk nach dem
Muster der Palastkirche zu Aachen, mit der sie aber gar nichts gemein
hat, als die Zentralität des Grundrisses. Die Reste ihrer Ausstattung
beweisen uns, daß der Bau tatsächlich über das Gewöhnliche hinausging;
leider hat die unverständige Herstellung 1867 fast die ganze Kirche
erneuert und sie eines bedeutenden Teiles ihres historischen Wertes
beraubt. Trotzdem ist genug geblieben, um das einstige bedeutsame Werk
auch in seinem verschwächten Abbild schätzen zu können.

Die Grundrißanordnung (Abb. 160) ist eine seit der Zeit der Römer oft
vorkommende: ein viereckiger Mittelraum (Kuppel oder Turm), auf dessen
Seiten vier kurze Tonnengewölbe quer aufstoßen; die übrigbleibenden
Ecken sind hier mit kleinen Kuppeln überwölbt. Dazu kommen vier Apsiden
von hufeisenförmigem Grundriß auf den vier Seiten; auf der Ostseite war
die Apside früher noch von zwei kleineren flankiert.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß die verschwundene westliche als
Eingang diente; in meinem Herstellungsvorschlag sind zwei Eingänge zu
deren Seiten angenommen. Später wurde hier ein kurzes dreischiffiges
Langhaus angebaut.

Ob der Mittelraum, der sich zu einem Turme erhebt, früher auch eine
Kuppel besaß, ist nicht mehr zu wissen; auf Grund baulicher Reste
glaube ich es nicht.

Die allgemeinen Grundzüge der Anlage haben zwar wie selbstverständlich
nichts spezifisch Germanisches, scheinen vielmehr eher nach Osten zu
deuten; indessen ist darauf hinzuweisen, daß das Motiv der Stützung
des Mittelraumes durch gegengestellte Quertonnen an germanischen
Kirchen mit Vorliebe gebraucht und sogar zu einem bedeutungsvollen
System entwickelt ist; so hervorragend in S. Miguel de Lino in Spanien
und später in Aachen. Daher ist seine Verwendung auch hier nicht ohne
Bedeutung. Ferner ist die Anordnung von drei hufeisenförmigen Apsiden
im Osten nebeneinander, wie es scheint, nur germanischen Kirchen
eigen: S. Miguel de Escalada bei Leon (Spanien), Disentis und Münster
(Schweiz). So bietet sich schon im Grundrisse mehreres von Bedeutung;
das eigentlich Wichtige liegt aber im Formalen.

[Illustration: Abb. 160. Germigny-des-Prés. Grundriß.]

Zunächst in der konsequenten Durchführung des Hufeisenbogens, sodann in
der Holzmäßigkeit aller Gesimse und der höchst eigenartigen Behandlung
der Stützen; schließlich noch in der Durchführung einer reichen
Ausschmückung in Stuck.

Es bietet übrigens die Kirche einen in ihrer Art bedeutenden Eindruck
und eine räumlich vortrefflich wirkende Abstufung (Abb. 161); der
zentrale Innenraum ist ein überraschend schöner und weihevoller,
ausgezeichnet in den Verhältnissen und der Durchführung; und wenn ein
großer Teil des Schmuckes, vor allem der Stuckteile, leider erneuert
ist, so ist die Wirkung des Ganzen unzweifelhaft doch noch ungefähr
die alte (Abb. 162). Reste der originalen Stukkaturen sind im Museum
zu Orleans aufbewahrt und gestatten einigermaßen eine Würdigung der
ursprünglichen Behandlung.

Was uns im Innern besonders auffällt, ist die außerordentlich
selbständige Behandlung des Details, das in vieler Hinsicht sich der
spanischen Art nähert, von der antikisierenden der karolingischen Zeit
sich aber ebensosehr entfernt.

[Illustration: Abb. 161. Germigny-des-Prés. Schnitt.]

[Illustration: Abb. 162. Germigny-des-Prés. Chorbogen.]

Die vier Bögen, von denen der Mittelturm getragen wird, ebenfalls
hufeisenförmig, ruhen auf Kämpfern, die nur nach der Bogenseite
vorspringen, ebenso wie die acht Bögen, die die Wände mit den vier
Pfeilern verbinden. Das ist eine besondere Eigentümlichkeit jener
Zeit, auch meist der karolingischen Bauweise, vielleicht dadurch
veranlaßt, daß diese Gesimse dazu dienten, die hölzernen Lehrbögen für
die Einwölbung der Bögen zu tragen. Die Kämpfer (Abb. 54) sind ganz
charakteristisch germanisch; auf dichten Reihen kleiner Klötzchen oder
Konsolchen ruhend haben sie an ihrer Vorderfläche Flechtwerk oder eine
Nachahmung kleiner gedrehter vertieft eingelassener Baluster, also
richtiger Drechslerarbeit. Das erscheint auch in der gleichzeitigen
angelsächsischen Baukunst. An den Außenwänden sind die Kämpfer einfach
profilierte Klötze von der Breite der Bögen und ruhen auf vorgestellten
freien Säulen. Dies erinnert lebhaft an das Bogenauflager in S. Miguel
de Lino (Abb. 126). Im Chorbogen stehen an dieser Stelle je zwei viel
kleinere Säulchen. Die vier Tonnengewölbe der Arme öffnen sich oberhalb
der mittleren Bögen mit einer kleinen dreiteiligen Arkade auf je zwei
Säulchen nach dem Mittelraum zu, dorther Licht empfangend. Diese Arkade
erinnert lebhaft an die späteren romanischen; die Säulen tragen hier
auch den schweren sattelholzartigen Stein als verbreitertes Auflager
für die tiefen Bögen, dessen Profilierung wieder eine völlig holzmäßige
ist. Die Gruppe ist von einem Wandblendbogen auf Pfeilerecken
eingefaßt, im Stockwerk darüber befindet sich ein Rundbogenfenster auf
jeder Seite.

[Illustration: Abb. 163. Germigny-des-Prés. Details.]

Das Innere der Chorapsis zeigt unten zwei Nischen, sowie neuerdings
drei Fenster. Die Nischen dürften sich wiederholt haben, auch die
anderen Apsiden werden ursprünglich fensterlos gewesen sein. Über
den Fenstern der Altarnische läuft eine vorgesetzte Zwerggalerie auf
kleinen Säulchen.

Alle Säulen zeigen ohne Ausnahme höchst besondere Kapitellbildung,
die nur ausnahmsweise entfernt an die korinthische erinnert: Blätter
an den vier Ecken, kleine Ranken, meist aber Rippungen und Riefungen
der Flächen, schräg oder gerade; kurz eine wieder völlig holzmäßige
Behandlung, der der gleichzeitigen Kapitelle von S. Tirso in Oviedo
und Adriano zu Tuñon verwandt (Abb. 163). Die Basen meist mehr als
Ringelung aufgefaßt.

Oberhalb der vier Apsidenbögen befinden sich noch Fenster, rundbogig,
nur das östliche rechteckig, zur weiteren Beleuchtung des Schiffes
dienend. Andere scheinen ursprünglich gefehlt zu haben, was der inneren
Lichtwirkung sicher bedeutend zustatten kam.

Eine einst vorhandene alte Tür nach Norden ist leider verschwunden;
eine Aufnahme von Bouet 1867 gibt uns aber davon eine Vorstellung; ihre
Umrahmung bestand aus drei ganz holzmäßig profilierten Steinbalken, von
denen der Sturz schräg in Dachform geschnitten war.

Was aber die Kirche einst besonders zierte und ihr den höchsten Glanz
gab, wovon auch noch erhebliche Reste vorhanden sind, das war ihre
reiche dekorative Ausstattung, die durch einen Brand gegen Ende des 9.
Jahrhunderts, wohl von den Normannen angelegt, zuerst stark beschädigt
wurde. Ein alter Chronist erzählt:

„Hier erbaute Abt und Bischof Theodulf eine Kirche so wunderbarer
Arbeit, daß in ganz Neustrien kein Werk gefunden wurde, das diesem ehe
es verbrannt wurde, verglichen werden durfte. Denn die ganze Basilika
in Bogenwerk (= Wölbung) errichtend, verschönerte er ihr Inneres mit
Blumenschmuck aus Gips und Mosaiken und ihr Pflaster mit marmornem
Bildwerk, daß die Augen der Schauenden sich an solch schönem Anblick
kaum ersättigen konnten.“

In der Tat sind hiervon immer noch bemerkenswerte Spuren vorhanden;
bei der Herstellung der Kirche ist der Stuck meistens, manchmal
willkürlich, erneuert, doch gibt die Herstellung wenigstens in der
Hauptsache ungefähr den alten Zustand wieder.

Zunächst sind die oberen Fenster des Mittelturmes mit Halbsäulchen und
einer reichen Archivolte in Stuck eingefaßt, die aus einem Tauband
mit ringsum laufenden Ornamenten besteht (s. Abb. 65). Das Gesims,
auf dem diese Halbsäulen ruhten, fehlt heute. Das Einzelne ist in
der Behandlung oft kerbschnittmäßig. Die kleinen dreifachen Arkaden
darunter mögen solchen Zierat ebenfalls besessen haben, denn ihre
Bögen sind nur verputzt gewesen. Das viereckige Ostfenster über dem
Chorbogen hatte ebenfalls eine mehrfach geknickte Stuckbekrönung; vor
allem aber ist die Chorapsis reich geschmückt. Die unteren Nischen
sind mit langgestrecktem noch originalem Blattwerk gefüllt, Bögen,
Gesimse und Zwickel bis zur Wölbung ornamentiert. Reste in Orleans
erweisen, daß alles dies der alten Dekoration nachgebildet ist. Unter
dem Putz hat man bei der Herstellung dann jene obere Zwergsäulengalerie
aufgefunden, deren Bogenflächen mit den Resten ornamentaler Mosaiken
-- aufstrebende Ranken -- gefüllt sind; das Gewölbe aber ist mit einem
ganzen Mosaikbild bedeckt.

Dieses früher bereits erwähnte Gemälde ist für uns von
außerordentlicher Bedeutung: das einzige seiner Art aus karolingischer
Zeit in germanischen Landen. Sicher nahe verwandt mit den einst in
Aachen vorhanden gewesenen (Abb. 164, Tafel XLIV).

[Illustration:

  XLIV

Abb. 164. Germigny-des-Prés. Mosaikbild der Apsis.]

[Illustration: Abb. 167 u. 168. Quedlinburg. Wipertikrypta.]

Das Bild ist ernst und tieffarbig von bedeutender Wirkung und stellt
zwei große Engel dar, die von oben die mittenstehende Bundeslade
schützen, auf welche eine mitten sich herabsenkende Hand deutet,
und auf der noch zwei ganz kleine Engel stehen. Das Ganze von
hervorragender Schönheit, gewiß von einem Künstler aus dem Osten
ausgeführt. Doch in manchen Kleinigkeiten dem nordischen Geschmacke
entsprechend gebildet, vor allem in der an tiefen roten und blauen
Tönen, wie Schwarz und Gold reichen Färbung, die stark abweicht, z. B.
von der ravennatischen. Auch hie und da, so in der bezeichnenden
Verflechtung der Flügelspitzen, direkt germanische Motive zeigend.

Es ist mit einer schönen Bordüre eingefaßt, die Rauten und Sterne
aufgereiht enthält; unten ein lateinisches Distichon, das auf die
Bedeutung des Bildes hinweist und für den Erbauer Theodulf bittet.

Von diesem Bilde abgesehen haben wir im Formalen des Steinwerkes
der Kirche überall Anklänge an die spanisch-westgotische Auffassung
zu bemerken, während die Stukkaturen wieder in vielem an die
des Oratoriums der Peltrudis in Cividale und an die zu Disentis
anknüpfen; kurz, einen im wesentlichen auf der Höhe der damaligen
Architekturentwicklung bei den Germanen stehenden Bau. Das wird uns
weniger wunder nehmen, wenn wir uns erinnern, daß Bischof Theodulf, der
Erbauer, ein Westgote aus Septimanien war, den Karl der Große wegen
seiner bedeutenden geistigen Eigenschaften nach Frankreich zog. So
war er offenbar auch der Träger der südlichen germanischen Kultur, im
Gegensatz zu anderen Helfern Karls, die die italienisch-romanische nach
Norden verpflanzten.

[Sidenote: Karolingische Zeit]

Die Baukunst Karls des Großen schließt sich zeitlich direkt an die
bisher behandelte der Merowinger an; doch im Geiste bald weit von ihr
abweichend und nur selten mehr ans eigentliche Germanische anknüpfend.
Auch ist sie anderweitig hinreichend behandelt und bekannt genug; es
liegt denn keine Veranlassung vor, sie noch in den engeren Rahmen
unserer Darstellung zu ziehen.

Indessen ist es doch angezeigt, hier wenigstens noch einen kurzen
Überblick über die unter Karl und in der unmittelbar folgenden
Zeit entstandenen Bauwerke zu geben, um so wenigstens die Anfänge
der Steinbaukunst in Deutschland nicht ganz zu übergehen, da unser
Vaterland sonst überhaupt nicht zur Erscheinung gelangen würde; da
immerhin aber auch die Grenzen zwischen der alten Kunst und der
karolingischen sich nirgends völlig scharf ziehen lassen; ferner
sind einige Denkmäler selbst noch späterer Zeit dem Geiste nach in
die vorkarolingische Periode zu rechnen. Anderseits bewahrt die
karolingische Kunst manche Einzelheiten, welche noch zu unserem Gebiete
gehören.

Es gilt heute allgemein als feststehend, daß Karl der Große, ein großer
und nachdrücklicher Förderer der Kunst, insbesondere der Baukunst, sein
Streben doch im wesentlichen darauf richtete und wohl auch richten
mußte, das im Süden, in Italien, Geleistete seinem Volke zugänglich
zu machen. Es handelte sich in der Tat bei ihm ausschließlich um
reinen Import italienischer Kunst; jede Erkenntnis dessen, daß auch
den Germanen bereits beschieden war, Bedeutsames zu leisten, mußte
ihm fehlen. Seine besondere Bewunderung für Theoderichs des Großen
Leistungen auf diesem Felde kann sich also wohl nur auf die Pflege und
Fortführung der älteren italienischen Kunst durch diesen König bezogen
haben.

Merkwürdig ist dabei, daß des großen Kaisers Bauliebe sich so gut als
völlig auf das deutsche Land beschränkte, vielleicht weil er da noch
alles, in Frankreich aber nichts mehr zu tun fand. Um Trier, dessen wir
oben gedachten, scheint er sich nicht gekümmert zu haben; es erstreckt
sich seine fördernde und schaffende Tätigkeit zunächst auf Aachen, dann
aber auf den Rheingau und auf die westdeutschen Gebiete.

[Sidenote: Aachen, Pfalzkapelle]

In Aachen fand er die bereits zur Merowingerzeit bestehende Pfalz vor,
die er, wie aus dem Berichte der Zeitgenossen hervorgeht, verschönerte
und erweiterte, vor allem aber mit einem weiten Palastbezirk umgab,
dessen künstlerischen Höhepunkt seine Pfalzkapelle, die basilica Stae.
Mariae, bildete; hier völlig dem folgend, was er im Süden gesehen
und schätzen gelernt hatte. Behielt der Saal die Gestalt der alten
germanischen Königshallen bei, so verpflanzte Karl in dem Zentralbau
seines Münsters eine im Süden und Osten schon gepflegte Idee und
Grundform nach Norden. Es erübrigt sich über das Einzelne des Baus
hier zu sprechen, gewiß ist, daß wir dessen Vorbilder nicht allein in
S. Vitale zu Ravenna und der Rotonda zu Brescia, sondern noch mehr in
der Levante zu finden haben. Die künstlerische Ausstattung der Kirche
ist durchweg aus der Fremde, vermutlich gänzlich aus Ravenna hierher
gebracht; die zahlreichen Säulen stammen aus Theoderichs Palast, wie
denn die wenigen noch originalen Kapitelle genau mit solchen aus
ostgotischer Zeit in Ravenna übereinstimmen. Der Bronzeschmuck ohne
Zweifel ebendaher. Ich habe beim Theoderichdenkmal darauf hingewiesen,
daß die Aachener Gitter die Längenmaße der Seiten des letzteren
besitzen und unverkennbar ravennatischem Stil folgen. Die bronzene
Bärin, der Pinienzapfen und so manches andere selbst jüngerer Zeit sind
aus der Fremde hierher gebracht; die Mosaiken und Marmortäfelungen,
das opus sectile des Fußbodens ebenfalls von Theoderichs Palast. Nur
der Mosaikschmuck der Gewölbe muß neu entstanden sein und lag gewiß
in gleichen (byzantinischen) Händen, wie der noch erhaltene von
Germigny-des-Prés von 806.

Doch ist ein Neues für uns hier zu beachten: die Abstützung der
mittleren Kuppel im oberen achteckigen Umgange durch auf ihre acht
Seiten stoßende Tonnengewölbe, sogar mit Ausnahme des östlichen und
westlichen Feldes ansteigende (Abb. 165); eine neue Tat auf dem von
den Germanen so gepflegten Gebiet der Kombination der Tonnengewölbe zu
durchgebildetem und kompliziertem System, wofür wir die Beweise seither
so oft gefunden haben.

Ein Weiteres fällt uns hier auf: die Westvorhalle zwischen zwei
runden Treppentürmen. Dieses bauliche Motiv scheint nur germanischen
Kirchen eigen zu sein und kehrt um jene und die kurz darauf folgende
Zeit in Deutschland bis gegen das Jahr 1000 hin oft wieder. So in
Köln an S. Pantaleon, in Bonn, in Münstermaifeld, in Gernrode, in
Möllenbeck, in Großenlinden (bei Gießen), wie wir es bereits an der
langobardischen Kirche S. Lorenzo zu Verona antrafen, wie ja auch der
Rundturm überhaupt, der in Ravenna zuerst auftritt, ein germanischer
Kunstgedanke zu sein scheint, der an dem deutschesten aller romanischen
Dome, dem zu Worms, seine feinste Höhe erreicht.

[Illustration: Abb. 165. Münster zu Aachen. Schnitt. Nach Dohme.]

Nicht minder ist es nötig, darauf hinzuweisen, daß in den ältesten
nordischen Steinkirchen ungemein oft Emporen erscheinen, mehr als sonst
irgendwo. Aus welchen Gründen ist noch nicht völlig klar.

[Sidenote: Höchst]

[Sidenote: Ingelheim]

Die edle Basilika auf Säulen mit glattblättrigen korinthischen
Kapitellen und gerieftem Kämpferaufsatz zu Höchst am Main sei ebenfalls
erwähnt. Nicht minder die von Einhard erbauten zwei Pfeilerbasiliken zu
Steinbach und Seligenstadt, die Peterskapelle zu Helmstedt, dazu die
Kaiserpfalz zu Nieder-Ingelheim. Hier überall finden wir zwar jenen
klassizistischen oder antiken Zug, der Karls Kunst den Namen einer
ersten Renaissance verschafft hat; wie aber bereits oben dargelegt, ist
er in noch weit höherem Maße und feinerer wie energischerer Ausprägung
schon der letzten Zeit seiner Vorgänger eigen, und handelt es sich
bei Karl d. Gr., wie es scheint, doch viel mehr um Übertragung der
+gleichzeitigen+ nicht der älteren italienischen (oder östlichen)
Baukunst nach dem Norden; stehen also seine Bauwerke durchaus auf der
Linie seiner eigenen Zeit. Auch der letzte Rest der Pfalz zu Ingelheim,
der Saal, zeigt uns eine richtige Übertragung der römischen Basilika,
etwa wie Theoderich in Ravenna etwas Ähnliches in der Herkulesbasilika
als Börse für die Kaufleute geschaffen hatte, mit schmalen Säulenhallen
an der Seite und großer Apsis für den Herrschersitz am Südende. Dieser
Saal erweist deutlich, daß sich Karl, wo er ganz neu baute, von der
germanischen Sitte auch in der Anlage des Königsaals entfernte und
fremdländischer zuneigte.

Dagegen finden wir aus Ingelheim im Mainzer Museum noch einige
bildhauerische Reste, die uns wieder in bekannte Gebiete führen; eine
Reliefplatte mit einem säugenden Flügelpferd, in Technik und Behandlung
so nahestehend dem Relief aus S. Miguel de Lino in Oviedo, daß wir
an eine direkte Verbindung dieser übrigens wohl gleichzeitigen Kunst
denken müssen (Abb. 166).

Zwei Pfeilerkapitelle aus Ingelheim weisen ebenfalls auf eigene
künstlerische Auffassung hin; sie gehören zu Pfeilern von
eigentümlichem Grundriß mit Halbsäulen besetzt, die von einem
achteckigen Zentralbau herrühren müssen (s. Abb. 49). Vielleicht
Reste der alten Pfalzkapelle; die jetzige Remigiuskirche geht ja nur
auf Otto I. und Barbarossa zurück. Da nicht nur Aachen, sondern auch
Nymwegen, ja zuletzt noch Goslar eine achteckige Pfalzkapelle besitzen,
so hätte es nichts Unwahrscheinliches, daß auch Ingelheim eine solche
umschlossen hätte.

Diese Kapitelle weisen außerdem auf einen denkenden nordischen
Künstler hin; in der Behandlung denen in Lorsch teilweise verwandt
haben sie ganz eigenartige Blattzerspaltungen und eine germanischer
Art nahestehende Parallelstellung der Blattrippen und ähnlicher
Einzelheiten, die vermuten lassen, daß wir hier doch Werke germanischer
Kunst sehen. Wie ja jenes Relief auch gleiches besagt.

[Sidenote: Kirchen im Rheingau]

Daran schließen sich auf das nächste einige Steinreste an alten Kirchen
meist des Rheingaues, wohl alle von Türen herrührend, die bestimmt
als im Lande entstanden betrachtet werden müssen. Das sind besonders
die drei Türstürze zu Engelstadt, Pfeddersheim und Pfaffenhofen.
Der erste lehnt sich in Art der Zeichnung ganz merkwürdig an die
westgotisch-spanischen in Toledo und Merida an (s. Abb. 56); die
beiden anderen mehr an langobardische Art, worauf auch die dachförmige
Gestalt der Steine deutet. Überall aber finden wir die in den glatten
Balken einfach auf Grund gesetzten Tiergestalten, die uns die so
ähnlichen Arbeiten in Oberitalien ins Gedächtnis rufen. Verwandte
Tierdarstellungen, sicher einst als Schmuck von Portalwänden einfach
in diese eingesetzt, haben wir auch noch aus Ladenburg bei Mannheim;
Ähnliches findet sich vereinzelt in ganz Deutschland, selbst bis nach
Holstein hin.

Konnten wir hier auch in der durch Karl der neuen Zeit erschlossenen
Gegend noch vereinzelte Regungen der altgermanischen Kunstweise
feststellen, so ist aus noch späterer Zeit mehreres zu erwähnen, was
wir als die letzten deutlich sich aussprechenden Ausläufer solcher
Richtung bezeichnen dürfen.

[Sidenote: St. Wipertikrypta zu Quedlinburg]

Das eigenartigste Bauwerk dieser späten dem Geiste nach viel früheren
Kunst ist unzweifelhaft die kleine Krypta unter der romanischen
Wipertikirche zu Quedlinburg.

[Illustration: Abb. 166. Relief aus Ingelheim.]

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es noch die alte Kapelle der Pfalz
der Vorfahren Kaiser Heinrichs I., der Ludolfinger, 929 der Kaiserin
Mathilde als Witwengut zugeschrieben; diese machte bereits vor 961 ein
Chorherrenstift mit dem Namen der Heiligen Jakobus und Wipertus daraus;
zu dieser Zeit oder später wird die alte kleine Pfalzkapelle als Krypta
in die neue Stiftskirche eingebaut worden sein (Abb. 167, Tafel XLIV).

Wenn aber gesagt wird, daß wir einen vollständigen Umbau der älteren
kleinen ursprünglich flachgedeckten Kirche zur Krypta vor uns hätten,
so kann dieser Meinung doch nicht beigetreten werden. Das ganze kleine
Gebäude ist so völlig aus einem Gusse, auch von Anfang an ohne Wölbung
nicht denkbar, daß es höchstens zweifelhaft sein kann, ob der Bau
wirklich schon von den Vorfahren Heinrichs herrührt, die den Königshof
an dieser Stelle bereits im 8. Jahrhundert besaßen; oder ob er erst von
dem kaiserlichen Enkel erbaut wurde.

Was ihn so außerordentlich interessant macht, ist seine Eigenschaft
als eines rein germanischen Steinbauwerkes anfänglichster Art; als
des Versuches eines nordischen Baumeisters bei Lösung der Aufgabe den
Anforderungen des Stein- und Gewölbebaus zu entsprechen, ohne daß
irgendwie eine Nachbildung eines südlichen Vorbildes zu erkennen wäre;
vielmehr ist das Ganze in Grundriß und Aufbau durchaus selbständig,
entspricht dabei genau den Gesichtspunkten, die wir früher als bei
dem Übergange vom Holz- zum Steinwölbebau als maßgebend und wirksam
erkannten.

Das Kirchlein ist sehr einfach, von höchst kompaktem Grundriß,
dreischiffig; die halbrunde Apsis mit Nischengewölbe ist von einem
tonnengewölbten Umgange umgeben, der sich in den Schiffen zu seiten
des ebenfalls tonnengewölbten Mittelschiffes fortsetzt. Das Schiff
hat nur zwei Joche, die durch Gurtbögen in den Tonnen kenntlich
gemacht sind (Abb. 168, Tafel XLIV). Die Stützen bestehen aus je zwei
kräftigen rechteckigen Steinpfeilern, zwischen die Säulen gestellt
sind, zusammen einen Architravbalken tragend, auf dem das Gewölbe ruht.
Ganz holzmäßig; der Balken zieht auch um die Chornische herum, dort
auf einem rechteckigen Pfeiler und je zwei kleineren Säulen liegend
(Abb. 169, Tafel XLV). In der engen Apsis der Altar; der Chorumgang von
sieben rechteckigen Nischen umgeben (die mittelste ist heute zur Türe
ausgebrochen). In den Schiffswänden sind je zwei tiefsitzende Fenster.
In der Westwand waren drei Türen.

Die Höhenlage und das bedeutende Emporragen in die Kirche beweist, daß
diese „Krypta“ anfänglich über der Erde lag, wie man selbst noch jetzt
ziemlich gleichen Fußes hineintritt.

Der Formalismus ist der einfachste. Der Architravbalken ist unten von
zwei Rundstäben mit Plättchen eingefaßt; die Säulen der Chornische
haben Kapitelle, die nur ganz roh aus dem Rund ins Viereck übergehen,
attische Basen und verjüngte Schäfte; der östlichste rechteckige
Pfeiler trägt ein mühsam jonisierendes Kapitell.

Die Südseite des Architravs nach dem Seitenschiff, einst die
bestbeleuchtete Stelle, heute dunkel, ziert ein Flechtband mit Kreuz am
Ende, einem langobardischen Friesstück in Aquileja des 8. Jahrhunderts
stark ähnlich (Abb. 170, Tafel XLV). Die östlichen Säulenkapitelle
entsprechen in der Form genau den gleichaltrigen des 9. Jahrhunderts in
der Michaeliskirche zu Fulda.

Die vier Schiffssäulen aber, das wichtigste für uns, bilden eine
besonders eigenartige und echt germanische Klasse der Stützen (Abb.
51); sie haben sogenannte Pilzkapitelle, die offenbar auf der Drehbank
nach Muster eines hölzernen Stützenkopfes nebst den Schäften gedreht
sind, eine Form, die nichts mit der klassischen oder südlichen Kunst zu
tun hat, sondern nur aus dem Holzbau zu verstehen ist, die denn auch
von jeher diese Auffassung gefunden hat. Oben ein nach unten hängender
Rundstab, darunter eine Hohlkehle mit Stäbchen und Plättchen.

[Illustration:

  XLV

Abb. 169. Quedlinburg. Wipertikrypta. Ostteil.]

[Illustration: Abb. 170. Quedlinburg. Wipertikrypta. Ornament auf dem
Architrav.]

Wir sehen hier also einen ersten Versuch im nordischen Lande,
einen kirchlichen Bau ganz zu wölben, ihn aber sonst möglichst in
altgewohnter Weise zu gestalten. Die Stützen um Schiff und Chor sind
sicher einfache Nachbildung von solchen an Lauben hölzerner Gebäude;
freilich schleicht sich an einzelnen Stellen doch eine südliche
Reminiszenz ein: an dem jonischen Ostpfeiler, den attischen Basen und
dem Ornament auf dem Architrav, beweisend, daß der Künstler des Baus
direkt oder indirekt doch etwas von jener fernen Kunst in Erfahrung
gebracht hatte, immerhin ohne sich in einer wesentlichen Richtung von
ihr beeinflussen zu lassen.

Die außerordentliche Niedrigkeit und Kleinheit des Gebäudes (lichte
Gewölbehöhe 2,70 m, Länge 7,20, Breite 3,80) entspricht den stets
winzigen Maßen der Kapellen jener Zeit, wie die Peterskapelle zu
Helmstedt ja auch ähnlich geringe Maße hat. Die Anlage des Umgangs um
die Apsis ist sehr merkwürdig und vereinzelt dastehend. Doch vielleicht
in manchen Eigentümlichkeiten der Zeit begründet. So hatte jene Kapelle
zu Helmstedt ursprünglich auf allen Seiten offene Bögen, auch hinter
dem Altar, so daß die Gläubigen ringsum im Freien dem Gottesdienst
in der winzigen Kapelle anzuwohnen vermochten; durchbrochene Apsiden
waren in der frühen christlichen Zeit nicht ganz unbekannt, auch in
germanischen Ländern; mit Säulenumgang, wie hier, vor allem bei dem
weitberühmten Dom von St. Martin in Tours, an den vielleicht unser
Kirchlein eine Erinnerung bilden soll. Ganz offene Umgänge ähnlicher
Art (man vergleiche S. Lorenzo in Mailand) sind ebenfalls nichts Neues.

Hierzu mag die Art des mit schwerer Platte bedeckten Altars, der fast
die ganze innere Apsis ausfüllt, Veranlassung gegeben haben. Auf seiner
Vorderseite bemerken wir unten eine (vermauerte) Öffnung, die nur als
einstige Transenna -- Durchblick in einen noch tiefer liegenden Raum,
der eine Reliquie enthielt -- erklärt werden kann; also die Andeutung
einer Krypta mit besonderern Heiligtum, die ein Umwandeln des Altars in
Prozession wünschenswert erscheinen ließ.

Daher kann unsere Kirche nicht wohl von Anfang an bereits selber Krypta
gewesen sein.

Die ganze nationale Eigentümlichkeit unseres Bauwerks stellt es vor die
karolingischen Bauwerke, denen es freilich zeitlich folgt. Nicht minder
ist es bedeutsam, daß auch hier wieder ausschließlich das Tonnengewölbe
auftritt, wie an allen ersten Wölbversuchen der Germanen.

[Sidenote: Schloßkirche zu Quedlinburg]

Oben auf dem Berge hat Heinrich dann im Bereiche geschützter Mauern
seine Schloß- und Grabkirche errichtet, in der er († 936) auch
bestattet wurde. Von ihr scheint nichts mehr übrig, als zwei Säulen,
die im westlichen Joche der heutigen Krypta der darüber seit Ende des
10. Jahrhunderts errichteten Schloßkirche die Seitenschiffe abtrennen,
ganz gleichend denen in der eben besprochenen Wipertikirche. Diese
Säulen stehen ebenfalls zwischen zwei schweren rechteckigen Pfeilern,
während die übrige jüngere Krypta von lauter freistehenden Säulen
getragen wird und mit Kreuzgewölben bedeckt ist.

Dies hat den Gedanken nahegelegt, daß auch diese Pfeiler noch
ursprünglich seien, und daß Heinrichs obere Schloßkirche eine
vergrößerte Nachbildung der Wipertikapelle gewesen wäre. Das ist
möglich; jedenfalls war sie jüngeren Datums, und die Frage bleibt
offen, ob ihre Säulen mit Pilzkapitellen eine spätere Nachahmung
der in der Wipertikrypta gewesen sein mögen, oder ob beide Kirchen
von Heinrich selbst errichtet sind. Auch in diesem Falle müssen wir
einen längeren Zeitraum zwischen ihnen annehmen, da der König erst in
späteren Lebensjahren zum Städtegründer -- auch Quedlinburgs -- wurde
und seine Residenz damals von seinem Erbgute auf das obere Schloß
verlegte.

[Sidenote: Krypta]

Leider ist auch von diesem allen sonst jede Spur verschwunden;
dagegen ist die erste Krypta seiner Schloßkirche neben seinem Grabe
neuerdings wieder ausgegraben worden und zeigt uns die merkwürdigste
Gestalt. Es ist ein heute (immer?) oben offener Raum von verlängerter
Halbkreisform, der auf der Westseite Öffnungen gegen die tief gelegenen
Grabkammern des Kaiserpaares besitzt, und in dem die Kaiserin Mathilde
bis zu ihrem Tode († 968) am Grabe ihres Gatten zu beten pflegte.
Diese Anordnung verlangt natürlich oben einen Umgang, wie ihn die
Wipertikirche besitzt, wodurch die Ähnlichkeit der oberen Kirche mit
der unteren noch wahrscheinlicher wird.

Die um etwa 2 m vertiefte durch eine schmale Treppe zugängliche Krypta
beherbergt nun an ihren Wänden die Reste der ältesten bekannten
Stukkaturen auf deutschem Boden, wohl über Frankreich oder die Schweiz
aus dem Süden gekommen; eine Gliederung der Wände durch flache Nischen,
die durch Halbsäulchen und kandelaberartige Streifen und Archivolten
getrennt und eingefaßt werden (der obere Teil war leider zerstört [s.
Abb. 65]). Ihrer Art nach können wir diese als eine Fortsetzung der
Stuckarbeiten betrachten, wie sie in Germigny-des-Prés vorkommen.
Jedenfalls ist die Stucktechnik seit jener Zeit bei den germanischen
Völkern (besonders in Deutschland) nicht mehr erloschen und in
der Folge gerade in der Harzgegend weiter gepflegt und entwickelt
(Gernrode, Goslar, Hildesheim, Drübeck, Halberstadt).

[Sidenote: Gernrode]

Einen Blick auf ein noch etwas jüngeres Bauwerk müssen wir hier
einschalten, das den ersten Schritt ins beginnende Mittelalter tut,
doch noch völlig auf den Schultern des alten Germanentums stehend,
auf die eben genannte Stiftskirche zu Gernrode, von Markgraf Gero,
Heinrichs kraftvollem Feldherrn, gegen die Wenden 961 erbaut.

Heute eine doppelchörige Kirche hatte sie ursprünglich auf der
Westseite eine stattliche Vorhalle zwischen zwei runden Treppentürmen,
wie wir das schon früher als germanische Eigentümlichkeit erwähnten,
ein sehr kurzes ziemlich quadratisches Schiff, unten je zwei Säulen mit
Pfeilern als Stützen wechselnd, darüber die beliebte Empore, die sich
durch eine Säulengalerie zum Schiffe öffnet. Die Säulchen (Abb. 52)
sind ohne Kapitell, an Stelle dessen nur mit einem derben Kämpfer (vgl.
Frankenturm zu Trier) bekrönt.

Der Nordturm hat oben Pilaster, die durch Dreiecke in
Dachsparrenstellung verbunden sind, anstatt wie die am Südturm durch
Bögen. Ganz wie dies Motiv uns an der Front von Lorsch, auch bereits
an frühen merowingischen Bauwerken, oft entgegentrat. Diese uralte
Zimmermannsform des Dreiecks kommt in Gernrode mehrfach vor; auch
an Stelle von Fensterentlastungsbögen (Abb. 60), selbst als eine
Überleitung über den Kapitellen zu den Bögen im Schiff. Im ganzen ist
unsere Kirche ein derb-kraftvoller Bau, auch im Detail und Schmuck,
insbesondere an den Kapitellen, mehr geschnitzt als gehauen, noch
überall voll altgermanischer Urwüchsigkeit.

[Sidenote: Essen]

Von Quedlinburg werden wir noch nach Westen gewiesen, an andere
Stätten christlicher Ansiedlung in deutschen Urgauen: nach Westfalen.
In Werden und Essen erstanden in der karolingischen und sächsischen
Zeit zwei Werke besonderer Eigenart; die Münsterkirche zu Essen und
die Peterskirche zu Werden. Beide in ihren noch erhaltenen Teilen
ansehnliche Westbauten einstiger großer Kirchen. In Essen ist gegen
Ende des 10. Jahrhunderts der berühmte Westteil der Altfridschen
Basilika aus dem 9. zugefügt worden, ein merkwürdiger Emporenbau, der
sich in zwei Geschossen nach der Kirche zu öffnet, die gewiß auch einst
Emporen besaß. Dieser Westteil ist bekanntlich ein halbes Sechseck,
mit einer Bogenarchitektur, die offenbar von der des Aachener Münsters
inspiriert ist; die karolingische Renaissance feiert auch in den
übrigen Teilen des turmartigen Vorbaues eine Auferstehung, und zwar in
stark antiker Auffassung.

Das ganze Werk entzieht sich als nicht mehr hierhergehörig hier
weiterer Besprechung, ist auch bereits anderweit (Humann) gründlich
genug behandelt. Aber wir finden in ihm ein Detail, vielleicht noch
vom älteren Bau, das uns interessieren muß. Im oberen Turmstockwerk
nämlich zwei Säulen mit Kapitellen, die denen der Wipertikrypta
ziemlich genau entsprechen; und zwar sind solche umgekehrte Kapitelle
auch als Füße benützt. Hier ist es also naheliegend, daß diese Teile,
vielleicht schon dem Altfridschen Bau aus der Mitte des 9. Jahrhunderts
entstammend, von neuem verwandt sind; dann wäre hier das erste bekannte
Auftreten dieser Form konstatiert. Ähnliche Kapitelle, teilweise
ebenfalls als Säulenfüße benützt, finden sich übrigens im Kölner
Museum, müssen also in Rheinland-Westfalen öfters vorgekommen sein.
Nicht ohne Interesse ist es, daß auch an demselben Bauwerk zu Essen
die ältesten Würfelkapitelle vorkommen, die wir kennen, spätestens
aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts herrührend, von denen vielleicht
gar angenommen werden darf, daß sie ebenfalls von noch älteren
Bauteilen entnommen waren. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß das
Würfelkapitell durch Ausdrehung einer Kugelform aus einem viereckigen
Balken ohne weiteres zu erzielen ist, also die Möglichkeit der
Entstehung aus dem Holzbau und der Drechslerei nicht abgewiesen werden
kann, wie es oft geschieht.

[Sidenote: Werden]

Ein ferneres Auftreten der Pilzkapitelle ist in Werden an der
Ruhr festzustellen, in dem spätkarolingischen Westbau der alten
Ludgeribasilika, die ihrerseits einem Neubau des 12.-13. Jahrhunderts
Platz gemacht hat. Dieser Westbau ist aber völlig selbständig
vorgesetzt und war als Peterskirche fast unabhängig von jener, doch mit
ihr räumlich verbunden (Abb. 171). Die Hauptkirche war in der Mitte des
9. Jahrhunderts entstanden, die Peterskirche davor im ersten Drittel
des zehnten.

Wie bemerkt, wieder ein freilich sehr mächtiger Westbau der Kirche;
eine öfters erwähnte Sonderheit deutscher Kirchen jener Frühzeit.

[Illustration: Abb. 171. Werden a. d. Ruhr. Peterskirche.]

Und zwar einer, bei dem auch die im Norden so beliebten Emporen rings
um einen offenen Mittelraum liefen; also ein Zentralbau, doch ohne
Apsis, an deren Stelle die mit Türen versehene Wand nach der Basilika
zu trat. Es war dieser Westbau, wie bemerkt, dabei eine selbständige
Kirche mit eigenem Patron, zugleich bestimmt für die Ausübung der
Sendgerichtsbarkeit. Daher ihre so merkwürdige Form. Ich habe versucht,
von dem höchst eigenartigen Bau, der in dieser Art immer noch
germanischem Wesen entsprossen zu sein scheint, eine Rekonstruktion
nach Effmann zu geben, die die außerordentliche Selbständigkeit und
merkwürdige Anlage des Ganzen zeigt, in der nichts Südliches ist (Abb.
172).

[Illustration: Abb. 172. Werden. Peterskirche. Perspektivischer
Schnitt.]

Die Emporen des ersten Stockwerkes, durch Treppen in den Ecken
zugänglich, haben nun in ihren Bogenfenstern wieder drei Säulchen mit
dem Pilzkapitell wie in Quedlinburg, doch etwas schlanker gebildet
(Abb. 173). Das vierte ist eine grobe Umbildung des korinthischen,
zimmermannsmäßig primitiv. Aber der ganze Raum und seine
Einzelarchitektur ist überall kaum karolingisch, vielmehr von älterem
Wesen durchdrungen. Selbst die meisten Bögen des Äußeren sind teilweise
reine Überkragungen (s. Abb. 58), nur mitten gewölbt.

Auch Reste von Dekorationsmalerei haben sich gefunden, Archivolten mit
Ornament und Feldern, im gleichen Stil wie ihn frühe karolingische
Miniaturen nordischer Herkunft tragen (Abb. 174).

Die Ludgerikrypta ganz im Osten unter dem Chor der heutigen Kirche
ist ebenfalls noch erhalten, ein ringförmiger Gang um die Grabkammer
des Heiligen († 816), ganz nach Art der ältesten italienischen
angelegt, wohl die älteste in Deutschland; die Ludgeridenkrypta im 10.
Jahrhundert nach jüngerer Art hinzugefügt.

[Sidenote: Köln. S. Pantaleon]

Hier muß ich noch einen Westteil einer Kirche aus karolingischer
Zeit heranziehen: den von S. Pantaleon in Köln. Auch hier ein sehr
stattlicher gewölbter Raum mit Emporen zu beiden Seiten, eine
Vorkirche, mehr als eine bloße Vorhalle, selbst mit Apsiden an
den Enden der seitlichen Räume. Dieser großartige Vorraum wurde
eingefaßt von den zwei Rundtürmen, wie wir sie früher schon so oft
fanden, wie sie gerade an deutschen Kirchenbauten aus dem Ende des
ersten Jahrtausends gern erscheinen. Das Äußere und Innere von S.
Pantaleon, soweit es noch dem ältesten Bau angehört, ist übrigens dem
fränkischen Bauwesen nahe verwandt; in eingelegten Tonplatten, mit
Ziegeln durchschossenen und eingefaßten Bögen in der Zweifarbigkeit des
Steinbaus und der Bögen, auch innen, weiß und rot, spricht noch einmal
die alte Freude an der Farbe aus der Merowingerzeit.

[Illustration: Abb. 173. Werden. Pilzkapitell.]

[Illustration: Abb. 174. Werden. Malerei eines Bogens.]

[Sidenote: Büdingen]

Einen besonderen Westbau besaß die Kirche der Abtei zu Korvey,
9. Jahrhunderts, später leider umgebaut. In einfachster Form die
Totenkirche bei Büdingen (Hessen), wo westlich scheinbar ein breites
Querschiff, doch den Eingang enthaltend, sich vorlagert vor das
schmälere Langschiff mit rechteckiger Apside im Osten. In diesem
Westbau zieht sogar noch eine sehr alte hölzerne Empore aus Balken
ringsum, ganz ursprünglich, da die Steintreppe auf Bögen auf der
Nordseite noch zu ihr emporsteigt. Die an der Nordseite des Schiffes
durch das Bruchsteingemäuer lang durchziehenden roten Schichten
von kleinen Quadern -- wenn auch nicht von Ziegeln so doch diese
nachahmend -- die rote Fensterumrahmung, die beiden kleinen Nischen
an der Ostseite, der vorspringende Pfeiler nach dem Schiff zu, das
abgeschnittene karolingische Kämpferprofil des Chorbogens sprechen
überall für das 9., spätestens 10. Jahrhundert. Wir sehen hier wieder
einen ersten Posten des Christentums an einen wichtigen Talausgang des
Nordrandes der Wetterau vom Rheingau, wohl von Mainz her, vorgeschoben.

Noch bis vor vierzig Jahren besaß die Kirche auch offenen
Dachstuhl; sie ist also trotz ihrer großen Einfachheit eines der
charakteristischsten und frühesten kirchlichen Bauwerke Deutschlands.

[Sidenote: Goldbach]

Wahrscheinlich gehört in dieselbe Kategorie die ganz kleine Kirche
zu Goldbach am Bodensee bei Überlingen. Der Grundriß ist sonst der
gleiche, nur springt der Westbau -- die alte Vorhalle, einst auch durch
eine Wand oder wenigstens Pfeiler abgetrennt -- nicht vor, sondern
etwas zurück. An Kunstformen bietet die Kirche freilich nichts; nur
die sehr kleinen alten Rundbogenfensterchen, hoch sitzend und sparsam,
wie in Büdingen, haben eine auffallende Form (Abb. 60): sie erweitern
sich nach unten, ihre Gewände stehen also schräg, was ihnen eine fast
parabolische Umrißlinie gibt.

Diese Fensterform ist freilich dem Kontinent fremd, sie kommt aber an
angelsächsischen Kirchen um so öfter vor; und gewiß ist dies höchst
merkwürdige Bauglied nicht ohne Bedeutung: wir haben vielleicht hier
eine erste Gründung englischer Missionsgeistlicher vor uns, die ja
damals eine gewaltige Tätigkeit in Deutschland entfalteten.

Ob es wohl hiermit zusammenhängt, daß der heilige Pirmin, der erste
Gründer der klösterlichen Niederlassung auf der nahen Reichenau um 724,
ein angelsächsischer Missionsbischof war?

Jedenfalls auch hier ein erstes germanisches Heidenkirchlein an weithin
sichtbarer Stelle am Seeufer, nahe bei den berühmten Heidenhöhlen
Scheffels.

Das bedeutende Alter der kleinen Kirche erweist sich darin, daß es
schon um 850 auf das reichste ausgemalt wurde, früher als die Kirche
zu Oberzell auf der Reichenau, jedenfalls von einem dortigen Künstler;
diese schöne karolingische Ausmalung gehört leider nicht in den Bereich
unserer Darstellung, fußt auch auf nicht nordischem Vorbild, beweist
aber, daß die Kirche nach der ersten Ausschmückung sogar noch einmal
erhöht, auch die Fenster um etwa 1 m höher gesetzt wurden, natürlich in
der alten Form; die ersten wurden zugemauert und übermalt.

Sie beweist aber nicht, daß die kleine Kirche erst damals erbaut wurde.
Auch ihr Grundriß entspricht dem alter angelsächsischer Kirchen, z. B.
der Kirche zu Escomb, die ein sehr langes Schiff und rechteckige
Apsis, noch genauer aber der von Boarhunt, die sogar ähnliche nach
oben verjüngte Fenster besitzt.

[Sidenote: Reichenau]

Die nahegelegenen drei Kirchen auf der Reichenau, teilweise mit gleich
prächtiger Ausmalung geschmückt, liegen nicht mehr im Bereiche unserer
Aufgabe; gehören auch einer südlichen hierher übertragenen Kunst an.

[Sidenote: Fulda]

Ein kleines Bauwerk aus der ersten Zeit der Karolinger müssen wir
dagegen als wichtig für die baulichen Bestrebungen der Epoche noch
nennen: das Kirchlein St. Michael zu Fulda; einen runden Zentralbau,
der unter des Rhabanus Maurus Leitung erbaut (den wir bereits als den
ersten Bewohner des grauen Hauses zu Winkel kennen lernten), am 15.
Januar 822 geweiht wurde (Abb. 175-177).

[Illustration: Abb. 175. Fulda. S. Michael.]

[Illustration: Abb. 176. Fulda. S. Michael. Schnitt.]

Auf dem Friedhofe der Geistlichen nahe bei der alten Bonifatiuskirche
gelegen, galt sie wie viele spätere als nach dem Muster des heiligen
Grabes erbaut. Sie bestand ursprünglich nur aus einem mittleren
Kuppelraume, der von acht Säulen umgeben ist, die die hohe Obermauer
tragen, und einem kreisförmigen Umgange (Abb. 176); im Osten eine
kleine halbrunde Apsis, im Westen eine rechteckige Vorhalle. Unter
dem Tempel eine Krypta, deren Gewölbe mitten auf einer jonischen
Säule ruht, ebenfalls von einem ringförmigen Umgange umgeben, der
durch ziemlich rohe wieder nach oben verjüngte Türöffnungen mit dem
Kryptenraum verbunden ist (Abb. 177). Die mittlere Säule verkörpert
symbolisch Christus als Stütze der Kirche. Vier der Kapitelle der
Säulen des Mittelraumes (Abb. 178, Tafel XLVI) sind korinthischen und
kompositen nachgebildet, in einem Stil, der nach dem Osten weist; die
vier anderen haben die ganz rohe und einfache Form der Altarsäulen
der Wipertikrypta zu Quedlinburg. In der folgenden Zeit, vielleicht
sehr bald, wurde der Umgang mit einer Empore versehen, die sich durch
vier Doppelöffnungen auf Mittelsäule mit ausladendem Kämpfer (Abb. 52)
gegen den Zentralraum öffnet; wir erhalten jetzt ein Bild, das sich
etwas an Germigny-des-Prés wie an Aachen anschließt, doch eine Reihe
germanischer Eigentümlichkeiten fortpflanzend.

[Illustration:

  XLVI

Abb. 178. Fulda. S. Michael.

(Verl. Georg Ostertag.)]

[Illustration: Abb. 179. Chur. Silberne Kassette.

(Phot. Lang, Chur.)]

Hiermit sind die Bauwerke in Deutschland, die unsern Kreis noch
in etwas berühren, wohl annähernd erschöpft. Es bleibt noch auf
einige ganz frühe in der Schweiz hinzuweisen, die wohl meist von
langobardischen Meistern errichtet sein mögen.

[Sidenote: Disentis]

Zuerst die neuerlich aufgegrabene kleine Kirche zu Disentis in
Graubündten, von der ich schon gesprochen habe; ihre Erbauungszeit
fällt zwischen 670 und 789. Sie bestand aus einem rechteckigen Schiff,
an das sich östlich drei hufeisenförmige Apsiden anschlossen, ihre
ganz besondere Eigentümlichkeit aber darin, daß ihre Schiffswände, in
reichster Stukkatur geschmückt, in einem oberen Friese eine Unzahl
lebensgroßer Figuren in Relief enthielten, zum Teil bemalt, über einem
ebenfalls in Stuck hergestellten Sockel mit Füllungen und Rahmen in
verschiedenen Mustern geziert, gekreuzte, schachbrettartige und andere
Anordnungen zeigend und wie eine Art Gitterwerk erscheinend (s. Abb.
65); darüber ein schmaler Ornamentfries als Trennung von dem großen
Figurenfelde.

[Illustration: Abb. 177. Fulda. S. Michael. Äußeres.]

Die kleinen Fenster, wahrscheinlich sieben an der Zahl, also wohl
eines im Westen und je drei an den Langseiten, waren mit gerippten
Halbsäulchen und Taubändern, darüber hübschen Archivolten, umrahmt;
fast alle Ornamentik im klarsten Kerbschnittstile. Der Raum einst
sicher von höchst eigenartiger lebendiger Wirkung und -- außer mit dem
Oratorium zu Cividale, in der Choranlage mit S. Miguel de Escalada
(Abb. 118) und Münster -- mit keinem Werke jener Zeit irgendwie zu
vergleichen.

[Sidenote: Chur]

[Sidenote: Münster in Graubünden]

Im Bistum Chur finden wir noch in der bischöflichen Kirche zu
Chur selber Belege dafür, daß dort bereits im 8. Jahrhundert eine
stattliche Domkirche bestanden hat. Wenigstens sind, außer dem
reichen Kirchenschatze (Abb. 179, Tafel XLVI), zahlreiche Reste alter
marmorner Schranken echt langobardischen Stils noch vorhanden. Ganz
ähnlich im Kloster zu Münster (Graubünden), dessen Kirche ebenfalls die
drei hufeisenförmigen Apsiden auf der Ostseite zeigt. Die Kirche selber
aber war zur Karolingerzeit auf das reichste ausgemalt, wovon sich noch
Reste oberhalb der Gewölbe des 15. Jahrhunderts gerettet haben. Die
Kirche hat sonst nichts formal Bedeutsames mehr, als jene sehr schönen
Stücke von Marmorschranken mit allerlei Flechtwerk, merkwürdigerweise
hier zum Teil hoch nordischer Art, Tierverschlingungen, Drachen
u. dgl., wie sie uns nur noch in Metz vorkamen, sodann aber wieder
andere große Füllungen, die völlig übereinstimmen mit solchen zu
Cividale. Auch die obere Lehnenspitze eines marmornen Priesterstuhles,
giebelartig, mit Krabben besetzt, also rein langobardisch. Der Grundriß
mit den drei hufeisenförmigen Apsiden erscheint noch an mehreren
kleinen Kirchen jener Gegend. So nimmt die Schweiz in diesen Denkmälern
eine Zwischenstellung zwischen Spanien, dem langobardischen Italien und
dem fränkischen Norden ein.

Was wir sonst in den deutsch redenden Ländern für unsere Aufgabe noch
hierher zu rechnen haben, sind Werke der folgenden Zeiten, in denen
sich die alte germanische Tradition gegenüber den Mode und herrschend
gewordenen wechselnden Stilen in der Stille fortpflanzt. So finden sich
an romanischen Bauwerken eine Fülle alter Kunstgedanken, die nicht
sterben wollen; Flechtwerk und Ungeheuerwesen, Holzformen aller Art,
Kerbschnitt, Rippungen u. dgl. Wo die Volksseele sozusagen unbeobachtet
in stillen Winkeln ihr eigenes Gespinst wirkt, da erscheint längst
Begrabenes unvermutet immer wieder von neuem.

[Illustration]




[Illustration: DIE ANGELSACHSEN]


Jahrhundertelang schon hatten die in England herrschenden Römer
deutsche Krieger vom Festlande zum Schutz gegen Skoten und Pikten
verwendet, selbst im Lande angesiedelt. Um die Mitte des 5.
Jahrhunderts aber, da die vielen Hilferufe der Briten nach Rom ungehört
verhallten, rief König Guorthigirn in der letzten Not die Angelsachsen
zu Hilfe, die unter Hengist und Hors eingedrungen baldigst ein
germanisches Königreich in England, zunächst in Kent, aufrichteten.

Nicht lange, so herrschten Angeln und Sachsen, denen sich noch
Nordländer (Dänen und Jüten) zugesellten, über das ganze eigentliche
England; nur noch der Winkel im Südwesten blieb den keltischen Briten,
zum Teil bis zum heutigen Tag; Kelten haben sich auch in Irland und
Schottland als wichtiger Teil der Bevölkerung erhalten.

Das angelsächsische Reich, im Anfang des 7. Jahrhunderts zuerst in
keltischer Form christlich geworden, fiel dem römischen Katholizismus
seit 668 völlig zu, und von da an entfaltete sich auch eine neuere
Kultur, zunächst naturgemäß aus dem fernen Osten gekommen, sehr bald
aber durchaus germanisch geworden, in aufsteigender Entwicklung;
erst wieder unterbrochen durch die furchtbare Dänennot in der Mitte
des Karolingerjahrhunderts, der König Aelfred, der letzte Sprosse
altgermanischer Könige, erst am Schlusse des Jahrhunderts ein Ziel
zu setzen wußte. So wurde er zum eigentlichen Gründer des englischen
Königreiches. Wenn auch durch die Normannen erobert, doch langsam
wieder vorwiegend angelsächsich geworden, besteht es bis heute.

Die Baukunst aus der sächsischen Zeit ist, soweit Denkmäler von ihr
erhalten sind, nur kirchlich. Ihrem Charakter nach zuerst wie immer
Import aus dem römisch-griechischen Osten, entwickelte sie sich, wenn
auch in kleinen und bescheidenen Werken, mehr und mehr als ein Zweig
echt germanischer Kunst, um so klarer, als der Gang der Ereignisse den
Verkehr mit dem Osten unterbrach.

[Sidenote: Kleinkunst]

Die Kleinkunst übten die Angelsachsen wie die anderen germanischen
Stämme, sogar mit ganz besonderem Erfolge. Was die angelsächsischen
Gräber und andere Fundstätten gespendet haben, ist von hervorragender
Schönheit und Feinheit, in jeder Technik und Herstellungsweise, auch
in verschiedensten Metallen. Nur die den Franken und Süddeutschen
eigene Tauschierarbeit in Silber und Gold auf Eisen scheint zu
fehlen. Dagegen haben wir Spangen und Schnallen in Bronze, Silber und
Gold, auch mit Edelsteinen, Türkisen, Granaten, Perlmutter in Zellen
besetzt (Abb. 10, 18); Schmuckstücke in wechselnden und eigenartigen
Formen und von mannigfaltiger Bestimmung; so solche aus drei Nadeln
mit Zwischengliedern bestehend (Abb. 180, Tafel XLVII); Fibeln von
eigentümlichster Gestalt, alles beweisend, daß in der germanischen
gerade die angelsächsische Kleinkunst mit auf der höchsten Höhe stand.
In der Folgezeit blieb davon noch manches lebendig. Von dem sehr
schönen Juwel Aelfreds (Abb. 181, Tafel XLVII) sprachen wir schon
früher; es steht nicht allein; ein etwas älterer Ring Aethelreds und
anderes Verwandte gehören zu derselben künstlerischen Richtung.

Die Ornamentik bewegt sich gern auch in reinem Schling- und Flechtwerk,
nicht nur in nordischer Tiergestaltung, was man lange dem irischen
Einflusse zuschrieb. Aber es scheint, insonderheit seit Salins klaren
Darlegungen, ganz sicher, daß diese Art der Verzierung umgekehrt von
den Irländern der angelsächsisch-nordischen Kunstweise entnommen und
nachher besonders gepflegt worden ist. Die ursprünglich irischen
Formen, insbesondere S-förmige Motive, sogenannte Scrolls, sind unter
den so völlig verschiedenartigen germanischen sehr wohl herauszufinden.

[Sidenote: Manuskriptmalerei]

Gleiches gilt ohne jeden Zweifel von der berühmten englischen
Manuskriptmalerei, die sich seit dem 7. Jahrhundert so wunderbar
entwickelte. Die Eigenart der irischen Arbeiten, ihr wundervolles
Tier- und Schlingwerk und ähnliches, stimmt so völlig mit der als
angelsächsisch anerkannten, insbesondere aber auch mit der übrigen
nordischen Tierornamentik überein, die doch erheblich älter ist, daß
über das Verhältnis der Ableitung der „irischen“ Ornamentik in der
Hauptsache aus der germanischen kein Zweifel bestehen kann.

In Anbetracht dessen nun, daß gleichzeitig treffliche angelsächsische
Arbeiten derselben Art und desselben Charakters genug existieren,
dürfen wir Hauptwerke dieser Kunst, wie das Buch von Lindisfarne, von
Kells und so manches andere, die großenteils gar nicht in Irland selber
entstanden sind, getrost als unmittelbare -- im Sonderfall mittelbare
-- Erzeugnisse der angelsächsischen Kunst betrachten.

Es ist hier wohl der Ort, darauf hinzuweisen, daß auch die
festländische, insbesondere die karolingische Kunst auf dem Gebiete
der Bilderhandschriften Bedeutsames geschaffen hat. Freilich ist bei
ihr der Einfluß des Südens und Ostens ein sehr starker. Immerhin aber
auch des germanischen Westens, vor allem des so stark missionierenden
Angelsachsentums. Und so sind viele schöne Arbeiten etwas späterer
Zeit, von denen das Godescalc-Evangeliar Karls des Großen und das
goldne Buch in Trier als Beispiel genannt sein mögen, als Fortpflanzung
des im angelsächsischen Westen entstandenen ornamentalen Miniaturstils
zu bezeichnen, während freilich im figürlichen Wesen die östliche Ferne
die Schulung und die Vorbilder lieferte.

[Sidenote: Älteste Kirchen]

Theodorus aus Tarsus in Cilicien hatte in England das römische
Christentum eingeführt. So ist es kein Wunder, daß sein bedeutendster
Nachfolger, Bischof Wilfrid von Northumberland (um 670), der eine,
wie es scheint, glänzende Bautätigkeit für seine kirchlichen Zwecke
entwickelte, sich vorwiegend an die östliche Ferne hielt. Dieser
bedeutende Priester stellte die Kirche von York wieder her und deckte
sie mit Blei; erbaute eine neue große Kirche zu Ripon (von der die
Krypta noch vorhanden ist), eine besonders gerühmte zu Hexham, mit
Türmen, vielen Säulen und schönen Gemälden, „so daß diese Kirche nur in
Italien ihresgleichen fand“. Dieser letztere Ausdruck ist zu beachten.

[Illustration:

  XLVII

Abb. 180. Angelsächsische Nadeln. Lincoln.]

[Illustration: Abb. 181. König Aelfreds Juwel.

(Phot. Frith & Co., London.)]

[Sidenote: Bauliche Besonderheiten]

Aus seiner Zeit stammen außerdem die Kirchenreste von St. Pankras
und St. Martin zu Canterbury, zu Rochester, Brixworth und andere,
alle noch fremd in der Anlage, doch allerdings bereits besondere
Eigentümlichkeiten zeigend. So eine starke Trennung der Chorpartie, die
oft (Rochester, Canterbury) aus einer fast schiffsbreiten halbrunden
Apsis mit verlängerten Schenkeln besteht, während das Schiff an Größe
im Verhältnisse nicht so sehr überwiegt als später. Diese Chorpartie
ist manchmal durch eine Säulenstellung, wohl einst mit Schranken, gegen
das rechteckige Schiff abgeschlossen.

Die später allein herrschende Einschiffigkeit der sächsischen Kirchen
wiegt jetzt bereits vor; basilikale Anlagen sind selten, stets mit
Pfeilern: schon die älteste Kathedrale zu Canterbury scheint eine
solche gewesen zu sein, sogar zweichörig mit Krypta, doch ohne
Querschiff; die Kirchen zu Wing, Brixworth und Reculver waren ebenfalls
dreischiffig; Brixworth freilich ist später der Seitenschiffe beraubt;
Reculver abgebrochen; Krypten in ältester Anlageform sind noch
vorhanden, so die zu Wing, Ripon, Hexham mit Confessio (Grabkammer)
und Wandelgang, die erstgenannte ganz im Sinne der Liudgers zu Werden
a. d. Ruhr; auch zu Brixworth muß die Anlage ähnlich gewesen sein,
da dort der Wandelgang noch existiert. Langsam treten verschiedene
örtliche Eigentümlichkeiten germanischen Ursprunges hervor; so die sich
immer mehr verbreitende Anlage von viereckigen Westtürmen, deren es ja
weder in Italien noch im Orient gibt; die Querschiffslosigkeit, die
vorherrschende Einschiffigkeit und die starke innere Abtrennung der
Choranlage.

In der Folge verstärkt sich dies, die Abhängigkeit vom Osten
verschwindet. Das basilikale System scheint gänzlich auszuscheiden, die
Apsis wird rechteckig, wie in anderen germanischen Ländern. Die formale
Anlehnung an die Antike und den Osten weicht dem Eindringen nordischer
Holzformen in dem früher entwickelten Sinne, so daß das 8. und 9.
Jahrhundert sich hier wie anderwärts im Besitze einer Bauweise völlig
nordischer Art sieht. Ihre Eigentümlichkeiten sind größte Einfachheit
der Anlage, die vielleicht von hier an die ältesten skandinavischen
und deutschen übertragen wurde, wie bemerkt, nur Schiff und meist
schmälerer rechteckiger Chor mit engem Eingange, häufig Westvorhalle,
sowie seitliche Anbauten von Vorhallen und Nebenräumen an das Schiff,
bisweilen querschiffartig, wie wir gleiches schon so charakteristisch
an Sta. Cristina de Lena in Spanien auftreten sahen. Das erscheint
bereits an der höchst merkwürdigen zerstörten Anlage von St. Pankras
in Canterbury, sodann ohne Westvorhalle in feinster Ausbildung in
Bradford-on-Avon (Abb. 181), einer Kirche, die auch formal klarste
Durchbildung besitzt.

[Sidenote: Türme]

Der Turm ist, wie bemerkt, stark verbreitet; aus der Angelsachsenzeit
finden sich Hunderte von solchen am Westende, aber auch auf der
Mitte der Anlage vor dem Chor, Zentraltürme, was bisweilen eine
höchst eigentümliche Gesamtgruppe ergibt. Am merkwürdigsten, wenn
dieser Zentralturm zum Schiff wird, an das sich links und rechts zwei
kleinere Räume anfügen, von denen der östliche den Chorraum bildet
(Barton-on-Humber).

[Illustration: Abb. 182. Bradford-on-Avon.]

Die Türme sind fast alle rechteckig, ohne Spitze, den langobardischen
in der Masse nahestehend, doch von selbständiger Durchbildung; an
runden fehlt es jedoch auch nicht ganz, die dann manchmal als Apsiden
zu dem Kirchenraum hinzugezogen, hufeisenförmigen Grundriß ergeben
(Wilton, Bessingham).

Von Profanbauten scheint nichts mehr übrig zu sein. Doch soll nicht
unerwähnt bleiben, daß die Kapelle zu Deerhurst, ein der Apsis (heute?)
entbehrender Langbau, in einer Inschrift von 1056 „royal hall“ genannt
wird, also vielleicht ein bescheidenes Gegenstück zu jener spanischen
Königshalle zu Naranco gebildet haben könnte. Das muß nach genauster
Untersuchung vorbehalten bleiben.

Was nun die technischen und formalen Besonderheiten der sächsischen
Bauweise anbelangt, so prägen sich diese an ihren wenn auch
bescheidenen Werken stets höchst deutlich aus. Das ist schon darin
begründet, daß stammliche Eigentümlichkeiten in dem abgeschlossenen
Inselreich ungehinderter durchzudringen vermochten, und daß fremder
Einfluß, mit Ausnahme desjenigen aus nahegelegenen germanischen Gauen
seit der karolingischen Zeit, sich auf die Dauer kaum mehr fühlbar
machte. Anderseits aber hat in England die Pietät der späteren
Geschlechter jene kleinen und unscheinbaren Baulichkeiten doch weit
besser über das Jahrtausend hinaus geschützt, als das in anderen
Ländern möglich war, die an der Heerstraße gelegen stets von neuen
kriegerischen Durchflutungen heimgesucht wurden. Es ist bedauerlich,
daß in jener Epoche gerade in England kein Bauwerk von größerer
Bedeutung oder reicherer Ausstattung erstanden ist, das sich unter so
günstigen Umständen leicht bis heute hätte retten können.

[Sidenote: Greenstead]

Immerhin gibt es des Bemerkenswerten noch genug. Vor allem den einzigen
sicheren Rest einer Holzkirche aus so ferner Zeit: das Schiff der
Kirche zu Greenstead.

Wenn dieses Bruchstück nun auch keine architektonischen Formen
aufweist, so ist es doch schon durch sein bloßes Dasein wichtig.
Chor und Turm sind später erneuert oder angebaut; das Schiff ist ein
einfach rechteckiger Raum von etwa 8 × 5 m lichter Weite. Seine Wände
bestehen aus aufrechtstehenden halbierten Baumstämmen, mit der runden
Seite nach außen, ursprünglich nur auf einer Fußschwelle eingezapft
und durch eine Oberschwelle mit Holznägeln zusammengehalten. Der
Eckbaum ist natürlich nicht halbiert, sondern es ist nur ein Viertel
herausgenommen. Die Fugen sind von hinten durch Leisten gedeckt. Der
jetzige Backsteinsockel ist neu.

Diese aufrechte Blockkonstruktion ist ja die primitivste von der Welt.
Doch mag dies damit erklärt sein, daß die Kapelle ziemlich sicher die
ist, die man 1013 zur vorübergehenden Aufnahme der Leiche von St.
Edmund errichtete. Daß andere Kirchen vom Zimmermann aufgeführt wurden,
ist bezeugt genug; sie müssen für bedeutsamere Zwecke bestimmt auch
weniger rohe Konstruktionen gezeigt haben. Die norwegischen (jüngeren)
geben Muster dafür, wie dies möglich war. Jedenfalls haben wir hier
ein hölzernes kirchliches Bauwerk noch aus der angelsächsischen Zeit
vor uns, eines der spätesten und geringwertigsten, doch als das letzte
seines Stammes uns ehrwürdig.

[Sidenote: Technische Besonderheiten]

Die technischen Eigentümlichkeiten der Angelsachsenbauten sind denn,
wie die kontinentalen germanischen, vom Holzbau stark beeinflußt.
Allerdings sind Lisenen oder Wandstreifen (strips) wohl nicht dazu
zu rechnen, vielmehr als eine überall verbreitete Wandgliederung
-- Pilaster -- zu bezeichnen. Auch die doppelten oder mehrfach
gekuppelten Fenster auf dünnen Mittelsäulen sind wohl vom Kontinent
herübergewandert, wo wir sie schon bei den Langobarden aus dem Holzbau
entstehen sahen.

Das öfters auftretende Fischgrätenmauerwerk (herringbone) ist
sicherlich aus dem benachbarten Frankenreiche herübergekommen.
Vielleicht auch die vielfältige Anwendung der Dachsparrenstellung
(Dreiecküberdeckung) über aufrechten Stützen anstatt des Bogens. Diese
ist in England häufiger als irgendwo. Es sei dabei nochmals betont, daß
an eine einfache Ableitung dieser Form aus dem antiken Dreiecksgiebel
nicht zu denken sein wird; denn in unserem Falle handelt es sich um
eine Überdeckung eines öfters tiefen Hohlraumes; das Dreieck ist
konstruktiv, nicht aber dekorative Gestaltung, wie dort.

Möglicherweise hat das Vorbild der nahen irischen ältesten Steinkirchen
hier etwas mitgewirkt, die heute noch zahlreich genug vorhanden
sind. Ihre steilen Dächer sind einfach aus Steinen durch Überkragung
hergestellt, allerdings innen öfters gewölbt oder durch eine zweite
Wölbung unterfangen. Die Christianisierung Englands ging von Irland
aus; den irischen folgten erst die angelsächsischen Missionare.

Sind Fenster und Türen also oft mit oberem Dreiecksschluß abgedeckt
(Brigstock, Abb. 60), so fehlt es nicht an Rundbögen wie überall,
ebenfalls meist aus einem Steine geschnitten, wie sonst bei den
Germanen (Diddlebury); auch Hufeisenbögen fehlen nicht (Clee,
Brigstock). Bei allen diesen Konstruktionen kommt die germanische
Vorsicht, das Mißtrauen gegenüber der Wölbung, auf das unverkennbarste
zum Durchbruch; mit Vorliebe werden die Öffnungen nach oben verengert,
um der Wölbung möglichst geringe Spannweite zuzumuten. So entstehen
die zahlreichen Tür- (Somerford, Keynes) und Fensteröffnungen
(Brigstock, Escomb, Boarhunt), die nach oben verjüngt sind, die wir ja
auch in Deutschland einige Male vorfanden. Nach Goldbach am Bodensee
dürfte diese so charakteristische Fensterform in der Tat aus England
importiert sein.

Ist hie und da als Mauertechnik das petit appareil der Franken
vorhanden, wohl nach römischem Vorbild, so wiegt doch im allgemeinen
Bruchsteinmauerwerk vor, selten durchbrochen durch Verwendung von
Ziegeln (etwa zu Bögen), die dann meist von Römerbauten stammen, oder
Fischgrätenschichten; manchmal finden wir auch ganz gute Quaderbauten.

Die den Angelsachsen eigentümlichste Konstruktion im Mauerwerk ist
entschieden die Verwendung von Steinstreifen und Einfassung in „long
and short work“, einer Art Steinfachwerk wie es auch die Römer
schon kannten. Es sind dies Eckeinfassungen, bestehend aus langen
aufrechtstehenden Steinbalken quadratischen Querschnittes, ziemlich
regelmäßig unterbrochen durch flache Binder, die nach beiden Seiten
tief ins Mauerwerk hineingreifen. Diese höchst charakteristische
Bildung der Gebäudeecken, auch an Portaleinfassungen sehr beliebt
(Brigstock, Market-Overton), wird in der Tat kaum anders aufzufassen
sein, als eine Übertragung von Holzfachwerk in Stein. Die pompejanische
gleichartige Verstärkung des Mauerwerks bezeichnet schon Dehio
als Steinfachwerk; in England scheint eine solche von neuem sich
herausgebildet zu haben. Jedenfalls erklärt B. Brown, dem wir die
gründlichsten Untersuchungen über diese Materie verdanken, das Lang-
und Kurzwerk als eines der charakteristischsten und unverkennbarsten
Merkmale der angelsächsischen Bauweise.

Ferner fällt uns an diesen Bauten die so äußerst häufige Übertragung
des Drechslerwerkes auf Stein auf. Steinsäulen kleineren Formates,
insbesondere Fenstermittelsäulen, sind fast immer als richtige Baluster
gedreht, nicht etwa Verkleinerungen großer Steinsäulen. In der
merkwürdigsten Weise sind solche gedrehte Säulchen ohne Kapitell und
Fuß in die Portallaibungen des bekannten Portals zu Monkwearmouth, auf
jeder Seite zwei, eingestellt, den Bogenkämpfer zu tragen (Abb. 183).
Die deutlichste Übertragung des Holzwerks in Stein, die überhaupt nur
möglich ist. Selbst in ganzen Reihen nebeneinander sind solche Baluster
als Wandzierung beliebt; auch friesartig unter oder in Gesimsen gereiht
(Jarrow), wie wir gleiches schon in Germigny-des-Prés fanden. Diese
gedrechselten Säulen, in Jarrow und Monkwearmouth in größerer Anzahl
vorhanden, stimmen in ihrem Wesen völlig mit den auch bei uns fast bis
heute in jeder Verwendungsweise üblichen gedrehten Holzsäulchen, so
an Stühlen, Spinnrädern u. dgl. Oft sind sie etwas bauchig, manchmal,
wie bei den charakteristischen Fenstersäulchen des Turmes von Earls
Barton, beinahe faßförmig.

[Illustration: Abb. 183. Monkwearmouth. Portal.]

Eine andere früher schon erwähnte wohl aus ähnlichen Grundlagen
hervorgehende nordische Wandgliederung ist, wie früher erwähnt, in
England ebenfalls nicht selten: die Arkadenreihe oder Zwerggallerie,
doch dann ganz flach, wie in Holz geschnitten. Wir fanden diese Form
im norwegischen Holzbau bereits von selber gegeben; auch im Dänischen
ist sie zu Hause, vielleicht aus England herübergebracht. Insbesondere
als einfachste Wandgliederungen außen (Barton-on-Humber) oder innen
(Dunham Magna).

Hier mag die Erwähnung der in späterer angelsächsischer Zeit
auftretenden Chorbogenumrahmung einen Platz finden, wie wir solche
mehrfach in stattlichster Ausbildung antreffen: Halbsäulen und
Pilaster ohne ausgebildetes Kapitell den Bogen einfassend und um ihn
herumgeführt, durch ein schwereres Kämpfergesims unterbrochen. In
Wittering und Bosham, Clayton, Worth und an anderen Orten sind solche
in starker, plastischer Ausbildung vorhanden und geben dem kräftig
vortretenden Choreingang ein ganz eigenartiges Gepräge.

Eine gar nicht zu verkennende Nachahmung von richtigem Holzfachwerk
sodann sehen wir an dem schönen Turme zu Earls Barton, wo dünne
Streifen vertikal die Flächen des Gebäudes durchziehen, von Zeit zu
Zeit durch Bögen, aber auch durch richtige Balkenkreuze verbunden. An
den Ecken Lang- und Kurzwerk (Abb. 184). Eine Erinnerung daran dürfte
die äußere Gliederung des Turmes zu Barton-on-Humber sein.

[Illustration: Abb. 184. Earls Barton. Turm.]

Es bleibt nur noch übrig, die wichtigeren Bauwerke selber zu
nennen, die heute noch aufrecht stehen. Es kommen für uns natürlich
vorwiegend die in Betracht, die in der Zeit bis zur Dänennot
entstanden; die späteren stehen zum Teil bereits unter dem Einflusse
der karolingischen Kunst, sind also nicht mehr in gleichem Maße als
original-angelsächsisch anzusehen.

[Sidenote: Brixworth]

Von den ältesten sei hier die Kirche in Brixworth genannt, ein
Basilikenbau wohl noch des 7. Jahrhunderts, in der Spätzeit westlich
mit einem Turmanbau versehen. Der Grundriß ist dadurch besonders
interessant, daß die halbrunde Chorapside, mit einem engen Chorbogen
sich öffnend, mit einer Verlängerung der Schenkel versehen ist,
wie hierzulande üblich; daß ferner vom Mittelschiff ein besonderer
quadratischer Teil vor der Apsis durch drei Bögen auf Pfeilern
abgetrennt war (Fundamente noch vorhanden), wie wir ihn auch z. B. in
S. Miguel de Escalada in Spanien antrafen. Der offene Dachstuhl ist
jünger, doch auf einen ursprünglich vorhandenen gleicher Art deutend;
die Trennungspfeiler nach den (abgebrochenen) Seitenschiffen zu
sehr lang, größer als die Bogenöffnungen dazwischen. Die Bögen sind
aus alten römischen (ganz dünnen) Ziegeln gemauert; der Turm öffnet
sich im Oberstock mit einem dreifachen Fenster gegen das Schiff. Die
zwei Balustersäulchen dieser Öffnungen ohne Kapitell und Fuß sind
geschwellt, fast faßförmig.

Die Verhältnisse der Kirche sind stattlicher als sonst.

Die anderen Basiliken und größeren Kirchen aus erster Zeit sind alle
verschwunden; von Reculver, Ripon, Hexham und den wichtigen Kirchen
zu Canterbury, meist aus Wilfrids Zeit, sind nur noch Ruinen oder
Fundamente übrig.

[Sidenote: Escomb]

Noch vorhanden ist dagegen die kleine Kirche zu Escomb (Durham): ein
ganz schmales sehr langes Schiff mit ziemlich quadratischer Apsis,
diese mit einem nur etwa 1,50 m breiten, aber beinahe 5 m hohen
Chorbogen geöffnet, was einen ganz eigenen Eindruck hervorruft. Der
Chorbogen ist in bekannter Art mit Lang- und Kurzwerk (Steinfachwerk)
eingefaßt, hat stumpf abgeschnittenen Kämpfer von ungleicher Dicke.
Die Türen an der Nordseite des Chores und Schiffes sind ähnlich mit
Steinbalken und Bindern dazwischen eingefaßt und haben wagerechten
Sturz; dieser ganz zimmermannsmäßig über den Gewänden ebenso
ausgeklinkt, wie wir es bei langobardischen Bauten fanden (Cividale),
die zwei Fenster der Südseite mit Bogen aus einem Stein nach oben
verengert; die der Nordseite ebenso, doch flach abgedeckt. Südvorhalle
und große Fenster sind neuere Zutaten, der offene Dachstuhl vielleicht
teilweise ursprünglich; mit flachen stichbogigen Dachbalken.

Der ganze Bau ist in guter Quadertechnik ausgeführt.

Man schreibt ihn dem 8. Jahrhundert zu, der Zeit, wo in allen Ländern
die germanische Baukunst ihre selbständigste Entwicklung fand. Ich
machte schon früher darauf aufmerksam, daß die kleine Kirche zu
Goldbach am Bodensee mit dieser angelsächsischen sehr viel gemein hat,
nur fehlt hier die Abtrennung einer inneren Vorhalle, die übrigens
einst doch bestanden haben dürfte, da das Schiff von sonst geradezu
unverständlicher Länge ist.

[Sidenote: Monkwearmouth]

Der Überrest der Kirche zu Monkwearmouth, bestehend im Westturm und der
Südmauer des Schiffes, gehört ebenfalls hierher. Die Kirche ist sonst
gänzlich umgebaut, die Länge des schmalen Schiffes war aber ebenfalls
sehr groß. Nur der Turm zeigt noch die alte Architektur und ist von
ganz besonderer Wichtigkeit durch sein schon öfters erwähntes Portal,
das zu den eigensten Schöpfungen der alten Angelsachsenkunst zählen
dürfte.

Der Turm ist heute fünf Stockwerke hoch, in rauhen Quadern und
Bruchstein gut erbaut, wie meist ohne Spitze; vier einfache
Plattengesimse teilen die Geschosse ab; die oberen sind aber bedeutend
jünger (obwohl immer noch angelsächsisch), wie aus dem Vorhandensein
der beiden westlichen oberen Fenster des Schiffes hervorgeht, die durch
den Turmaufbau heute verdeckt sind.

Der älteste Bau stammte aus der Zeit des Bischofs Benedikt, der um 675
hier ein Kloster gründete und eine Kirche errichtete, ebenso wie die
Kirche zu Jarrow. Das Kloster war bedeutend und besaß mehrere Kirchen
und Kapellen; doch da die Chronik erzählt, daß Benedikt Maurer und
Bauleute aus Frankreich mitbrachte, um seine Kirche nach fränkischer
Art zu bauen -- im Laufe eines Jahres --, wir aber nichts an ihr
finden, was irgendwie fränkisch aussieht, so wird wohl ein Neubau im 8.
spätestens im beginnenden 9. Jahrhundert stattgefunden haben.

Der wichtigste Teil der ursprünglichen Vorhalle, jetzt des Turmes
der Kirche, ist also das Westportal (Abb. 183); einfach genug, doch
hoch bedeutsam. Ein kräftiger Bogen auf zwei stumpf abgeschnittenen
Kämpfern ruhend, die einfach abgeschrägt sind; diese Kämpfer ruhen
jeder auf zwei freistehenden gedrehten und geringelten Balustersäulen
ohne Kapitell und Fuß; der Sockel unter den Balustern springt wieder in
die Kämpferflucht vor und zeigt an der inneren Fläche zu Bandornament
geflochtene Schlangen, darauf zwei Vogelköpfe mit durcheinander
durchgesteckten Schnäbeln. Das ist alles; doch drückt es dem Ganzen
den merkwürdigsten Stempel auf. Solches germanisches Ornament wie
hier fehlt freilich heute den so einfachen englischen Bauwerken sonst
überall; doch wird dessen sicher einst mehr dagewesen sein. Der höchst
anspruchslose Formalismus des Ganzen ist von erstaunlicher Wirkung und
vereinigt sich zu einem der bezeichnendsten Werke der altgermanischen
Kunst mit allen Merkzeichen ihrer Anlehnung an den Holzbau.

Reste ganz gleicher Baluster finden sich an jenen inneren Oberfenstern
des Schiffes der Westwand vermauert, doch andeutend, daß diese einst
ganz wie das Portal mit bogentragenden Säulchen eingefaßt waren.

In Jarrow sind ähnliche Säulchen in größerer Zahl vorhanden, sowie ein
Gesimsrest in der Vorhalle, in dem kleine Baluster dicht nebeneinander
als Dekoration verwandt sind.

Die folgende Zeit hat wenig bauen können, wegen der schwierigen
politischen Verhältnisse; doch direkt nach der Sicherung des Reiches
durch Aelfred den Großen begann ein Wiederaufblühen der alten Kunst,
freilich bald durch kontinentale Einflüsse gestört. Aber einige Werke
dürfen wir zu unserem Kreise doch noch rechnen, deren Entstehung
vielleicht erst dieser Epoche angehört, deren Wesen aber sie als
noch ganz in die ältere Kunst gehörig erweist. Andere schreiben sie
allerdings überhaupt noch der älteren Zeit, dem 8. spätestens dem
Beginn des 9. Jahrhunderts zu.

[Sidenote: Bradford-on-Avon]

Vor allem das zierlichste und feinste Werk der Angelsachsenzeit: das
Kirchlein zu Bradford-on-Avon (Abb. 185). Oben schon ist der kleine Bau
kurz geschildert: ein rechteckiges Schiff, auf das sich der rechteckige
Chor mit engem Bogen öffnet; nördlich und einst südlich je eine
Vorhalle, die ins Schiff führte. Steile Dächer bedecken den gediegenen
derben Quaderbau, der in einiger Höhe von einem Plattengesims umzogen
wird; darunter einfache Lisenen, darüber aber ringsum eine flache
Arkade oder Zwerggalerie (an der Vorhalle etwas verstümmelt), die
ihm seinen besonderen Charakter verleiht. Es sind nur ganz flach
eingetiefte Bögen auf Pilastern mit schräg geschnittenen Kämpfern und
Füßen. Die Giebel zeigen Reste ähnlicher Pilaster, vielleicht einst
Fenster umfassend; hier ist der Originalzustand entstellt.

[Illustration: Abb. 185. Bradford-on-Avon.]

Die Tür der Nordvorhalle sehr eng mit Rundbogen überdeckt und mit
flachen Profilen eingefaßt; in der Vorhalle gen Osten ohne Zweifel
einst ein Altar. Das Innere der Kirche ist hoch, etwa 8 m, und
ebenso lang, aber nicht viel über 4 m breit; der Chorbogen, mit drei
Rundstäben eingefaßt, wie üblich sehr eng, noch nicht 1 m weit. Das
Südfenster des Chors verjüngt sich nach oben; alles ist sonst sehr
einfach; über dem Chorbogen das einzige Skulpturwerk jener Zeit: zwei
Engel zu beiden Seiten, Kränze tragend, in bescheidenem Flachstil
etwa langobardischen Charakters; vielleicht ein Rest einer größeren
Darstellung (Kreuzigung?). Der ganze kleine Bau ist dabei von einer
gewissen Vollkommenheit in der Technik; ich neige mich dazu, ihn noch
dem 8. Jahrhundert zuzuschreiben, da er mit spanischen Werken der
gleichen Zeit die größte innere Verwandtschaft zeigt.

[Sidenote: Deerhurst]

Spätestens ins 9. Jahrhundert rechnet man auch noch die Reste der
Kirche in Deerhurst, insbesondere den Turm und die Ostpartie; letztere
besonders ausgezeichnet durch zwei querschiffartig angebaute Vorhallen
oder Kapellen mit Oberstockwerk und einem verlängerten halbrunden Chor
von Schiffbreite; der Westturm von verlängertem Grundrisse hat ein
oberes Zimmer mit einem eigenartigen Doppelfenster nach dem Schiff:
drei Pilaster, davon der mittlere kanelliert, schließen zwei mit
Dreieck überdeckte Öffnungen ein (Abb. 60); ein Motiv, das in ähnlicher
Weise in Aachen an der Westfront der Pfalzkapelle auftritt (vermutlich
dort falsch restauriert).

[Sidenote: Worth]

Denselben Grundriß zeigt, doch ohne Westturm, die der folgenden
angelsächsischen Zeit angehörige ganz wohl erhaltene Kirche zu Worth,
wo die beiden Kapellen am Schiff aber zu einem wirklichen Kreuzschiff
anwachsen, allerdings immer noch niedriger als das Hauptschiff. Der
Chor ist verlängert halbrund, mit prächtigem Chorbogen von Rundstäben
und Platten auf felsenähnlichem Fußwerke eingefaßt, alles in mächtigen
Quadern. Außen sind die Ecken mit Lang- und Kurzwerk ausgebildet, ein
Gesims umgibt das Ganze, darunter Streifen pilasterartig ebenfalls in
Lang- und Kurzsteinen. Darüber im Chor halbrunde Fenster, im Schiff
Doppelfenster -- nördlich zwei, südlich eins -- auf geschwellter
Mittelsäule ohne Kopf und Fuß, nordisch knorrig; die zwei Türen auf den
Seiten des Schiffes etwa 1 m weit aber 4 m hoch; echt angelsächsisch.

[Sidenote: Breamore]

Hierher gehört auch Breamore mit seinem langen ebenfalls durch zwei
Kapellen querschiffartig ausgestatteten Schiffe; Chor viereckig. Über
der Vierung aber ein viereckiger Turmaufbau von geringer Höhe. Die
Nordkapelle ist verschwunden.

Alle Ecken sind mit Lang- und Kurzwerk eingefaßt; der einfache
Rundbogen der Südkapelle ruht auf stumpfen Kämpfern und trägt als
Schmuck die Inschrift: HER SPUTELAD SEO GECPY DRÆDNES DE. (Hier ist dir
der Bund offenbar gemacht.)

[Sidenote: Wing]

Die stattliche Kirche zu Wing ist wenigstens zu nennen, das Schiff neu,
doch wohl schon ursprünglich basilikal angelegt, der Chor mit Krypta
noch erhalten, im Grundriß ein langgestrecktes halbes Zwölfeck bildend;
außen ist dieser Teil ausnahmsweise durch Pilaster mit Rundbögen
gegliedert; die Fenster sind neuer.

[Sidenote: Boarhunt]

Ferner darf ich die kleine Kirche zu Boarhunt nicht übergehen, schon
weil deren Grundriß mit dem der zu Goldbach am Bodensee völlig
übereinstimmt; auch ganz gleiche Fensterchen wie dort nach oben
verjüngt, sind vorhanden (Abb. 60), nur noch hier mit einem gewundenen
Rundstab umfaßt; ferner Bosham von ähnlichem Grundriß, noch viel
länger, mit stattlicher Chorbogeneinfassung nach sächsischer Art und
Westturm; zuletzt Brigstock, von dem noch der Westturm mit Treppe
und das Schiff erkennbar sind; bemerkenswert wegen seiner ebenfalls
verjüngten Rundbogenfenster, wegen anderer mit Dreieckschluß, und wegen
seines mit Streifen und Lang- und Kurzwerk eingefaßten Chorbogens.

Diese drei Kirchen können der jüngeren angelsächsischen Zeit angehören,
doch ohne sich von der altgeübten Weise zu entfernen.

[Sidenote: Turm zu Earls Barton]

Aber einer sehr bedeutsamen echt germanischen baulichen Leistung
der Angelsachsen, die verschiedentlich gestreift ist, müssen wir
näher gedenken: ihrer Turmbauten. Unter diesen ragt als Hauptwerk
der mächtige viereckige Westturm der Kirche zu Earls Barton (North.)
hervor, eines der knorrigsten und kraftvollsten Eigenwerke des alten
Angelsachsentums (s. Abb. 184).

Vier sich stark verjüngende (heute mit einem obersten Zinnenkranz
abgeschlossene) Geschosse mit Lang- und Kurzwerk an den Ecken bilden
seinen Körper. Die Flächen dieser Geschosse aber werden durch vertikale
Streifen gegliedert, die über dem ersten Gesims durch Bögen, über dem
zweiten durch wirkliche Steinbalkenkreuze (Andreaskreuze), über dem
dritten durch Dreiecksstreben verbunden sind. Unten Doppelfenster mit
Balustersäulen, darüber Rundbogen- dann Dreiecksfenster; im obersten
Stock eine Galerie von fünf Fenstern auf sechs Balustern; alle
Formen durchaus zimmermannsmäßig, sowohl die gedrehten Teile als die
Flächengliederung, die sich als getreue Übertragung von Holzfachwerk zu
erkennen gibt. Das Westportal rundbogig mit zwei Streifen eingefaßt,
schwerer Kämpfer mit darauf eingegrabenen Arkaden.

Das Werk ist von völligster Selbständigkeit in seiner Masse mit
zurücktretenden Oberstockwerken, wuchtig und knorrig, ein Herkules der
Türme, in jeder Linie germanisch, in nichts mehr östlich; ein standard
work.

Leider ist der alte obere Abschluß nicht mehr erkenntlich.

[Sidenote: Barnack]

Von ähnlichem Wesen einfacher ist der Westturm zu Barnack, vor allem
dadurch bemerkenswert, daß er sich in einem mächtigen Bogen auf einem
völlig „barbarischen“ Kämpfergesims gegen das Schiff beherrschend
öffnet, und daß seine Fenster alle im Dreieck geschlossen sind. Drei
ähnliche Sitznischen sind inwendig unten in die Wände getieft.

St. Peter-at-Gowts zu Lincoln, Clapham, Bosham haben ähnliche
einfachere Westtürme, alle von Kraft und Ausdruck in ihrer
vierschrötigen Gestalt.

Bei ihnen allen diesen ist eine Eigentümlichkeit bemerkenswert; Türen
des oberen Stockwerks der Türme (oder der Vorhalle), die in das
Kirchenschiff führen. Vielleicht einst als geschützte Zufluchtsstätten
durch eine Leiter von da aus zugänglich, vielleicht auch zu einem
in ältester Zeit über der Decke der Kirche liegenden Dachraum
führend. Diese Türen, meist mit Gucköffnung daneben, sind stets von
charakteristisch sächsischer Form, oft mit Dreiecksüberdeckung versehen.

[Sidenote: Barton-on-Humber]

Eine ganz besonders merkwürdige Kirche, deren Grundrißanordnung
bereits oben erwähnt ist, soll hier am Schlusse der Reihe stehen:
Barton-on-Humber. An Stelle ihres Chors ist inzwischen ein langes
gotisches Schiff getreten; aber ursprünglich zeigte sie die
merkwürdige Anordnung eines stattlichen Mittelturms mit zwei
rechteckigen Anbauten nach Westen und Osten; der Raum im Turm diente
als Schiff, der Ostraum als Chor, der westliche als Kapelle (Abb. 186).
Die Eingänge waren im Norden und Süden des Turmes.

[Illustration: Abb. 186. Barton-on-Humber.]

Dieser Grundriß ist sicherlich der merkwürdigste in seiner Zeit und
findet nirgends sein Vorbild; also eine Art Zentralanlage, doch in
germanischer Auffassung.

Die architektonische Ausbildung beschränkt sich auf den später um
ein Geschoß erhöhten Mittelturm: dreigeschossig erhebt er sich mit
Lang- und Kurzwerk an den Ecken, dazwischen Streifen, die durch Bögen
verbunden sind; im folgenden Geschoß solche auf dem Bogenscheitel
sitzend mit Dreiecksverbindungen, darin ein Doppelfenster mit Rundbogen
auf Mittelbaluster. Das gleiche Doppelfenster im Obergeschoß hat
Dreiecksschluß; ebenso die Nordtür im Turm; die Südtür Rundbogen (Abb.
187).

[Illustration: Abb. 187. Barton-on-Humber. Ursprünglicher Zustand nach
Brown.]

Wir haben hier eine äußere Erscheinung desselben Charakters
wie in Earls Barton; wohl von dort beeinflußt. Doch in mancher
Hinsicht graziöser; aber ebenso echt angelsächsisch, echt
germanisch-zimmermannsmäßig.

Fremde Künstler vom Kontinent, neue Kunstmode, dann der Einbruch der
Normannen machten dieser bescheidenen doch so eigenartigen Baukunst
ein Ende. Das Mittelalter brach an. Doch gut germanisches Wesen,
ursprünglicher und immer wieder hervorbrechender angelsächsischer
Grundcharakter, hat neben normannischem bis heute englischer Baukunst
seinen Stempel aufgedrückt.

Ein neuer Kunststrom ist heute über die europäische Welt gegangen, uns
neue Zeiten und neue Schönheiten bringend. Sein Charakter aber ist
germanisch, und sein erster Hervorbruch geschah von hier aus, kam aus
angelsächsischem Lande.

[Illustration]

[Sidenote: Skandinavien]

Wenig bleibt uns zum Schlusse noch zu sagen. Die alte germanische
Kunstzeit ging mit dem 9. Jahrhundert zur Rüste. Das Urland Germaniens,
Deutschland und der Norden, wachten damals erst auf, nahmen noch nicht
an jener ersten Blüte teil.

Doch ist die spätere Kunstentwicklung auch dort noch in vieler Hinsicht
für uns nicht unwichtig, bleibt sie auch außerhalb der eigentlichen
Kunstbetrachtung, die wir in unseren Kreis faßten.

Zuerst darf nicht übergangen werden, daß zunächst der skandinavische
Norden einen unentbehrlichen praktischen heute noch greifbaren Beleg
für die Möglichkeit der einstigen Existenz einer alten germanischen
Holzbaukunst von Bedeutung bietet. Denn seit dem Schlusse des ersten
Jahrtausends hat sich eine solche dort tatsächlich entwickelt und
verhältnismäßig rein und selbständig gehalten, wenn auch nicht ganz
ohne Beziehung zu dem damals herrschenden romanischen Stil.

Ich habe schon oben bei der Besprechung des Holzbaus die besondere
Stellung des nordischen ausführlicher gewürdigt. Hier sei nochmals
betont, daß wir zwar nicht sagen können, daß die ältesten germanischen
Holzkirchen gerade so ausgesehen haben wie die norwegischen des 12.
bis 14. Jahrhunderts; wohl aber, daß sie wenigstens ähnlich gewesen
sein müssen, da sie genau so ganz aus Holz, aus Balken, Planken
und Brettern bestanden; sie waren in ähnlicher Verteilung und Art
geschnitzt und verziert, gingen genau in derselben Weise aus der Hand
des germanischen Zimmerers hervor. Und von den alten Ziermotiven der
Völkerwanderungszeit ist ja so manches dort lebendig geblieben in
treuer Hut konservativen Volkswesens.

Der Kleinkunst der Skandinavier ist, als der des südgermanischen Landes
von Anfang an aufs nächste verwandt, ebenso schon früher ausführlich
gedacht.

Für unser Wissen und unsere Kenntnis der früheren und original
germanischen Klein- und Großkunst bleibt es ganz unentbehrlich, daß
wir die Parallelen dazu in Skandinavien suchen, daß wir unsere Lücken
dort ausfüllen können, wenn nicht an Beispielen aus der ältesten, so an
solchen der folgenden, der Enkelzeit.

[Sidenote: Deutschland]

Gleiches gilt denn auch in mancher Hinsicht für Deutschland selber.

Auch hier ist alles längst verschwunden, was von erster germanischer
Baukunst in Holz einst -- wie früher belegt sicher in reichem Maße --
vorhanden war.

Aber im frühesten Mittelalter mögen doch noch so manche Zeugen der
ältesten Zeit am Leben gewesen sein; mag z. B. im 10. oder 11.
Jahrhunderte, wo starke Städte langsam erwuchsen, noch so mancher
heilige oder ehrwürdige Bau aus früheren Tagen aufrecht gestanden
haben, an dessen Formen man sich damals anlehnte, gerade so, wie wir
heute deren aus dem 14. oder 15. Jahrhundert noch besitzen; auch mag so
manche altgeübte Zierform sich in den bildhauerischen Schmuck unserer
ersten Steindome überpflanzt, kann in den ältesten Städten am Harze
sich da und dort ein Stücklein frühester altdeutscher Kunst im Abbild
selbst bis heute gerettet haben. Nicht weniges spricht dafür.

Wer aufmerksam den Regungen des künstlerischen Geistes im Volke folgt,
findet dafür auch andere Merkzeichen. So vor allem ist es erstaunlich,
mit welcher Natürlichkeit sich der bildende Kunsthandwerker ganz
von selber, ihm gänzlich unbewußt, wieder auf den gleichen Pfaden
findet, auf denen seine Vorfahren einst gewandert sind. Wir
sprachen weiter oben von den germanischen Schlosserarbeiten des 16.
und 17. Jahrhunderts und davon, daß hier die älteste germanische
Kunstphantasie, wie wir sie kennen lernten, von neuem auferstehe;
insbesondere in den gehauenen Beschlägen der Türen aus Blech, wo ein
Gewimmel von phantastischen Tieren, Schlangen und anderen Ungeheuern
erscheint, kaum enträtselbar und doch so wohl bekannt, eine Neugeburt
des in Gräbern längst Bestatteten, oder in dem Gittergeflecht der
deutschen Renaissance aus durchgesteckten und geschlungenen Stäben,
die uns das uralte Flechtwerk der Langobarden in anderem Material neu
erstehen lassen.

Wir sehen, daß im 15. bis 17. Jahrhundert in unserem Holzbau, am
meisten in den allerältesten Städten, die in die Anfänge unseres alten
Reiches hinaufragen, Formen und Bildungen, Profile und Konstruktionen
auftreten, die sich damals ganz neu entwickelt zu haben scheinen, in
Wahrheit aber uralt sind. Die deutsche Renaissance zeigt im Fachwerk
eine Formenwelt, deren Ursprung uns völlig unbekannt scheint; weder
ist sie aus der gotischen entsprossen, deren mageres Flächen- und
Konstruktionswesen mit dem neuen nichts gemein hat, noch auch etwa dem
Vorrat der italienischen nach Deutschland importierten Renaissancewelt.
Nein, der deutsche Holzbau, den wir als den der Renaissance bezeichnen,
ist etwas ganz anderes: er ist eine Renaissance viel älteren
germanischen Holzwesens (Abb. 44, 188, Tafel XLVIII).

[Illustration:

  XLVIII

Abb. 188. Haus in Osnabrück.]

Bei ruhiger und gründlicher Betrachtung zwingt sich uns solche
Erkenntnis immer stärker und überzeugender auf. Da ist es fast, als
ob wir die Urbilder der im Süden, in Spanien und Italien, gefundenen
Formen des 7. und 8. Jahrhunderts hier vor uns hätten, wenn auch
dies Nordische um 800 Jahre jünger ist. In der Tat bietet sich hier
der Schlüssel zum Verständnis jener Formen der germanischen Steinkunst
im Süden und Westen. Gelegentlich des näheren Eingehens auf den
nordischen Holzbau haben wir uns bereits über die Eigenart der Formen
des Zimmermanns verständigt; die Profile sind in die Balkenfläche
eingegrabene Kehlen und Stäbe, Nuten und Linien; nirgends vorspringende
Gesimse, wie sie der Steinbau zu bilden hat. Wir finden in Halberstadt
Sparrenköpfe profiliert und gekerbt, wie wir sie als Konsolen in Stein
in Sevilla und Leon antrafen. Wir sehen in Hildesheim die Vorderfläche
der Balkenständer geschnitzt mit eingetieften Halbsäulen und Hermen,
genau wie wir solche in Merida einst vorfanden. Wir haben in Göttingen
an der Vorkragung eines Holzhauses schräge Kopfbänder mit runden
Scheiben am Ende, die den eigenartigen hängenden Konsolen in S. M.
de Naranco ganz ungemein ähneln und uns diese erst als Holzformen
erkenntlich machen.

Wir sehen die gewundenen Taustäbe und ähnliche gedrehte Bildungen
als im Holzbau des Nordens seit dem 15. Jahrhundert in einem Umfange
allgemein angewandt, wie wir es nur noch etwa in S. Miguel de Lino,
siebenhundert Jahre früher, schauten.

Wir lernen aus den Werken so viel jüngerer Zeit, was eigentlich Holzbau
und Holzformen, was die Gedankenwelt des Zimmerers überhaupt sei, wir
sehen ihn mit Stemmeisen und Geißfuß sein Schnitzwerk auf glatter
Holzfläche auf Grund setzen, hineinkerben und ohne Mühe genau so
stilisieren, wie das die Langobarden des 8. Jahrhunderts in gleichem
Sinne in Stein vollführten. Das ist nicht Zufall, ist auch nicht allein
abhängig von Material, Überlieferung und Gewohnheit, das ruht auf dem
viel tieferen Grunde der Stammeseigentümlichkeit, die stets zu ihren
Ausgängen, stets zu gleichen künstlerischen Bildungen zurückkehrt.

Auch die nordisch-romanische Baukunst, zeitlich der ältesten Epoche
noch nahegelegen, ist selbstverständlich voll von Erinnerungen aus
ihr, um so mehr da, wo es sich um uralte Kulturstätten des Deutschtums
handelt, wo um jene Zeit wohl noch allerlei lebendig zu sehen war, was
in die Jugend unseres Volkes zurückreichte.

Es kann nicht Zufall sein, daß wir am Wormser Dom das älteste Turmideal
der Germanen, die Rundtürme, in so hoher Ausbildung antreffen,
noch weniger, wenn wir an einem dieser Türme Konsolendigungen
eines Rundbogenfrieses finden, die ohne weiteres uns die bekannten
Kopfendigungen der altgermanischen Fibeln ins Gedächtnis rufen (s.
Abb. 189). Oder wenn wir an einem Portal desselben Domes in der Stadt,
an die sich der älteste Sang des deutschen Volkes, das Lied von der
Nibelungen Not, heftet, über einem Portal reines langobardisches
Flechtwerk sehen, wörtlich genau so gebildet, wie solches aus dem 8.
Jahrhundert in Norditalien.

[Sidenote: Weltbürgertum und nationales Volkstum]

Was im Volke, im Stamme einmal lebendig ist, was zu künstlerischer
Verwirklichung drängt, ist ewig, unvergänglich. In nichts ist das
Weltbürgertum größer, als im Verständnis und Genusse der Kunstwerke;
im Allgemeinmachen der edelsten Geistesschöpfungen aus aller Welt für
alle Menschen. In nichts hat es so wenig Kraft, als in der Schaffung
für die ganze Welt gleichmäßig gültiger Kunstwerke. Ein Japaner kann
die fernsten Menschen entzücken, aber nur durch echt japanische
Kunstwerke, aus dem Geiste und der Art seines Volkes geschaffen. Das
ist die inwendige Welt, die einen Dürer und alle großen Künstler
erfüllte, die hinausstrebte ins Leben, in die Wirklichkeit.

Die Größten, die ihrem Stamme fremde bildende Kunst brachten, für den
Norden ein Thorwaldsen, ein Schinkel, selbst ein Semper, sie werden
langsam vergessen, sie sterben. Nur die bleiben lebendig, die ihres
Stammes reine Kinder sind; sie wachsen und werden immer größer.

[Illustration: Abb. 189. Konsolen vom Wormser Dom.]

Welcher Künstler des Westens hat seinem Namen so rasche Berühmtheit
erwachsen sehen, als der Japaner Hokusai? -- Seine Werke sind in der
ganzen Welt gesucht und geliebt.

Hätte der gelbe Maler in der ville lumière seine Lehrer gesucht, seine
künstlerischen Ziele gefunden und sie nach Hause gebracht -- wer wüßte
von ihm?

Wahre und dauernde Kunst kann nur aus Stammesart und aus echt
nationalem Wesen hervorfließen. Selbst Goethes des Universalmenschen
wirkliche Größe und Bedeutung beruht allein in seinem ursprünglichen
und gewaltigen nur universal gewordenem Deutschtum. Der Deutsche, der
Germane, der in eigenem Grunde unverrückbar fest wurzelt, kann hinauf
und heraus wachsen ins Allgemeine, in die ganze Welt hinein. Wer
diese edelsten Wurzeln abschneidet, um hinauszufliegen ins Weite, geht
der Kraft für ewig verlustig, die ihn und sein Künstlertum lebendig
erhielt; er fliegt in die Lüfte mit den Wolken und zergeht mit ihnen.

[Illustration:

  XLIX

Abb. 190. Altar des Bischof Angilbert in S. Ambrogio zu Mailand.
Wolvinius fec. ca. 835.]

Darum ist es höchste Pflicht des deutschen Volkes wie aller Germanen,
zuerst dem alten Stamme, der leiblichen und geistigen Heimat treu zu
sein und zu bleiben, sich ihrer völlig bewußt zu werden.

Es ist ihm Pflicht, dieses Stammestum immer eifriger zu pflegen, es
nicht vergehen und verwischen zu lassen; hier edelste Inzucht zu
treiben.

Aber vor allem auch: sich selber kennen zu lernen, sich, sein Wesen,
seinen Geist und seine Kunst; deren Grund zu begreifen und zu sichern.

Wenn Chamberlain in seinen Grundlagen des 19. Jahrhunderts das Beste
des für diese Grundlagen Geleisteten und die sicherste Bürgschaft für
den Wert des Künftigen in dem germanischen Wesen fand, wenn Gobineau
eine Zukunft der Menschheit nur von dem sich völlig rein erhaltenden
Germanentum erwartete, so waren das bedeutende Weiser genug für unseren
Weg.

Vielleicht wirkt der hier gewagte Versuch, unser Volkstum in seiner
ältesten greifbaren Gestalt und Betätigung auf dem Gebiete der
bildenden Kunst in einigem zu erfassen und erkennen zu lernen, als
ein bescheidener weiterer Beitrag in der großen Sache, zum wenigsten
nach der Richtung des bitter nötigen Begreifens, daß deutsche oder
germanische Kunst der Zukunft, wenn sie überhaupt sein will, bis ins
tiefste national sein muß.

[Illustration]




Überblick der wichtigen Quellen.[51]


A. Alte Literatur.

  +Caesar+, De bello Gallico.

  +Strabo+, Geographica.

  +Plinius+, Historia naturalis.

  +Tacitus+, Germania. Annales.

  +Priscus+, In: Fragmenta historiae graecae von Müller.

  +Ammianus Marcellinus+, Rerum gestarum libri.

  +Apollinaris Sidonius+, Briefe. -- Lobreden.

  +Gregor von Tours+, Historia Francorum.

  +Venantius Fortunatus+, Carmina.

  +Cassiodorius+, Variarum Epistolarum libri XII. -- Chronicon.

  +Procopius+, Gotenkrieg. -- Vandalenkrieg.

  +Agathias Scholasticus+, Geschichte Justinians. 5 Bücher.

  +Socrates Scholasticus+, Kirchengeschichte. 7 Bücher.

  +Anonymus Valesianus+, De Constantino Chloro, Constantino Magno
  et aliis imperatoribus et regibus.

  +Jordanis+, De Getarum sive Gotorum origine et rebus gestis.

  +Walahafrid Strabo+, De imagine Tetrici.

  +Paulus Diaconus+, Historia Langobardorum.

  +Agnellus+, Liber Pontificalis.

  +Einhard+, Vita Caroli Magni. -- Annales.

  +Angilbertus+, Carmen de Carolo Magno et Leone papa.

  +Ermoldus Nigellus+, Carm. in honorem Hludowici.

  +Monachus Sangallensis+, Taten Karls des Großen.

  +Helmold+, Chronica Slavorum.

  +Saxo Grammaticus+, Historia Daniae.

  +Edda.+

  +Vulfilas+, Bibel.

  +Annolied.+

  +Beowulflied.+

  +Heliand.+

  +Nibelungenlied.+


B. Neuere Literatur.


1. Geschichte und Allgemeines.

  +F. Dahn+, Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker.
  Berlin 1889 ff.

  +Derselbe+, Die Könige der Germanen. Berlin 1861 ff.

  +Winkelmann+, Geschichte der Angelsachsen. Berlin 1883.

  +C. Gurlitt+, Geschichte der Kunst. Stuttgart 1902.

  J. A. Graf +Gobineau+, Sur la diversité des races humaines. Deutsche
  Ausg. von C. Schemann. Stuttgart 1901.

  +H. St. Chamberlain+, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts. München
  1902.

  +L. Wisser+, Germanischer Stil und deutsche Kunst. Heidelberg 1899.

  +Aarböger+ for nordisk oldkyndighet ok historie. Kopenhagen.

  +F. X. Kraus+, Geschichte der christlichen Kunst. Freiburg i. B.
  1896 ff.

  +J. Strzygowski+, Kleinasien, ein Neuland der Kunstgeschichte.
  Leipzig 1903.

  +H. Janitschek+, Geschichte der deutschen Malerei. Berlin 1897.


2. Prähistorie, Ausgrabungen und Kleinkunst.

  +M. Hörnes+, Urgeschichte der Menschheit nach dem heutigen Stande der
  Wissenschaft. Wien 1892.

  +Derselbe+, Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa. Wien 1898.

  +O. Montelius+, Kulturgeschichte Schwedens. Leipzig 1906.

  +Sophus Müller+, Nordische Altertumskunde. Strassburg 1889.

  +B. Salin+, Die altgermanische Tierornamentik. Stockholm 1904.

  +L. Lindenschmit+, Handbuch der deutschen Altertumskunde.
  Braunschweig 1889.

  +Derselbe+, Die Altertümer unserer heidnischen Vorzeit. Mainz 1881 ff.

  +Derselbe+, Die vaterländischen Altertümer der fürstlich
  hohenzollernschen Sammlungen zu Sigmaringen. Mainz 1860.

  +J. W. Gröbbels+, Der Reihengräberfund von Gammertingen. München 1905.

  +A. Henning+, Der Helm von Baldenheim. Strassburg 1907.

  +Hampel+, Altertümer des frühen Mittelalters in Ungarn. Braunschweig
  1905.

  +Obodesco+, Le trésor de Petrossa. Paris 1900.

  +A. Götze+, Gotische Schnallen. Berlin 1907.

  +Barrière-Flavy+, Les arts industriels des peuples barbares de la
  Gaule du V an VIII siècle. Paris-Toulouse 1901.

  +Fr. Wieser+, Das langobardische Fürstengrab von Civezzano. Innsbruck
  1887.

  J. +de Baye+, La bijouterie des Gotes en Russie. Paris 1892.

  +La necropoli barbarica di Castel Trosino+ (Monumenti antichi
  pubblicati per cura della V. accademia dei Lyncei) XII. Mailand 1902.

  +P. Orsi+, Di due crocette auree nel museo di Bologna. Bologna 1887.

  +A. de Linas+, Orfèvrerie mérovingienne. Paris 1864.

  +Derselbe+, Les origines de l’orfèvrerie cloisonnée. Paris-Arras
  1877-78.

  +Chifflet+, Anastasis Childerici I Francorum regis sive thesaurus
  sepulchralis Tornaci Nerviorum effosus et commentario illustratus.
  Antwerpen 1655.

  +Cochet+, Le tombeau de Childeric I. Paris 1859.

  +F. de Lasteyrie+, Description du trésor de Guarrazar. Paris 1860.

  +Fr. Bock+, Die Kleinodien des hl. römischen Reiches. Wien 1864.

  +Ed. Aubert+, Trésor de l’abbaye de St. Maurice d’Agaune. Paris 1872.

  +Exposition de 1900+, Catalogue de l’exposition rétrospective.

  +J. Falke+, Geschichte des Deutschen Kunstgewerbes. Berlin 1887.

  +Kornerup+, Kongehöiene i Jellinge. Kopenhagen 1875.


3. Baugeschichte und Baudenkmäler.

  +R. Dohme+, Geschichte der Deutschen Baukunst. Berlin 1887.

  +Dehio und Bezold+, Die kirchliche Baukunst des Abendlandes.
  Stuttgart 1892 ff.

  +Stephani+, Der älteste deutsche Wohnbau und seine Einrichtung.
  Leipzig 1902.

  +A. Ricci+, Storia dell’architettura in Italia. Modena 1857-60.

  +A. Venturi+, Storia dell’arte in Italia. Mailand 1905.

  +Holtzinger+, Die altchristliche und byzantinische Baukunst.
  Stuttgart 1899.

  +Cattaneo+, L’architecture en Italie du VI an XI siècle trad. p. le
  Monnier. Venise 1890.

  +O. Mothes+, Die Baukunst des Mittelalters in Italien. Jena 1884.

  +M. G. Zimmermann+, Oberitalische Plastik. Leipzig 1897.

  +E. A. Stückelberg+, Langobardische Plastik. Zürich 1896.

  +F. Dartein+, Etude sur l’architecture lombarde. Paris 1865-82.

  +G. Rivoira+, Le origini dell’architettura lombarda. Mailand 1908.

  +De Vogüé+, Syrie centrale. Paris 1865 ff.

  +Rohault de Fleury+, La messe et ses monuments. Paris 1882 ff.

  +Hübsch+, Die altchristlichen Kirchen. Karlsruhe 1863.

  +H. Gsell+, Recherches archéologiques en Algérie. Paris 1893.

  +Fr. Seesselberg+, Die frühmittelalterliche Kunst der germanischen
  Völker. Berlin 1897.

  +Enlart+, Manuel de archéologie française. Paris 1902.

  M. +de Caumont+, Abécédaire ou rudiment de l’archéologie. Paris 1857.

  +Derselbe+, Bulletin monumental. Paris 1835 ff.

  +A. v. Essenwein+, Der Wohnbau. Stuttgart 1892.

  +Derselbe+, Die Kriegsbaukunst. Stuttgart 1883.

  +Piper+, Burgenkunde. München 1895.

  +Lehfeldt+, Die Holzbaukunst. Berlin 1880.

  +Dietrichson+ und +Munthe+, Die Holzbaukunst Norwegens in
  Vergangenheit und Gegenwart. Berlin 1893.

  +L. Dietrichson+, Vor Fädres Verk. Norges Kunst i Middelalderen.
  Kristiania 1906.

  +J. B. Löfler+, Udsigt over Danmarks kirkebygninger fra den tidligere
  middelalder. Kopenhagen 1883.

  +Derselbe+, Danske Gravstene fra middelalderen. Kopenhagen 1889.

  +Mohrmann+ und +Eichwede+, Germanische Frühkunst. Leipzig 1906.

  +G. Baldw. Brown+, The arts in early England. London 1903.

  +Junghändel+ & +Gurlitt+, Die Baukunst Spaniens. Dresden 1890-98.

  +J. Caveda+, Geschichte der Baukunst in Spanien, übers. v. P. Heyse.
  Stuttgart 1858.

  Monumentos arquitectonicos de España. Madrid 1850 ff.

  Monumentos arquitectonicos de España. Madrid 1905 ff.

  +J. Redondo+, Iglesias primitivas de Asturias. Oviedo 1904.

  +J. M. Quadrado+, Asturias y Leon. Barcelona 1885.

  +J. J. d’Ascensão Valdez+, monumentos archeologicos de Chellas.
  Lissabon 1898.

  +Th. Kutschmann+, Romanische Baukunst und Ornamentik. Berlin 1898.

  +J. Durm+, Theoderichs Grabmal zu Ravenna. (In Ztschr. f. bild. Kunst
  1907.)

  +A. Haupt+, Die äußere Gestalt des Grabmals Theoderichs zu Ravenna
  und die germanische Kunst. (In Ztschr. für Gesch. d. Archit. I. 1. 2.)

  +B. Schulz+, Die Ergänzung des Theoderichdenkmals und die Herkunft
  seiner Formen. (Ztschr. für Gesch. d. Architektur, I. 8.)

  +E. Knitterscheid+, Die Abteikirche St. Peter zu Metz. (Im Jahrbuch
  der Gesellschaft f. lotringische Gesch. d. Altertumskunde IX., X.
  1897-98.)

  +C. de la Croix+, Etude sommaire du Baptistère St. Jean de Poitiers.
  2. éd. Poitiers 1904.

  +G. Rethoré+, Les cryptes de Jouarre. Paris 1889.

  +J. N. v. Wilmowsky+, Der Dom zu Trier in seinen drei Hauptperioden.
  Trier 1874.

  +J. H. Kessel+ u. +C. Rhoen+, Beschreibung und Geschichte
  der karolingischen Pfalz zu Aachen. (Ztschr. des Aachener
  Geschichtsvereins III. 1881.)

  +C. Rhoen+, Die karolingische Pfalz zu Aachen. Aachen 1889.

  +Rhoen+, Die Kapelle der karolingischen Pfalz zu Aachen. (Ztschr. d.
  Aachener Geschichtsvereins VIII. 1887.)

  +J. Strzygowski+, Der Dom zu Aachen. Leipzig 1904.

  +J. Buchkremer+, Das Atrium der karolingischen Pfalzkapelle zu
  Aachen. (Ztschr. d. Aachener Geschichtsvereins 1898.)

  +Derselbe+, Das Grab Karls des Großen. (Ztschr. des Aachener
  Geschichtsvereins 1907.)

  +R. Adamy+, Die Einhardbasilika zu Steinbach im Odenwald. Hannover
  1885.

  +Derselbe+, Die fränkische Torhalle und Klosterkirche zu Lorsch.
  Darmstadt 1891.

  +P. Clemen+, Der Kaiserpalast zu Ingelheim. (Westdeutsche Zeitschrift
  IX. 1890.)

  +Prévost+, La basilique de Théodulphe de Germigny-des-Prés. Orleans
  1889.

  +Vergnaud-Romagnesi+, Mémoire sur Germigny-des-Prés. Orleans 1841.

  +v. Dehn-Rotfelser+, Die St. Michaelskirche zu Fulda. (In
  Mittelalterl. Baudenkmäler in Kurhessen. IV. 1866.)

  +W. Effmann+, Die karolingisch-ottonischen Bauten zu Werden.
  Straßburg 1899.

  +G. Humann+, Der Westbau des Münsters zu Essen. Essen 1890.

  +F. X. Kraus+, Die Wandgemälde der St. Sylvesterkapelle zu Goldbach.
  München 1902.

  +Künstle+ & +Beyerle+, Die Pfarrkirche St. Peter u. Paul in der
  Reichenau. Freiburg 1901.

  +Künstle+, Die Kunst des Klosters Reichenau. Freiburg 1906.

  +Charlier+, Histoire du Duché de Valois (darin: Die Pfalz von
  Verberie). Paris 1764.

  +André Steyaert+, Nouvelle histoire de Lyon et des provinces du
  Lyonnais-Forez-Beaujolais etc. Lyon 1895.

  +Gailhabaud+, Denkmäler der Baukunst, herausg. v. L. Lohde.

  +Raguenet+, Petits édifices pour l’étude des styles. Paris 1892 ff.

Dazu die verschiedenen Inventare der Kunst- und Baudenkmäler in
Deutschland.

[Illustration]


  [51] Es ist davon Abstand genommen, in Anmerkungen unter dem Text
       auf die jedesmalige Quelle zu verweisen, um die Lesbarkeit
       zugunsten eines wissenschaftlicheren Anstriches nicht
       zu beeinträchtigen. -- Die ungemein bedeutende Zahl von
       Sonderschriften, besonders auf dem Gebiete der Prähistorie,
       verbot eine allzu große Ausführlichkeit in der Aufführung dieser
       Titel.




Erklärung einiger wichtiger fachlicher Ausdrücke.


  +Ambo+: Kanzel.

  +Angon+: fränkische Lanze mit langer dünner Spitze und kurzem Schaft.

  +Apsis+: eckige oder halbrunde Altarnische.

  +Archivolte+: Bogeneinfassung.

  +Architrav+: profilierter horizontaler Steinbalken.

  +Baluster+: kleine Geländer- oder Brüstungssäule.

  +Baptisterium+: Taufkapelle oder Tauftempel.

  +Basilika+: Kirche mit erhöhtem Mittelschiff und niedrigeren
  Seitenschiffen.

  +Blende+: vertieftes Wandfeld.

  +Bogenfries+: fortlaufende Bogenreihe auf Konsolen.

  +Brünne+: Ring- oder Kettenpanzer.

  +Cipollin+: weißlicher Marmor mit grauen Streifen.

  +Damaszierung+: schlangenförmige Musterung der Schwertklingen, durch
  Schmieden erzeugt.

  +Diakonikon+: Raum in einer Kirche für Geräte, Bücher und Gewänder,
  auch zu Versammlungen.

  +Diatretongefäß+: antikes Glasgefäß mit andersfarbiger, reich
  durchbrochener äußerer Glashülle.

  +Email+: Schmelz, auf Metall geschmolzenes farbiges Glas.

  +Grubenemail+: in Vertiefungen eingeschmolzener Glasfluß.
  +Transluzides Email+: durchscheinender oder durchsichtiger Schmelz.

  +Ermida+: Eremitage, einsam liegende Kapelle.

  +Eucharistie+: Hostie in der Monstranz.

  +Fibula+: Spange mit Nadel nach Art unserer Sicherheitsnadeln.

  +Filigran+: Verzierung aus zusammengelöteten gekerbten Gold- oder
  Silberdrähten, durchbrochen oder auf Edelmetall gelötet.

  +Franziska+: fränkische Streitaxt.

  +Hängebrakteat+: nordische große dünne Goldmünze mit Rand und Öse zum
  Anhängen.

  +Hirdstofa+: nordische Königshalle aus Holz.

  +Immersionsbecken+: Taufbecken zum Untertauchen.

  +Kämpfer+: Gesims oder vorspringender Stein zum Tragen eines Bogens.

  +Kanellierung+: Verzierung einer Fläche mit längslaufenden Hohlkehlen.

  +Kassetten+: eckige vertiefte Felder.

  +Kerbschnitt+ (+Kristallschnitt+): mit dem Messer in Holz eingekerbte
  Verzierung von kristallinischen Formen.

  +Kopfband+: schräge Strebe am Kopfe einer hölzernen Säule.

  +Kyma+ (+Kymation+): mit Blattreihe geziertes griechisches
  Wellenprofil.

  +Martyrion+: Kirche von zentralem Grundrisse oberhalb eines
  Märtyrergrabes.

  +Narthex+: geräumiger Vorraum einer Kirche.

  +Niello+: Verzierungen aus schwarzem Schwefelsilber, in weißes Silber
  eingeschmolzen (Tula).

  +Opus reticulatum+: netzförmiges Mauerwerk aus quadratischen
  übereckstehenden kleinen Steinen.

  +Opus spicatum+: Schichtenmauerwerk aus schrägstehenden Steinen,
  fischgrätenartig angeordnet.

  +Oratorium+: Betkapelle.

  +Pendentifs+: dreieckige Gewölbeflächen zur Überleitung eines unteren
  eckigen Raumes in die Rundung einer Kuppel.

  +Petit appareil+: fränkisches sehr regelmäßiges Mauerwerk in
  horizontalen Schichten aus kleinen ziemlich quadratischen Steinen.

  +Prothesis+: Nebenraum einer Kirche für Darbringung und Zubereitung
  der Abendmahlsgaben.

  +Reliquiar+: zur Aufnahme einer Reliquie bestimmter Behälter.

  +Risalit+: Vorsprung.

  +Sax+: Messer.

  +Sattelholz+: kurzer Holzbalken quer über einer hölzernen Säule.

  +Skramasax+: einschneidiges Kurzschwert.

  +Spatha+: Langschwert.

  +Stampfmauerwerk+: aus Mörtel mit Steinbrocken (Beton) gestampftes
  Mauerwerk.

  +Sturz+: steinerner Überlagsbalken eines Fensters oder einer Türe.

  +Svastika+: vierarmiges Hakenkreuz.

  +Tauschierung+: Verzierungen aus Silber- oder Goldstreifen auf
  schwarzen Eisengrund aufgehämmert.

  +Triskele+: Dreibein, dreiarmiges Hakenkreuz.

  +Tympanon+: halbrundes tiefer liegendes Feld über einer Tür, von
  einem Bogen umfaßt.

  +Vierung+: Kreuzung des Mittel- und Querschiffes einer Kirche.

  +Walm+: Abstutzung eines Dachgiebels.

  +Zellenglas+: farbige, meist rote Glasstücke oder Edelsteine, in
  goldene Zellen eingelegt, die durch in Mustern aufgelötete Stege
  gebildet sind.

  +Ziborium+: Altarüberbau auf Säulen.




Namenregister.


A. = Asturier. Ang. = Angelsachse. B. = Burgunde. D. = Deutscher. F. =
Franke. H. = Hunne. L. = Langobarde. N. = Norweger. O. = Ostgote. V. =
Vandale. W. = Westgote.

  Adon, Abt F. 231.

  Aelfred, Kön. Ang. 42. 259. 260. 268.

  Aethelred, Kön. Ang. 260.

  Agilulf, Kön. L. 12. 154. 160.

  Agnellus, Erzbisch. 129. 130.

  Agnellus, Presbyter 130. 132. 135. 151.

  Aistulf, Kön. L. 148. 161.

  Alamannen 10. 67.

  Alarich I., Kön. W. 11. 184.

  Alarich II., Kön. W. 11.

  Alboin, Kön. L. 12. 41. 167.

  Alfonso I., Kön. A. 198. 213.

  Alfonso II., Kön. A. 199 ff. 219.

  Alfonso III., Kön. A. 209.

  Altfrid, Bischof D. 251.

  Amalaswintha, Königin O. 138.

  Angelsachsen 4. 10. 15. 82. 86. 87. 96. 100. 101. 259 ff.

  Angilbert, Bisch. 49.

  Apollinaris Sidonius 185.

  Araber 94. 95. 109.

  Arianer 120. 127. 128 f. 198.

  Arier 18.

  Athanagild, Kön. W. 11. 191.

  Athanarich, Kön. W. 46. 184.

  Athaulf, Kön. W. 138. 184. 185.

  Attila, Kön. H. 68.

  Authari, Kön. L. 154. 160.


  Bajuwaren 10. 67.

  Barbarossa, Kais. D. 82. 246.

  Belisar 154.

  Benedikt, Bisch. Ang. 268.

  Beowulf 69.

  Burgunden 3. 10. 14. 51. 67. 222. 230.


  Caesar 9.

  Calixtus, Patr. L. 166.

  Cancor, Graf F. 228.

  Cassiodorius 6.

  Chatten 10.

  Cherusker 10.

  Childerich I., Kön. F. 32. 39. 222. 223.

  Chindasvinth, Kön. W. 11. 184.

  Chlodowech, Kön. F. 11. 184. 222.

  Chrodegang, Abt F. 227. 228.

  Cimbern 10.

  Commacini magistri 161.


  Desiderius, Kön. L. 161.

  Deutsche 15. 274.

  Dürer, Albr. 8.


  Ebregesil, Bisch. F. 232.

  Einhard D. 46. 67. 245.

  Ello, Goldschmied 48.

  Erfo L. 175.

  Ermanarich, Kön. W. 11.

  Eurich, Kön. W. 11. 184. 185.

  Eusebius, Bischof W. 186.


  Fidel, Erzbischof W. 188.

  Flainus, Abt W. 216.

  Fortunatus s. Venantius.

  Franken 4. 10. 11. 13. 14. 32. 35. 37. 42. 62. 63. 99. 101. 104. 105.
        112. 157. 222 ff.

  Fridigern W. 185.

  Friesen 10.

  Fruela I., Kön. A. 213.

  Fruela II., Kön. A. 50. 198.


  Galla Placidia, Kaiserin 156. 184.

  Gandiosa, Königin W. 198.

  Gelimer, Kön. V. 119.

  Gero, Markgraf D. 250.

  Gino, Archit. W. 202.

  Gisulf, Herzog L. 41. 50. 116. 167.

  Godescalc F. 260.

  Goten 3. 10. 11. 13.

  Gregor d. Heilige 69.

  Gregor von Tours, F. 6. 68.

  Grimoald, Kön. L. 161.

  Gundbald, Goldschmied 48.

  Guorthigirn, Kön. 259.


  Hadrian, Papst 148.

  Harald Hilveland, Kön. N. 39.

  Heinrich I., Kaiser D. 247.

  Hengist, Ang. 259.

  Hermunduren 10.

  Herrad von Landsberg 86. 118.

  Hervé, Bisch. F. 224.

  Hilderich, Kön. V. 221.

  Hilderich Dragileopa, Herz. L. 165.

  Hildiprant, Kön. L. 12. 159. 170.

  Hormesinde W. 198.

  Hors, Ang. 259.


  Ildefons von Toledo W. 185.

  Isidor von Sevilla W. 185.


  Jordanis 6. 68.

  Julianus von Toledo W. 185.


  Karl der Große 4. 12. 15. 45. 48. 55. 105. 116. 126. 148. 160. 243.
        244.

  Karolinger 15. 82. 229. 243 ff.


  Langobarden 4. 12. 13. 41. 42. 51. 62. 77. 84. 87. 92. 99. 101. 103.
        112. 125. 126. 154 ff. 181.

  Leovigild, Kön. W. 11. 119. 184. 186.

  Liutprant, Kön. L. 12. 49. 159. 161. 165. 166. 170.

  Ludwig der Fromme, Kaiser D. 50. 55. 67. 116. 124. 233.


  Magnus d. Große, Kön. N. 69.

  Marius 10.

  Markomannen 10.

  Martell, Karl F. 223.

  Mathilde, Kaiserin D. 247. 250.

  Maximian, Erzbisch. 135.

  Merowinger 223. 229.

  Mösogoten 68.


  Narses 154.

  Nicetius, Bischof 229.

  Nigellus, Ermold 124.

  Normannen 14. 20.

  Norweger 16.


  Odovaker, Kön. 11. 41. 139.

  Olaf d. Heilige, Kön. N. 69.

  Olaf Trygvasen, Kön. N. 69.

  Ostfalen 10.

  Ostgoten 3. 11. 12. 83. 126 ff.

  Otto I., Kaiser D. 246.


  Paterna, Königin A. 212.

  Paulus Diaconus L. 6. 160. 189.

  Paulus d. Rebell W. 185

  Pelayo W. 198. 213.

  Peltrudis (Pertrudis), Herzogin L. 175 ff.

  Pemmo, Herz. L. 113. 167.

  Pirmin St. 255.

  Priscus 68.

  Prokop 6. 221.


  Ramiro I., Kön. A. 101. 202. 203. 208. 209. 212.

  Ratchis, Kön. L. 113. 161. 167.

  Raymo, Graf 173.

  Recared I., Kön. W. 119. 184. 185. 186.

  Reccesvinth, Kön. W. 11. 47. 119. 191. 193. 216.

  Rhabanus Maurus 110. 236. 256.

  Ring, Kön. N. 39.

  Roderich, Kön. W. 70. 161.

  Rodpertu, Meister 161.

  Rothari, Kön. L. 70. 161.


  Salische Franken 4. 14.

  Sebastian, Bisch. W. 204.

  Sigibert, Kön. F. 234.

  Sigismund, Kön. B. 48.

  Sigwald, Patr. L. 166. 176.

  Siniofreda W. 116.

  Sisebut, Kön. W. 11. 184. 186.

  Skandinavier 16. 43. 65. 273.

  Socrates Scholasticus 67.

  Sonnica W. 216.

  Sueben 10. 184. 191.

  Svinthila, Kön. W. 47. 184. 216.


  Tacitus 9.

  Tassilo, Herzog D. 48.

  Teja, Kön. O. 12. 154.

  Telchilde, Äbtissin F. 231.

  Teutonen 10.

  Theoderich d. Gr., Kön. O. 11. 12. 30. 41. 51. 119. 126 ff. 246.

  Theoderich II., Kön. W. 41. 119. 185.

  Theodorus von Tarsus 260.

  Theodulf, Bischof W. 237. 242. 243.

  Theudelinde, Königin L. 12. 34. 45. 48. 49. 55. 161. 173. 216.

  Thrasamund, Kön. V. 51. 119. 221.

  Tjoda, Archit. 199. 202.

  Totila, Kön. O. 12. 154.


  Uferfranken 42.

  Undiho, Goldschmied 48.


  Valerius, Erzbisch. 148.

  Valesianus, Anonymus 6. 138. 145.

  Vandalen 3. 10. 99. 126. 221.

  Venantius Fortunatus, Bischof 6. 28. 66. 102. 173.

  Viviano, Archit. 202.

  Vulfilas, Bischof W. 69. 127. 185.


  Wamba, Kön. W. 11. 119. 186.

  Westfalen 10.

  Westgoten 3. 11. 14. 32. 67. 77. 83. 94. 99. 101. 183. 184 ff. 198.

  Widukind, Herzog D. 48. 68

  Wikinger 10. 39. 44.

  Wilfrid, Bischof Ang. 260.

  Wiliswinda, Gräfin F. 228.

  Winfrit 105.

  Wolvinius, Goldschmied 49.


  Xanto, L. 175.




Ortsregister.


K. = Kirche. Kl. = Kloster. Mus. = Museum.

  Aachen.
    Pfalzkapelle 7. 56. 98. 109. 115. 116. 120. 123. 124. 144. 244. 270.
    Palast 68. 119. 124. 213. 235. 244.

  Aix 191.

  Albenga.
    Baptist. 164.

  Alikana, K. 221.

  Alliate.
    Baptist. 172.

  Altenmünster, Kl. 228.

  Ancona 169.

  Aquileja 81. 112. 114. 162. 163.

  Arles 185. 191.

  Aschersleben 107.

  Ascoli, K. 77.

  Assisi 112. 164.

  S. Avold, Kl. 228.

  Auxerre.
    S. Germain 233.


  Bagnacavallo 165.

  Bamberg 48.

  Baños, K. 6. 94. 101. 162. 191 ff.

  Barcelona 23. 184. 185. 191.
    S. Pablo 88. 162. 220.

  Barnack.
    Turm 271.

  Barton-on-Humber, K. 7. 262. 271.

  Beauvais.
    Basseoeuvre 103. 105. 224.

  Bergen.
    Haakonshalle 236.

  Berlin.
    Mus. 48.

  Besançon 115.

  Bessingham, K. 262.

  Biella.
    Baptist. 157. 172. 173.

  Birmali, K. 221.

  Bologna 165. 170 ff.

  Bonn 43. 245.

  Boarhunt, K. 98. 256. 264. 270.

  Bosham, K. 270. 271.

  Bradford-on-Avon, K. 7. 122. 261. 269.

  Breamore, K. 270.

  Brescia 92.
    Mus. 101. 164. 169. 172.
    Rotonda 158. 172. 173. 244.
    S. Salvatore 172. 182.

  Brigstock, K. 96. 263. 264. 270.

  Brixworth, K. 261. 267.

  Büdingen, K. 122. 254.


  Caceres 93. 220.

  Cammin 48.

  Canterbury, K. 112. 122. 261.

  Capua.
    Mus. 54.
    S. Michele 181.

  Carcassonne 45. 185. 191.

  Cardona 23. 115.

  Castello, K. 115.

  Castel Trosino 41. 42.

  Cattaro 165.

  Celle, Mus. 24.

  Chartres 232. 233.

  Chur 48. 257.

  Cividale 41. 167.
    Baptisterium 165 ff. 176.
    Bischofstuhl 116. 169.
    Dom 116. 163.
    Grabfunde 41. 50.
    Kloster 176.
    S. Maria in Valle 6. 55. 89. 92. 98. 102. 110. 112. 113. 163. 169.
        174 ff. 217. 243.
    Museum 114. 163.
    Pemmoaltar 64. 113. 114. 167 f.

  Civezzano 42.

  Clapham, K. 271.

  Clee, K. 264.

  Clermont 105.

  Como 164.

  Conques 48.

  Cordoba.
    Moschee 45. 77. 95. 107. 115. 186.

  Covadonga 198.

  Cravant, K. 105. 223.


  Deerhurst, K. 96. 98. 262. 270.

  St. Denis 118. 119.

  Diddlebury 263.

  Disentis, K. 55. 98. 110. 182. 238. 243. 257.

  Distré, K. 102. 223.

  Drontheim 69.

  Drübeck, K. 183.

  Dunham-Magna 266.


  Earls Barton.
    Turm 7. 265. 266. 271.

  Engelstadt, K. 89. 246.

  Engers 48.

  Escomb, K. 89. 98. 255. 264. 267.

  Essen 82. 122. 251.


  Ferentillo 164. 165.

  Ferrara 112. 164.

  Fischbeck, K. 96.

  Fjenneslille, K. 88.

  Florenz.
    S. Miniato 108.

  Frankenburg 67.

  Fulda 105. 119.
    S. Michael 86. 124. 256.


  Gandersheim, K. 48. 72.

  Gelnhausen 25. 82. 213.

  S. Généroux, K. 105. 223.

  Germigny-des-Prés 7. 55. 86. 87. 94. 98. 123. 182. 237 ff. 244. 250.

  Gernrode, K. 86. 96. 98. 124. 245. 250.

  Gijon 199.

  Gokstad.
    Schiff 39.

  Goldbach, K. 55. 98. 121. 255. 264. 267. 270.

  Gorze, Kl. 228.

  Goslar 183.
    Palast 68. 110. 116. 235. 246.

  Gourdon 48.

  Grado, K. 112. 115. 116. 162. 165. 169.

  Grasse 221.

  Greenstead, K. 69. 262.

  Grenoble.
    S. Laurent 230.

  Großenlinden, K. 245.

  Guarrazar 45. 47. 185.

  Guimarães, Mus. 191.


  Haidra, K. 221.

  Halberstadt 72. 110. 183.

  Hannover, Mus. 38.

  Helmstedt.
    S. Peter 106. 245.

  Hemmoor 70.

  Heorot, Halle 69.

  Hexham, K. 261. 267.

  Hildesheim 83. 110. 183. 188.
    Dom 114.

  Hirsau, Kl. 162.

  Höchst, K. 245.


  Ingelheim.
    Palast 55. 81. 148. 206. 246.


  Jarrow, K. 264. 268.

  Jellinge, Grab 108.

  Jerusalem 102.

  Jouarre.
    Krypten 231 ff.


  Kairo 95.

  Kalb-Luseh 87.

  Karthago 221.

  le Kef, K. 221.

  Kells 260.

  Keynes, K. 264.

  Köln.
    Dom 105. 119.
    Mus. 92. 251.
    S. M. in Capitol 108.
    S. Pantaleon 122. 245. 254.
    Römerturm 105. 171. 234.

  Konstantinopel.
    Sophienkirche 170.

  Korvey, Kl. 122. 254.

  Koslinka 70.

  Kremsmünster 48.


  Ladenburg 247.

  Lebeña, K. 94.

  Lena, Sta Cristina de, K. 6. 77. 112. 113. 122. 181. 214 ff. 261.

  Leon 191. 198.

  Lindisfarne 260.

  Lissabon 187. 191.

  Lorsch, Torhalle 7. 96. 104. 227 ff. 251.

  Lucca.
    St. Anastasia 92.

  Lyon, K. 102.


  Madrid.
    Armeria 47.
    Mus. 47. 189.

  Mailand 119. 164.
    S. Ambrogio 112. 115. 124.
      Altar 49. 50.
      Bischofstuhl 169.
      Ziborium 165.
    S. Lorenzo 249.
    S. Satiro, Turm 174.
    S. Vincenzo de Prato 173.

  Mainz, Mus. 43. 81. 246.

  Market-Overton, K. 264.

  Marseille 191.

  St. Maurice 48.

  St. Menoux, K. 122.

  Merida 74. 83. 101. 187 ff. 214. 246.
    El Conventual 188.
    Sta Eulalia 188.
    Sta Maria 188.

  Mettlach 113.

  Metz 67.
    S. Peter 112. 119. 225. 233. 234.

  Michlinstad, K. 67.

  S. Miguel de Escalada, K. 94. 112. 197. 238.

  S. Miguel de Lino, K. 54. 84. 87. 88. 93. 101. 115. 122. 123.
        202 ff. 212. 216. 246.

  Modena 164.

  Möllenbeck, Kl. 245.

  Monkwearmouth.
    Portal 264. 267. 268.
    Turm 7. 88.

  Monza.
    Dom 34. 45. 48. 49. 55. 160. 164.
    Palast 127. 160.

  München 124.

  Münden, Mus. 24.

  Münster (Graub.) K. 55. 238. 258.

  Münstermaifeld, K. 245.

  Murano 169.

  Murcia 191. 216.


  Nancy 48.

  Nantes, K. 173.

  Naranco, Sta Maria de N. 68. 92. 101. 208 ff. 216. 217. 235.

  Narbonne 116. 184. 185. 191.

  Neo-Tscherkask 46.

  Nepi.
    S. Elia 115. 164.

  Neuß.
    S. Quirin 116.

  Nîmes 191.

  Nocera Umbra 41 f.

  Nürnberg.
    Burg 124.

  Nymwegen.
    Pfalz 124. 213. 246.


  Oberzell, K. 55.

  Orleans 43. 233.
    Mus. 50. 239.

  Orléansville, K. 114. 221.

  Orvieto 164.

  Oseberg, Schiff 39.

  Oviedo 199 ff.
    Camara santa 48. 50. 198. 199.
    Dom 199.
    San Tirso 102. 199. 207. 241.
    Santullano 70. 200.


  Paris.
    Nat.-Biblioth. 40. 48. 49.
    Cluny-Mus. 47. 72.
    S. Germain des Prés (S. Vincent) 108.
    Kathedrale 102. 105. 119.

  Parma 108. 170.

  Pavia.
    S. Michele 119. 161. 162.
    Mus. 116. 169.

  S. Pedro bei Zamora, K. 86. 88. 94. 218 ff.

  Peñalba, K. 197.

  Périgueux.
    S. Front 223.

  S. Peter-at-Gowts, K. 271.

  Petersburg, Mus. 46.

  Petöhaza 48.

  Petrossa 46.

  Pfaffenhofen, K. 246.

  Pfeddersheim, K. 246.

  Piedi Castello 42.

  Piperno.
    S. Antonio 146.

  Poblet, Kl. 162. 220.

  Poitiers.
    S. Jean 7. 95. 98. 115. 116. 225 ff. 228. 230. 232.

  Porto 165.

  Pouan 41.

  Priesca, K. 201.

  le Puy 105. 109.


  Quedlinburg 72.
    Dom 45. 49. 98. 183. 249 f.
    Wipertikrypta 7. 82. 112. 114. 247 ff.


  Ravenna 41. 84. 105. 120. 142. 169. 244.
    S. Andrea 127. 134 f. 137. 145.
    S. Apollinare in Classe 64. 84. 113. 135. 137. 152. 156. 173.
    S. Apollinare nuovo 115. 116. 129 ff. 150. 156. 173. 178. 182.
    Baptisterium der Arianer 128. 135.
    Baptisterium der Orthodoxen 136.
    Denkmal Theoderichs 183.
    Dom 115.
    S. Francesco, Turm 174.
    S. Giovanni Evangelista 113. 173.
    S. Giovanni e Paolo 115. 169. 173.
    Grabmal Theoderichs 92. 96. 137 ff. 182. 244.
    Herkulesbasilika 137. 246.
    Palast 116. 119. 127. 132. 145 ff.
    S. Spirito (Teodoro) 115. 129. 135.
    Türme 173. 174.
    Valerianisches Haus 148.
    S. Vitale 110. 135. 244.
    Ziborien 114. 164. 165.

  Recopolis 186.

  Reculver, K. 261. 267.

  Regensburg 48. 50.
    S. Stefan 114.

  Reichenau 55. 255. 256.

  Reichenhall 43.

  Reims.
    Kath. 68.
    Mus. 24.

  Rinteln 72.

  Ripen, K. 94.

  Ripoll, Kl. 220.

  Ripon, K. 261. 267.

  Rochester, K. 261.

  Rom 117.
    S. Clemente 89. 112.
    S. Giovanni im Lateran 169.
    S. Maria antiqua 181.
    Marc-Aurel-Säule 65. 69.
    S. Peter 49. 124.
    Sta. Sabina 170.
    Türme 174.

  Ronnenberg 92.


  Salto, Kl. 175.

  Salzburg 72. 125.

  Saurlid 69.

  Savenières, K. 223.

  Sbeitla, K. 221.

  Seligenstadt, K. 245.

  Sesto, Kl. 175.

  Sevilla, Mus. 88. 189.

  Soissons 233.

  Somerford, K. 264.

  Suso, K. 94. 196.

  Spalato.
    Palast 86. 146. 150.
    Turm 174.

  Spoleto 127. 164.

  Steinbach, K. 67. 245.

  Straßburg, K. 68.

  Suèvres, K. 223. 232.

  Szilágy-Somlyó 46.


  Tarascon 114.

  Tarragona, Mus. 191.

  Tebessa, K. 221.

  Terracina 117.

  Testona 42.

  Thiers, K. 68.

  Tipasa, K. 94. 221.

  Toledo 11. 45. 47. 48. 119. 184. 185. 186. 188 ff. 246.
    Agaliakloster 186.
    Sta. Ginés 189.
    Sta. Leokadia 80. 186. 189.

  Tongres, K. 68.

  Torcello 102. 112. 116. 162 ff. 169.

  Toulouse 11. 74. 184. 185. 191.

  Tournai 39. 40.

  Tournus, K. 123.

  Tours 99. 119.
    S. Eutrope 108.
    S. Martin 108.

  Tracy-le-Val, K. 88.

  Trier 48. 84. 117. 229.

  Trient 153.

  Tuñon, K. 70. 94. 200. 201. 241.


  Vaison 113.

  Val de Dios, K. 123. 207. 217. 218.

  Valpolicella.
    S. Giorgio 84. 102. 165.

  Venedig 112. 117. 164.
    S. Marco 163.

  Verona.
    S. Apostoli 146.
    Burg 119. 127. 153.
    S. Giovanni in Fonte 115.
    S. Lorenzo 80. 124. 245.
    Mus. 164.

  Vertheuil, K. 123.

  Vicenza, Mus. 164.

  Victoriacum 186.

  Vienne.
    S. Pierre 223.


  Wallstena 42.

  Wamba 186.

  Werden.
    Ludgerikrypta 254. 261.
    S. Peter 82. 93. 122. 124. 251 ff.

  Wiesbaden, Mus. 43.

  Wilton, K. 262.

  Wing, K. 261. 270.

  Winkel 101. 236. 237.

  Worms.
    Dom 174. 245. 275.
    Mus. 43. 162.

  Worth, K. 270.


  York, K. 261.


  Zamora, S. Pedro bei Z. s. S. Pedro.



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 74299 ***